Produktion

Sönke Wortmann zu "Contra": "Kino ist für mich die Königsdisziplin"

Sönke Wortmann ist ab 28. Oktober mit "Contra" in den Kinos. Anfang nächsten Jahres starten bereits zwei weitere Filme des Erfolgsregisseurs. Wir sprachen mit ihm über Streitkultur, das richtige Komödien-Timing und Remakes.

25.10.2021 07:44 • von Heike Angermaier
Sönke Wortmann (Bild: Constantin 2020)

Sönke Wortmann ist ab 28. Oktober mit Contra" in den Kinos. Anfang nächsten Jahres starten bereits zwei weitere Filme des Erfolgsregisseurs. Wir sprachen mit ihm über Streitkultur und das richtige Komödien-Timing.

Wie kamen Sie zu dem Projekt bzw. wie kam das Projekt zu Ihnen?

SÖNKE WORTMANN: Über die Verbindung von Constantin Film zu den französischen Machern von "Der Vorname". Die waren sehr zufrieden mit unserer Adaption und haben uns einen weiteren Film angeboten, "Le Brio" im Original, der bei uns 2018 im Fußballweltmeisterschaft-Sommer unter dem Titel Die brillante Mademoiselle Neila" herauskam und völlig unterging. So dass dieses, wie ich finde, wichtige Thema so gut wie nicht besetzt war und ich mich für eine weitere Adaption entschied.

Was hat Sie an dem Thema gereizt? Hat es durch die Debatte um "Cancel Culture" nochmals an Aktualität gewonnen?

SÖNKE WORTMANN: Ja, ich hätte es lieber anders, aber der Film wird tatsächlich immer aktueller, er hat an Brisanz nicht verloren.

Was halten Sie von der Streitkultur in Deutschland? Liefert "Contra" einen Beitrag dazu, ist damit ein politischer Film?

SÖNKE WORTMANN: "Contra" ist auf jeden Fall ein politischer Film. Die Streitkultur kann man nicht mehr Kultur nennen. Was da in sozialen Medien und auch auf Demonstrationen abgeht, und nicht nur da ... Man hört sich nicht mehr zu, es wird immer lauter, es geht nicht mehr um Argumente, sondern nur noch um Rechthaben.

Sie schauen immer genau auf das soziokulturelle Umfeld Ihrer Figuren, erzählen aber nie didaktisch, sondern immer unterhaltsam. Wie ist Ihr Ansatz?

SÖNKE WORTMANN: Die ganze Diktatur der Zeigefinger nützt doch nichts, wenn ein Film nicht unterhaltsam ist. Das ist für mich sehr wichtig. Ich habe früh in meiner beruflichen Laufbahn versucht, Geschichten anders, unterhaltsamer zu erzählen. Ich glaube, dass es nachhaltiger ist, wenn sich das Publikum nicht belehrt fühlt, sondern Dinge zur Kenntnis nimmt, die ihm unterhaltsam serviert werden.

Ihre Filme werden oft mit Kammerspielen im Stil von Gott des Gemetzels" verglichen. Trifft das zu, empfinden Sie das als Kompliment?

SÖNKE WORTMANN: Ich glaube, es ist als Kompliment gemeint. Ich selber finde den Film aber gar nicht so gut, für mich gibt es bessere Kammerspiele. Es wundert mich, dass dieses Beispiel immer genannt wird. Aber es ist nett gemeint, ich kann gut damit leben.

Eine Ihrer Haupt-Zutaten ist Witz und bitterböser Humor. Wie wichtig ist Ihnen ein wirklich gut ausgearbeitetes Drehbuch? Man hat manchmal das Gefühl, dass es daran bei deutschen Filmen hapert .

SÖNKE WORTMANN: Nicht nur bei deutschen. Das Drehbuch ist die Grundfeste eines jeden Films. Je besser das Drehbuch, desto weniger Fehler kann man als Regisseur machen. Idealerweise hat man ein gutes Drehbuch und macht daraus einen guten Film. Aber ohne gutes Drehbuch kann man keinen guten Film machen. Ich versuche, in der Drehbuchfassung möglichst präzise zu sein, weil man am Drehort wenig Zeit hat zum Ausprobieren. Ich bin ein großer Anhänger einer möglichst intensiven Vorbereitung - ein Drehtag ist wahnsinnig teuer. Improvisation ist da nicht angesagt. Gerade in einer Komödie ist gut vorbereitet sein das Beste. Natürlich kann man noch Ideen während der Dreharbeiten einbringen, etwas verbessern. Für eine gute Idee ist es nie zu spät. Aber Improvisation heißt für mich, von vorne anfangen, etwas komplett anderes versuchen.

