Produktion

"Diese Dinge muss man erzählen"

"Hanau" sorgte schon während seiner Entstehung für einen medialen Aufschrei. Regisseur Uwe Boll sieht sich als Opfer pauschaler Vorverurteilung - und den Skandal an anderer Stelle. Wir sprachen mit ihm über die Kontroverse um den Film, seine weiteren Pläne und seinen Blick auf eine "Cancel Culture".

17.09.2021 12:38 • von Marc Mensch
Uwe Boll (Bild: Lichtwerker)

Uwe Boll hat nach mehrjähriger Schaffenspause mit "Hanau" die rassistisch motivierten Morde in der hessischen Kleinstadt aufgegriffen. Im fiktiven Rahmen hatte sich der Filmemacher schon zu Beginn seiner Karriere in Der Amoklauf" oder später in Heart of America" mit dem Psychogramm von Tätern auseinandergesetzt, während etwa die gesellschaftskritische Rampage"-Trilogie (bei deren erstem Teil das Ende für eine FSK-Freigabe ins Gegenteil verkehrt werden musste) auch klare satirische Züge besitzt. Wir sprachen mit ihm über die Kontroverse um "Hanau", seine weiteren Pläne und seinen Blick auf eine "Cancel Culture".

BLICKPUNKT: FILM: Vor rund drei Jahren hatten Sie Ihren Rückzug aus der Filmbranche verkündet - mit der Begründung, der Markt für Filme sei "tot". Was hat sich seither geändert?

UWE BOLL: Das Home-Entertainment-Segment war damals im Zusammenbruch begriffen. Egal auf welchem Markt man war, ob auf dem AFM, in Cannes oder bei der Berlinale: Die Summen, die potenzielle Käufer noch für eine DVD-Auswertung auf den Tisch legten, wurden immer kleiner - bis zu dem Punkt, an dem ein vernünftiges Investment meiner Ansicht nach nicht mehr möglich war. Also hatte ich mich zunächst entschieden, mit "Rampage: President Down" meinen Abschied zu geben. Aber in diesen drei Jahren ist viel passiert. Zum einen fehlt mir das Filmemachen einfach, es war ja stets meine Leidenschaft. Zum anderen sehen wir doch alle, wie die Streamer den Markt aufmischen, welche Stoffe sie auch auf nationaler Ebene ermöglichen. Meine bisherigen Filme haben auf diesen Plattformen auch eine Heimat - und werden dort nicht nur gesehen, sondern auch erheblich besser bewertet als etwa auf imdb. Als Lizenznehmer haben wir Plattformen wie Amazon und Netflix schon gewonnen. Warum also nicht als Produktionspartner?

BF: Ursprünglicher Plan war also eine Produktion für einen Streamer?

BOLL: Das Projekt, mit dem ich aus meiner mehrjährigen Wahlheimat Kanada zurückgekommen bin, war "Deutschland im Winter", eine brutale Dystopie, die auf schonungslose Weise zeigen sollte, was uns blüht, wenn der Rechtsruck in Europa zum Worst-Case-Szenario führt, wenn jemand wie Höcke bei uns die Wahl gewinnt, wenn Migranten auf offener Straße umgebracht werden... Michael Rösch und ich hatten uns dazu mit der eitelsonnenschein Filmproduktion zusammengetan und die Produktion bereits sehr weit angeschoben, unter anderem standen für die Besetzung bereits Axel Milberg, Lili Fichtnerund Max Riemelt fest. Wir standen in engem Kontakt mit Netflix, kamen nach anfänglich extrem gutem Feedback dann aber nicht zeitnah zum Abschluss - und nachdem der für Spielfilme Verantwortliche in den Serienbereich wechselte, sagte uns seine Nachfolgerin leider ab. Damit muss man erst einmal leben, die schonungslose Radikalität, die viele meiner Werke prägt, kommt bei Manchen nicht so gut an. Aber ich lasse natürlich nicht locker, denn ich denke, dass gerade Filme wie meine unbedingt entstehen müssen und wir in Deutschland nicht nur Fans von Elyas M'Barek bedienen sollten...

BF: Sie haben versucht, das Projekt anderweitig zu platzieren?

