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Nanni Erben: "Die Vielfalt wird größer"

Zwischen Nominierungsbekanntgabe und Preisverleihung gewährte Jurorin Nanni Erben von MadeFor Film Blickpunkt:Film Einblicke in die Arbeit der diesjährigen Jury. Dabei ging es insbesondere um den Bereich Fiction.

15.09.2021 15:56 • von Frank Heine
Nanni Erben, Produzentin und Geschäftsführerin von MadeFor Film (Bild: MadeFor/Julia Terjung)

Zwischen Nominierungsbekanntgabe und Preisverleihung gewährte Jurorin Nanni Erben von MadeFor Film Blickpunkt:Film Einblicke in die Arbeit der diesjährigen Jury des Deutschen Fernsehpreises. Dabei ging es insbesondere um den Bereich Fiction.

Frau Erben, Sie sind zum ersten Mal in der Jury des Deutschen Fernsehpreises. Wie wird man eigentlich Juror oder Jurorin?

NANNI ERBEN: Die Jury wird von den Stiftern berufen. Ich bekam eine E-Mail vom ständigen Sekretariat und habe mich sehr darüber gefreut und sehr schnell zugesagt, weil ich das Fernsehen liebe.

Wie ging denn die Vorauswahl über die Bühne, wie viele Produktionen oder Sendungen mussten Sie in welchem Zeitraum sichten?

NANNI ERBEN: Der Sichtungszeitraum war vom 1. Mai 2020 bis zum 30. Juni 2021. Die jeweiligen Sender können in jeder Kategorie drei Vorschläge einreichen. Zusätzlich können die Jurymitglieder permanent Vorschläge machen. Dadurch kam eine unfassbare Programmvielfalt, aber auch -menge zusammen. Nicht nur im eigenen Bereich - bei mir ist das die Fiktion, sondern auch in den Bereichen Unterhaltung, Information und Sport. .Ich habe viele Wochenenden und Abende mit Sichten verbracht, bin dafür aber mit hervorragendem Programm entschädigt worden.

Wenn Sie ein Programm bewerten, ist es da nicht schwierig persönlichen Geschmack und professionellen Blick voneinander zu trennen?

NANNI ERBEN: Nein, diese Abstraktion gehört ja zu meiner Profession - und bei der Qualität der zu sichtenden Produktionen stellt sich diese Frage auch nicht wirklich. Es gab nur ganz selten den Fall, dass ich etwas persönlich nicht gut fand, ich darin aber trotzdem eine hohe professionelle Qualität erkannt habe. Ganz trennen wird man es nicht immer können, bestimmt spielt bei jeder individuellen Entscheidung auch die Persönlichkeit mit hinein. Aber deshalb sind es auch viele Jurymitglieder und nicht nur eines.

Wie empfanden Sie es, über die Ihnen vielleicht weniger vertrauten Bereiche Information, Unterhaltung und Sport zu entscheiden?

NANNI ERBEN: Das war eine absolute Bereicherung, aber auch eine Herausforderung. Was ich in den unterschiedlichsten Kategorien gesehen habe, war sehr inspirierend. Gerade die Fülle der der herausragenden Dokumentationen und Doku-Mehrteiler hat mich überrascht. Ich habe zwar auch schon Dokumentationen gemacht und auch schon an Showproduktionen mitgewirkt, trotzdem ist es noch einmal etwas Anderes diese Programme professionell zu bewerten.

Nehmen Sie daraus Inspirationen für die eigene Arbeit mit?

NANNI ERBEN: Absolut. Eine große Erweiterung des Horizonts. Bei manchen Dokumentationen und Reportagen wurden Themen behandelt, die wir in der Fiktion auch aufgreifen könnten. Ich bin auch immer wieder auf Programme gestoßen, gerade auch in der Unterhaltung, die ich auch selbst gerne produziert hätte. Aber letztlich sind es andere Programmfelder, und ich vertrete eher die Meinung, Schuster bleib bei deinem Leisten. Neben der Sichtung der vielfältigen Programme fand ich auch die eigentliche Juryarbeit sehr inspirierend.

Inwiefern?

