Kino

FFA-Halbjahresbilanz: Noch einmal gruseln...

Erneut strotzt eine Kinomarktbilanz nur so vor Horrorzahlen. Und bietet dabei doch erneut einen kleinen Lichtblick: Denn die Auswirkungen auf den Kinobestand halten sich in Grenzen.

23.08.2021 11:17 • von Marc Mensch
Welcher Film mit (in)offiziellem Start vor dem 1. Juli der erfolgreichste war, behält die FFA einstweilen für sich - "Nomadland" zählt aber jedenfalls zu den Neustarts, die tatsächlich im ersten Halbjahr zahlreiche Besucher anzogen (Bild: Walt Disney)

Die offizielle FFA-Bilanz des ersten Kinohalbjahres mag vor dem Hintergrund der besonderen Umstände eher den Charakter eines besseren Handzettels haben - zumindest passt sie auf bescheidene drei pdf-Seiten. Und doch bietet sie mehr als genug Zahlen, die auf den ersten Blick klar machen, was für ein katastrophaler Zeitraum hinter den deutschen Kinos liegt. Dass alleine im Oktober 2020 - dem einzigen Monat des vierten Quartals, in dem die deutschen Kinos nicht zwangsgeschlossen waren - knapp fünf Mal so viele Tickets verkauft würden wie in den ersten sechs Monaten des laufenden Jahres zusammengenommen: Das hätten sich im Herbst vermutlich nicht einmal die allergrößten Pessimisten träumen lassen, ganz gleich, für wie lächerlich man die Ankündigung eines kurzzeitigen "Wellenbrecher-Lockdowns" schon damals hielt...

Mit gerade einmal rund 0,8 Mio. verkauften Tickets fiel das gesamte erste Halbjahr 2021 noch unter das Niveau von Juni 2020, als binnen 30 Tagen (bei weitgehend geschlossener Kinolandschaft) laut FFA wenigstens noch gut 845.000 Besucher vor den Leinwänden begrüßt werden konnten. Indes ist es vielleicht vor allem eine Zahl, die besonders ins Auge sticht und klar macht, was der mehr als ein halbes Jahr dauernde Lockdown für die deutschen Kinobetriebe tatsächlich bedeutete: Im Schnitt wurde zwischen Januar und Juni auf jedem Kinosessel nur einmal Platz genommen. Ein einziges Mal.

Nun kommt man an dieser Stelle nicht ganz um den Hinweis herum, dass die Branche es durchaus in der Hand gehabt hätte, zumindest kosmetische Korrekturen an solchen Horrorzahlen vorzunehmen, hätte sich nicht der absolute Löwenanteil der Kinos entschieden, nicht zuletzt in der Hoffnung auf bessere, auf wirtschaftlichere Rahmenbedingungen mit der Öffnung bis zum 1. Juli zu warten, während (auch abseits von Modellprojekten) allererste Häuser schon wieder im Mai geöffnet hatten. Unter Bedingungen, die in manchen Bundesländern spätestens ab Juni nicht signifikant schlechter waren als jene, mit denen man in den ersten Wochen der "bundesweiten Wiedereröffnung" dann tatsächlich arbeiten musste... Aber gut, im Nachhinein über die richtige Strategie zu grübeln, ist auch in Anbetracht der Enttäuschung über teils womöglich nur schwerlich nachvollziehbare Auflagen müßig.

Zumal man schließlich auch klar feststellen muss: Der bundesweite Re-Start hat ganz eindeutig geklappt und zumindest bis Mitte August schon einmal für Zahlen gesorgt, mit denen man in Anbetracht der Umstände zufrieden sein kann. Ob frühere Öffnungen und eine damit verbundene Entzerrung des tatsächlich sehr dicht gepackten Programms unter dem Strich noch bessere Gesamtzahlen ermöglicht hätten? Einiges spricht dafür, es bleibt aber letzten Endes Spekulation.

Müßig ist es dann auch generell, die miserablen Zahlen, die die FFA nun präsentiert hat, großartig zu zerpflücken. Ohne Spielbetrieb keine Besucher. Punkt. Und doch gibt es natürlich einen Aspekt, der von besonderem Interesse ist, der die genauere Betrachtung lohnt - und der der Bilanz am Ende tatsächlich noch den Hauch eines positiven Anstrichs gibt. Die Rede ist natürlich von der Entwicklung des Kinobestands.

