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RTL-Zwei-Serie "Wir sind jetzt": "Es immer wichtig zu experimentieren"

Auf dem Filmfest München feierte die 3. Staffel der RTL-Zwei-Serie "Wir sind jetzt" Premiere. Im Gespräch mit Programmbereichsleiter Tom Zwiessler und Regisseur Christian Klandt ging es aber nicht nur um die mit dem Blauen Panther ausgezeichnete Produktion von Producers at Work, auch die Fiction- und die Digitalstrategie des Senders kamen zur Sprache.

29.07.2021 07:47 • von Frank Heine
Tom Zwiessler und Christian Klandt bei der Verleihung des Bayerischen Fernsehpreises (Bild: RTL Zwei)

Auf dem Filmfest München feierte die 3. Staffel der RTL-Zwei-Serie "Wir sind jetzt" Premiere. Im Gespräch mit Programmbereichsleiter Tom Zwiessler und Regisseur Christian Klandt ging es aber nicht nur um die mit dem Blauen Panther ausgezeichnete Produktion von Producers at Work, auch die Fiction- und die Digitalstrategie des Senders kamen zur Sprache.

Vor Ihrer Serie "Wir sind jetzt" hätte man den Filmemacher Christian Klandt und den Sender RTL Zwei kaum unter einen Hut gebracht. Wann sind Sie zum ersten Mal mit dem Projekt in Kontakt gekommen?

TOM ZWIESSLER: Uns treibt als Sender die Frage um, wie wir junge Zuschauerinnen und Zuschauer erreichen können. Am Vorabend zum Beispiel gelingt das mit den Daily Soaps "Berlin - Tag und Nacht" und Köln 50667" sehr gut. Obwohl es budgetär für uns ein Kraftakt ist, haben wir darüber auch in Bezug auf Fiction in der Primetime nachgedacht. Als Christian Popp von Producers at Work uns ein Konzept für eine in der Erzählweise neuartige Jugendserie gepitcht hat, waren wir von seinem Vorschlag sofort begeistert. Wir hatten das Gefühl, dass "Wir sind Jetzt" hervorragend zu RTL Zwei passt, weil darin auf sehr authentische Weise vom Leben junger Menschen erzählt wird. Dann schlug der Produzent Christian Klandt als Regisseur vor und wir sind erstmal erschrocken, weil er ja ein Kinoregisseur ist. Aber als wir dann erste Ergebnisse zu sehen bekamen, waren meine Kollegin Anabell Grieß-Nega und ich vom Fleck weg verliebt in die Serie.

CHRISTIAN KLANDT: Alle meine Kinofilme sind in Zusammenarbeit mit TV-Sendern entstanden. Was Serielles hatte ich aber noch nicht gemacht, als der Anruf von Christian Popp kam. Von dem Stoff, den ich zum Lesen bekam, war ich sehr angetan, zumal es auch bei meinen Kinofilmen um Themen von jungen Erwachsenen ging. Ich muss einräumen, dass ich diese anspruchsvolle Serie nicht sofort mit RTL Zwei in Verbindung gebracht habe. Beim zweiten Nachdenken dann aber schon, weil viele RTL-Zwei-Formate von Lebenswelten erzählen, in die man sonst nicht hineinschaut. Letztlich ist es nur eine andere Machart und Perspektive.

Und wie verlief die Zusammenarbeit?

CHRISTIAN KLANDT: Ich habe den Produzenten und die Redaktion gefragt, was sie sich wünschen, wie ich die Serie umsetzen soll, schließlich ist es eine Auftragsproduktion. Allerdings eine, die mir Spaß gemacht hat, denn ich bekam die Antwort: Darum geht es nicht. Wie möchtest Du das umsetzen? Wir wollen deinen Blick und deine Vision. Also lag der künstlerische Ansatz allein bei mir. Das war ein großes Vertrauen. Ich konnte mit meinem Team eine eigene Vision kreieren, und RTL Zwei und Producers at Work sind da mitgegangen.

