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Umut Dag: "Es war eine doppelte Herausforderung"

Mit den Drehbüchern von Agnes Pluch hat der Regisseur Umut Dag ein erstes großes Fiction-Highlight der Herbstsaison gedreht. Er spricht darüber, wie er sich bei der ZDFneo/ORF-Miniserie "Am Anschlag - Die Macht der Kränkung" über einen Amoklauf neu herausforderte.

20.08.2021 08:52 • von Michael Müller
Umut Dag hat schon Murathan Muslu mit seinem zweiten Film "Risse im Beton" mit entdeckt, zwei "Tatorte" gedreht und wurde für den Grimme-Preis nominiert (Bild: Miriam Reither)

Mit den Drehbüchern von Agnes Pluch hat der Regisseur Umut Dag ein erstes großes Fiction-Highlight der Herbstsaison gedreht. Er spricht darüber, wie er sich bei der ZDFneo/ORF-Miniserie "Am Anschlag - Die Macht der Kränkung", die aus unterschiedlichen Perspektiven einen Amoklauf in einem Einkaufszentrum erzählt, neu herausforderte. "Am Anschlag" startet am heutigen 20. August in der ZDF-Mediathek, auf ZDFneo läuft die Miniserie linear ab dem 24. August.

Was reizte Sie als Regisseur an den Drehbüchern zu "Am Anschlag - Die Macht der Kränkung" von Agnes Pluch?

UMUT DAG: Ich fand das Projekt extrem mutig, weil man im deutschsprachigen Raum eher gewohnt ist, aus der Krimi-Richtung zu kommen und mehr mit "Bigger Than Life"-Effekt arbeitet. Bei Agnes Pluch war alles so geerdet. Es waren Menschen wie wir alle, die in ihrem Alltag mit Dingen konfrontiert sind, die wir als Zuschauerinnen und Zuschauer nachvollziehen können. Und diese Dinge bringen die Protagonistinnen und Protagonisten an den Rand des Ertragbaren. Die Alltäglichkeit hat mich fasziniert: Wie man auf diesem Level eine Spannung hochhalten und erzählen kann, ohne effekthascherisch zu werden. Wenn man wie ich in den vergangenen Jahren so viel Fernsehen gemacht hat, besteht immer die Gefahr, in eine Komfortzone zu geraten. Man weiß, wie es läuft, hat seine Drehtage und das Drehbuch und glaubt zu wissen wie man einen guten Film machen kann. Da ist die große Gefahr, sich in diesem Hamsterrad zu befinden, wo irgendwann vergessen wird, warum man so lange und hart dafür gekämpft hat, überhaupt diesen Beruf ausüben zu dürfen. Das habe ich bei diesem Projekt jetzt wieder gespürt, dass ich Dinge anders machen muss. Ich musste mich und meine Arbeitsweise nochmal herausfordern. Ein größeres Geschenk kann man nicht bekommen.

In welchen Aspekten haben Sie sich hier neu herausfordern können?

UMUT DAG: Ich wusste, dass wir bei "Am Anschlag" sehr frei mit der Kamera arbeiten werden. Das kannte ich schon, weil ich in meinen Anfangsjahren im Fernsehbereich Serien und Filme drehte, wo wir ähnlich frei arbeiteten. Ich wollte nicht in die Falle tappen, mich sicher zu fühlen, nur weil ich so etwas schon gedreht habe. Deswegen habe ich versucht, in dieser Arbeitsweise eine Präzision hereinzubekommen, so dass es keine Zufälligkeiten gibt. Dass es in dieser Freiheit trotzdem eine Absicht steckt, mit der man das Zuschauerauge lenken kann. Wir haben viel Zeit und Energie in den Look investiert, wie unser Projekt aussehen soll. Bei einer so freien Arbeit, wo man eigentlich überall hinschauen kann, ist es schwer, einen Look zu kreieren, der trotzdem eine Wertigkeit und Präzision hat. Das waren genau die Herausforderungen, die wir versucht haben, mit Kamera, Szenenbild und Kostüm zu setzen.

Alle Protagonistinnen und Protagonisten in "Am Anschlag" erfahren Kränkungen. Am Ende steht ein Amoklauf in einem Einkaufszentrum. Wie haben Sie es hinbekommen, das Publikum an den Gefühlen der Figuren teilhaben zu lassen?

UMUT DAG: Auch das war ein Teil der angesprochenen Herausforderung. Wie kann ich in diese Menschen hineinschauen. Besonders, wenn die Dialoge schon so toll sind und für sich sprechen. Meine Aufgabe war es, das weiter zu unterstützen. Wir haben zum Beispiel bewusst auf totale Einstellungen verzichtet. Unsere Totalen waren die supernahen Einstellungen auf die Augen. Wir wollten noch näher gehen, anstatt weg zu gehen und den Raum zu etablieren. Wir sind so nah an den Figuren, dass wir versuchen, in sie hineinzublicken. Die Protagonisten schauen uns auch an. In der Hoffnung, dass man durch die Augen auch hinter die Augen in die Seele schauen kann. Das klappt natürlich nur mit einer Besetzung, die das auch zulässt und eine Offenheit mitbringt, die mich als Regisseur und das Publikum einlädt, in sie hinein zu fühlen.

