Kino

KOMMENTAR: So viele Filme, so wenig Zeit

Mit Ruhm bekleckert man sich nicht, wenn man als Chefredakteur eines Branchendienstes für die Filmindustrie eingestehen muss, zunehmend den Überblick zu verlieren über den Überfluss neuer Produktionen.

29.07.2021 08:00 • von Jochen Müller
Thomas Schultze, Chefredakteur (Bild: Blickpunkt:Film)

Mit Ruhm bekleckert man sich nicht, wenn man als Chefredakteur eines Branchendienstes für die Filmindustrie eingestehen muss, zunehmend den Überblick zu verlieren über den Überfluss neuer Produktionen. Sehen kann man ohnehin nicht alles, das war bei jährlich 600 bis 700 neuen Filmen im Kino plus eine ähnliche große Anzahl von Neustarts auf Video schon nicht möglich, bevor die diversen Streamingplattformen an den Start gingen. Aber man konnte immerhin noch einigermaßen durchschauen, was da alles angeboten wurde und entsprechend auch gezielt Entscheidungen treff en, was man sich wann, wo und wie ansieht. Das kann man sich mittlerweile abschminken. Da ist ja nun nicht mehr nur Netflix, die in diesem Jahr neben den Serien wenigstens einmal in der Woche einen neuen Film freischalten. Auch die Konkurrenzangebote schrauben die Produktion hoch, um im Ringen um die Gunst des Publikums mit exklusivem Angebot die Nase vorn zu haben.

Das sind gute Nachrichten für Produzenten. Und es sind gute Nachrichten für den Konsumenten. Es sind nicht unbedingt gute Nachrichten für die Filme selbst, deren Sichtbarkeit sich immer weiter verringert, je mehr neues Produkt auf immer mehr Plattformen angeboten wird. In einem Essay über ihre Erfahrungen auf dem Festival de Cannes erinnert sich die ehemalige "Variety"-Korrespondentin Lisa Nesselsson an ihre frühen Tage auf dem Festival an der Croisette zu Beginn der Neunzigerjahre, als die amerikanischen Trades eine regelrechte Armada von Kritikern losschickte, um wirklich jeden Film in den offiziellen Reihen und so viele Titel wie möglich aus dem Markt zu besprechen. In diesem Jahr war "Variety" mit zwei Kritikern in Cannes; nur noch "Screen" müht sich um umfassende Besprechungen. Das hat einen Welleneffekt: Nicht einmal mehr die Kritik kann der Flut an neuen Film gerecht werden.

Immer mehr starten auf den Plattformen, ohne Journalisten überhaupt zum Besprechen angeboten zu werden. Gleichzeitig unterstreichen aktuelle Zahlen, dass das Publikum auf den verschiedenen Plattformen schrumpft. Weniger Menschen denn je haben die Eröffnung der Olympischen Spiele verfolgt, gleichzeitig blieben in den US-Kinos gleich mehrere neue Filme hinter den Erwartungen zurück, Netflix meldete in den USA einen Rückgang um 400.000 Abonnenten. Die Masse an Angebot ist nicht nur unübersichtlich und erschwert die Entscheidung, wofür man seine Zeit opfert. Sie ermüdet auch. Es ist anstrengend, alleine zu versuchen, den Überblick zu bewahren. Gut möglich, dass die wahren neuen Meisterwerke tatsächlich unentdeckt bleiben. Weil wir uns buchstäblich sattgesehen haben.

Thomas Schultze, Chefredakteur