Zielgruppe der Serie und auch die handelnden Figuren sind so genannte Young Adults, und man hat den Eindruck, dass Sie den richtigen Ton getroffen haben. Wie geht man das als Jungvierziger an, damit es nicht peinlich wird und sich so anhört, wie sich Erwachsene Jugendsprache vorstellen?

CHRISTIAN KLANDT: Es ist ja ein Trugschluss, dass ein Regisseur alles wissen muss. Die, die das behaupten, sind keine guten Regisseur*innen. Man muss einfach gut zuhören, gerade auch den Talenten, mit denen man zusammenarbeitet. Ich sage bewusst Talente, weil viele zum ersten Mal richtig vor der Kamera standen. Unsere Casterin Lisa Stutzky hat einen zauberhaften Cast zusammengestellt. Es geht um die Kunst ein Ensemble zu kreieren, das sich auch dann noch gut versteht, wenn die Kamera aus ist. Das ist schon mal die halbe Miete. Mir geht es darum, eine Gruppe kontrolliert von der Leine zu lassen, mit eigenen Ideen. Unser wunderbarer Autor Burkhardt Wunderlich hat die Dialoge sehr gut ersonnen, aber erst im Kostüm am Set ergeben sich Potenziale, an die man vorher nicht denken konnte. Auf diese Potenziale konnten und durften wir reagieren. Es entwickelten sich intime, wahrhaftige Dialogpassagen, die einfach nur berührend waren. Zugleich gibt es Techniken und Regie-Methoden, damit wir die relativ kurze Drehzeit mit dem durch meinem cineastischen Hintergrund geprägten Anspruch in Einklang bringen konnten. Ich denke, das ist uns gut gelungen. Das Zauberwort heißt Zuhören.

Apropos schwierige Szenen, es gibt zahlreiche intime Momente, die sehr unverkrampft rüberkommen. Aber ist die Herstellung auch so unverkrampft? Wie gingen die jungen Schauspieler*Innen und Sie damit um?

CHRISTIAN KLANDT: Wir hatten gute und innige Vorproben. Für einige waren es die ersten Sexszenen, da gibt es aber Techniken, um den Kopf auszuschalten. Wichtig ist, dass es den Schauspieler*innen vor der Kamera gut geht. Aber noch schwieriger sind Szenen, in denen beispielsweise jemand allein im Wald steht und weinen muss. Ich meine Weinen im übergeordneten Sinne, es gibt auch stumme Tränen. Inneres Weinen ist viel emotionaler, als wenn tausend Tränen fließen. Da muss man aufpassen, dass man nichts erzwingt. Ich denke da zum Beispiel an die Zerrissenheit unserer Hauptfigur Laura, die sich die Frage stellt, ob sie für den Tod eines Menschen verantwortlich ist und dann herzallerliebst zerläuft, weil sie sich schuldig fühlt. Diese Szenen haben wir nicht geprobt, die haben wir nur besprochen. Denn da geht es auch darum, das Pulver nicht vorher zu verschießen.

In den ersten beiden Staffeln gibt es mit Lisa-Marie Koroll als Laura eine klare Hauptfigur, ihre Clique steht im Zentrum. In Staffel drei rücken Sie davon ab. Zentrale Figur ist der von Helge Lodder gespielte Hannes, der lieber ein Mädchen wäre. Das ist thematisch wichtig und richtig, aber ist so ein radikaler Umschwung nicht auch ein großes Risiko?