Sie haben in Ihrem Cast unter anderem Murathan Muslu, mit dem sie Ihren Durchbruch "Risse im Beton" gemeinsam feierten. Dann ist da aber auch eine Julia Koschitz, die ich lange nicht mehr so mitreißend sah wie hier.

UMUT DAG: Der ganze Casting-Prozess war spannend. Ich habe mit Murathan Muslu viel gearbeitet, meinen First-Steps-Film mit ihm gedreht und ihn in meinem ersten Kinofilm besetzt. Ich habe ihm zusammen mit Petra Ladinigg die Rolle in "Risse im Beton" auf den Leib geschrieben. Wir kennen uns also sehr gut. Ich freue mich immer, wenn ich höre, was er für tolle Projekte dreht. "Am Anschlag" zeigt als Projekt, wie weit Murathan gekommen ist. Denn hier war er als Star bereits gesetzt und sie suchten noch die Regie und fragten dann mich, ohne direkt auf dem Schirm zu haben, welche enge Verbindung es da doch gibt. Sie sagten zu mir: Die Besetzung ist noch offen, wir können in alle Richtungen casten, nur Murathan ist schon fix. Das fand ich amüsant, eine Ironie des Schicksals, wie sich hier alles so schön fügte. Beim Casting haben wir dann nach den richtigen Schauspieler*innen für die Figuren geschaut. Natürlich braucht es auch Stars, von denen der Sender hofft, dass sie das Publikum anziehen. Aber nichtsdestotrotz gibt es einen Pool an Menschen, die nahe an der Figur sind. Ich war froh über die Zusammenarbeit mit allen. Julia Koschitz kannte ich vorher nicht persönlich. Aber es hat mich beeindruckt, mit welcher Akribie und Präzision sie an die Arbeit heran gegangen ist. Wir haben mit allen Haupt- und Neben-Protagonist*innen vorab intensiv geprobt, um die Beziehung zwischen den Figuren genau zu erarbeiten. Ich fand es bei Julia sehr mutig, wie sie sich als Publikumsliebling in dieser Figur nochmal ganz anders und auch unsympathisch zeigt. Das war eine Form von Professionalität, die ich sehr respektiere und bewundere. Da sind Szenen, Blicke und Aktionen in der Figur, wo man schon denkt: Das kann die doch jetzt nicht machen! Gerade in der Beziehung zu ihrer Assistentin.

Das Schöne an den einzelnen Episoden erscheint mir, dass es zwar immer eine Figur im Zentrum gibt, die anderen eingeführten und lieb gewonnenen Figuren aber weiter Platz zum Glänzen haben.

UMUT DAG: Die Drehbücher waren von Anfang an sehr dicht und stark konzipiert. Es war immer eine Herausforderung, die Balance zwischen den Figuren zu halten und dass man trotz der Konzentration auf eine Figur die anderen Stränge nicht aus den Augen verliert. Es war schon toll, diese Drehbücher das erste Mal zu lesen.

Und das Einkaufszentrum, in dem der Amoklauf passiert, ist bewusst vage gehalten?

UMUT DAG: Genau, wir wollten es bewusst anonym halten. Es kann jede mittelgroße deutschsprachige Stadt sein. Auch um nicht in die Verlegenheit zu kommen, an Taten gemessen zu werden, die wirklich in der Realität passiert sind. Außerdem wollten wir den Fokus auf die Menschen unserer Geschichte legen.

Bei Ihrer letzten internationalen Miniserie "Vienna Blood" haben sie viel, aber nicht alles gedreht. Bei "Am Anschlag - Die Macht der Kränkung" saßen Sie bei allen Episoden im Regiestuhl. War das logistisch noch etwas anstrengender?

UMUT DAG: Hier war auf jeden Fall der große Vorteil, dass man von Anfang an alles zusammen konzipieren und planen konnte. Ich bin seit fast eineinhalb Jahren mit diesem Projekt beschäftigt. Der erste Lockdown kam genau in der Vorbereitung der Miniserie. Zuerst haben wir das Ganze um ein paar Monate geschoben. Gefühlt haben wir drei, vier Lockdowns während des Drehs und der Postproduktion erlebt. Auf dieser Ebene war es bereits eine riesige Herausforderung. Das kam noch obendrauf auf die Tatsache, dass wir eine Serie mit sechs Episoden drehten und diese alle in der Drehzeit unterzubringen hatten. Es war also eine doppelte Herausforderung. Aber ich habe mich toll aufgehoben gefühlt, weil ich immer das Gefühl hatte, dass alle Abteilungen am gleichen Strang ziehen.

