Festival

Peter Brunner über "Luzifer": "Ein Anti-Exorzismus-Film"

Der aufstrebende österreichische Filmemacher Peter Brunner über sein neuestes Werk "Luzifer", das in Locarno Weltpremiere feierte, und die intensive Arbeit mit seinen Schauspielern Franz Rogowski und Susanne Jensen.

16.09.2021 10:36 • von Barbara Schuster
Peter Brunner dreht als nächstes wieder mit Caleb Landry Jones (Bild: Locarno Film Festival/TI Press)

Der aufstrebende österreichische Filmemacher Peter Brunner über sein neuestes Werk "Luzifer", das in Locarno Weltpremiere feierte, und die intensive Arbeit mit seinen Schauspielern Franz Rogowski und Susanne Jensen.

"Luzifer" beeindruckt mit archaischen Bildern und viel Symbolik. Ist Film eine Urgewalt, und ist Ihr Film eine Urgewalt?

Mir und meinen Mitstreitern kam es eigentlich nur darauf an, der Geschichte gegenüber loyal zu sein. Es gibt Filme, die Symbole verwenden, die dann nur als künstlerisches Element eingesetzt werden. Das verstehe ich nicht. Beim Versuch, das Universum zu beschreiben, nimmt man eine Kristallisation vor, führt unterschiedliche Elemente zusammen, um etwas zu schaffen, was hoffentlich die Stärke eines Gedichts, eines Gemäldes hat und unmittelbar einen emotionalen Zustand auslöst. Wenn man den Essenzen gegenüber loyal bleiben kann, ergeben sich auch Dinge, und auf diese Intuition vertraue ich. Natürlich folgt eine Narration abseits davon klaren Parametern, die eher rational über den Intellekt abgeklopft werden, damit der filmische Ablauf stimmt. Aber ab einem gewissen Punkt muss man sich trauen, seiner Intuition zu folgen, weil Film immer auch etwas Künstlerisches ist. Ich bin immer skeptisch gegenüber Menschen, die behaupten, etwas genau zu wissen. Ich arbeite im Team und finde es wichtiger, dass die Idee einen hat, und nicht, dass man eine Idee hat.

Ihr Film hat teilweise unerträglich intensive Bilder. Würden Sie sagen, "Luzifer" ist ein Horrorfilm?

Einen Bezug zu diesem Genre habe ich schon. Nachdem ich eine Wette verloren hatte, ließ ich mir mit 14 Jahren Michael Myers auf den Nacken tätowieren. Meine Schulfreunde wollten nachziehen mit Jason aus der "Freitag der 13."-Reihe oder Freddy Krueger. Aber ich war der einzig Dumme, der es wirklich durchzog. Bei Horrorfilmen kann man sich als Außenseiter - und als Teenager fühlt man sich oft so! - aufgehoben fühlen. "Luzifer" ist ein Film, der von einer wahren Geschichte inspiriert ist. Unser größtes Anliegen bei der Arbeit war, der Interpretation eine Wahrhaftigkeit zu geben. Ich wollte eine bestimmte Stimmung einfangen, die ich in der Basis der wahren Geschichte wahrgenommen habe. Es ging eher um eine sehr vielschichtige, emotional realistische Situation, aber nicht um den Schockeffekt, den Horrorfilme erzielen wollen. Ich würde sagen, "Luzifer" ist ein Anti-Exorzismus-Film.

Ihre Hauptdarstellerin Susanne Jensen, die die Mutter von Franz Rogowskis Figur Johannes spielt, ist keine gelernte Schauspielerin. Inwiefern wurde das Projekt durch ihre Beteiligung neu geformt?

Susanne ist ein elementarer Spiritual Warrior. Ohne sie hätte diese Geschichte kein echtes Gesicht bekommen. Wir haben sehr lange gesucht, wollten erst mit einer professionellen Schauspielerin arbeiten. Als ich im Internet zu den Tattoos, die die Figur haben sollte, recherchiert habe, bin ich über mehrere Ecken auf Susanne Jensen gestoßen, die als Pastorin in der Nähe von Hamburg tätig ist. Auf YouTube gibt es Beiträge, in denen sie die Bilder, die sie malt, zeigt und gleichzeitig von ihrer Vergangenheit als Missbrauchsüberlebende erzählt. Ich war erst geschockt und nahm Abstand. Doch dann wusste ich, dass nur Susanne meine Figur spielen konnte, dass sie eine Wahrhaftigkeit mitbringt, die absolut zwingend war. Warum geht jemand in ein von der Natur hermetisch abgeriegeltes Exil, um dort mit Mann und Baby eine Art Sekte zu gründen, und schützt das Kind später auf Teufel komm raus vor allem, was sie selbst erlebt hat? Ich brauchte eine Person, die eine Religion verkörpert, wie es eine Jeanne d'Arc vermutlich getan hat.

