Produktion

Detlev Buck: "Ich mag es, wenn Projekte sich einfach ergeben"

Detlev Bucks "Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull" startet heute in den Kinos. Wir sprachen mit dem Regisseur, der seit 2020 vier Filme realisiert(e), über die besondere Sprache der Thomas-Mann-Adaption und die Leichtigkeit und manchmal auch Schwere des Filmemachens.

02.09.2021 07:31 • von Heike Angermaier
Detlev Buck (Bild: Warner)

Detlev Bucks Thomas Mann-Neuverfilmung Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull" startet am 2. September in den deutschen Kinos. Wir sprachen mit dem Regisseur, der seit 2020 vier Filme realisiert(e), über die besondere Sprache der Thomas-Mann-Adaption und die Leichtigkeit und manchmal auch Schwere des Filmemachens.

Auffällig bei Ihrer Neuverfilmung ist die fürs Kinopublikum ungewohnte, literarische Sprache. Warum haben Sie entschieden, sie in den Film zu übernehmen?

DETLEV BUCK: Man kann die sehr präzise Sprache eines Thomas-Mann-Romanes nicht einfach ignorieren. Sie ist integraler Bestandteil seines Werkes, von dem man ja nicht behaupten kann, dass es Story driven und voller Plotpoints ist. Roman und Film ist neben einer Komödie vor allem eine philosophische Betrachtung des Lebens. Und Daniel Kehlmann, der das Drehbuch schrieb und ein ausgemachter Fan von Thomas Mann und seiner Sprache ist, wollte sie bzw. deren Stil beibehalten. Es war nach Die Vermessung der Welt" wieder sehr schön, mit ihm zu arbeiten.

Wie sah Ihre Zusammenarbeit aus?

DETLEV BUCK: Wir überlegten gemeinsam die Struktur und wie wir den Roman verdichten. Wir entschlossen uns zum Beispiel, Nicholas Ofczareks Figur des Stanko anders als im Roman als Antagonist anzulegen. Er hat mafiöse Strukturen im Hotel aufgebaut, setzt Krull unter Druck. Ich sagte Nickie, dass Stanko Krull hasst, weil der seine Machtposition untergraben könnte. So entsteht szenische Spannung. Und aus dem Charakter und der Situation ergibt sich der Dialog.

Wie entscheiden Sie, welche Spielart der Komik Sie einsetzen? Zu Anfang ist etwa Slapstick zu sehen, wenn David Kross' Marquis stolpert.

DETLEV BUCK: David Kross fängt die Figur toll ein, als ein Aristokrat, der dem Ideal des Vaters entsprechen muss, nie so etwas wie Liebe erfahren hat, und mit Zaza einer Frau begegnet, über die er sagt, "bei ihr kann ich ich sein". Und er ist so aufgeregt, dass er nicht weiß, wohin er seine Füße setzt. Tatsächlich sollte er zuerst in der Drehtür des Hotels stecken bleiben, das ließ sich technisch aber nicht umsetzen. Ich finde, die Szene ist auch kein Lacher, es ist ein Missgeschick. Komisch dagegen ist für mich, wenn der Marquis von Krull gefragt wird, was ihn denn daran hindere, mit Zaza auf Reisen zu gehen, und er aufspringt und "mein Vater" ruft.

Sie haben neben den erwähnten David Kross und Nicholas Ofczarek eine tolle Besetzung gefunden, mit der Sie teils wie mit Kross bereits mehrfach zusammengearbeitet haben. Haben Sie sie mit an Bord geholt?

DETLEV BUCK: Nein. Wir haben das erst im Laufe des Casting entschieden. Liv Lisa Fries haben wir gesagt, ihre Figur Zaza sei nicht zerbrechlich, sondern widerstandsfähig wie Unkraut. Sie hat sie dann ganz frei gespielt und zusammen mit Jannis Niewöhner als Krull hat es sehr gut gepasst. Er war der erste, der bei der Besetzung feststand.

Mit Kameramann Marc Achenbach arbeiten Sie sehr regelmäßig.

DETLEV BUCK: Da gibt es keine Regel. Bei Wir können nicht anders", den ich noch vor "Krull" drehen musste, weil er eine Art Weihnachtsgeschichte erzählt, die im Herbst bzw. Winter gedreht werden musste, war er zum Beispiel nicht dabei, weil er "Krull" vorbereitet hat. Fred Zinnemann sagte mir mal: "Jeder Kameramann hat seine Vor- und Nachteile", bei "Krull" war Marcs Vorteil, dass er wahnsinnig viel Lust auf den Film und eine genaue Vorstellung von ihm hatte.

Die Musik passt perfekt. Was haben Sie mit Helmut Zerlett abgesprochen?