BOLL: Wir sind auf die Öffentlich-Rechtlichen zugegangen. Aber dort zeigt man sich leider von vorneherein zugeknöpft, wenn etwas jenseits einer FSK 12 zu liegen droht - weil es dann nicht im Hauptabendprogramm laufen kann. Eine dermaßen überholte Regelung, die nichts mit einer Realität zu tun hat, in der man ganztägig Alles streamen kann, kenne ich aus keinem anderen Land. Hier wäre dringend eine Reform gefragt; eigentlich sollten die Sender doch selbst massiv darauf drängen. Aber ehrlich gesagt könnte man manchmal den Eindruck gewinnen, dass sie daran gar kein Interesse haben, weil sie ihre harmlose Berieselung gerne fortsetzen, während um uns die Welt im Chaos versinkt. Diese kultivierte Belanglosigkeit wäre schlimm genug, wenn sie sich nur im Fernsehen abspielen würde. Aber leider sind die Redaktionen ja auch maßgeblich an der Vergabe von Fördermitteln beteiligt. Seit einigen Jahrzehnten werden in Deutschland im Prinzip primär Fernsehfilme mit Kinomitteln gefördert. Was dabei herauskommt, sind Projekte, die zum Großteil niemand sehen will. Der deutsche Film wäre viel weiter, wenn ihm sein eigenes Fördersystem nicht im Weg stehen würde. Sind wir doch ehrlich: Unter den heutigen Bedingungen hätte ein Rainer Werner Fassbinder doch keinen einzigen Film drehen können. Früher gab es noch die Bereitschaft, Dinge zu wagen, aber heute begnügt man sich mit x-fachen Aufgüssen von "Tatort" oder "SOKO". Dass die Öffentlich-Rechtlichen hier so versagen, ist eigentlich tragisch, denn es ist Teil ihres Auftrages. Den erfüllen sie zwar im Informationsbereich sehr gut - aber leider nur da. Und schaden zusätzlich der Kinoförderung.

BF: Hatten Sie denn Förderung für "Deutschland im Winter" beantragt?

BOLL: Ja, in Baden-Württemberg, aber ohne Erfolg. Ehrlich gesagt hat mich die Ablehnung nur in dem Glauben bestärkt, dass hierzulande die falschen Leute in den Gremien sitzen. Wenn die lesen, dass Kinder in einem Asylantenheim von Nazis umgebracht werden, dann ist für sie alles vorbei. Das ist ihnen zu hart, das lassen sie nicht zu. Dabei wären es gerade kontroverse Stoffe, die dem deutschen Film zu mehr Aufmerksamkeit verhelfen und ihn voranbringen würden. Wie hat denn etwa Haneke international Karriere gemacht? Doch nicht wegen seiner Dramen. Sondern weil er kompromisslose, brutale Filme wie "Benny's Video" oder "Funny Games" gemacht hat. Bei Lars von Trier ist es doch genau dasselbe. In anderen Ländern hat man kein Problem mit solchen Stoffen. Aber gut, ich habe mir gesagt: Wenn mir das System Steine in den Weg legt, dann mache ich eben zunächst etwas mit eigenem Geld.

BF: So entstand dann "Hanau"?

BOLL: "Deutschland im Winter" hätte ein Budget von um die drei Mio. Euro erfordert, das kann man nicht mal einfach selbst stemmen. "Hanau" hingegen gab mir die Chance, die zugrundeliegenden Themen erst einmal im Kleinen aufzugreifen, mich auf eine Person zu konzentrieren, die wir durch die Nacht des Anschlags begleiten, um den entscheidenden Punkt zu machen.

BF: Der da wäre?

BOLL: Der Täter war ein Qanon-Opfer. Er war nicht nur schizophren, sondern er war der perfekte Adressat für Fake-News. Er steht stellvertretend als reales Beispiel dafür, was gezielte Desinformation anrichten kann. Was wir erleben, ist die Erosion von Demokratie, getrieben von Plattformen, denen man keine Grenzen aufzeigt. Wie kann es denn etwa sein, dass ein Attila Hildmann seinen Schwachsinn nach wie vor über Twitter verbreiten darf? Oder erinnern wir uns an den Skandal um Cambridge Analytica: Eine Strafe von fünf Mrd. Dollar mag auf den ersten Blick viel klingen, ist für Facebook aber am Ende lächerlich. Wir sehen doch, wie empfänglich die Gesellschaft für all diese Lügen ist. Menschen, die sich nicht impfen lassen wollen, weil sie ernsthaft glauben, gechipt zu werden - das ist doch Wahnsinn! Aber das Problem geht ja noch tiefer. Wir erleben tagtäglich, wie ernste Herausforderungen von der Politik nicht vernünftig adressiert werden. Wie laufend Mist gebaut wird, ohne dass dafür jemand zur Rechenschaft gezogen wird - es sei denn, er oder sie vergisst eine Quellenangabe in einem Buch oder einer Doktorarbeit. Das ist völlig absurd! Die Menschen können sich immer weniger mit der Politik identifizieren - und davon werden radikale Parteien profitieren. Gerade deshalb war mir "Hanau" ein ganz persönliches Anliegen. Weil der Film auch vom völligen Versagen des Staates handelt.

