Kino

Kino-Neustart: Absturz mit Ansage

Das vergangene Wochenende sah die schlechtesten Kinozahlen, seit wieder bundesweit gespielt wird - und gerade die zuletzt besonders starken Familienfilme wurden hart getroffen. Die primäre Erklärung für den Einbruch liegt allerdings auf der Hand.

16.08.2021 15:14 • von Marc Mensch
"Kaiserschmarrndrama" wurde zwar auch hart getroffen, legte aber noch die zweit"beste" Entwicklung aller Bestandstitel in den Top 20 hin (Bild: Constantin)

Nein, in Deutschland gelang Free Guy" - ganz anders als in den USA - leider kein Start, der sämtliche Erwartungen übertraf. Und nein, Kaiserschmarrndrama" gelang es trotz besseren Starts und deutlich höherer Kopienzahl nicht, mit der damals hervorragenden Entwicklung des direkten Vorgängers Leberkäsjunkie" Schritt zu halten. Ein Trost immerhin: Auch der jüngste "Eberhofer" wird noch in dieser Woche die Marke von 500.000 Zuschauern auf dem Weg zu noch höheren Boxoffice-Weihen überschreiten.

Tatsächlich gibt die dieswöchige Filmsource-Auswertung von Comscore nur wenige Anknüpfungspunkte für positive Nachrichten. Denn mit 804.531 Besuchern und 7.038.416 Euro Ticketumsatz verzeichnete der deutsche Kinomarkt (wie üblich bei dieser Auswertung ohne die Berücksichtigung von Previews) das schlechteste Wochenende, seit der Großteil der Kinos bundesweit wieder spielt. Zur Erinnerung: Am Wochenende vom 1. Juli wurden gut 845.000 Besucher gezählt. Der Absturz folgte mit einem Minus von 38,2 Prozent bei den Besuchern und 37,4 Prozent beim Boxoffice auf das bislang stärkste Wochenende seit dem Frühjahr 2020: Über 1,3 Mio. Besucher und fast 11,3 Mio. Euro Ticketumsätze waren am ersten August-Wochenende gezählt worden - und selbst damals hatte noch eine durchaus nennenswerte Lücke zur wichtigen Benchmark des "mittleren" Vergleichswochenendes aus den fünf Jahren vor Corona gefehlt.

An dieser Hürde scheiterte der Gesamtmarkt diesmal um rund die Hälfte - 49 Prozent fehlten nach Besuchern, 50 Prozent nach Umsatz. Und einmal mehr zeigte sich, dass die Bundesländer mit grundsätzlicher 3G-Nachweispflicht tendenziell viel schlechter abschnitten als andere. In Berlin etwa wurde selbst die untere Hürde des "schlechtesten Wochenendes" der Vergleichsjahre nur noch um 29 Prozent nach Besuchern übersprungen, die größten Sätze machte man noch in Mecklenburg-Vorpommern (plus 180 Prozent) und Schleswig-Holstein (plus 174 Prozent), im Bundesdurchschnitt lag der Wert bei 112 Prozent für die wiedereröffneten Kinos.

Vor allem mit Blick auf die bereits seit heute in Baden-Württemberg und spätestens ab 23. August auch in anderen Bundesländern geltende grundsätzliche 3G-Nachweispflicht für Kinobesuche (außer dort, wo bei Inzidenzen unter 35 explizite Ausnahmen geschaffen werden) wird der Blick auf die Entwicklung der Besucherzahlen in den kommenden Wochen besonders spannend ausfallen...

Zumal man im Hinterkopf haben muss: Die 3G-Nachweispflicht könnte schon am vergangenen Wochenende etwas auf das Gesamtergebnis gedrückt haben - denn im Zuge weiter steigender Inzidenzen rutschten noch mehr Landkreise in Maßnahmen-Stufen, die für Kinos den 3G-Nachweis schon nach den bereits geltenden Verordnungen vorsahen. Wobei es nach wie vor zu beachten gilt: Die 3G-Nachweispflicht mag manche Menschen von einem Kinobesuch abhalten - anderen gibt sie ein sicheres Gefühl. Zudem wird die Nachweispflicht künftig eine ganze Reihe von Unternehmungen umfassen, darunter nicht zuletzt die Gastronomie.