DETLEV BUCK: Die Musik sollte mit der Leichtigkeit von Mozart beginnen, der ja auch in gewisser Weise ein Hochstapler war, und geht dann später ins Schwere, in den Moll-Bereich über.

Die Dreharbeiten wurden wegen des Lockdowns unterbrochen. Wie war das für Sie? Mussten Sie viel umarbeiten?

DETLEV BUCK: Viele Locations sind weggebrochen und eine Schauspielerin ist ausgefallen. Schwieriger war, nach zweieinhalb Monaten Unterbrechung wieder anzuknüpfen, wach zu sein. Das war so als ob ein Boxer nach zwei Runden "stopp, mach' mal eine Pause, setz dich, iss, trink" gesagt bekommt und dann plötzlich wieder "box". Man muss sich erst wieder fit machen, etwa indem wir das geschnittene Material noch einmal gesichtet haben. Es war wie ein doppelter Anlauf.

Sie haben im letzten Jahr "Krull" und "Wir können nicht anders" realisiert und in diesem Jahr drehen Sie nach einem "Tatort" im Frühjahr aktuell den neuen "Bibi & Tina"-Film. Wie machen Sie das?

DETLEV BUCK: Es ergibt sich. Wenn man einen Ball zugespielt bekommt, dann nimmt man ihn an, spielt ihn. Denn Filme anzuschieben, kostet so viel mehr Kraft und Zeit als sie einfach zu machen.

Was reizte Sie, Ihren ersten "Tatort" in Angriff zu nehmen?

DETLEV BUCK: Mich interessierte die Geschichte, der Mythos des Hamburger Hotel Atlantic. "Krull" ist ja auch eine Hotel-Geschichte. Ich sagte Maria Furtwängler, die auch das Drehbuch mitentwickelte und koproduziert, dass ich mir vorstellen könnte, die Regie zu übernehmen, wenn wir gleich drehen würden. Was wir auch taten. Mit Jens Harzer und Anne Ratte-Polle im Cast wurde dann ein so besonderes Projekt daraus, dass ich dabei sein wollte. Bei der Musik haben wir ein bisschen gespielt, quasi die klassische von Wilhelm Furtwängler gegen die von Udo Lindenberg antreten lassen. Ich genoss auch die Arbeit mit Kamerafrau Bella Halben. Wie gesagt, ich mag es, wenn sich Projekte einfach ergeben.

Bei den "Bibi & Tina"-Filmen sind Sie auch als Produzent mit Boje Buck und Bucket aktiv.

DETLEV BUCK: Ja, jetzt beim neuen Film nur mit Bucket zusammen mit DCM. Als Amazon die Serie nicht fortsetzen wollte, sagte ich mir, "der Cast steht und die Locations auch und ich komprimiere die geplanten Folgen zu einem Kinofilmdrehbuch". Ein Professor sagte mir mal, "es ist eine Sache eine gute Idee zu haben, sie zu Ende zu führen, eine andere". Letzteres mache ich mit dem Kinofilm.

Das heißt nach diesem Film ist für Sie endgültig Schluss mit "Bibi & Tina"?

DETLEV BUCK: Naja. Die Figuren werden weiterleben. Ich schreibe an einem Kinofilm, den ich bald in Angriff nehmen will, der aber viel schwerer sein wird als die "Bibi & Tina"-Filme. Die fallen mir leicht, deswegen mache ich die auch so gerne.

Was ist das Schwere, Schwierige beim neuen Projekt?

DETLEV BUCK: Es geht um deutsche Geschichte, um die Sintizza und Auschwitz-Überlebende Philomena Franz, die heute 99 Jahre alt ist.

Was ist eigentlich der Status von Stasikomödie", in der sie für ihren Freund Leander Haußmann vor der Kamera standen?

DETLEV BUCK: Sie ist fertig soweit ich weiß. Aber sie steht genauso wie jetzt auch "Krull" vor einer schwierigen Kinosituation. Im Moment sieht es nicht so aus, als würden die Menschen sagen, "Kino gehört zu unserem sozialen Leben dazu". Dabei bringt "Krull" eine Leichtigkeit mit, die viele Menschen verloren haben, und erzählt von Themen, die uns heute noch genauso betreffen wie damals, wie der Schere zwischen Arm und Reich, der Entscheidung zwischen Liebe oder Karriere. Dass "Krull" in der Zeit aus der Vorlage spielt, macht auch den Zauber des Filmes aus. Man darf nicht alles krampfhaft modernisieren. Letztlich betrachte ich "Krull" auch als einen Beitrag zum Kulturerhalt.

Die Fragen stellte Heike Angermaier