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Christian Ulmen/Carsten Kelber: "Die Nische wird immer größer"

Die Produzenten Christian Ulmen und Carsten Kelber haben mit der vierten Staffel "jerks.", die heute auf Joyn startet, ein Comedy-Juwel hingelegt. Im Interview geht es um ihre Firma Pyjama Pictures, kommende Projekte und Ulmens "Tatort"-Ausstieg.

26.08.2021 13:07 • von Michael Müller
Die beiden Produzenten Carsten Kelber (l.) und Christian Ulmen gründeten gemeinsam mit der Seven.One Entertainment Group Ende 2019 das Unternehmen Pyjama Pictures (Bild: Thomas Leidig)

Die Produzenten Christian Ulmen und Carsten Kelber haben mit der vierten Staffel "jerks." ein Comedy-Juwel hingelegt. Im Interview geht es um ihre Firma Pyjama Pictures, kommende Projekte und Ulmens "Tatort"-Ausstieg. Die Serie "jerks.", bei der Ulmen auch Headwriter, Regisseur und Hauptdarsteller ist, startet ab dem heutigen 26. August auf Joyn Plus+ und wird später im Free-TV bei ProSieben laufen.

Haben Sie mit der Serie "jerks.", die jetzt am 26. August in die vierte Staffel startet, auf Joyn Ihre perfekte Nische gefunden?

CHRISTIAN ULMEN: Da ist schon was dran. Ich glaube, dass wir alle, die wir "jerks." machen, schon lange nicht mehr so viel Leidenschaft und Euphorie während unserer Arbeit entwickelt haben.

Wobei in den USA solche Serien-Nischen immer noch etwas größer sind. Wie haben Sie beide es überhaupt geschafft, sich diese Konstellation für "jerks." zu erarbeiten?

CHRISTIAN ULMEN: Das könnte damit zu tun haben, dass wir für einen Streamer arbeiten, der keine Zahlen veröffentlicht und es in der öffentlichen Rezeption fast ausschließlich um inhaltliche Aspekte geht. Es wird darüber gesprochen, was wir da machen und nicht, wie hoch die Einschaltquote war. Gleichzeitig ist es auch ein bisschen schade, dass unsere Abrufzahlen nicht verraten werden, weil die wohl sehr, sehr gut sind. Ich habe das Gefühl, unsere Nische wird immer größer. Es hat einen Grund, warum wir jetzt schon die vierte Staffel gedreht haben und die fünfte vorbereiten. Offenbar können sich sehr viele Zuschauer mit unseren Themen identifizieren und mögen unsere Erzählweise gut leiden. Das freut uns extrem.

CARSTEN KELBER: Die Nische wird immer größer, weil die Marke, die mittlerweile komplett etabliert ist, uns das erlaubt. Da half auch das bestehende Format bei der Akquise, weil wir etwas hinlegen und sagen konnten: 'Das ist die Temperatur, so schmerzhaft wird der Humor stellenweise sein.' Aber auch der Raum, den es von Senderseite her gibt, ist entscheidend. Es gab keinerlei "Kopfscheren", was sich als Segen herausstellte. Bei solch einem Format geht es aber auch eigentlich gar nicht anders.

CHRISTIAN ULMEN: Da haben wir großes Glück mit unserer Redaktion, die sich darauf einlässt: Ja, wir wissen noch nicht, was die Kollegen da improvisieren und welche Sätze gesprochen werden. Sich auf ein Projekt einzulassen, das im Vorfeld mit so vielen Unbekannten spielt und dessen Schnitt ob der improvisierten Takes kaum Alternativen bereithält, das erfordert Mut. Und den hatten für "jerks." nur ProSieben und Joyn.

"jerks." genießt ja eine Art Ausnahmestellung vor allem auch unter jüngeren Zuschauerinnen und Zuschauern und Skeptikern, die immer schon mit deutschen Formaten gefremdelt haben, aber Ihre Serie mögen. Wie haben Sie diesen Status erreicht?

CHRISTIAN ULMEN: Was wir in guten Momenten hinbekommen und was mich dann immer erfüllt, ist, einen Klang erzeugt zu haben, der nicht nach Drehbuch klingt - und deshalb anders als die meisten deutschen Filmproduktionen ist. Nichts gegen großartig choreografierte Dialoge und geschliffene Texte toller Autoren. Doch je virtuoser geschrieben ein Dialog ist, desto künstlicher wirkt er auf mich. Ich habe beinahe eine Obsession entwickelt, was natürlich anmutende Sprache betrifft. Bei uns sprechen die Schauspieler durcheinander, die Worte finden sie im Stegreif. Es gibt keine Adjektivfeuerwerke und keine Rampen zu Pointen. Ich liebe es, in Filmen Leute einfach reden zu hören, so als würden sie dabei gar nicht gefilmt werden. Und wenn es trotz Verzicht auf Wortspiel und Pointe lustig wird, dann ist das immer eine große Erfüllung.

Gerade auch bei der vierten Staffel "jerks." ist es so, als ob man vier großen Jazz-Musikern auf der Bühne zuschaut, die sich auch nicht gegenseitig im Licht stehen, wenn der eine ein Solo ansetzt. Gleichzeitig kommen einem Erzählmotive und Figurenkonstellationen eigenartig vertraut vor. Zudem gibt es einige dramatische Entwicklungen. Wie lange können und wollen Sie das weitererzählen?

