Produktion

Synchronsprecher Dietmar Wunder: "Liebe zum Detail"

Dietmar Wunder ist die deutsche Stimme von Daniel Craigs James Bond und er führte Dialogregie bei "Sound of Metal", der für den Deutschen Synchronpreis nominiert ist, der morgen vergeben wird. Wir sprachen mit ihm über seine Arbeit und die Branche.

14.09.2021 09:51 • von Heike Angermaier

Dietmar Wunder ist demnächst als deutsche Stimme Daniel Craigs im neuen Bond "Keine Zeit zu sterben" zu hören und er führte Dialogregie bei "Sound of Metal", der für den Deutschen Synchronpreis nominiert ist, der morgen vergeben wird. Wir sprachen mit ihm über seine Arbeit und die Branche.

Ich erreiche Sie in einem Tonstudio - woran arbeiten Sie gerade?

DIETMAR WUNDER: Ich bin gerade als Vorleser unterwegs mit dem neunten Roman von David Baldacci, den nehme ich als Hörbuch auf.

Wie haben Sie die Coronazeit überstanden, konnten Sie weiterarbeiten in den Studios?

DIETMAR WUNDER: Das Thema hat uns alle weltweit getroffen. Dadurch, dass ich viele Bereiche abdecke - ob auf der Bühne beim Moderieren, bei Live-Lesungen, beim Drehen, Synchronisieren, als Regisseur oder Hörbuchinterpret - ging es für mich weiter. Als der erste Lockdown kam, wurden zunächst die Tonstudios geschlossen und nach den Anforderungen der Hygienevorschriften umgebaut. Da fiel alles, was live war, leider aus und hat bis heute nur marginal wieder angefangen. Aber alles, was die Tonaufzeichnungen angeht, ging nach vier Wochen Zwangspause im April wieder los - und eigentlich die ganze Zeit durch. Durch das vermehrte Fernsehgucken und Streamen während der Pandemie hatten wir reichlich Material zum Synchronisieren. Selbst als es hieß, dass weltweit weniger gedreht werden würde, gab es nur einen kurzen Zeitraum, in dem weniger Produktionen reinkamen. Hörbuch, Hörspiel und Synchronisation liefen immer weiter, und ich bin als Schauspieler wahnsinnig dankbar, dass ich diese Bereiche auch bedienen darf. Jetzt fangen die Liveauftritte wieder an, im September gehe ich auf Lesereise - denn auch wenn ich zu arbeiten hatte, das Publikum hat natürlich gefehlt.

Sorgen Amazon & Co. für mehr Aufträge, macht sich das bemerkbar in Ihrem Bereich?

DIETMAR WUNDER: Auf jeden Fall. Die Streamingdienste haben seit einiger Zeit sehr hochwertige Eigenproduktionen, da gibt es einen Zuwachs an qualitativ hochwertigen Projekten. Das Problem ist, dass im Streamingbereich alles so schnell wie möglich online gestellt werden muss. Dadurch hat sich der Zeitdruck, der in den letzten Jahren schon gewachsen war, nochmals verschärft.

Vor welchen besonderen Herausforderungen steht die Synchronisation in Deutschland?

DIETMAR WUNDER: Wir hören oft, dass im deutschsprachigen Raum, also Österreich, Schweiz, Deutschland, die Deutschen mit am besten synchronisieren. Weil der Eindruck entsteht, dass die Leute im Original plötzlich Deutsch sprechen können. Die Mundbewegungen, Mimik, Körperhaltung und Emotionen stimmen. Man sagt uns nach, dass wir das sehr gut machen.

Woran liegt das Ihrer Meinung nach?

