Kino

KOMMENTAR: It's the Window, Stupid!?

28 Monate sind vergangen, seit sich die US-Kinobetreiber zuletzt zu ihrer jährlichen Convention in Las Vegas treffen konnten. Die Töne sind kämpferisch und versöhnlich zugleich. Das Fenster steht im Mittelpunkt, aber noch mehr das Geschäft, das zu alter Stärke zurückfinden soll.

26.08.2021 07:23 • von Jochen Müller
Ulrich Höcherl, Chefredakteur (Bild: Blickpunkt:Film)

28 Monate sind vergangen, seit sich die US-Kinobetreiber zuletzt zu ihrer jährlichen Convention in Las Vegas treffen konnten. Die Töne sind kämpferisch und versöhnlich zugleich. Das Fenster steht im Mittelpunkt, aber noch mehr das Geschäft, das zu alter Stärke zurückfinden soll. Auch wenn die großen Kinoketten mit Hundertschaften angereist sind, Starauftrieb und Studiopräsenz halten dem Vergleich mit früheren Jahren nicht stand. Viel hat sich verändert in den Monaten der Pandemie. Und während MPA-Chef Rivkin vor allem die gemeinsame Stärke beschwört, mit der es gelingen wird, den Kinobesuch wieder in vergangene Höhen zu führen, pocht NATO-Chef Fithian auf ein exklusives Auswertungsfenster, ohne das sich große Kinofilme für niemanden zufriedenstellend im Markt behaupten könnten. "Day-and-Date-Starts funktionieren nicht!", war seine Botschaft.

Sony-Boss Rothman, von dem Studio, das auf Sicht kein eigenes Streamingportal launchen wird, sprang ihm mit seinem flapsigen "It's the window, stupid!" auch gleich bei und nutzte die Gelegenheit, um sich als erste Adresse für alle Filmemacher, die auf die große Leinwand zielen, auszuweisen. Gleichzeitig wurden die Gefahren der Piraterie beschworen, die nun perfekte Vorlagen auf den Plattformen finden kann, um damit mehr Konsumenten zu bedienen als etwa Black Widow" im Kino oder auf Disney+ erreicht hat. So ganz geben es die Zahlen noch nicht her, wie sich Day-and-Date-Starts auswirken. Zumindest in Nordamerika hat "Black Widow" im Kino mehr eingespielt als der exklusiv im Kino ausgewertete Fast & Furious 9", wenn auch weniger als alle großen MCU-Filme.

Hierzulande sieht es anders aus, weil der Film vielfach nicht zum Einsatz kam. Und man darf rätseln, ob die Kinos bewusst auf den Umsatz mit einer Mio. potenziellen Besuchern mehr verzichtet haben. Das Fenster bleibt solange Glaubenssache bis dazu vernünftige Zahlen vorliegen. Auf der CinemaCon jedenfalls versicherte auch Day-and-Date-Vorreiter Warner, dass ab 2022 ein Window von 45 Tagen eingeräumt wird. Das ist keine Versicherung dagegen, dass Kinofilme sofort an Plattformen gehen, ohne die Möglichkeit sie auf der Leinwand zu zeigen, wie das übrigens auch Rothmans Sony exerziert hat.

Der Zeitpunkt mag Zufall sein, aber während die Kinobetreiber Zuversicht in Las Vegas tanken, versucht die PR von Netflix zu zeigen, wo der Hammer hängt. Nicht nur einen Film pro Woche, sondern 40 bis zum Jahresende, doppelt so viel wie die Jahresproduktion eines Studios, wird der Streamer starten. Dabei ist jeder Kinostar von Rang und Namen, von Gal Gadot bis Leonardo DiCaprio. Auch für einige dieser Filme gibt es vorab einen exklusiven, wenn auch kurzen Kinovorlauf. Die Welt hat sich unabhängig von allen Beschwörungen in der Pandemie weiter gedreht. Das heißt nicht, dass das Kino nicht doch nach Covid19 ein neues Goldenes Zeitalter erlebt.

Ulrich Höcherl, Chefredakteur