Kino

Kino-Neustart: Mehr Millionäre

Das vergangene, spätsommerlich schöne Wochenende bot zwar leider nicht den Rahmen für einen Aufschwung im zuletzt auf ein sechsstelliges Besucherniveau abgerutschten deutschen Kinomarkt - aber die Zahlen bieten durchaus positive Aspekte. Darunter nicht zuletzt neue Meilensteine.

13.09.2021 18:30 • von Marc Mensch
"Shang-Chi and the Legend of the Ten Rings" gab kaum Besucher ab - und behauptete souverän die Spitze (Bild: Walt Disney)

Wir brauchen nicht darum herum reden: Auf Dauer sind sechsstellige Gesamtbesucherzahlen selbstverständlich nicht das, was für Entspannung im deutschen Kinomarkt sorgt. Allerdings war am vergangenen, spätsommerlich warmen Wochenende mangels ganz großer Neustarts auch nicht mit einer Rückkehr in siebenstellige Sphären zu rechnen. Und wo man mit größter Vorfreude auf den Start von "Dune" wartet, posteten heute erste Kinomacher Saalpläne, die eine mehr als eindrucksvolle Nachfrage wenige Stunden nach dem Vorverkaufsstart für Keine Zeit zu sterben" illustrierten.

Tatsächlich gibt es zu den jüngsten Zahlen durchaus Positives zu sagen. Zwar ging das Besuchsniveau mit 857.310 Zuschauern laut Filmsource-Auswertung von Comscore gegenüber der Vorwoche noch einmal minimal (um 0,4 Prozent) zurück - die Tatsache, dass es nur drei Neustarts wenigstens in die Top 20 schafften, signalisiert jedoch bereits, wie gut sich die Platzhirsche gehalten haben. Shang-Chi and the Legend of the Ten Rings", der in den USA ein starkes zweites Wochenende hinlegte und sich mit einem Minus von 53 Prozent deutlich stabiler gezeigt hatte als die vorangegangenen, zeitgleich auch online ausgewerteten Disney-Blockbuster, gab der Filmsource-Auswertung zufolge hierzulande um gerade einmal rund elf Prozent nach und steht damit bereits bei über 413.000 Besuchern. Nur unwesentlich größer (12,6 Prozent) fiel das Minus in der sechsten Woche von Kaiserschmarrndrama" aus, dem es noch in dieser Woche gelingen sollte, als dritter Film der Erfolgsreihe die Besuchermillion zu erreichen.

Es wäre gleichzeitig der dritte Film, der dies seit der bundesweiten Wiedereröffnung der Kinos Anfang Juli schafft - denn nach Fast & Furious 9" hat nun auch Paw Patrol: Der Kinofilm" diesen Meilenstein erreicht. Besonders bemerkenswert: Der Film legte in seiner vierten Woche um 2,2 Prozent nach Besuchern zu und hat nun sogar Chancen, hierzulande auf Augenhöhe mit den drei erfolgreichsten Paramount-Starts seit Baywatch" (Juni 2017) zu landen - namentlich Sonic the Hedgehog", "Mission: Impossible - Fallout" und Transformers: The Last Knight". In den USA sorgt der Film mit einem Einspiel von aktuell knapp 35 Mio. Dollar nicht für ähnliche Furore - tatsächlich gelten Familienfilme aktuell als Sorgenkind in diesem Markt. Der jüngste Teil von Hotel Transsilvanien" wurde ins Streaming abgeschoben, der einstige direkte Mitbewerber Die Addams Family 2" startet in den USA dennoch zeitgleich online. In der Filmsource-Auswertung steht "Paw Patrol: Der Kinofilm" übrigens noch bei "nur" knapp 965.000 Besuchern - allerdings fehlen in dieser Bilanz wie üblich die Previews. Die bei diesem Animationshighlight für ganz junge Kinobesucher bekanntermaßen rekordwürdig waren.