DIETMAR WUNDER: Es gibt hierzulande eine über die Jahrzehnte entwickelte Kultur, in die Rollen hineinzuschlüpfen und als Schauspieler zu versuchen, mit den Figuren zu verschmelzen, damit der Eindruck entsteht, das ist auf Deutsch gedreht. Ich würde nicht sagen, dass wir das besser machen als das Original, aber wir versuchen unser bestes. Wir haben Feinheiten entwickelt und einen hohen Anspruch an Qualität, was leider auf der Strecke bleiben kann, wenn der Zeitfaktor ins Spiel kommt. Ich glaube, die Liebe zum Detail macht unsere deutsche Synchronisation aus. Es soll nicht nur Lippensynchron aussehen, der Zuschauer soll das Gefühl haben, das ist geschauspielert, nicht darübersynchronisiert. Diese Qualität zu halten, auch bei Zeitdruck, ist die große Herausforderung.

Worauf beruht der gute Ruf der deutschen Synchronstudios?

DIETMAR WUNDER: Nach meiner Erfahrung haben wir in Deutschland technisch sehr gut ausgestatte Studios, groß, mit Licht und Platz für Schauspieler, Regie, Toningenieure, Cutter. Synchronisation hat eine lange Tradition hierzulande, z. B. die alte Berliner Synchron mit ihren riesigen Studios. Auch in Italien und Frankreich gibt es eine Synchrontradition. Interessanterweise sind Schauspieler dort, die synchronisieren, oft Stars in ihrem Land, anders als bei uns.

Qualität ist ein Aspekt, der auch den Streaminganbietern wichtig ist?

DIETMAR WUNDER: Ja. Anfangs hatte ich manchmal den Eindruck, sie wussten noch nicht so genau, was deutsche Synchronisation für das Publikum bedeutet. Das Publikum will nichts schlecht Synchronisiertes gucken. Inzwischen sehen die Verantwortlichen die Bedeutung des Wiedererkennungseffekts. Dass es die Stimmen sind, die man erwartet und kennt bei den Schauspieler*innen, und das man nicht plötzlich wahllos umbesetzen kann.

Gleichzeitig scheint es einen Trend zum Original zu geben. In immer mehr Kinos werden Originalfassungen gezeigt - macht sich das bemerkbar?

DIETMAR WUNDER: In letzter Zeit überhaupt nicht. Die Diskussion gab es schon immer, und dass das Original das Original ist, unterschreibe ich 100 Prozent. Ein Regisseur hat es mal sinngemäß so formuliert: Was erschaffe ich? Ich erhoffe einen Film zu kreieren, in den meine Zuschauer*innen hineinfallen und sich verzaubern lassen durch meine Welt. Das sind die Bilder, Farben, die Musik, die Schauspieler*innen und deren Stimmen. Beim Lesen der Untertitel werde ich aus dieser Magie, dieser Welt herausgerissen, bekomme unter Umständen Feinheiten nicht mit. Synchronisation ist ein wunderbares Hilfsmittel, auch wenn man vielleicht nicht die Originalstimme hört. Sie bietet die Möglichkeit, dir eine fremde Kultur in einer dir vertrauten Sprache nahezubringen. So kann ich vielleicht noch mehr mitnehmen vom Inhalt des Films, der Atmosphäre, als wenn ich immer Untertitel lesen muss.

Sehr wichtig ist dabei generell eine gute Mischung, so dass möglichst viel von den Hintergrundgeräuschen, der Atmosphäre erhalten bleibt.

DIETMAR WUNDER: Das ist eine aufwändige, feinmotorische Arbeit. Man hat den Film mit seiner Originalsoundkulisse und Originalsprache. Die wird ersetzt durch die deutsche Tonspur. Jeder Film wird nochmal gemischt, damit die deutsche Sprache eingebettet wird in die Originalsounds und nicht einfach nur darübergelegt.

Sie waren an einem in puncto Ton sehr komplexen Film beteiligt, "Sound of Metal", der auch bei den Oscars- und BAFTAs abgeräumt hat.