Wie war die Zusammenarbeit?

Es entwickelte sich ein sehr vertrauensvolles Miteinander über Monate hinweg. In dieser Zeit hat sich Susanne abgearbeitet in einer Art und Weise, wie ich es bisher nur bei Caleb Landry Jones kennengelernt habe. Susanne ging in der Arbeit so weit, dass sie ihre eigene Vergangenheit konfrontierte und die Figur zusammen mit mir gebaut hat. Ab einem gewissen Punkt wurde sie dann ihr Kunstwerk, ihre Interpretation. Wir haben im Vorfeld viel geprobt, nicht szenisch, sondern einfach das Verhalten, die täglichen Gebräuche zwischen Mutter und Sohn, damit die Beziehung auch echt wurde. Franz Rogowski hatte den Mut, sich auf die Arbeit mit dieser außergewöhnlichen Persönlichkeit, die Susanne ohne Frage ist, einzulassen. Das hatte aber zur Folge, dass er für die Zeit des Filmdrehs auch wirklich ihr Sohn war. Bei Abendessen im Team oder Partys nach Drehschluss bestand Susanne, die seit vielen Jahren keinen Alkohol mehr trinkt, darauf, dass "ihr Sohn" bei ihr blieb.

Gab es auch spezielle Erfahrungen?

Wir haben viel über Theologie gelernt, krasse Rituale, die Susanne Jensen am Anfang in der Vorarbeit bestimmt hat, als sie zur Maria wurde und Franz Rogowski, ihre Sozialarbeiterin und ich ums Feuer herum "Ubi caritas" gesungen haben. Das mag theatralisch und wahnsinnig klingen. Man kann aber auch eine Kinski-artige Genialität entdecken.

Warum war Franz Rogowski der Richtige für die Rolle des Johannes?

Franz' Gabe ist es, mit einer hohen künstlerischen Intelligenz Geschichten zu begleiten, gleichzeitig aber auch ganz Körper zu werden, wenn es erforderlich ist. Es gibt Menschen, in die man sich auf eine gewisse Art und Weise verliebt. Das ging mir bei Caleb Landry Jones so, das war bei Franz nicht anders. Er ist ein Mensch, der mich bei der gemeinsamen Arbeit am Stoff inspiriert. Als professioneller Schauspieler verfügt er über ein Rüstzeug auf vielen Ebenen, doch so intensiv und hart wie bei "Luzifer" hat er sich noch nie auf einen Film vorbereitet, wie er mir erzählte. Er war umgeben von Laiendarstellern. Die Tierärztin ist eine echte Tierärztin, mit der Franz tagelang herumgefahren ist, Stiere kastriert oder enthornt hat, Kalbsgeburten mit durchführte. Dadurch ist eine echte Beziehung entstanden, das spürt man einfach im Film und gibt ihm die Authentizität und Glaubwürdigkeit, die ich wollte. Franz hat über ein Jahr lang immer wieder mit dem Adler geprobt, eine Art Waffenschein gemacht. Theo, der auch im Film mitspielt, war unser Adlertrainer. Er besitzt zwölf Steinadler und einen ziemlich aggressiven Raben. Bei einem Adler landen 300 Kilogramm Dressurkraft auf dem Arm. Franz hat zwar Kraft - das war aber eine andere Nummer. Unser Ziel war, auch zum Tier eine Beziehung aufzubauen, die über das hinausgeht, was man mit Futter erreichen kann.

Letztendlich erzählt "Luzifer" auch eine Kaspar-Hauser-Geschichte...

Franz' Johannes ist der erste, der seine Sprache spricht, und der letzte, der seine Sprache spricht. Er hat etwas Tierhaftes, am ehesten vergleichbar mit Joaquin Phoenix' Freddie in "The Master". Auf der anderen Seite hat Franz' Figur etwas von dem verzauberten Jungen in Tarkovskys "Iwans Kindheit".

