Produktion

REVIEW LOCARNO: "Beckett" (Eröffnungsfilm)

Mit der Weltpremiere des atemlosen Thrillers "Beckett" mit John David Washington wurde das 74. Locarno Film Festival standesgemäß eröffnet. Der Film des jungen Italieners Ferdinando Cito Filomarino startet bereits am 13. August offiziell bei Netflix. Lesen Sie hier unsere Besprechung.

10.08.2021 09:34 • von Thomas Schultze
Spannend und clever: "Beckett" mit John David Washington (Bild: Netflix)

Mit der Weltpremiere des atemlosen Thrillers Beckett" mit John David Washington wurde das 74. Locarno Film Festival standesgemäß eröffnet. Der Film des jungen Italieners Ferdinando Cito Filomarino startet bereits am 13. August offiziell bei Netflix. Lesen Sie hier unsere Besprechung.

Gleich mit seinem zweiten Spielfilm greift der junge italienische Regisseur Ferdinando Cito Filomarino nach den Sternen. Für seinen Thriller "Beckett" gewann der 34-Jährige vor der Kamera nicht nur den aktuell wohl angesagtesten Jungdarsteller Hollywoods, John David Washington, so gut in der letztjährigen Zeitbiege-Extravaganz Tenet", sondern auch Oscargewinnerin Alicia Vikander (in einem sehr kleinen Auftritt) sowie Vicky Krieps in ihrem bereits fünften Film in diesem Jahr (Bergman Island" und Serre-moi fort" in Cannes, Nebenan" und Old" im Kino) und Logan"-Bösewicht Boyd Holbrook. Was schon einmal eine Ansage ist: Luca Guadagninos Regieassistent bei Call Me By Your Name" will kein kleines italienisches Kino machen, sondern auf internationalem Parkett auf großer Leinwand ohne Beschränkung von Ländergrenzen malen. So ist "Beckett" also die modernst mögliche Übersetzung klassischer Hitchcock-Motive, sehr ambitioniert, aber doch auch immer sympathisch als Fingerübung und Visitenkarte: Guckt mal, was ich kann!

Für das 74. Locarno Film Festival war das Netflix-Original ein idealer Eröffnungsfilm, mit dem der neue künstlerische Leiter Giona A. Nazzaro auch gleich seine eigene Vision für ein Filmfestival im Hier und Jetzt ausbreitete: Kino voller Ideen und Offenheit, aber doch auch immer bewusst seiner eigenen Vergangenheit. "Die 39 Stufen" und "Der Mann, der zuviel wusste" sind die offenkundigen Referenzpunkte: Ein Jedermann wird ohne sein eigenes Zutun in ein politisches Komplott verwickelt, in dessen Mittelpunkt ein bevorstehendes Attentat steht. Die griechische Kulisse verweist ihrerseits auf das Kino von Costa-Gavras, insbesondere "". Das sorgt automatisch für Spannung; seinen besonderen Reiz entfaltet "Beckett" indes in der Variation der bekannten Motive - immer wenn er abweicht, und sei es noch so subtil, vom bewährten Hitchcock-Skript. Die Hauptfigur Beckett hat nämlich ein Päckchen zu tragen. Beim Urlaub in Nordgriechenland schläft der Amerikaner nachts am Steuer ein, der Wagen kommt von der Straße ab und kracht in ein leerstehendes Haus, seine nicht angeschnallte Freundin stirbt. Kopfüber hängend sieht Beckett einen rothaarigen Jungen und eine Frau, die aufgeschreckt wurden und fliehen. Der Junge ist der entführte Neffe eines populären griechischen Politikers, der das Land einigen will mit seiner entschlossenen Haltung gegen die restriktiven EU-Maßnahmen.

Und Beckett ist als Zeuge fortan auf der Flucht, vor einer ultrarechten Gruppierung, die längst die Polizei unterwandert hat. Der Titelheld stolpert, stürzt, taumelt, fällt, wird angeschossen, gerät in Auseinandersetzungen, niemand kann man wirklich trauen. Jeder beschwerliche Schritt bringt ihn näher nach Athen, die US-Botschaft ist sein Ziel. Jeder beschwerliche Schritt ist aber auch Ausdruck seiner entsetzlichen Schuld, das Leben der Frau, die er liebt, auf dem Gewissen zu haben. Das Herz, das sie ihm mit einem Kugelschreiber auf die Hand gemalt hat, an ihrem letzten gemeinsamen Abend, ist Antrieb, aber auch Albatross, eine Last, die ihm den Atem raubt, obwohl er ihn doch eigentlich brauchen könnte, weil er sich wie Dr. Richard Kimble auf der Flucht befindet. Bei der Rede des Politikers auf einem großen Platz in Athen verdichten sich äußere und innere Handlung, muss aus dem Fliehenden ein Held werden. Das ist ehernes Filmgesetz. Und Filomarino hält sich daran. Wenn er dann aber ganz am Schluss die Kamera fast eine Minute lang auf das erschöpfte und gezeichnete Gesicht von John David Washington zoomt, dann sieht man keinen James Stewart, der seine Familie in die Arme schließt, sondern einen Mann, der zuviel weiß, als dass er sich darüber freuen könnte, der Hölle entkommen zu sein. Die private Hölle, die auf ihn wartet, ist viel schlimmer.

Thomas Schultze