Kino

Kino-Neustart: Herbstaufschwung

Zwei Wochen, bevor der Start von "Keine Zeit zu sterben" das Erreichen einer wichtigen Benchmark klarmachen soll, ist der deutsche Kinomarkt dank des Top-Starts von "Dune" zu siebenstelligen Besucherzahlen zurückgekehrt. Während der Rückstand auf 2020 hierzulande noch bei rund 40 Prozent liegt, rangiert das Boxoffice in den USA gegenüber dem Vorjahr laut Comscore um rund 16 Prozent im Plus.

20.09.2021 14:40 • von Marc Mensch
"Dune" schaffte zum Auftakt rund 400.000 Besucher in Deutschland (Bild: Warner Bros.)

Biergartenbetreiber in München müsste man sein - zumindest am vergangenen Wochenende. Was sich dort in Form eines Quasi-Ersatzes für den Pandemie-bedingt ausgefallenen Oktoberfest-Auftakt stattfand, spottete teils jeglicher Beschreibung. Nicht, dass die Kinobetreiber an diesem Wochenende übermäßig viel zu klagen gehabt hätten: Dune" erfüllte die in ihn gelegten Hoffnungen und legte sogar ohne Berücksichtigung der Mittwochspreviews den zweitbesten Deutschland-Start eines Kinofilms in Pandemiezeiten hin - nach Fast & Furious 9", der nur noch hauchdünn vor der zweiten Besuchermillion steht. 342.495 Besucher zählt Comscore in seiner FilmSource-Auswertung für "Dune", inklusive der Previews wurden knapp 400.000 Zuschauer erreicht.

Abgesehen von diesem Top-Debüt konnten die Neustarts in der Mehrheit allerdings nur überschaubaren Eindruck hinterlassen. Zwar gelang Saw: Spiral" noch ein solider Auftakt mit rund 50.000 Besuchern auf Platz 5, in die Top 20 schaffte es mit Je suis Karl" auf Platz 16 aber nur noch ein weiterer Neuling, erneut finden sich selbst unter den zehn stärksten Neustarts mehrere, denen lediglich dreistellige Besucherzahlen beschert waren.

Unterdessen fielen die Rückgänge der Bestandstitel im Schnitt deutlich höher aus als noch am vergangenen Wochenende, das von außergewöhnlicher Stabilität geprägt war. Shang-Chi and the Legend of the Ten Rings", der nach dem ersten Wochenende laut der Filmsource-Auswertung nur etwa elf Prozent seiner Besucher abgegeben hatte, verlor diesmal 37,7 Prozent (ein immer noch höchst solider Wert, gerade angesichts der aktuellen Umstände) und legte damit einen der höheren Drops innerhalb der Top 20 hin. Zwar verlor der Marvel-Erfolg gegenüber der Vorwoche keine Leinwände, allerdings ist anzunehmen, dass gerade dieser Film zugunsten von "Dune" besonders große Auditorien räumen musste. Rückgänge jenseits der 30 Prozent verzeichneten darüber hinaus After Love", der bald über 500.000 Besucher zählen wird, Don't Breathe 2", Free Guy", "Escape Room 2" und "Fast & Furious 9".

Besonders stabil hielten sich mit Rückgängen unterhalb von 15 Prozent hingegen "Hilfe, ich hab meine Freunde geschrumpft", The Father" und Tom & Jerry", der am vergangenen Wochenende über die Marke einer halben Million Besucher gegangen ist und in der Endabrechnung noch The Suicide Squad" überholen könnte, dessen Streaming-Start am 7. Oktober, zwei Monate nach dem Kinostart, heute von Sky bekanntgegeben wurde. Innerhalb der Top Ten fiel auch die Entwicklung von "Beckenrand Sheriff" (minus 19 Prozent, knapp vor dem 100.000sten Besucher) und Paw Patrol: Der Kinofilm" (minus 21,1 Prozent) sehr erfreulich aus. Letzterer Titel ist ohnehin ein Phänomen und hat nun endgültig Kurs darauf genommen, solche Paramount-Hits der vergangenen Jahre wie Mission: Impossible - Fallout" zu übertrumpfen... Und auf Platz 15 gelang es einem Film sogar, seine Besucherbasis auszubauen - "Die Unbeugsamen" legte um 4,9 Prozent zu.