Ohnehin ist mehr oder minder evident, welcher Faktor die Zahlen in den vergangenen Tagen in den Keller rauschen ließ: Die Tatsache, dass es sich um das erste Hochsommerwetter seit vielen Wochen handelte, nachdem insbesondere der Juli vergleichsweise kühl und enorm stark verregnet war, musste zwangsläufig zu hohen Einbrüchen führen.

Was aber bleibt zunächst an Positivem über das Wochenendergebnis zu sagen? Vielleicht die Tatsache, dass sich das Minus von "The Suicide Squad" im Vergleich mit den anderen Top-20-Titeln absolut sehen lassen kann. Obwohl es um 50,3 Prozent nach Besuchern nach unten ging, steht selbst dieser unter den widrigen Bedingungen der Rückkehr des Sommers erzielte Wert für eine wesentlich bessere Entwicklung als in den USA, wo das DC-Spektakel (sicherlich auch im Zuge der dortigen Day&Date-Auswertung auf HBO Max) der nächste große Titel nach Black Widow" und Fast & Furious 9" wurde, der in der zweiten Woche im Bereich um die 70 Prozent einbrach.

Zudem schafften mit "Free Guy", The Forever Purge" und Tom & Jerry" drei Neueinsteiger den Sprung in die Top Ten, wenngleich für diese Debütanten unter günstigeren Umständen sicherlich mehr drin gewesen wäre. Selbst unter den zehn stärksten Neustarts schrieben übrigens zwei nur dreistellige Besucherzahlen, weitere fünf nur vierstellige.

Wie sehr der Wetterumschwung den Filmen zusetzte, zeigt sich schon alleine daran, dass ganze acht Filme in der Top 20 gegenüber der Vorwoche mehr als 60 (teils sogar mehr als 70) Prozent ihrer Besucher abgaben, wobei Familienfilme besonders hart getroffen wurden; Die Olchis - Willkommen in Schmuddelfing" legte mit minus 71,2 Prozent den höchsten Drop hin, direkt dahinter folgte Die Croods - Alles auf Anfang" mit einem Minus von 70,4 Prozent.

Tatsächlich gab es am vergangenen Wochenende nur einen einzigen Film innerhalb der Top 20, der sich besser hielt als der eingangs erwähnte "Kaiserschmarrndrama", dessen Besucherminus von 48,1 Prozent ihn zwar hinter den Vorgänger zurückwarf, ihn aber im Reigen der Bestandstitel noch ausgesprochen gut dastehen lässt: Nomadland" büßte in seiner 13. Auswertungswoche nur 34 Prozent seiner Besucher ein. Ansonsten blieben nur noch Cash Truck" und Fabian oder Der Gang vor die Hunde" mit ihren Rückgängen unter 50 Prozent. Und noch ein Punkt für den "Eberhofer": Keinem anderen Film gelangen sechsstellige Besucherzahlen.

Um auf ein Ergebnis wenigstens auf dem Niveau des Vorjahres zu kommen, das zumindest gut zwei Monate völlig regulären Spielbetriebs ohne Restriktionen sah, fehlen 2021 übrigens noch knapp 60 Prozent nach Umsatz und Besuchern...

Noch kurz der Blick nach Österreich und in die Niederlande - wo die Besucherzahlen mit einem Minus von 40,5 bzw. 40,7 Prozent sogar noch ein wenig steiler in den Keller rauschten als in Deutschland. Knapp 83.000 Besucher ließen Österreich, das schon am vergangenen Wochenende eher leicht enttäuschende Zahlen zu verzeichnen hatte, um nur noch 58 Prozent über die untere Benchmark des "schlechtesten Wochenendes" unter regulären Bedingungen springen, in den Niederlanden reichten knapp 260.000 Zuschauer, um wenigstens diese Hürde um 83 Prozent zu übertreffen. Zum Monatswechsel hatten die Niederlande übrigens noch als erster westeuropäischer Markt die höchste Stufe der Markterholung nach Betrachtung der Analysten von Gower Street erreicht.

Abschließend sei übrigens noch einmal vorsorglich darauf hingewiesen, wie sehr die Nichtberücksichtigung von Previews an den entsprechenden Wochenenden eine Lücke in das Gesamtbild reißen kann: Denn "Paw Patrol: Der Kinofilm" schaffte mit seinen nicht in der Filmsource-Auswertung enthaltenen Previews ein sensationelles Ergebnis: Mehr als 83.000 Besucher machen ihn zur eigentlichen Nummer 2 der Charts und zum absoluten Gewinner im Familiensegment...