BF: Inwiefern?

BOLL: Der Täter hätte nie im Leben Waffen besitzen dürfen - aber hierzulande macht man sich offenbar mehr Gedanken über den Datenschutz, als darüber, ob die Waffenbehörde Kenntnis von vorangegangenen psychotischen Episoden erlangt. Auch das legt der Film schonungslos offen, vor allem aber ist er natürlich das Psychogramm eines Menschen, der den idealen Nährboden für Radikalisierung durch Fake-News bot.

BF: Nun wurde ihr Film in den Medien aber schon vor seiner Fertigstellung zum Skandal.

BOLL: Genauer gesagt: zum medial konstruierten Skandal. Mir wurde vorgeworfen, nie mit den Opferfamilien Kontakt aufgenommen zu haben, sondern die Tat lediglich kommerziell ausschlachten zu wollen. Das entspricht absolut nicht der Wahrheit. Ich habe weit vor Drehbeginn Kontakt zur Stadt Hanau und vor allem Frau Dr. Lechner von der nach dem Anschlag gegründeten Bildungsinitiative Ferhat Unvar aufgenommen und dabei unter anderem eine Mitwirkung durch Angehörige der Opfer angeboten. Dr. Lechner hat mir nach einigen eMails und Telefonaten zu verstehen gegeben, dass eine Partizipation nicht gewünscht sei. Davon, dass man sich strikt gegen die Entstehung des Films wende, war aber nicht die Rede. Ich beschloss dann aus Pietätsgründen, den Film nicht in Hanau, sondern in Mainz zu drehen. Dann erschien ein Bild-Bericht über die Dreharbeiten mit Radost Bokel - und plötzlich echauffierte sich Hanaus Bürgermeister - ohne mit mir in Kontakt getreten zu sein - in einem offenen Brief darüber, dass man einen "Gewaltfetischisten" wie mich einen solchen Film nicht machen lassen dürfe. Daraus wurde eine dpa-Meldung, die von diversen Medien einfach nur 1:1 übernommen wurde. Zwar gab es dann noch eine zweite Welle an Berichten, bei denen man mich zumindest zu Wort kommen ließ, aber der Tenor war schon vorgegeben, der änderte sich nicht mehr.

BF: Es war allerdings nicht nur Hanaus Bürgermeister, der in deutliche Opposition zu ihrem Film ging, auch Angehörige der Opfer machten ihre Ablehnung deutlich. Wäre es denn nicht denkbar gewesen, das Thema fiktiv aufzugreifen?

BOLL: Dann würde man doch um den heißen Brei herumreden. Dass dieser Wahnsinn nicht der Fantasie eines Drehbuchautoren entspringt, sondern Realität in Deutschland ist, macht das Thema doch gerade so brisant, so wichtig. Ich glaube tatsächlich, dass die Opferfamilien anders über den Film denken werden, wenn sie den Film sehen.

BF: Gezeigt hatten Sie den Film dann zunächst nur der "Welt"?

BOLL: Nachdem zuvor nur völlig unreflektiert auf mich eingeprügelt worden war, wollte ich eine unvoreingenommene Meinung. Was Dennis Sand von seinen Kollegen unterscheidet, ist die Tatsache, dass er sich tatsächlich mit meinen Filmen auseinandergesetzt hat, dass er mein Werk kennt, dass er bereit ist, sich eine eigene Meinung zu bilden und nicht nur irgendwelche dpa-Texte nachplappert. Tatsächlich fand er den Film richtig gut. Gefreut hat mich auch, dass er aufgegriffen hat, wie mit mir umgegangen wurde. Diese knallharte Vorverurteilung ist übrigens ein Paradebeispiel für die Bedrohung der Meinungsvielfalt und damit für die Demokratie. Diese grassierende Cancel Culture, dieses absolute Diktat vermeintlicher Gutmenschen. Da werden Dinge konstruiert, über die sich kein normaler Mensch jemals Gedanken machen würde. Ein Haufen Schwachsinn, der nur den Blick auf das Wesentliche verstellt - und der die Leute nur umso mehr in die Arme von Populisten treibt. Ich bin ein großer Fan von US-Comedian Bill Maher, der den Wahnsinn immer wieder aufs Korn nimmt - und ich kann ihm nur beipflichten: Wenn wir Menschen, die vor Jahren einmal dumme Sex-Witze gemacht haben, behandeln, als wären sie Harvey Weinstein persönlich, dann ist das der Anfang vom Ende. Gerade in der Kultur müssen wir uns bereits enorme Sorgen machen, denn hier werden uns immer mehr Zügel angelegt.

