Kino

Flare rückt unter das Dach von Newen

Die in Frankreich ansässige TF1-Tochter Newen hat sich eine Mehrheit an der unabhängigen Berliner Produktionsgruppe Flare gesichert. Gründer und Besitzer Martin Heisler wird unverändert die Zügel in der Hand halten.

15.09.2021 18:06 • von Thomas Schultze
Flare für die Zukunft: Martin Heisler, Sven Miehe, Gabriele Simon, Maxim Juretzka, Katharina Bergfeld (Bild: Flare Film/Valeria Venturelli)

Die in Frankreich ansässige TF1-Tochter Newen hat sich im Zuge ihrer Expansionsbestrebungen eine Mehrheit an den unabhängigen Berliner Produktionsfirmen Flare Film und Flare Entertainment gesichert. Geschäftsführer bleibt der Gründer Martin Heisler, der weiterhin auch Anteile an der von ihm gegründeten Firma hält. Mit diesem Schritt ist Newen nunmehr in allen relevanten europäischen Märkten aktiv. Im Gespräch mit Blickpunkt:Film sagt Martin Heisler: "Als Tochter von Newen in der TF1-Gruppe gehören wir jetzt zu einem europäischen Produktions- und Vertriebsunternahmenund gewinnen damit neue Möglichkeiten der Entwicklung, Finanzierung und Auswertung unserer Projekte hinzu. Wir bleiben aber eine Filmemacher*innenfirma und machen das, was wir gut finden, mit den Leuten, mit denen wir gerne arbeiten wollen. Das war für mich die Grundbedingung einer Partnerschaft und ich bin sehr glücklich, dass Newen-Chef Romain Bessi das genauso sieht."

Angesichts der seismischen Veränderungen im Markt hatte Martin Heisler bereits vor einigen Jahren darüber nachzudenken begonnen, wie man eine zwar im Wachstum begriffene, dennoch aber doch eher kleine Produktionsfirma wie Flare entwickeln könnte. "Über die Jahre gab es wiederholt Interesse von potenziellen Partnern, die sich eine Beteiligung vorstellen konnten", erinnert er sich. "Ich habe immer gezögert, weil eine solche Beteiligung womöglich in die DNA von Flare eingegriffen hätte. Mit Newen haben wir aber nun einen Partner gefunden, der unsere Vision für Filme und Serien teilt. Newen hat bereits ähnliche Vereinbarungen mit anderen Produktionsfirmen in Europa und war auf der Suche nach kreativen Partnern in dem wichtigen Territorium Deutschland. Hierzulande sind wir die einzige Akquisition.""

Gleichzeitig hatte Flare im Zuge der Veränderungen im Markt bereits begonnen, größere Projekte auf die Beine zu stellen. "Ich wollte das verstetigen", sagt der Produzent. Als nunmehr einziger deutscher Partner eines internationalen Konzerns sieht er "nur positive Aspekte". Der Kennenlernprozess dauerte über ein Jahr. In dieser Zeit sah und hörte sich Heisler die Vorstellungen und die Ideen von Newen an und traf sich wiederholt mit den relevanten Personen, lernte sie dabei immer besser kennen: "Die Kurzfassung dessen, was Romain Bessi zu mir gesagt hat - und was immer noch gilt: Wir sehen euch als Produktionsfirma, die gut zu uns passen würde.Wir wollen, dass ihr all das, was ihr gerade macht, weitermacht.Wir wollen euch aber dabei unterstützen, Dinge hinzubekommen, die ihr alleine vielleicht nicht hinbekommen könnt oder wo der Prozess länger dauern würde - überall da, wo Wachstum einen stärkeren Muskel benötigt."

Beim Series Mania Forum in Lille hat Flare Film bereits eine ungarisch-deutsche Serie angekündigt, bei der der Vertriebsarm von Newen, Newen Connect, als Partner an Bord ist und die idealerweise im kommenden Jahr in Ungarn gedreht werden soll. Die achtteilige Miniserie "Balaton Brigade", die 1986 am Plattensee spielt, wo die Staatssicherheit deutsche Urlauber daran hindern soll, in den Westen zu fliehen, wird von ungarischer Seite von der oscarnominierten Ildikó Enyedi, die in Kürze mit ihrem Cannes-Beitrag "Die Geschichte meiner Frau" in die deutschen Kinos kommt, inszeniert. Flare ist aktuell damit beschäftigt, die deutsche Regie zu besetzen und die deutsche Finanzierung festzuzurren. "Ein extrem spannendes Projekt, weil es zwar auf ungarischer Seite entwickelt wurde, aber über einen deutschen Sprachanteil von 70 bis 80 Prozent verfügt - sehr international und gleichzeitig sehr deutsch", findet Heisler.