NANNI ERBEN: Das Tolle an der Juryarbeit sind die unterschiedlichen Sichtweisen auf Programme, weil Fernsehschaffende aus allen Bereichen zusammenkommen. Die gemeinsamen Diskussionen über Programme waren daher sehr bereichernd. Wer sieht welches Programm wie? Es gab Fälle, bei denen wir uns schnell einig waren, aber auch sehr kontrovers diskutiertes Programm. Was bei 14 Jurymitgliedern nicht verwunderlich ist. Aus diesen unterschiedlichen Aspekten und subjektiven Wahrnehmungen konnte ich sehr viel, auch für meine eigene Arbeit, mitnehmen.

Wie verfährt man, wenn über Produktionen eines Jurymitglieds entschieden wird?

NANNI ERBEN: Eine Mitgliedschaft in der Jury und eine persönliche Nominierung, also in meinem Fall als Produzentin, schließen sich grundsätzlich aus, d.h. das Programm kann nicht berücksichtigt werden Und wenn über eine Einzelleistung in einer eigenen Produktion abgestimmt wird, ist man zur Stimmenthaltung verpflichtet.

Wie ist der weitere Ablauf bis zur Preisentscheidung?

NANNI ERBEN: Nach der Nominierungssitzung gibt es natürlich weiter regen Austausch und Diskussionen bis zu den finalen Entscheidungen. Weitere Details zu Ort und Zeit sowie den Inhalten der Jurydiskussion sind jedoch streng geheim, da bitte ich um Verständnis.

Sind Ihnen durch die Sichtungen bestimmte Trends aufgefallen, inhaltlicher, dramaturgischer Art oder bezüglich der Umsetzung?

NANNI ERBEN: Die Vielfalt wird größer und die Zielgruppenannonce ist breiter, und auf jeden Fall hat sich der Trend zum horizontalen seriellen Erzählen durchgesetzt. Man spürt inzwischen, dass die Serien tatsächlich für unterschiedliche Zielgruppen produziert werden. Gerade im Bereich Young Adult hat sich sehr viel getan. Die enorme Bandbreite fand ich auffällig, die auch durch Corona nochmals begünstigt wurde. Es gibt viele kleine Formate, die in sehr kurzer Zeit entstanden sind. Andererseits trifft man durch Programmanbieter wie die Plattformen, die andere Budgets ermöglichen können, inzwischen auf Themen und Stoffe, die früher nicht realisierbar waren. Und auch wenn es noch viele tolle Fernsehfilme gab, ist deutlich spürbar, dass die Anzahl weniger wird.

Sie haben Corona angesprochen. Wie sehr spiegelte sich das in den Programmen der TV-Saison 20/21 wider?

NANNI ERBEN: Grundsätzlich hatte Corona Einfluss auf alle Bereiche, vor allem auf die Produktionsbedingungen. In Information und Talk war Corona als Thema ebenfalls allgegenwärtig, in Dokumentation und Doku-Serien gab es zahlreiche Programme mit Corona-Bezug. In der Fiktion sind schnelle und kostengünstige Formate entstanden, sogenannte Instant-Fiktion, die es ohne Corona wahrscheinlich nicht geben würde. Allerdings glaube ich, dass es noch einen Moment Zeit braucht, bis Corona als Thema verarbeitet wird. Aber mir wurde durch die Programmsichtungen einmal mehr klar, in welch unfassbar kreativen Branche wir tätig sind. Wie mit den erschwerten Bedingungen, auch in der Show, wo man auf Publikum verzichten musste, umgegangen wurde, wie in der Information die Thematik aufgegriffen wurde, zeugt von großer Kreativität und Flexibilität. Das ist insgesamt beeindruckend. Alle mussten mit diesen erschwerten Bedingungen umgehen und haben es hervorragend gemeistert, um dem Publikum weiterhin gutes Programm anbieten zu können.

Wie stehen Sie als Fiction-Produzentin zu der Frage, wie man mit Corona in Filmen umgehen soll, ausklammern oder zeigen?

NANNI ERBEN: Diese Frage haben wir immer wieder und vielfach mit den Sendern und allen Beteiligten diskutiert. Ich finde es einfach: Wenn im Drehbuch steht, die Sonne scheint, wollen wir nicht im Regen drehen. Wir spiegeln in der Fiktion nicht immer nur die Realität wider. Wir entführen oft in andere Welten, an Sehnsuchtsorte. Solche Filme wollen wir uns immer wieder und auch in zehn Jahren noch ansehen, da finde ich es am besten, Corona auszuklammern. In der Fiktion will ich auch Menschen ins Gesicht sehen. Es strengt uns ja schon im Alltag an, Menschen mit Maske zu begegnen, dann können wir wenigstens in der Fiktion, in die Sonnenwelt entführen.