BF: Ich nehme an, Sie sind kein Freund von Quoten?

BOLL: Das ist doch völliger Blödsinn. Filme müssen gut sein, müssen glaubwürdig sein. Und die Leute müssen nach Qualifikation besetzt werden, nicht nach Geschlecht oder Hautfarbe. Wenn jemand gut ist, ist mir völlig egal, welche Herkunft oder welches Geschlecht er oder sie hat. Und wenn jemand meiner Ansicht nach in eine Rolle passt und sie spielen will, dann ist das meine Besetzung. Punkt.

BF: Wie sieht der weitere Plan für die Verbreitung von Hanau aus?

BOLL: Ich gehe davon aus, dass wir mit Auslandsverkäufen wenigstens den Break-Even erreichen. Und sollte ich am Ende doch draufzahlen, wäre das kein Knock-Out. Mir war erst einmal wichtig, dass der Film entsteht, dass ich das Thema an die Öffentlichkeit bringen kann. Wir sind mit Hanau auch bei der ARD vorstellig geworden, denn einen solchen Film zu zeigen und im Anschluss mit einer Diskussionsrunde über rechte Gewalt und Fake-News zu ergänzen, würde doch geradezu dem Kern des öffentlich-rechtlichen Auftrags entsprechen. Zumal "Hanau" keine primitive Gewaltorgie ist, sondern Arthouse. Was wir auf alle Fälle machen werden, ist eine Kinotour, in deren Rahmen es auch die Gelegenheit zur Diskussion geben soll. Wir haben den Opferfamilien angeboten, ein Screening nur für sie zu organisieren, ohne Öffentlichkeit. Aber darauf wurde nicht reagiert. Ich kann es auch verstehen, wenn man sich als Betroffener keinen Film über so ein Ereignis ansehen will. Das kann aber nicht bedeuten, dass es nicht filmisch aufgegriffen werden darf. Über Breivik waren beispielsweise gleich zwei Filme im Kino, ohne dass das skandalisiert worden wäre. Diese Dinge muss man erzählen, denn wir sprechen von einem gesellschaftlichen Problem, von einer Bedrohung für die Demokratie, die klar adressiert werden muss - anstatt jene mundtot machen zu wollen, die den Finger in die Wunde legen. Das ist der Skandal. Nicht der Film.

BF: "Deutschland im Winter" bleibt weiterhin ein Wunschprojekt?

BOLL: Absolut. Im Idealfall würde ich vorher das Attentat am Breitscheidplatz verfilmen, denn islamistischer Terror gehört natürlich auch zum Gesamtbild, dem meine dystopische Vision entspringt. Generell muss es aber durchaus nicht immer politisch sein, reine Unterhaltung hat schließlich auch ihre absolute Berechtigung. Aktuell arbeiten wir z.B. an größeren kommerziellen Projekten wie der Comicadaption "Hauptmann Veit", die zur Zeit der Bauernaufstände im Mittelalter spielt - und wir schnüren gerade ein Paket, um "Schwerter des Königs" als TV-Serie anzubieten. Das wäre natürlich geradezu maßgeschneidert für die Streamer. Gute Kontakte zu Amazon und Netflix haben wir, mal sehen, was daraus wird. Mit der kanadischen Brighlight Pictures haben wir jedenfalls noch einen potenziellen Partner, der alleine im vergangenen Jahr Produktionen im Umfang von rund 300 Mio. Dollar angeschoben hat. Zunächst einmal will ich aber versuchen, wieder Dinge aus Deutschland heraus anzuschieben. So schwer das hierzulande auch ist.

Das Gespräch führte Marc Mensch