DIETMAR WUNDER: Ein Film, den ich wahnsinnig ergreifend fand. Die Idee und ihre Umsetzung, sowohl technisch als auch schauspielerisch, umwerfend. Ich habe Dialogregie geführt und mein größter Anspruch war, dass ich das authentisch von den Schauspielern so ins Deutsche übernehmen lasse, dass man eben nicht merkt, dass es synchronisiert ist. Ich habe versucht, die Emotionen zu transportieren, mit einem tollen Team und in inniger Atmosphäre, wie früher, als wir noch mehr Zeit hatten. Mit %Roland Nitschke%, Julien Haggège und Marie-Christin "Friedel" Morgenstern in den Hauptrollen habe ich eine wunderbare Arbeit leisten dürfen.

Sie waren auch für die Besetzung der Synchronsprecher verantwortlich - haben Sie auch selbst gesprochen?

DIETMAR WUNDER: Einige Sprecher waren bereits gesetzt, andere konnte ich einbringen. Ich selbst hatte nur einen kleinen sprachlichen Cameoauftritt.

Waren Sie auch ins Drehbuch bzw. Dialogbuch involviert? Wie viel ergibt sich bei der Arbeit im Studio?

DIETMAR WUNDER: Alexander Löwe hat das Dialogbuch geschrieben, wir haben schon oft zusammen gearbeitet. Ich arbeite das Buch vorher durch. Im Atelier merkt man, wenn sich etwas besser anfühlt beim Sprechen. Als Regisseur habe ich dann die Möglichkeit, umzuformulieren und den Text auch zu ändern.

Wie viel Zeit hatten Sie dafür?

DIETMAR WUNDER: Etwa eine Woche. Das ist nicht viel Zeit. Ein größeres Projekt kann auch mal zwei bis drei Wochen Aufnahmezeit benötigen. In der knappen Zeit erfordert das sehr intensives, kompaktes Arbeiten.

Damit zum nächsten großen Projekt: Sie geben Daniel Craig seit "Casino Royale" seine Bond-Stimme. Ab 30. September kann man Sie - hoffentlich - wieder im Kino hören in "Keine Zeit zu sterben".

DIETMAR WUNDER: Dazu eine kleine Hintergrundgeschichte: Ich habe mich als Jugendlicher entschieden, Schauspieler zu werden, als ich %Sean Connery% als Bond gesehen habe. Jahre später, 2006, ergab sich die Fügung, Daniel Craig als deutsche Stimme begleiten zu dürfen. Seit 15 Jahren jetzt - da ist mehr als ein Traum in Erfüllung gegangen.

Ist die Vorbereitung auf 007 besonders schwierig oder würden Sie sagen, das hab ich jetzt drauf, das geht quasi von selbst?

DIETMAR WUNDER: Am 17. Juli 1990 habe ich meinen allerersten Take gesprochen, und bis heute macht mir mein Job wahnsinnig viel Spaß. Eine Rolle wie Bond zu synchronisieren ist ein Fest. Daniel Craig interpretiert natürlich in jedem Bond-Film die Rolle nochmal anders, die Dramaturgie ist eine andere, er hat sich weiterentwickelt, die Handlung hat sich ja chronologisch fortgesetzt. Da ist es für mich immer wieder spannend, was ich neu mit ihm zusammen erleben darf. Craigs Art, Bond zu spielen, ist sehr pointiert und auf den Punkt. Dieses minimalistische Auf-den-Punkt-Spielen ist für mich als Schauspieler die große Herausforderung. Jeder Satz ein Treffer. Das herauszukitzeln ist der Spaßfaktor bei der Bond-Rolle.

Sie haben eine Ausbildung als Schauspieler und auch in dem Beruf gearbeitet - würden Sie sagen, das hilft?

DIETMAR WUNDER: Auf jeden Fall. Ich decke eine große Bandbreite ab und nehme aus jedem Bereich etwas mit, kann das, was die Rolle erfordert, stimmlich und körperlich herstellen. Als Schauspieler weiß ich, wie es sich anfühlt, wenn Bond rennt, wie es sich anfühlt, wenn man traurig ist. Andererseits hilft mir vieles, was ich beim Synchronisieren gelernt habe, beim Drehen oder auf der Bühne. So kann ich von überall etwas mitnehmen.