Der renommierte Produzent Sven Miehe wird für Flare Entertainment, den 2020 gegründeten Serien- und TV-Bereich von Flare, künftig Serien und Filme für Fernsehen und Streaming entwickeln und produzieren. Miehe hat zuletzt bei Wiedemann & Berg zwei Staffeln der Erfolgsserie "4 Blocks" sowie die erste Staffel der Serie "Para - Wir sind King" produziert. Von 2013 bis 2017 arbeitete er als Produzent des ARD-Dauerbrenners "In aller Freundschaft". "Ich freue mich riesig, dass ein Produzent von seiner Statur zu uns kommt", erklärt Heisler. "Grundsätzlich stimmt es, dass wir künftig die Schlagzahl erhöhen wollen - aber nicht zum Selbstzweck. Wir wollen Projekte umsetzen, die nicht egal sind. Sie sollen einen Eindruck hinterlassen und ein großes Publikum unterhalten." Als Rollenmodell für diesen Ansatz nennt Heisler die abgedrehte Serie "Paradiso" mit Alina Tomnikov, Friedrich Mücke und Albrecht Schuch, bei der Barbara Albert und David Dietl Regie führten und die im kommenden März zur Ausstrahlung kommen soll. Produziert wurde die Romanverfilmung von Heisler zusammen mit Eva Kemme; gedreht wurde auf drei Kontinenten unter aufgrund von Corona erschwerten Bedingungen. Vom Ergebnis ist Heisler begeistert: "Meine Erwartungen wurden bei weitem übertroffen."

Aktuell ist bei Flare die Produzentin Katharina Bergfeld mit der Fertigstellung des Dokumentarfilms "Follow Me" von Joya Thomé beschäftigt, der im kommenden Jahr auf einem Festival Premiere feiern soll. 2022 wird der Kinodebütfilm von Max-Ophüls-Preis-Gewinnerin Constanze Klaue in Dreh gehen, eine Adaption des Romans "Mit der Faust in die Welt schlagen", produziert von Gabriele Simon zusammen mit dem MDR. Ebenfalls im kommenden Jahr will Flare nach Möglichkeit die Serie "Die Tochter" mit Pola Beck und Richard Kropf als Showrunner realisieren. "Wir machen viel", meint Heisler. "Aber wir sind mittlerweile zwei Geschäftsführer und vier Produzenten und haben uns entsprechend viel vorgenommen." Katharina Bergfeld betreut den Dokumentarfilmbereich, Gabriele Simon kümmert sich um den Spielfilm, Sven Miehe ist jetzt für Serien zuständig, und Heisler selbst ist in allen Bereichen unterwegs und ist Geschäftsführer zusammen mit Maxim Juretzka.

Für die Zukunft ist Heisler zuversichtlich, den richtigen Weg eingeschlagen zu haben: "Ich sehe für Flare nur Vorteile durch den Schritt. Wir haben keine Quoten zu erfüllen, müssen keine bestimmten Kennziffern erreichen. Wir sollen nur noch konzentrierter das umsetzen, was wir uns in unserer Firma ohnehin schon immer auf die Fahnen geschrieben hatten. Ich denke, dass uns das künftig leichter fallen wird. Und ich baue darauf, dass sich gerade auf europäischer Ebene im Bereich von seriellen Koproduktionen neue Türen öffnen werden, weil wir auf ein Netzwerk von Produzenten in allen Schlüsselterritorien direkt zugreifen können."

Newen ist seit 2017 auf internationalem Expansionskurs und hat seither Produktionsfirmen in den Niederlanden, Dänemark, Belgien, Spanien, dem Vereinigten Königreich, Kanada und den USA übernommen. Aktuell verfügt die Firma über einen Katalog von mehr als 1000 Filmen. Ein Leuchtturmprojekt für Newen ist aktuell eine Highend-Serie für Apple mit Eva Green und Vincent Cassel in den Hauptrollen, die von einem französischen und einem britischen Produzenten zu gleichen Anteilen hergestellt wird.