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REVIEW LOCARNO: "Niemand ist bei den Kälbern"

Saskia Rosendahl wurde für ihre Leistung in der Weydemann-Bros.-Produktion "Niemand ist bei den Kälbern" in Locarno als beste Darstellerin des Wettbewerbs Concorso Cineasti del presente ausgezeichnet. Lesen Sie hier unsere Besprechung von Sabrina Sarabis Verfilmung des Bestsellers von Alina Herbing.

17.08.2021 08:20 • von Thomas Schultze
Saskia Rosendahl ist herausragend in "Niemand ist bei den Kälbern" (Bild: Weydemann Bros. / Max Preiss)

Toller Erfolg: Saskia Rosendahl wurde für ihre Leistung in der Weydemann-Bros.-Produktion Niemand ist bei den Kälbern" in Locarno als beste Darstellerin des Wettbewerbs Concorso Cineasti del presente ausgezeichnet. Lesen Sie hier unsere Besprechung von Sabrina Sarabis Verfilmung des Bestsellers von Alina Herbing über eine junge Frau, die gegen die Tristesse ihres Lebens in der ostdeutschen Provinz rebelliert.

Klagt nicht, kämpft. Steht in Runenschrift als Aufkleber auf einem Auto, Kennzeichen Nordwestmecklenburg, an dem Christin gleich zu Beginn von "Niemand ist bei den Kälbern" am liebsten knacken würde, das Auto ihres Bruders. Für die junge Frau in ihren frühen Zwanzigern steht da nicht die wegen ihres nationalsozialistischen Hintergrunds verrufene Kampfansage der Fallschirmjäger der deutschen Wehrmacht, sondern das Motto ihres bisher so eintönigen und unbefriedigenden Lebens. Sie will weg. Weg von ihrem tristen Dasein im ländlichen Osten, wo sich Windräder nahtlos in die Trostlosigkeit der Gegend schmiegen. Weg von ihrem einsilbigen Freund, dem besoffenen Vater, den desinteressierten Pflegeeltern, der nur vermeintlich besten Freundin. Weg von den rassistischen und sadistischen Mackern, die so vorgestrig sind mit ihrem breitbeinigen Gehabe, dass sie wie die Faust passen auf diese Gegend, die von Gott vergessen wurde. Aber wenn sie wo hinwill an diesem Tag, muss Christin darauf hoffen, dass ein Typ sie in seiner Karre mitnimmt. Und wenn er sie mitgenommen hat, muss sie warten, bis er die Tür aufmacht. Weil sie klemmt. So läuft das Spiel.

Nach fünf Minuten ist eigentlich alles klar. Weiß man alles, was man erst einmal wissen muss, vom zweiten Spielfilm der iranischstämmigen, in Kassel geborenen Filmemacherin Sabrina Sarabi. Nach ihrem Debüt Prélude" vor zwei Jahren macht sie jetzt ernst. Mit ihrer Verfilmung des gefeierten Debütromans von Alina Herbing aus dem Jahr 2017. Kein schönes Landleben in dieser Zeit: Als gäbe es jemand, der sich irgendwelcher Illusionen hingibt, wie es zugeht in der deutschen Provinz. Ist alles endlos aufgewalzt in Meinungsartikeln, Reportagen, Literatur. Aber war doch selten so greifbar nah und spürbar echt wie hier, wo man der Protagonistin zusieht, wie sie in Hotpants oder Miniröcken und knappen Tops ein Ausrufezeichen setzt: Seht mich an, hier bin ich. Das ist ihre Form der ganz stillen Rebellion. Immer wieder kommt die Kamera auf dem Gesicht von Saskia Rosendahl zu ruhen, die nicht viel sagen muss, um einem zu vermitteln, was in ihrer Figur vor sich geht, zwischen Pflicht auf dem Bauernhof und Flucht in billigen Fusel oder lieblosen Sex.

Es ist ihre Präsenz, die "Niemand ist bei den Kälbern" so elektrisierend macht, abhebt von anderen deutschen Sommerfilmen jüngerer Vergangenheit, in denen die Sonne so erbarmungslos auf die Felder brennt wie in einem Sergio-Leone-Western, Mein Bruder heißt Robert und ist ein Idiot" von Philip Gröning beispielsweise oder vielleicht auch Tschick" von Fatih Akin. Oft folgt die Kamera von Max Preiss ihrer stillen Heldin wie in einem Film der Dardenne-Brüder, was passt, weil auch der Blick von Sabrina Sarabi, die abermals mit einem eigenen Drehbuch arbeitet, unbestechlich und fast dokumentarisch ist. Weshalb die kleinen Triumphe nicht von Himmelschören begleitet werden, sondern von einer kaum merklichen und doch so himmlischen Zufriedenheit im Saskia Rosendahls Gesicht, so kurz diese Momente auch sein mögen. Sie klagt nicht, obwohl sie allemal Grund dazu hätte. Sie kämpft, auf ihre stoische und unmerkliche Weise, und kommt doch nicht vom Fleck. Am Schluss sitzt sie selbst am Steuer. Immerhin. Unklar ist, wohin sie fährt.

Thomas Schultze