Haben Sie Änderungen vorgenommen, damit es in der Pandemie leichter zu filmen gewesen wäre?

UMUT DAG: Wir haben lange darüber nachgedacht, aber es ging nicht. Wir wussten: Die Tat wird in einem Einkaufszentrum stattfinden. Und das war dann schon die große Frage, wie wir ein Einkaufszentrum in der Pandemie drehen. Wir wollten gleichzeitig die Pandemie nicht mit Masken mit erzählen. Es war klar, dass wir das nicht ändern können, weil dafür auch die Drehbücher zu weit in der Entwicklung waren. Das wäre dann zu sehr über das Knie gebrochen gewesen. Es war eine bewusste Entscheidung von allen, das Risiko einzugehen, dass wir dann zum Beispiel genügend Komparsen haben, damit die Geschichte realistisch erzählt werden kann. Es war eine große Herausforderung für die Produktion, die das Ganze organisiert hat. Das hat die Mona-Film unglaublich toll gemacht.

Schaut man sich Ihre Karriere an, wirkt die wie mustergültig geplant: First Steps Award, Berlinale, Grimme-Preis-Nominierung und "Tatort". Sind Sie jetzt eigentlich schon genau da, wo Sie einmal am Anfang Ihrer Karriere hinwollten?

UMUT DAG: Das ist eine gute Frage, weil es impliziert, dass ich einen Karriereplan hatte. In den ersten fünf Jahren meiner Karriere habe ich mich nicht einmal getraut, mich Regisseur zu nennen und mich in einem Atemzug mit Menschen zu nennen, auf die ich hoch geblickt habe, weil das für mich ein mit so viel Ehrfurcht verbundener Beruf war. Einen richtigen Karriereplan gab es daher nicht. Ich wusste, dass ich das als Beruf ausüben und mir Projekte aussuchen will, die einen Anspruch haben und mit denen ich etwas erzählen kann, das mich selbst berührt und emotional bewegt. Aber ich habe nicht auf bestimmte Ziele hingearbeitet. Ich kenne die Branche und das Business und weiß, wie kurzlebig das alles sein kann. Ich weiß ebenso, was es für eine Herausforderung sein kann, das als Beruf auszuüben und damit konstant und planbar eine Familie zu ernähren . Mir war klar: Es wird sowieso schwer genug und ich muss mein Bestes geben und von Projekt zu Projekt schauen.

Sie haben unter anderem bei Peter Patzak und Michael Haneke Regie studiert. Greifen Sie heute noch auf Dinge zurück, die Sie damals gelernt haben?

UMUT DAG: Ja, ich habe von beiden viel gelernt. Es hat mich auch schwer getroffen, als Professor Patzak vor Kurzem verstarb. Er hat mich und meinen Kollegen Hüseyin Tabak, mit dem ich bis heute eng verbunden bin, in die Filmakademie Wien aufgenommen. Von Professor Patzak lernte ich, frei zu sein. Und von Professor Haneke lernte ich, genau zu sein. Es war das Beste aus beiden Welten. Mitgenommen habe ich auf jeden Fall die Genauigkeit in der Arbeit sowie die Verbindung von Inhalt und Form. Was gibt einem das Projekt vor? Wie kann man dem gerecht werden? Zum Beispiel, in dem man die richtigen Bilder, Look und Schauspieler dafür findet. Es ist jedes Mal eine neue Herausforderung. Das macht auch den Reiz dieses Berufs aus.

Nachdem Sie mit "Vienna Blood" und "Am Anschlag" bei den internationalen Koproduktionen Blut geleckt haben: Ist das auch etwas, was Sie in Zukunft weiter reizt?

UMUT DAG: Klar, aber man kann das auch nicht planen. "Vienna Blood" war eine BBC-Koproduktion, die sehr gut in der BBC, aber auch in den USA auf PBS lief. Deswegen habe ich jetzt auch einen englischen Agenten und da gibt es auch immer wieder Angebote. Aber die haben meistens die Angewohnheit, verhältnismäßig kurz vor dem Dreh einen Regisseur zu suchen. Zumindest viel kurzfristiger als in Deutschland. Zum Glück werde ich hier in Deutschland und Österreich sehr früh für Produktionen angefragt. Natürlich sind internationale Koproduktionen schön und toll, aber ich kann mich nur auf das einlassen, was bei mir einen Anreiz auslöst, herausgefordert zu werden. Wenn das früh passiert, ist das super, weil man eine Planbarkeit dazubekommt.

An was für einem Projekt arbeiten Sie aktuell?

UMUT DAG: Aktuell arbeite ich an der Serie "Torstraße 1" von X-Filme. Das ist eine riesige TVNow-Produktion mit zwölf Folgen. Die ersten sechs Episoden macht die tolle Sherry Hormann, die ich sehr schätze. Und ich mache die nächsten sechs. Da beginnen die Dreharbeiten für mich im Herbst.

Das Interview führte Michael Müller