Ist das Timing beim Witz wirklich so entscheidend?

SÖNKE WORTMANN: "Contra" ist ja keine reinrassige Komödie, vielmehr ein Drama mit komödiantischen Elementen. Aber es stimmt, bei der Komödie ist das Timing nochmal entscheidender als bei anderen Genres. Die sehr hohe Zustimmungsrate bei den Testvorführungen, die wir gemacht haben, zeigt, dass wir bei den komödiantischen Elementen etwas richtig gemacht haben.

Spannung entsteht auch durch die Besetzung, die Entscheidung, Nilam Farooq eine relative Newcomerin - die für ihre Rolle mit dem Bayerischen Filmpreis ausgezeichnet wurde - mit dem alten Hasen Christoph Maria Herbst zu kombinieren. Thematisch steckt das ja auch im Film drin.

SÖNKE WORTMANN: Genau, eines der zentralen Themen ist, wie schlägt sich die Studentin in der Konfrontation mit dem Professor. Nilam hat sich ganz hervorragend gegen den alten Hasen behauptet. Das sieht Christoph Maria übrigens genauso. Er will gefordert werden, je besser jemand mit ihm spielt, desto besser kann er auch werden. Es war ein wahres Schauspielduell, angetrieben von ihren originellen Wortgefechten.

Auch für Herbst ist der Part eine Erweiterung seines Rollenspektrums.

SÖNKE WORTMANN: Er bewegt sich normalerweise im Komödienspektrum und war glücklich, dass er auch mal etwas anderes zeigen konnte.

Nach "Der Vorname" ist "Contra" bereits das zweite Remake eines französischen Erfolgsfilms. Wie ist es für einen Regisseur, eine Wiederholung oder Neufassung zu drehen? Schaut man sich da das Original genau an oder vermeidet man das eher und versucht, sich davon zu lösen?

SÖNKE WORTMANN: Da muss ich kurz eingreifen: In Deutschland waren es keine Erfolgsfilme, sonst hätten wir keine Adaptionen gemacht. "Der Vorname" hatte hierzulande 100.000 Zuschauer, als er 2011 herauskam, unserer 2018 über 1,2 Millionen. Auch "Die brillante Mademoiselle Neila" war bei uns nicht erfolgreich. Von der Herangehensweise her: Ich habe das Original einmal gesehen, dann nie wieder. Wir wollten etwas Eigenständiges schaffen. Ich habe mich nur mit dem Drehbuchautor Doron Wisotzky und den Produzenten besprochen. Da hat sich einiges geändert.

Durch die Anpassung an deutsche Verhältnisse?

SÖNKE WORTMANN: Zum einen das. Aber wir wollten auch neue Aspekte einbringen, und ich bin froh, dass das funktioniert hat. Bei den Testscreenings zeigte sich, dass die beliebtesten Szenen auf eigene Ideen unseres Drehbuchautors zurückgingen, die im Original nicht vorkommen: Die Islamröhre von ihr und der Tanz zwischen den beiden.

Sie arbeiten gern mit einer eingespielten Crew, den gleichen Editoren, Produzenten etc. Sind Sie ein Teamplayer?

SÖNKE WORTMANN: Es hat wahnsinnig viele Vorteile, wenn man sich kennt und weiß, wie der andere tickt und funktioniert. Das heißt aber nicht, dass ich neuen Konstellationen gegenüber nicht aufgeschlossen wäre. Im Zweifel bin ich aber für die Variante, dass man sich schon kennt.

Der Film ist schon eine ganze Zeit lang fertig, der Start musste coronabedingt immer wieder verschoben werden. Wie geht es Ihnen damit?

SÖNKE WORTMANN: Eigentlich wollten wir im Dezember letzten Jahres starten. Vergleichsweise ist es aber für den Film und die Beteiligten vor der Kamera keine Katastrophe. Mir tun die Kinos leid, die so lange keine Einnahmen hatten. Dass wir dazu nichts beitragen konnten, macht mich traurig und frustriert.

Gab es auch die Überlegung, auf die Kinoauswertung zu verzichten und die Rechte an einen Streaminganbieter abzutreten?

SÖNKE WORTMANN: Soviel ich weiß, nicht ...

Sie sind ein als Besuchermillionär verwöhnter Regisseur. Der bewegte Mann" war mit über 6,6 Mio. Zuschauern einer der erfolgreichsten deutschen Filme des Nachkriegskinos, "Deutschland ein Sommermärchen" und "Das Wunder von Bern" hatten je weit über drei Mio. Besucher. Von solchen Zahlen kann man heute nur noch träumen. Wie wird es weitergehen?

