Kino

Niederländischer Kinomarkt setzt Ausrufezeichen

Nach Angaben der Analysten von Gower Street haben die Niederlande als erster Markt in Westeuropa die höchste Kategorie auf einer fünfstufigen Skala zur Messung der Erholung des Kinogeschäfts erreicht. Weltweit zählt Gower Street nun knapp ein halbes Dutzend großer Märkte, die ganz besonders eindrucksvoll Zeugnis vom Comeback der Filmtheater ablegen.

11.08.2021 17:34 • von Marc Mensch
In den Niederlanden läuft das Kinogeschäft rund (Bild: IMAGO/Blickwinkel)

Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer, heißt es - und wie schnell Gesamtzahlen wieder abrutschen können, zeigt sich derzeit in den USA, wo man nach dem Erreichen des bisherigen Jahresbestwerts Anfang Juli (gut 119 Mio. Dollar am Startwochenende von Black Widow" ) zuletzt wieder bei einem Wochenendergebnis von nur 65 Mio. Dollar landete - und auch dazwischen nicht wieder in die Nähe eines neunstelligen Ergebnisses gekommen war.

Das sei kurz vorausgeschickt, denn auch die Resultate in den Niederlanden sind (wenngleich spätestens seit Mitte Juni auf erfreulich hohem Niveau) noch deutlichen Schwankungen unterworfen. Dennoch lässt sich aus den dortigen Zahlen erhebliche Zuversicht schöpfen - und gleichzeitig einmal mehr beobachten, wie wichtig starke lokale Titel für einen Gesamtmarkt sind.

Denn es war die Startwoche von "Luizenmoeder de Film" ("Mother of Lice"), der Kinoadaption einer erfolgreichen niederländischen Highschool-Serie, in der erstmals in einem westeuropäischen Markt die höchste Kategorie auf einer fünfstufigen Skala erreicht wurde, anhand derer die Analysten von Gower Street das Ausmaß der Markterholung beurteilen. Dazu kurz der Hinweis: Das System erinnert an die Benchmarks von Comscore, orientiert sich aber unter anderem nur an den Jahren 2018 und 2019, nicht am Fünf-Jahres-Zeitraum 2015 bis 2019, wie das Comscore tut. Zudem zieht Gower Street volle Wochen, nicht nur Wochenenden, zum Vergleich heran.

Wo Deutschland noch nicht in den Bereich der oberen Comscore-Benchmark (das mittlere Wochenende) gelangte und dies nach Einschätzung von Gower Street auch frühestens Ende September gelingen wird, wenn Keine Zeit zu sterben" anläuft, können sich die niederländischen Zahlen also schon an etwas höheren Hürden messen. "Stufe 5" bedeutet nämlich nicht weniger als ein Wochenergebnis mindestens auf dem Niveau einer Woche, die sich im oberen Quartil der Jahre 2018 und 2019 fand. Die Zielmarke hierfür war ein Boxoffice von sieben Mio. Euro (für eine volle Sieben-Tage-Woche); erreicht wurden um den Monatswechsel herum rund 7,2 Mio. Euro.

Neben "Luizenmoeder de Film", der sich mit seinem Debüt am 29. Juli an die Spitze der niederländischen Charts setzte, trugen zu diesem großartigen Ergebnis nicht nur der Neustart Jungle Cruise" auf Platz 2, sondern vor allem teils hervorragende Holds der Bestandstitel bei. Mit einem Minus von 35 Prozent legte der (natürlich auch in den Niederlanden online erhältliche) Marvel-Kracher "Black Widow" noch den mit Abstand größten Drop innerhalb der Top Ten hin, wohingegen gerade die Familientitel enorm stabil blieben. Eine Entwicklung, wie man sie zuletzt auch in Deutschland beobachten konnte - weniger dagegen in den USA, wo beispielsweise Fast & Furious 9" trotz eines exklusiven Kinofensters in der zweiten Woche ebenso hart abstürzte wie "Black Widow", der mittlerweile nach US-Boxoffice führt. Eine Tatsache, um die sich NATO-Präsident John Fithian übrigens jüngst in einem Interview mit Variety äußerst auffällig herumwand...

Wie dem auch sei: Das Erreichen des jüngsten Meilensteins kommt für den niederländischen Markt nur rund zwei Monate nach seiner Wiedereröffnung Anfang Juni - und nur eine Woche, nachdem erstmals die "Stufe 4" - ein Wochenergebnis auf dem Niveau des Medians der beiden Jahre vor der Pandemie - geschafft wurde. 6,03 Mio. Euro waren dafür das Ziel, 6,13 Mio. Euro wurden in der Woche vom 22. Juli umgesetzt, in der "Fast & Furious 9" mit einem sehr guten Hold die Spitzenposition vor Neueinsteiger Killer's Bodyguard 2" verteidigte - und in der der Beginn der Schulferien in weiten Teilen des Landes einzelnen Familienfilmen kräftige Zuwächse beschert hatte.

Erweitert man den Blick auf die EMEA-Region, sind die Niederlande der zweite Markt, in dem Comscore Zahlen erhebt, in dem die höchste Erholungs-Stufe bereits wenigstens ein Mal erreicht wurde. In Russland gelang dies erstmals in der traditionell besonders starken ersten Spielwoche des Jahres und danach noch drei Mal, davon je ein Mal im Februar und März - allerdings sind die Zahlen vor allem im Zuge einer neuen COVID-Welle wieder deutlich (teils unter Stufe 3) abgerutscht. Dennoch hatten die russischen Kinos bereits am 17. Juli das komplette Vorjahresboxoffice erwirtschaftet.

Zum Vergleich: In Deutschland betrug der Abstand auf 2020 zuletzt noch knapp 65 Prozent, in den Niederlanden 54 Prozent. In China wiederum dauerte es nur bis April, bis die Gesamtumsätze 2021 jene des Vorjahres übertrafen. Der Juli war im Reich der Mitte allerdings ein auffällig schwacher Kinomonat - wofür es aber eine einfache Erklärung gibt: Die Leinwände waren im Zuge des 100jährigen Gründungsjubiläums der Kommunistischen Partei lokalen Propagandafilmen vorbehalten - und ausgerechnet der zentrale Titel "1921" erwies sich als Flop.

Neben China zählt Gower Street weltweit auch Japan und Taiwan zu den Märkten, in denen innerhalb einer Spielwoche bereits wieder Resultate auf dem Niveau der besten Wochen vor der Pandemie erzielt werden konnten. In Japan war dies allerdings schon im Oktober 2020 der Fall, 2021 war von einer verschärften Pandemiesituation geprägt - allerdings erreichten die dortigen Kinos Mitte Juli dieses Jahres zumindest wieder Stufe 4.

Stufe 4 haben übrigens auch zwei weitere europäische Märkte erreicht: Österreich, wo man laut Gower Street in der Woche vom 16. Juli lediglich um ein Prozent an der Stufe 5 gescheitert sei. Und Frankreich, wo man erstmals in der Woche vom 30. Juni den Median aus den Vorjahren egalisiert hatte. Dass dies die Woche der "Fete du Cinema" war, überrascht natürlich nicht. Leider sind die Besucherzahlen in Frankreich im Zuge der Einführung einer Pflicht zur Vorlage des EU-Gesundheitszertifikats deutlich eingebrochen.