Bereist vor dem letzten Wochenende war es mit "Kaiserschmarrndrama" zudem dem ersten deutschen Film der Pandemie gelungen, in den Club der Besuchermillionäre aufzusteigen. Dass der jüngste Teil damit schon jetzt zu den stärksten dieser Erfolgsreihe zählt, ist angesichts der Rahmenbedingungen ein enorm gutes Signal.

Insgesamt konnten der deutsche Kinomarkt gegenüber dem vergleichsweise schwachen Vorwochenende um knapp 17 Prozent nach Besuchern und über 25 Prozent nach Umsatz zulegen, gezählt wurden von Comscore über eine Mio. Besucher und fast 9,4 Mio. Euro Umsatz - unter Berücksichtigung von Previews wird man also zumindest wieder in Schlagdistanz zu achtstelligen Gesamtumsätzen kommen.

Weiterhin gehen "Nachzügler" wieder an den Start, so vermeldeten beispielsweise die Frankfurter E-Kinos vergangene Woche ihre Wiedereröffnung zum 16. September. Laut der Filmsource-Auswertung von Comscore sind 84 Prozent der regulären deutschen Kinos wieder am Start, allerdings liegt der tatsächliche Anteil etwas höher, gibt es doch weiterhin Nachmeldungen. So umfasst die Zählung in dieser Woche 1085 Standorte, während die zwischenzeitlich nach oben korrigierte Anzahl der Vorwoche bei 1114 lag.

Dass der Gesamtmarkt weiter deutlich über der unteren Benchmark des schwächsten Wochenendes der fünf Jahre vor der Pandemie rangiert (diesmal um 135 Prozent nach Besuchern und sogar um 158 Prozent nach Umsatz, den 3D-Filmen unter den Toptiteln sowie allgemeinen Preisanpassungen bei etlichen Kinos sei dank), aber noch ein gutes Stück von der Hürde des "mittleren Wochenendes" entfernt ist, liegt auf der Hand - ebenso wie die Tatsache, dass sich daran auch in der kommenden Woche nicht allzu viel ändern dürfte. Was diesen Meilenstein auf dem Weg zur Markterholung anbelangt, richten sich natürlich alle Augen auf das Startwochenende von Keine Zeit zu sterben".

Dieses sollte dann auch einen ordentlichen Beitrag dazu leisten, den Rückstand zum Vorjahr zu verringern, der natürlich spätestens ab November ohnehin dahin schmelzen wird, schließlich waren die Kinos ab diesem Zeitpunkt 2020 für über ein halbes Jahr geschlossen. Aktuell stehen die deutschen Kinos bei knapp 151 Mio. Euro Boxoffice und 18 Mio. Gesamtbesuchern, derzeit noch jeweils rund 40 Prozent weniger als im ersten Pandemiejahr. In den USA - wo man 2020 allerdings auch zwischenzeitlich nicht annähernd so gut auf die Beine kam wie in Deutschland - liegt man aktuell um gut 16 Prozent über 2020. "Shang-Chi and the Legend of the Ten Rings" legte dort ein äußerst starkes drittes Wochenende hin und steht bereits bei rund 180 Mio. Dollar Umsatz - allerdings sehen die Zahlen in den USA unterhalb der absoluten Toppositionen nach wie vor in der Regel eher mau aus.

Der österreichische Markt konnte sich zuletzt mit einem Plus von rund 40 Prozent von den schwachen Zahlen der Vorwoche erholen, gezählt wurden knapp 114.000 Besucher und fast 1,2 Mio. Euro Umsatz, der Rückstand zum "mittleren Wochenende" fiel mit 37 Prozent nach Besuchern nahezu ebenso hoch aus wie jener in Deutschland - und auch in den Niederlanden, wo man zuletzt zwar relativ stabile Zahlen vorweisen konnte, aber doch deutlich von dem Niveau entfernt ist, das man bereits Mitte August erreicht hatte.

Was bereits in den vergangenen Wochen auffiel, wurde zuletzt nur umso deutlicher: Mit der flächendeckenden Einführung der 3G-Praxis in Deutschland weisen die einzelnen Bundesländern mittlerweile erheblich geringere Unterschiede auf, was die Höhe des Sprungs über die untere Benchmark anbelangt - insbesondere haben Hamburg und Berlin in diesem Zuge die über etliche Wochen behauptete "Rote Laterne" abgegeben. Am schwächsten zeigten sich zuletzt Rheinland-Pfalz (plus 109 Prozent) und Hessen (plus 114 Prozent), am stärksten Thüringen mit plus 194 Prozent.

Unterdessen stehen auch am kommenden Donnerstag wieder über ein Dutzend Neustarts an.