SÖNKE WORTMANN: Natürlich sind die Streamer zur Konkurrenz geworden. Aber es gibt immer Ausnahmen nach oben, wie 2019 Das perfekte Geheimnis" mit fünf Mio. Zuschauern. Das ist immer noch möglich. Die Zeiten sind nicht einfacher geworden, aber ich würde nicht von einer Zeitenwende sprechen. Auch "Der Vorname" hatte 1,2 Millionen Besucher, das ist nicht wenig. "Contra" wurde vor der Pandemie in der gleichen Kategorie gesehen. Das ist jetzt alles hinfällig, keiner weiß, wie die Einspielergebnisse sein werden.

Bleiben Sie dem Kino treu oder planen Sie auch Ausflüge in die Netflix- oder Serien-Welt?

SÖNKE WORTMANN: Treu sehr gerne, Kino ist für mich die Königsdisziplin. Was nicht heißt, dass ich das andere ausschließe. Manche Stoffe werden besser als Serie erzählt. Da gibt es Sachen, die mich auch interessieren würden. Eine habe ich gemacht für die ARD, hat auch Spaß gemacht.

Wie sind Sie durch die Pandemie-Zeit gekommen? Ihre Dreharbeiten waren nicht aktuell vom Lockdown betroffen.

SÖNKE WORTMANN: Ich habe insofern Glück gehabt, als kein Film unterbrochen wurde. Ich wollte das Jahr 2020 zum Schreiben nutzen. Aber die Not der Kulturbranche, deren Teil ich bin, schlägt mir aufs Gemüt. Es wirkt sich aus, wenn die anderen Pech gehabt haben.

Sie selbst waren sehr produktiv. Abgedreht haben Sie inzwischen das Sequel Der Nachname", wiederum eine Constantin-Produktion, die am 20. Januar 2022 in die Kinos kommen soll. Basiert der Stoff auch auf einer Vorlage?

SÖNKE WORTMANN: Nein, das ist unsere eigene Erfindung. Es ist eine Fortsetzung mit den Schauspielern aus "Der Vorname", das Drehbuch stammt vom gleichen Autor, Claudius Pläging. Zwei Jahre sind vergangen, Dorothea und René haben die Familie übers Wochenende in ihr Ferienhaus nach Lanzarote eingeladen, um etwas zu verkünden. Doch eigentlich haben alle andere Sorgen: Sie sind Eltern geworden, knapp bei Kasse, haben Eheprobleme oder gerade ihren Job aufgegeben. Ich war selbst erstaunt, wie viel Zündstoff auch darin liegt, was da mit Dialogwitz, Tempo, exotischer Location und einem großartigen Schauspielensemble rauszuholen ist. Es hat mit Erbrecht zu tun, damit, was auf dem Grabstein steht eines Tages ...

In Postproduktion ist "Eingeschlossene Gesellschaft" für Sony Deutschland. Ebenfalls eine Satire, mit Florian David Fitz, Anke Engelke und wieder Nilam Farooq, nach einem Original-Hörspiel von Jan Weiler. Der Kinostart ist am 10. März geplant.

SÖNKE WORTMANN: Zu einem Stoff von Erfolgsautor Jan Weiler muss man nicht viel erklären. Es ist eine Komödie, die einen satirischen Blick ins Lehrerzimmer wirft. Da sieht man wieder, dass ich gerne in eingespielten Konstellationen arbeite.

Ist Ihre Vorliebe für literarische Stoffe darauf zurückzuführen, dass Sie viel lesen?

SÖNKE WORTMANN: Vor allem auf meine große Affinität zum Theater, ich inszeniere dort auch immer mal wieder, zuletzt am Düsseldorfer Schauspielhaus. "Frau Müller muss weg" basiert auf einem Theaterstück, "Der Vorname" auch. Auch "Contra" hat theatermäßige Elemente. Der gemeinsame Nenner ist eher das Theater als die Literatur.

Für "Contra" konnten Sie Joy Denalane, die deutsche Queen of Soul, zu einer Neuinterpretation des Bill Withers-Klassikers "Use Me" bewegen. Wie wichtig ist Musik fürs Timing, für die Emotion?

SÖNKE WORTMANN: Das Drehbuch ist vor den Dreharbeiten entscheidend, Musik und Schnitt sind danach wichtig, um die richtigen Emotionen zu wecken. Musik kann wahnsinnig viel dazu beitragen.

Haben Sie selbst Zugang zu Musik?

SÖNKE WORTMANN: Nein, ich wurde leider nie gezwungen, ein Instrument zu lernen.

Das Interview führte Marga Boehle