Kino

KOMMENTAR: Können Sie Kino?

Die Besucherzahlen in Deutschland legen die Vermutung nah. Trotz immer neuer, wirrer Ideen regionaler Verwaltungen für Beschränkungen vor der Leinwand: Die Leute kommen trotzdem. Die gilt es, zu hegen und zu pflegen und ihnen jeden Wunsch zu erfüllen.

09.09.2021 07:40 • von Jochen Müller
Ulrich Höcherl, Chefredakteur (Bild: Blickpunkt:Film)

Die Besucherzahlen in Deutschland legen die Vermutung nah. Trotz immer neuer, wirrer Ideen regionaler Verwaltungen für Beschränkungen vor der Leinwand: Die Leute kommen trotzdem. Die gilt es, zu hegen und zu pflegen und ihnen jeden Wunsch zu erfüllen. "Willkommen im Kino!", das verstehen schon ganz viele Betreiber, und manche werden es halt nicht lernen. 3G ist jetzt schon eine große Herausforderung, noch lassen sich Ungeimpfte fürs Kino testen. Ab Mitte Oktober gilt praktisch 2G, wenn die Tests richtig Geld kosten. Die Kinos als Teil der Impfkampagne überleben nur, wenn ihr Publikum das dringende Bedürfnis hat, dorthin zu kommen.

Nun haben viele Kinobetreiber den harten Lockdown und überraschend hohe staatliche Zuwendungen dafür genutzt, um in das Leinwanderlebnis zu investieren. Wären nicht vielen Betreibern die Leichtlohnkräfte abhanden gekommen, man könnte den neuen Komfort und die bessere Technik in noch mehr Vorstellungen herzeigen. So fallen so viele davon aus, dass an Schienenspiel kaum mehr zu denken ist. An hervorragendem Programm jedenfalls mangelt es nicht. Nicht nur starten Woche für Woche fast zwei Dutzend Filme, viele davon so großartig und heiß ersehnt, dass sie auch im Arthouse mit großem Buzz laufen. Allein die täglichen Jubeltöne aus Venedig oder Telluride künden davon, dass das Publikum sich auf Ereignisse freuen kann, die mit großem publizistischen Begleitorchester ins Kino drängen werden. So gewaltig ist die Auswahl, dass immer noch zu viele wegen irgendwelcher Nickligkeiten auf wichtige Filme verzichten: Weil sie gleichzeitig oder kurz darauf auf noch wenig verbreiteten Plattformen abrufbar sind, weil schon Wochen später ein PayTV-Sender mitspielen darf, weil man einem Verleiher für solches Unbill noch eine mitgeben will.

So schreibt ein neuer Helden-Film in den USA Allzeitrekorde und läuft hier nur ganz ordentlich auf Platz Eins an. Kino muss spielen, was die Leute sehen wollen. Der Kunde ist König, und zerbricht sich nicht den Kopf, ob alle Modalitäten für seinen Gastgeber gepasst haben, wenn er einen Film, von dem er überall hört, unbedingt sehen will. Neue Auswertungsfenster werden jetzt festgeschrieben, und mit ihnen wird man leben können. Zusätzlich heißt es, ganz neue Flexibilität zu zeigen, weil die Leute alles Mögliche auf der Leinwand sehen wollen, egal ob es extra dafür gemacht wurde oder nur überlebensgroß erlebt werden will.

Auch die Pfotenpatrouille hat Fernsehwurzeln. Das heißt, Kontakt aufnehmen mit seinem Publikum auf allen sozialen Kanälen und zeigen, was gewünscht wird. Wer Opern zeigt, kann auch Streaminghighlights bringen. Wer das schon macht, macht offenbar sehr gute Erfahrungen. Kino hat jetzt anspruchsvollere Zuschauer, die mitbestimmen wollen. Können Sie Kino? Ich wette, Sie können!

Ulrich Höcherl, Chefredakteur