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Gastkommentar: Das Filmfestival als Avantgarde für das Kino

Heute startet die 15. Ausgabe des Fünf Seen Filmfestivals. Dessen Leiter Matthias Helwig macht sich in seinem Gastkommentar Gedanken über die Bedeutung von Filmfestivals im Allgemeinen und fordert: "Das Kino muss wieder Avantgarde werden".

18.08.2021 12:21 • von Heike Angermaier

Heute startet die 15. Ausgabe des Fünf Seen Filmfestivals. Festivalleiter Matthias Helwig macht sich in seinem Gastkommentar Gedanken über die Bedeutung von Filmfestivals im Allgemeinen und fordert: "Das Kino muss wieder Avantgarde werden".

Das Fünf Seen Filmfestival ist auch 2021 ein Festival des Films. Es ist der erste Ort - zumindest in dieser Region in Bayern - für das Filmesehen und damit das Entdecken das erste Testen von Geschichten vor einem nicht ausgewählten Publikum. Das Fünf Seen Filmfestival ist vor 15 Jahren aus dem Gedanken heraus entstanden, die Filme, die eine eigene, berührende Sprache und dennoch nicht den Weg ins Kino gefunden haben, eine Plattform zu geben. Inzwischen ist es natürlich gewachsen und dadurch auch eine Plattform für die Kinostarts der Verleiher im Herbst geworden ("Hannes", Je suis Karl", Monte Verita", Helden der Wahrscheinlichkeit", "Der Rosengarten der Madame Vernet", Was sehen wir, wenn wir zum Himmel schauen?", "Die Ballade von der weißen Kuh", u.a.m.).

Dazu hat das Fünf Seen Filmfestival aber auch 2021 nicht seine Leitsätze verloren. Mit mehrfachen Deutschlandpremieren ("W - Was von der Lüge bleibt", "Rückkehr nach Visegard", "Kühe auf dem Dach", The Badger" u.a.m), Filmen aus dem Gastland Ukraine, aus Taiwan und dem Iran, sowie hauptsächlich aus Deutschland, Österreich und der Schweiz ist es auch dieses Jahr gelungen, trotz Pandemie ein reichhaltiges Programm zusammenzustellen. Auf elf Leinwänden, davon zwei Open Air werden zwölf Tage lang über 150 Filme präsentiert und mit insgesamt zehn Preisen bedacht - immer auf der Suche nach dem guten Film.

Ein guter Film ist nicht der teuerste Beworbene - eine Plattitüde, die man leider in der heutigen Welt immer noch wiederholen muss, sondern ein Film, wie Christopher Nolan in einem SZ-Interview einfach ausgedrückt hat, der im Kino gezeigt wird. Im Umkehrschluss bedeutet dieser Satz, dass der Kinobesitzer oder Festivalleiter eine Verantwortung hat und eine Auswahl treffen muss.

Ein Festival ist die Avantgarde des Kinos und das Kino ist die Avantgarde des Filmeschauens. Dies haben inzwischen auch die amerikanischen Großproduzenten erkannt. Die Pandemie gab ihnen die Möglichkeit zu experimentieren, sogenannte Blockbuster in Streamingdiensten zu verwerten. Verglichen mit den Einspielergebnissen von Filmen, die auf Festivals und dann in den Kinos gestartet wurden, bevor sie weiter verwertet wurden, hat man klar gesehen, dass es das Festival und dann das Kino unbedingt für die Aufmerksamkeit braucht , für den Zuschauer - und am Ende für den Gewinn. Dennoch muss man nicht das Eine mit dem Anderen ausspielen. Bewusst haben wir den Film "Beginning" - bereits auf einer Streaming-Plattform abrufbar - in den Wettbewerb geholt. Ein großartiger Film sollte wie vor zwei Jahren "Roma" weiter die Aufmerksamkeit im Kino haben - gerade dort. Denn im Kino sollten die besten Filme laufen.

"Im Kinosaal herrscht eine einzigartige Mischung aus Konzentration und Empathie. Du blendest alles aus, schaust hin, hörst zu. Und um dich herum erleben andere das Gleiche. Dieses Gefühl gibt es nirgendwo sonst", beschrieb Christopher Nolan das Kinoerlebnis. Es gehört zur Kultur wie Theater, Oper oder Musik. Vor der Pandemie schien das selbstverständlich, nach oder noch während der Pandemie herrscht vor allem die Angst vor, dass Politik und Verwaltung im Herbst erneut auf Papiere zurückfallen könnten, die sie ohne Kenntnis der Situation vor Ort einmal geschrieben und bisher zweimal angewendet haben. Bis zu acht Monaten waren die Kinos geschlossen und Festivals auf digitale Formate reduziert.

Das Fünf Seen Filmfestival ist von seiner Historie und seinen Machern her ein Festival des Kinos. Es wird digitale Formate aufnehmen, gerade für Gespräche zwischen fernen Filmemachern und dem hiesigen Publikum, aber es steht für das Kinoerlebnis, auch für den Aufwand, dorthin zu kommen. Denn es ist etwas Besonderes, es ist nicht "nebenbei etwas sehen und, wenn es sein muss, auf kleinem Bildschirm".

Das Fünf Seen Filmfestival hat sich seit einigen Jahren den Entdeckungen des mitteleuropäischen Films verschrieben. Der Unterschied zwischen den westlich-oft fernsehdramaturgisch geprägten Filmen und der eher osteuropäisch anzusiedelnden Bildsuche nach den kleinen Gesten und der intensiven Beschäftigung mit Charakteren fällt auf. Während die einen immer mehr Ereignisse in eine Geschichte aus Angst vor der Langeweile beim Publikum - sprich Wegzappen im Fernsehen - zu packen versuchen, kennen die anderen umso mehr die Magie des dunklen Kinoraumes, in dem man umso enger Freund mit einem Menschen auf der Leinwand wird, je genauer und authentischer dort agiert wird.

Das Kino muss nach der Pandemie sicher neue Anziehungskräfte finden, natürlich den Event des Raumes, aber auch den Event neuartiger filmischer Inhalte, die derzeit oft eher im asiatischen oder auch osteuropäischem Raum anzutreffen sind. Neue Produktionsbedingungen haben neue Kräfte freigesetzt und lassen verhalten optimistisch in die Zukunft schauen. Das Kino muss wieder Avantgarde werden, eine Nouvelle Vague, einen Neo-Realismo finden, ein neues Geheimnis, auch für jene, die nur noch mit kleinsten Bildschirmen unterwegs sind. Dann wird der Kinoraum, der an sich schon eine Anziehung birgt, zum Erlebnis. Das ist ein schwieriger und vor allem langer Weg und er ist in Deutschland kaum einmal in Ansätzen zu spüren. Filmkultur steht in seinen Anfängen wie jede Kunst immer im Kontrast zur Verwaltung und zum Planbaren. Sie ist Avantgarde, sie ist Anders-Sehen. Die Zukunft des Kinos wird hier entschieden.