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REVIEW LOCARNO: "Monte Verità" von Stefan Jäger

Standesgemäß wurde "Monte Verità" von Stefan Jäger beim 74. Locarno Film Festival für die Piazza Grande ausgewählt - musste dort aber strömendem Regen weichen. Warum das sehr schade ist, erfahren Sie in unserer Besprechung des intensiven Historiendramas über die legendäre Künstlerenklave im Tessin.

18.08.2021 09:27 • von Thomas Schultze
Auf dem Monte Verità strebten Künstler und Intellektuelle nach einer neuen Freiheit (Bild: DCM)

Standesgemäß wurde Monte Verità" von Stefan Jäger beim 74. Locarno Film Festival für die Piazza Grande ausgewählt - musste dort aber strömendem Regen weichen. Warum das sehr schade ist, erfahren Sie in unserer Besprechung des intensiven Historiendramas mit Maresi Riegner, Hannah Herzsprung, Julia Jentsch und Max Hubacher über die legendäre Künstlerenklave im Tessin.

Monte Verità. Berg der Wahrheit. Klingt erst einmal hochtrabend. Aber umschreibt doch sehr treffend, was sich vor allem in den ersten beiden Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts auf dem 321 Meter hohen Hügel nordwestlich von Ascona im Schweizer Kanton Tessin abspielte, an diesem Treffpunkt von Lebensreformern, Intellektuellen und Künstlern: eine Versuchsanordnung für Aussteiger, lange bevor es diesen Ausdruck gab, ein europäisches Big Sur oder Woodstock, lange bevor Beats und Hippies ihre eigene Form eines völlig freien Lebens ohne Zwänge zu definieren begannen. Hier ist der Ursprung, auf dem Monte Verità, rund um eine Naturheilanstalt, in der die Musiklehrerin Ida Hofmann als treibende Kraft Gleichdenkenden eine bisweilen auch mit strenger Hand geführte Bühne bereitet, Leben und Gesellschaft und Körper neu zu denken. Prominente Namen wie Hermann Hesse oder Isadora Duncan zählten zu den Besuchern der Künstlerenklave - und sind, wie die von Julia Jentsch gespielte Matriarchin Hofmann, auch in Stefan Jägers filmischer Annäherung an diese zumindest in ihrer Zeit einzigartige Utopie zu sehen, spielen aber keine Hauptrolle: Das ist die fiktive Figur der Hanna, eine Hausfrau und zweifache Mutter in Wien, die unter der Fuchtel des lieblosen Ehemanns steht und unter ihrem Dasein im buchstäblich zu engen Korsett so sehr leidet, dass ihr von ihrem Therapeuten ein Aufenthalt auf dem Monte Verità angeraten wird.

Es ist mit einem Budget von sieben Millionen Franken der mit weitem Abstand aufwändigste Film in der Karriere des wandlungsfähigen Schweizer Filmemachers, ein Herzensprojekt natürlich, was man der Sorgfalt und Liebe sofort ansieht, mit der er gemacht wurde. Es ist indes kein Film, der den Zuschauer im Sturm erobert. Er nimmt sich Zeit, seine Figuren zu beobachten, das Leben der Ära zu skizzieren, gefangen in all seinen beengenden gesellschaftlichen Ritualen und Regeln, leise erschüttert von mutigen Vordenkern wie Freud oder Nietzsche. Das etabliert man nicht mit Reißschwenks und assoziativen Schnittgewittern, sondern indem man eintaucht in die bourgeoise Welt, die die mutige Heldin des Films fest umklammert: Erst wenn man Hannas bisheriges Leben begreift und spürt, kann man erahnen, welch ein Schock es für sie sein muss, als sie in Begleitung ihres Therapeuten Otto Gross erstmals die Schar leicht bekleideter, lustwandelnder Gestalten erblickt, die den Geschmack von freier Liebe, freiem Körper und freiem Leben ausprobieren. Sie verweigert sich den Verweigerern. In sehr genauen Bildern verfolgt "Monte Verità", wie sie sich doch langsam befreit, ihre, für sie selbst völlig überraschend, Liebe zur Fotografie entdeckt und sich aus ihren bisherigen Lebensmustern zu lösen beginnt. Besonders toll ist das in einer Sequenz, in der sie mit der von Hannah Herzsprung gespielten, Lotte Hattemer - eine weitere reale Figur, die unter nie ganz geklärten Umständen 1906 auf dem Monte Verità starb, vermeintlich Selbstmord, vielleicht aber auch ein missglücktes Drogenexperiment - in freier Natur buchstäblich auf Entdeckungsreise geht und erstmals alle Hüllen fallen lässt. In einem feinen stilistischen Kniff werden Momente immer wieder zu Schwarzweißfotos eingefroren und dann wieder weiterlaufen gelassen.

Stefan Jägers Film steht und fällt mit der Besetzung Hannas. Sie von der 30-jährigen Wienerin Maresi Riegner spielen zu lassen, ist eine mutige und konsequente Entscheidung: Sie hat ein so ungewöhnliches Gesicht, dass man es sich als Zuschauer erst einmal erobern muss, wie sich Hanna das Leben auf dem Monte Verità erobern muss. Wie das in guten Filmen nun einmal der Fall ist, wird sie von Szene zu Szene schöner, verliebt man sich mehr und mehr in ihre unkonventionellen Züge, die so gut in die Belle Époque passen und doch so modern sind: Die unglückliche Frau im goldenen Käfig glaubt man ihr ebenso wie die befreite Seele, die eine andere Haltung zum Leben gewinnt, auch wenn das nicht nur positive Folgen für sie hat. Das wirklich Besondere, das sich hinter der vordergründig konventionell erzählten Geschichte verbirgt, ist die ungewöhnliche Konstellation, in der "Monte Verità" gemacht wurde, eine Versuchsanordnung, die durchaus den Entwurf von damals spiegelt, eine im Kollektiv entstandene Produktion, in der der Regisseur nicht der Feldherr, sondern der Suchende und Sammelnde ist, ein Gefäß für die Beiträge und Vorschläge der Departments, die ausschließlich von Frauen angeführt werden (Produzentin Katrin Renz, Autorin Kornelija Naraks, Kamera Daniela Knapp, Schnitt Noemi Katharina Preiswerk, Kostüm Veronika Albert, Szenenbild Nina Mader und Katharina Wöppermann), der Film eines Mannes mit ganz weiblichem Blick, spannend, gelungen, wegweisend, klassizistisch im Stil, revolutionär in der Umsetzung.

Thomas Schultze