CHRISTIAN ULMEN: Unser Mantra war eigentlich immer: Anekdotisch die Geschichte der beiden Protagonisten zu erzählen. Es gibt keine Szene ohne Fahri oder Christian. Die Kamera sieht nichts, was die beiden nicht auch sehen. Wir haben jetzt in der vierten Staffel, weil sich "jerks." auch weiterentwickelt, für ein bis zwei Folgen die Perspektive gewechselt. Da gehen wir bei den Frauen mit. Wir haben einen Todesfall in der Staffel, es geht um Trauer.

CARSTEN KELBER: Die Serie weiter zuzuspitzen, ist gar nicht das erklärte Ziel. Vielmehr, die Figuren weiter zu erzählen und dabei überraschend zu bleiben. Es gibt Folgen, in denen Trauer erzählt wird und sich die Tonalität komplett ändert. Aber die Plots auf Effekt hin zu entwickeln, wurde eigentlich immer vermieden. Einen Kern zu finden und die Situation dann eskalieren zu lassen, wenn es sich ergibt, ist eher das Prinzip. Es ist gar nicht so sehr von der Provokation her gedacht, wie viele vielleicht manchmal denken. Auch das hat sich geändert: Es ist jetzt eine komplett horizontal erzählte Serie.

Hatte Ihr "Tatort"-Ende, Herr Ulmen, auch damit zu tun, dass Sie jetzt noch mehr hinter der Kamera für Ihre gemeinsam gegründete Produktionsfirma Pyjama Pictures aktiv sein werden?

CHRISTIAN ULMEN: Nicht primär damit zu tun, aber auch. Eigentlich war geplant, dass Lessing als Geist weiterhin zu sehen ist und immer mal wieder im inneren Dialog mit Nora Tschirners Figur Kira Dorn Fälle löst. Das fand ich einen guten Plan: Weniger Drehtage, eine tolle Erweiterung und Erneuerung des Weimarer "Tatorts". Aber dann hatte mich Nora so sehr vermisst, dass sie nicht mehr weitermachen wollte. Was ja auch rührend ist.

Woher stammt eigentlich der Name Pyjama Pictures?

CHRISTIAN ULMEN: Das Wort Pyjama klingt einfach wunderschön. Es ist ein edler Begriff, der behaglich wirkt. Carsten hatte den Eindruck, dass es auch erzählt, dass man einfach im Schlafanzug vor dem Fernseher sitzt und unser Zeug guckt.

Was schätzen Sie als Produktionspartner aneinander?

CARSTEN KELBER: Wir haben uns erst durch "jerks." kennengelernt. Es war die übliche reguläre Annäherung darüber, dass wir einen Hauptdarsteller und Showrunner suchten. Dabei haben wir gemerkt, dass wir ähnlich ticken, auch wenn wir aus ganz anderen Bereichen kamen. Das ergab für uns eine gute Ergänzung.

CHRISTIAN ULMEN: Wir hatten auch keine Berührungsängste vor den Feldern, die der andere bereits beackert hatte. Da gab es eine echte Neugierde darauf. Uns eint außerdem Harmoniebedürftigkeit. Wir streiten uns nicht, haben das organisch gewachsene Glück, dass wir dasselbe wollen und häufig auch dasselbe denken.

CARSTEN KELBER: Wir haben auch eine ähnliche Stilistik in der Arbeit, im Umgang mit unseren Kolleginnen und Kollegen. Wir sind uns einig darüber, wie wir mit allen in der Firma zusammenarbeiten wollen. Es gibt auch keine streng aufgeteilten Felder.

CHRISTIAN ULMEN: Das ist dann intuitiv bei uns. Manchmal entwickelt sich, dass der eine mehr an einem Projekt arbeitet und dann allein damit loszieht. Dann gibt es Projekte, wo wir als Produzenten beide gemeinsam darauf schauen. Das ist dann unabgesprochen okay.

CARSTEN KELBER: Außerdem haben wir die Produzentin Ina-Christina Kersten und den Produzenten Joke Kromschröder in der Firma. Die beiden akquirieren auch Projekte. Da gibt es auch keine feste Struktur. Es fällt schon alles ins richtige Kästchen, ist unsere Erfahrung. Gerade spüren wir eine starke Offenheit im Markt. Es ist schön, dass wir uns inhaltlich ausbreiten dürfen.

Sie wollen unterschiedliche Genrefarben mit Ihren Formaten abbilden. Was haben Sie jenseits der Comedy vor?

CARSTEN KELBER: Gerade haben wir eine Sat1-Serie mit dem Arbeitstitel "Nachricht von Mama" abgedreht. Das ist eine Familienserie mit einem wahren Hintergrund, in der es um Trauer und das emotionale Überleben einer Familie geht, nachdem sie die Mutter an den Krebs verloren hat. Für einen großen Streamer haben wir eine Comedy produziert, die sich nun in der Post befindet. Mit dem NDR entwickeln wir ein schönes Nachwuchsprojekt.

Der Sender Sat.1 besitzt eine große Fiction-Vergangenheit. Die größten Quotenerfolge sind aber auch schon ein bisschen her. Leisten Sie jetzt mit Ihrem Format die Vorarbeit, diese Tradition wieder aufzubauen?

CARSTEN KELBER: Die Fiction wird in Unterföhring gerade neu strukturiert. Wir führen zur Zeit intensive Gespräche mit den Kolleg*innen dort über das, was jetzt kommen soll. Neben "Nachricht von Mama" hat Sat.1 gemeinsam mit Joyn die Serie "Blackout" in der Pipeline. Zusammen bilden wir ein bisschen die Vorhut für den nächsten Fiction-Schwung. Das fühlt sich gar nicht schlecht an!

Das Interview führte Michael Müller