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Jovan Marjanovic vom Sarajevo Film Festival: "Ein großartiges Comeback!"

Jovan Marjanovic, langjähriger Leiter der Industry-Schiene des Sarajevo Film Festival, unterstützt Festivalgründer Mirsad Purivatra seit diesem Jahr als Co-Director. Hier zieht er Bilanz der 27. Festivalausgabe, die am 20. August beendet wurde, und spricht über die Herausforderungen.

24.08.2021 07:26 • von Barbara Schuster
Jovan Marjanovic (links) mit Mirsad Purivatra (Bild: Sarajevo Film Festival)

Jovan Marjanovic, langjähriger Leiter der Industry-Schiene des Sarajevo Film Festival, unterstützt Festivalgründer Mirsad Purivatra seit diesem Jahr als Co-Director. Hier zieht er Bilanz der 27. Festivalausgabe, die am 20. August beendet wurde, und spricht über die Herausforderungen.

Wie fällt Ihr Resümee des 27. Sarajevo Film Festival aus?

Es war ein großartiges Comeback! 2020 haben wir gesehen, dass Online-Screenings und Angebote über Plattformen zwar einen zusätzlichen Wert schaffen können, wenn ein Festival nicht in gewohnter Weise als physischer Event durchführbar ist, dass Festivals dann aber auch nicht ihre eigentliche Kraft entfalten können. Dieses Jahr haben wir genau das wieder erlebt: Das Publikum war zurück im Kino, Filmemacher konnten ihre Werke vor Ort präsentieren, die Industrie aus aller Herren Länder war angereist für Meetings und Screenings. Das Kino war wieder da, das Leben auf Sarajevos Straßen war da!

2020 stellte Filmfestivals weltweit vor eine große Herausforderung. Das Sarajevo Film Festival konnte immerhin in hybrider Form stattfinden. Inwiefern halfen Ihnen die letztjährigen Erfahrungen bei der diesjährigen Planung?

Das letzte Jahr hat uns in der Tat viel gelehrt. Für die diesjährige Ausgabe waren wir bestens gerüstet und auf alle Eventualitäten vorbereitet: Für ein allumfassendes Live-Event vor Ort, ein reines Online-Festival oder eine Mischung aus beidem. Die Filme haben wir von Anfang an für physische Screenings vor Ort und Online-Streams gebucht. Mit den Sponsoren, Versicherungen und Dienstleistern haben wir Covid-Klauseln verabredet, in denen festgelegt wurde, was in Covid-bedingten Szenarios passieren würde. Im späten Juli fühlten wir uns bei einer sehr niedrigen Zahl von Corona-Infektionen sehr sicher. Die lokale Administration arbeitete ein detailliertes Regelwerk aus, unter welchen Umständen das Festival bei reduzierter Platzauslastung stattfinden könnte. Dazu gehörten klare Parameter, was passieren würde, wenn die Inzidenzwerte wieder hochgingen. Es war beileibe kein einfaches Jahr, aber jetzt sind wir sehr zufrieden mit dem, was wir auf die Beine stellen konnten.

Gab es gewisse Elemente, die 2020 nicht umgesetzt werden konnten und die sie jetzt nachgeholt haben?

Das Talents Sarajevo Programm hieß die Generation der Jahrgänge 2020 und 2021 willkommen. Es war wunderbar, so viele aufstrebende Filmemacher an einem Ort begrüßen zu können. Das trug sehr zur allgemeinen cinephilen Atmosphäre bei den Q&As nach den Filmen und bei den Masterclasses bei. Außerdem hat uns sehr gefreut, dass wir den letztjährigen Gewinner des Ehrenherzen von Sarajevo dieses Jahr als Gast bei uns hatten, Michel Franco.

Was sehen Sie als Highlights des Jahrgangs 2021 an?

Es war zunächst einmal ein herausragendes Jahr für unsere Wettbewerbssektionen. Wir sind zuversichtlich, dass viele der in Sarajevo gezeigten Filme eine große Rolle im internationalen Festival-Circuit spielen werden. Beim Eröffnungsfilm und Abschlussfilm handelte es sich um Weltpremieren lokaler Produktionen, die großartig beim Publikum ankamen. Ein gutes Zeichen, was ihre kommerzielle Auswertung im bosnischen Kino anbetrifft. Und schließlich starteten unsere neuen jährlichen Preise für High-End-Fernsehserien aus dem ehemaligen Jugoslawien durch, die von einer großen Gruppe von Film- und Fernsehprofis aus der Gegend gewählt werden. Diese Gruppe bildet nun auch den Kern der allerersten professionellen Akademie in der Region, ganz nach dem Vorbild von BAFTA in Großbritannien oder AMPAS in den USA.

Hat Corona das Festival nachhaltig verändert?

Ich gehe davon aus, dass viele der Pandemieprotokolle die nächsten paar Jahre bei uns bleiben werden - aber hoffentlich nicht zu lang. Das Sarajevo Film Festival hat in diesem Jahr einige hybride Aspekte etabliert, die wir vielleicht beibehalten werden. 90 Prozent unseres Programms war beispielsweise on-demand abrufbar, womit Landsleute auch außerhalb von Sarajewo die Filme sehen konnten. Das war klasse. Es kann aber gut sein, dass es zu kostspielig ist, dieses Angebot auf Dauer einzurichten. Die Screening-Fees sind spürbar höher geworden. Und die Premiere-Regeln werden von verschiedenen Festivals und Rechteinhabern in verschiedenen Ländern jeweils anders interpretiert. Es gibt also noch viel zu tun, bevor so etwas ein Standard werden kann. Unsere Industry-Schiene war in diesem Jahr ein hybrides Angebot. Viele der regulären Marktaktivitäten konnten online abgewickelt werden. Das könnte eine Dauereinrichtung werden, weil man Kosten sparen kann und das Angebot definitiv grüner ist, als wenn man Leute vor Ort zusammenbringt.

Barbara Schuster