Daran, dass dieser im Halbjahresvergleich abgenommen haben würde, gab es selbstverständlich schon im Vorfeld keinen Zweifel, hatten einige Kinos doch bereits im Verlauf des zweiten Halbjahres 2020 den Betrieb dauerhaft eingestellt - wobei die Pandemie in den meisten Fällen tatsächlich bestenfalls ein letzter Tropfen auf das sprichwörtlich übervolle Fass war (siehe hierzu auch unsere Analyse der FFA-Jahresbilanz 2020). Interessanter ist der Vergleich des Status Quo Ende Juni 2021 mit jenem zum Jahreswechsel - und dies natürlich insbesondere deshalb, weil die Aussetzung der Insolvenzantragspflicht zum 30. April dieses Jahres endete. Knapp auf den Punkt gebracht lässt sich sagen: Die Auswirkungen der Pandemie halten sich weiterhin (noch) in Grenzen, auch wenn natürlich jede verlorene Leinwand auf ihre Art bedauerlich ist.

Unter dem Strich gingen laut Erhebungen der FFA zwischen dem 1. Januar und dem 30. Juni dieses Jahres (weitere) vier Kinounternehmen, zwölf Spielstätten und 34 Leinwände verloren. Das ist nicht wenig. Das ist schmerzhaft. Das ist in manchem Fall ein unwiederbringlicher Verlust. Aber es ist doch ein geringerer Schlag als man hätte befürchten können - und als es womöglich viele Betreiber selbst befürchteten, während sie auf die angekündigten Hilfen warteten. Was die extrem knappe FFA-Bilanz leider vermissen lässt (dass sie diesmal ohne jegliche Betrachtung zu den Filmen auskommt, kann man in Anbetracht der bekannten Comscore-Zahlen wohl verschmerzen), ist eine genauere Betrachtung, welche Kinotypen es in welcher Weise getroffen hat - was in gewisser Weise auch Rückschlüsse darauf zuließe, wo Hilfen durch Bund, Länder und Förderinstitutionen die größten Lücken aufwiesen. Nun, man darf hoffen, dass dies seitens der FFA zum Jahresende (sprich: im Februar 2022) noch nachgeholt wird.

Einschränken muss man selbstverständlich, dass es sich beim Blick auf die Entwicklung des Kinobestandes um eine Momentaufnahme handelt und man nicht zuletzt angesichts weiterhin unwirtschaftlicher Rahmenbedingungen (und auch weiter drohender Startverschiebungen und -absagen) das kritische Marktumfeld längst noch nicht verlassen hat. Tatsächlich gab es schon im Juli vereinzelte neue Berichte über Kinoaufgaben bzw. wenigstens extrem unsichere Zukunftsperspektiven. So verkündete etwa der (englische) Betreiber des "The Light Cinema" in Halle just parallel zur bundesweiten Wiedereröffnung des Kinomarkts das endgültige Ende für das Haus - und auch auf eine Wiedereröffnung der Filmpassage Osnabrück wird man wohl vergeblich warten. Immerhin: Anfang August wurde tatsächlich wieder einmal ein Kino neu eröffnet. Mit nur fünf Sälen ist das Cineradoplex Freising zwar kein Multiplex (auch wenn es der Betreiber als solches bezeichnet) - aber immerhin.

Insofern und nicht zuletzt in Anbetracht der doch erfreulichen Zahlen, die seit Beginn des ersten Halbjahres geschrieben wurden, schließen wir uns gerne der optimistischen Interpretation von FFA-Vorstand Peter Dinges an, der anlässlich der Bekanntgabe der Zahlen erklärte: "Natürlich sind die Kinos noch längst nicht über den Berg, auch können durch die gesetzliche Aussetzung der Insolvenzantragspflicht bis Ende April 2021 noch Ausfälle bekannt werden. Insgesamt aber scheinen die Kinos in ihrer Gesamtheit bis jetzt relativ unbeschadet durch die zuletzt siebenmonatige Schließungszeit gekommen zu sein. Es tut gut zu sehen, dass die Maßnahmen und Hilfsprogramme des Bundes, der FFA und der Länder gewirkt haben, so dass wir jetzt, bei wieder geöffneten Kinos, sagen können: Das Kino lebt."