Kino

KOMMENTAR: Der Kunst eine Lanze

In dem Lied "1928" malt sich der Wiener Liedermacher Ludwig Hirsch aus, wie Außerirdische auf der Erde landen, nach dem Ende der Zivilisation. Sie finden einen verbeulten Projektor mit einem Film darin: ein Zeichentrickfilm mit Micky Maus und Donald Duck. Lustig müssen sie gewesen sein, die Menschen, sagen die Außerirdischen traurig.

02.09.2021 07:54 • von Jochen Müller
Thomas Schultze, Chefredakteur (Bild: Blickpunkt:Film)

In dem Lied "1928" malt sich der Wiener Liedermacher Ludwig Hirsch aus, wie Außerirdische auf der Erde landen, nach dem Ende der Zivilisation. Sie finden einen verbeulten Projektor mit einem Film darin: ein Zeichentrickfilm mit Micky Maus und Donald Duck. Lustig müssen sie gewesen sein, die Menschen, sagen die Außerirdischen traurig.

Wenn sich die Außerirdischen die Mühe machen würden, sich mit den Kinocharts der vergangenen Wochen zu beschäftigen - warum auch nicht? -, wären sie erst recht überrascht. Sie würden feststellen, dass damals im auslaufenden Sommer des Jahres 2021, 18 Monate nach Beginn der Coronapandemie, ein Film mit dem kuriosen Titel Paw Patrol: Der Kinofilm" fast eigenhändig die Kinos gerettet hat.

Nun wissen wir alle, dass es keine schlechten Kinohits gibt. Wenn das Publikum einen Film mag, dann mag es ihn. Und das ist auch gut so. Auf die Vielfalt kommt es an, auf ein buntes Angebot, das alle Menschen abholt. Aber der Gedanke, dass der eine Film, an den man sich womöglich erinnern würde, wenn man einfach nur die Zahlen von Ende August 2021 betrachtet, "Paw Patrol" wäre, ist dennoch beunruhigend. Wenn das die Essenz der größten Kunstform des 20. Jahrhunderts (und bisher auch noch des 21. Jahrhunderts, wenn Sie mich fragen) wäre, hätte sie keine großen Sprünge gemacht seit 1928, als die Micky Maus geboren wurde.

Und doch kann man den frühen Disney in "Paw Patrol" entdecken. Wie man den frühen Disney in seiner expansiven innovativen Schaffenskraft auch in den künstlerisch wertvollen Filmen entdeckt, wie man sie aktuell wieder am Lido in Venedig sehen kann, wo die Jagd um die Löwen gerade begonnen hat. Mit Filmen, die, wie Festivalchef Alberto Barbera im Interview versichert, die besten ihrer jeweiligen Macher seit Jahren seien. Auch Venedig ist keine Insel: Das Festival, auf dem vor zwei Jahren "Joker" als bester Film ausgezeichnet wurde, ist das Zuhause für bisweilen sperriges Weltkino, aber eben auch die allergrößten Filme: In diesem Jahr feiert Dune" Weltpremiere, im Idealfall ein Blockbuster, der künstlerischen und kommerziellen Anspruch in großem Stil miteinander vereint. Solche Filme braucht das Kino besonders in einer Zeit, in der sogar Studiomanager auf der CinemaCon den Kinobetreibern erklären, nur mit Originalität würde man in Zukunft das besondere Erlebnis Kino sichern können (ohne allerdings jemals auf Franchises und Fortsetzungen verzichten zu wollen). Davon gibt es, zum Glück, weiterhin genug, wenngleich nicht immer unbedingt aus Hollywood. Das unterstreichen die Mostra und die anderen Herbstfestivals. Das unterstreichen, aktuell in den deutschen Kinos, Nomadland", Der Rausch" oder The Father", der als bester aktueller Neustart Candyman" und Killer's Bodyguard 2" abhängt. Ob sich die Außerirdischen darüber freuen würden?

Thomas Schultze, Chefredakteur