Die Anzahl Ihrer Sprechrollen wird mit 797 angegeben.

DIETMAR WUNDER: Wusste ich gar nicht ...

Was war Ihre bisher anspruchsvollste/schwierigste Rolle?

DIETMAR WUNDER: Eine der herausforderndsten und sehr ergreifend war Edward Norton in American History X". Er spielt einen Nazi, und es war für mich erschreckend, wie man mit Sprache Menschen fanatisieren kann. Dann Don Cheadle in Hotel Ruanda", oder Sam Rockwell, einer meiner Lieblingsschauspieler, der so unterschiedliche Rollen spielt wie in Moon" oder Three Billboards Outside Ebbing, Missouri". Daniel Craig ist ein Fest - auch in Knives Out", eine tolle Herausforderung.

Wenn Sie synchronisieren, passiert auch etwas mit Ihnen - Sie spielen die Rolle nochmal mit?

DIETMAR WUNDER: Ich drehe den Film für mich im Kopf nach, empfinde ihn nach, lebe mit. Aber wenn du den ganzen Tag im Studio jemand anderen vor Dir hast, guckst du abends in den Spiegel und merkst, du siehst ja anders aus.

Wie unterscheidet sich die Arbeit, wenn Sie eine sichtbare Person vertonen von z.B. der Hörbucharbeit?

DIETMAR WUNDER: Wenn ich ein Hörbuch aufnehme, habe ich einen Film vor Augen, erzähle mir die Geschichte selbst. Die einzelnen Figuren stelle ich mir vor, witzigerweise oft als Filmcharaktere. Ich rufe sie in meinem Kopf ab, wie ein Musikinstrument. Das ist mein Handwerkszeug, meine Stimme ist mein Instrument. Beim Hörbuch habe ich Figuren vor Augen, in die ich springe.

Vermissen Sie als Star in Ihrer Branche manchmal das Rampenlicht, das Sie im Studio nicht kriegen?

DIETMAR WUNDER: Wir aus dem Synchronbusiness sind in den letzten Jahren mehr in die Öffentlichkeit getreten, aber ich würde mir wünschen, dass sich das noch verstärkt. Und für mich kann ich sagen, dass ich ja trotzdem das Rampenlicht - wie schon erwähnt - genießen darf.

Welche Bedeutung kommt dem Deutschen Synchronpreis zu, für dessen Verleihung am 15. September auch "Sound of Metal" in der Kategorie Bester Arthousefilm nominiert ist?

DIETMAR WUNDER: In jedem Bereich der künstlerischen Arbeit gibt es Preisverleihungen. Was wir seit 1930 bzw. spätestens 1950 machen, ist eine Kunstgattung, die es verdient, gefeiert zu werden. Der Preis ist eine Anerkennung. Wir unterhalten mit unserer Arbeit und helfen, das Publikum in Welten zu entführen, wo es sich unterhalten und aufgehoben fühlt, sich ablenken lassen kann. Synchronisation ist nicht nur Hilfsmittel, sondern auch eigenständiges Entertainment. Das darf gerne ausgezeichnet werden.

Der Bundesverband Synchronregie und Dialogbuch und derBundesverband Deutscher Synchronproduzenten haben sich auf gemeinsame Vergütungsregeln verständigt, die ab 1. Oktober in Kraft treten sollen. Ist das wichtig? Was würden Sie sich wünschen für die Branche?

DIETMAR WUNDER: Ein einheitliches Gefüge an Vergütung ist sehr wichtig. Dass man sich orientiert an Leistungsschutzrechten und vielleicht auch als Synchronschaupieler*in an Erfolgen partizipieren kann. Es geht nicht nur um Geld, sondern auch um die Wertschätzung der Leistung. Wir sind in einer Phase der Umstrukturierung. Es wird Zeit, dass eine Art Sicherheitslinie für Schauspieler*innen und Gleichberechtigung auch bei uns entstehen.

Das Interview führte Marga Boehle