Klar, in eskapistischen Filmen hat Corona nichts verloren. Aber was spricht dagegen, es etwa in einem Krimi beiläufig einfließen zu lassen?

NANNI ERBEN: Wenn man es schafft, den Corona-Alltag beiläufig einzubinden, spricht nichts dagegen. Aber wenn jetzt massenhaft Filme entstünden, die Corona abbilden, wäre niemandem gedient. Und wie gesagt - um die Pandemie als individuelles und gesellschaftliches Thema fiktional zu bearbeiten, wird es vermutlich noch einen Moment brauchen.

Gendergerechtigkeit und diverse Besetzungen vor und hinter der Kamera geraten immer stärker ins Bewusstsein - inwieweit ist auch das in die Bewertungen der Jury eingeflossen?

NANNI ERBEN: Auf jeden Fall war das ein Faktor. Wir haben das in der Juryarbeit immer wieder geprüft und berücksichtigt. Zum Glück sensibilisieren wir uns immer mehr für diese Themen. Als Produzentin habe ich mich immer für Gendergerechtigkeit vor und hinter der Kamera eingesetzt. Diversität ist ein großes Thema, das uns alle beschäftigt. Man hat in allen Programmbereichen gemerkt, dass eine größere Vielfalt entsteht.

Wie wichtig ist der Faktor gesellschaftliche Relevanz von Themen?

NANNI ERBEN: Ich muss sagen, dass ich sehr beeindruckt war, wie viele Programme eingereicht wurden, die eine große gesellschaftliche Relevanz hatten oder entsprechende Themen aufgriffen. Am Ende ist aber klar, die Qualität muss stimmen. Im Fiktionalen muss man von der Geschichte sofort in den Bann gezogen werden. Die besten Filme oder Serien nehmen einen vollkommen mit, und am Ende merkt man, dass es auch noch um ein wichtiges Thema ging. Tatsächlich machen wir Unterhaltung, und die muss qualitätsvoll und mitreißend sein. Wenn man es dabei schafft, gleichzeitig ein Thema zu positionieren , hat man sein Ziel erreicht.

Wie haben Sie persönlich als Produzentin die "Corona-Saison" 20/21 erlebt, vor welchen aktuellen Herausforderungen stehen Sie?

NANNI ERBEN: Für uns als Firma MadeFor war es kein einfaches Jahr. Wir mussten im ersten Lockdown drei Produktionen anhalten. Das war schwierig. Aber wir alle haben innerhalb unserer Branche inhaltlich, kreativ und organisatorisch immer wieder einen Weg gefunden, mit Corona umzugehen, Auch dank der Unterstützung der Sender sowie der Bundes- und Länderhilfen durch die Film-Ausfallfonds 1 und 2. Darüber bin ich glücklich. Wir haben auch alles produziert, was wir produzieren wollten. Im Gegensatz zu vielen anderen Branchen konnten wir arbeiten, dafür bin ich dankbar. Während man sich früher über jedes Drehende freute, freut man sich nun über jeden Drehtag, der ohne Corona-Zwischenfall zu Ende gegangen ist. Wir werden auch künftig noch vor einigen Herausforderungen stehen, etwa in der Frage, wie wir mit dem Impfthema umgehen.

Wie geht es jetzt für Sie weiter, braucht man nach dem Jury-Job erstmal Urlaub oder wartet der Produktionsalltag auf Sie?

NANNI ERBEN: Der Jury-Job war für mich vor allem eine Bereicherung und die Diskussion mit den Jurykolleg*innen eine Quelle der Inspiration - abseits des Tagesgeschäfts bei MadeFor. Hier sind wir natürlich mitten in der Hauptdrehzeit. Es ist immer beflügelnd, neues Programm zu realisieren. Wir haben gerade einen neuen Dresden-"Tatort" abgedreht und sind in Vorbereitung der nächsten Produktionen, auf die sich die Zuschauer freuen können.

Das Gespräch führte Frank Heine