Sie haben im extremen Breitwandformat gedreht. War es beabsichtigt, dadurch die Natur entsprechend zur Geltung zu bringen? Und inwiefern hat sich der Film beim Dreh noch mal verändert?

Ich würde nie unvorbereitet ans Set gehen, weil man seinen Mitstreitern und in unserem Fall der Natur gegenüber eine Verantwortung trägt. Die Vorbereitung ist eine wesentliche Skulpturierung für das, was und wie man etwas erzählen möchte. Deswegen hatten wir eine Art Bibel erarbeitet, als Basis für Alles. Diese gewährte uns in einem gewissen Rahmen die Möglichkeit zur Improvisation. Ich respektiere Filmemacher wie Hitchcock oder Haneke, die Architekten sind, ihre Filme nach architektonischen Plänen umsetzen. Ich sehe mich eher als Gärtner, der Pflanzen zusammensetzt, die interagieren, vielleicht noch umgetopft und gestutzt werden müssen. Eigentlich braucht es beim Dreh beides, den Architekt und den Botaniker.

Der Drehort ist wie eine weitere Figur. Wie schwierig gestaltete sich die Suche danach?

Wir waren drei Jahre auf Motivsuche, sind erst nach Werner-Herzog-Manier zu Fuß auf und über Berge gekraxelt. Ein Drehort, den man nur per Hubschrauber erreicht, hätten wir uns nicht leisten können. Ziel war dennoch, ein hermetisches Hochmoor zu finden, das eine 360-Grad-Rundumsicht bietet, wo man Sonnenauf- und Sonnenuntergang so kadrieren kann, dass die Bilder die Qualität bekommen, die für die Spiritualität notwendig ist. Später sind wir mit Geländewagen ganz Süd- und Nordtirol abgefahren. Schließlich haben wir am Höllenstein in Tux gedreht.

Welche Gedanken haben Sie sich zum besonderen Soundkostüm und zur Musik gemacht?

Ich bin selbst Musiker und habe eine Liebe für Musik als eigenen Charakter. Bei "Luzifer" wollte ich keinesfalls emotionalisierende Filmmusik. Tim Hecker hat hier ausgezeichnete Arbeit geleistet. Mir war wichtig, dass der Vater oder Gott wie ein Damoklesschwert über allem schwebt. Auch der Charakter der Natur, das Luziferische der Natur, und die Verteufelung der Technologie auf der anderen Seite sollten in der Musik gespiegelt werden. Tim hat mit seiner Musik eine zusätzliche Ebene geschaffen.

War es leicht, einen so extremen Film finanziert zu bekommen? Und wie haben Sie Ulrich Seidl als Produzent erlebt?

Es war ein schwieriger Prozess. Wir haben in Österreich zwar mutige Förderstellen, aber andere Partner in diesem System halten sich eher zurück, gerade bei der Unterstützung von jüngeren Filmemachern. Die tun sich deshalb besonders schwer, eine originale Stimme zu entwickeln. Es wäre schön, dieser Generation mehr Vertrauen zu schenken. Ulrich Seidl ist ein starker künstlerischer Mitstreiter, der als Produzent genau weiß, wo die Grenze ist. Er sagt seine Meinung, zum Casting, zum Schnitt. Er will ein Teil des Projekts sein, aber er würde niemals seine Machtposition ausnützen. Ich schätze diese Art, sonst kann meiner Meinung nach auch nichts Ehrliches herauskommen.

An was arbeiten Sie gerade?

Als nächstes drehe ich wieder mit Caleb Landry Jones. Mit ihm zusammen habe ich ein Drehbuch geschrieben über einen jungen Hilfspastor, der in Texas die Möglichkeit erhält, sich um Obdachlose zu kümmern, nachdem sein Vater in L.A. nach dem Finanzcrash 2008 selbst obdachlos geworden war und verschollen ist. Im Oktober/November wollen wir nach Texas auf Motivsuche, nächstes Jahr dann drehen. Ich hoffe sehr, dass wir in Österreich mit der Ulrich Seidl Filmproduktion die Mittel für eine minoritäre Koproduktion bekommen.

 Das Gespräch führte Barbara Schuster