Noch einmal zur Entwicklung der Bestandstitel: Innerhalb der Top 20 gingen die prozentualen Drops gegenüber dem Vorwochenende nur drei Mal über die 30 (darunter bei der Nummer 2, After Love", die ohne Previews aber auch schon knapp 330.000 Zuschauer aufweisen kann) - zwei Mal stand vor der 30 aber sogar ein Plus! "Hilfe, ich habe meine Freunde geschrumpft" verbesserte sich zum Ende der Schulferien in den letzten Bundesländern um 36,1 Prozent; Wickie und die starken Männer - Das magische Schwert" legte um 32,6 Prozent zu. Stark verbessert haben sich auch Tom & Jerry" (plus 19 Prozent) und im Arthouse-Segment The Father" mit einem Zuwachs von 12,2 Prozent. Und es sollte doch mit dem Teufel zugehen, wenn "Fast & Furious 9" trotz eines Minus von knapp 19 Prozent nicht doch noch über die Zielline der zweiten Besuchermillion rasen sollte. Viel fehlt nicht. Das Spin-Off Fast & Furious: Hobbs & Shaw" (gut 1,7 MIo. Besucher) wurde jedenfalls bereits vor einiger Zeit überholt.

Klar negativ fällt die Gesamtbilanz der Neustarts aus. Zwar gelang "Beckenrandsheriff" mit rund 44.000 Besuchern ein überaus erfreuliches Debüt auf Rang 4, aber nach Don't Breathe 2" (knapp 38.000) und Der Rosengarten von Madame Vernet" (gut 10.000) wird es schon vierstellig. Tatsächlich schrieben ganze vier der zehn erfolgreichsten Neustarts des vergangenen Wochenendes nur dreistellige Besucherzahlen - die harten Rahmenbedingungen, unter denen die Kinos nach wie vor operieren müssen (tatsächlich entscheiden sich zunehmend Betreiber freiwillig für die 2G-Lösung um wenigstens die Kapazitätsbeschränkungen ad acta legen zu können), machen nicht nur den Betreibern, sondern auch den kleineren Filmen das Leben schwer - Etliches fällt gnadenlos "hinten runter".

Unterdessen schmilzt der Rückstand zum Vorjahr zwar dahin, aber seien wir ehrlich: Dass man Mitte September 2021 noch um knapp 44 Prozent nach Besuchern hinter den katastrophalen Zahlen des Jahres 2020 zu diesem Zeitpunkt zurückliegen könnte, hätte man sich Anfang des Jahres wohl auch in übleren Alpträumen nicht ausmalen mögen. Knapp 140 Mio. Euro Boxoffice und gut 16,7 Mio. verkaufte Tickets stehen laut Comscore bislang zu Buche - wobei noch einmal ausdrücklich darauf verwiesen sei, dass Previews in diesen Zahlen nicht enthalten sind. Übermäßige Ergebniskorrektur bedeutet das allerdings nun auch wieder nicht.

Daran, dass der deutsche Kinomarkt kontinuierlich und deutlich über dem Niveau seines schlechtesten Wochenendes aus den fünf Jahren vor Corona abschneidet, hat man sich längst gewöhnt, zuletzt wurde die untere Benchmark im Gesamtmarkt (bei einer Öffnungsrate von 83 Prozent der regulären Kinos) um gut 100 Prozent überschritten, allerdings bleibt das "mittlere Wochenende" als wichtigerer Gradmesser für eine Markterholung noch unerreicht, rund 46 Prozent fehlten diesmal nach Besuchern. Was sich übrigens erkennen lässt: Die einzelnen Bundesländer sind mit der Ausweitung der 3G-Nachweispflicht enger aneinander gerückt, die prozentualen Abweichungen gegenüber dem schwächsten Wochenende bewegen sich in einem Korridor von plus 66 Prozent am untere Ende bis plus 139 Prozent am oberen Ende, Sachsen ist mit nur plus 76 Prozent noch hinter Hamburg (plus 87 Prozent) gerutscht. Kein Wunder, ist die Impfquote innerhalb Deutschlands auch nirgendwo niedriger als dort. Zum Vergleich: Am Wochenende vom 19. August lag die Range zwischen plus 95 Prozent (Berlin) und plus 301 Prozent (Thüringen), Sachsen war mit plus 240 Prozent damals klar überdurchschnittlich.

In Österreich ging das Geschäft gegenüber der Vorwoche um rund 14 Prozent nach Besuchern zurück, tatsächlich stand man auf dem Weg zur Markterholung zuletzt schlechter da als Deutschland. Das "schwächste Wochenende" wurde nur um 59 Prozent übertroffen, der Abstand zum "mittleren Wochenende" vergrößerte sich auf 53 Prozent. Die Niederlande zeigten sich gegenüber der Vorwoche zwar stabil, aber ein Abstand von 39 Prozent zur bereits mehrfach überschrittenen wichtigen Benchmark zeigt, dass die Erholung noch nicht so nachhaltig und stabil ist wie gehofft.