CHRISTIAN KLANDT: Am Ende der zweiten Staffel finden Laura und Daniel zusammen. Damit war das Hauptthema, darf man sich neu verlieben, zu Ende geführt. Ich beobachte so oft, dass sehr gute Serienansätze verwässert werden, weil es gut läuft und man noch weitere Staffeln macht, obwohl das erzählerische Ende eigentlich erreicht ist. Wir haben uns entschieden, die Story um Laura in acht Folgen zu Ende zu erzählen, sehen aber auch das Potenzial, das in dieser Clique steckt. Laura ist in der dritten Staffel weiterhin dabei, aber es gibt eine Staffelstabübergabe mit einem Thema, das total überfällig ist. Es gibt viele Produktionen dazu, die gerade am Entstehen sind. Wir sind eine der ersten, die bereits fertig ist. Und wenn ich Sie korrigieren dürfte: Hannes will kein Mädchen sein, er ist von Anfang an eines. Er möchte diesen Wandlungsprozess jetzt öffentlich machen. Wir hatten keine Angst vor diesem Wechsel in der Erzählung: Es gehört dazu, dass man sich immer wieder neu erfindet, mit jeder Staffel einen Schritt weitergeht. Klar, das bedeutet immer auch ein Risiko. Umso beeindruckender, was wir bei der ersten Vorführung der Geschichte von Hannes beim Filmfest München erlebt haben. Jemand stand auf im Publikum und sagte: Wenn es "Wir sind Jetzt" gegeben hätte, als ich 14 war, wäre mein Leben anders verlaufen.

Wie ist da die Sicht von Senderseite?

TOM ZWIESSLER: Es stimmt schon, dass man als Senderverantwortlicher eine Tendenz zur Sicherheit hat und man dazu neigt, Erfolgreiches fortzuführen. Aber wir haben am Anfang dieser Produktion eine Grundsatzentscheidung getroffen: Wir waren fest überzeugt, dass die Magie, die wir im Pitch schon gespürt haben, nur entstehen wird, wenn wir den Kreativen freie Hand lassen. Auch in dieser Frage. Und es war ja keine völlig verrückte Idee, die Figur Hannes/Haley im Story-Universum der Clique zu erzählen. Wir waren uns sicher, dass wir dieses Risiko mitgehen wollten. Die Serie ist sowieso ein mutiges Ausnahmeprodukt in unserem Programm. Deshalb macht es keinen Sinn, bei so einer Frage dann reinzureden.

Man könnte sich vorstellen, dass es vom jungen Publikum, schnelleres und direkteres Feedback gibt, als von Erwachsenen. Entstanden daraus Erkenntnisse, die Sie bei den weiteren Staffeln berücksichtigt haben?

CHRISTIAN KLANDT: Schon bevor ich dazu kam, gab es ein Konzeptpapier für eine zweite Auswertungsstufe im Online-Bereich. Da ging es darum, dass die Zuschauer auch Bonus-Inhalte im Rahmen einer Social-Media-Kampagne präsentiert bekommen. Wir haben viel mit dem Handy weiter gefilmt und den Usern Themen angeboten, zu denen sie Stellung beziehen konnten. Diese Online-Videos waren ein Angebot an die Fans und wir haben darauf tolles Feedback bekommen. Das war jetzt aber keine Initialzündung für etwaige Plots.

Wie bewerten Sie die bisherige "digitale Karriere" von "Wir sind jetzt"?

TOM ZWIESSLER: Was wir bei Instagram gemacht haben, dient einer inhaltlichen Vertiefung der Serie auf einem relevanten Kanal. Dort sollte insbesondere Lauras Tagebuch ermöglichen, komplett in ihre Gedanken einzutauchen. Im Rahmen unserer Digitalstrategie ist aber TVNow der wichtigste Kanal, weil wir mit dem Streaming-Angebot eine Antwort auf die Sehgewohnheiten des jungen Publikums geben. Die erste Staffel haben wir deswegen ganz bewusst zuerst bei TVNow gezeigt. Die Redaktion bei TVNow war dann so überzeugt von der Serie, dass TVNow bei der zweiten und dritten Staffel als Koproduktionspartner dazukam.

Wären die Fortsetzungen ohne die Partnerschaft mit TVNow gar nicht möglich gewesen?

TOM ZWIESSLER: Das ist so. Eigenproduzierte Fiction in der Primetime zu etablieren, ist für uns als Sender der "zweiten Generation" schwer, weil wir dafür nicht die Budgets haben. Mit einem Streaming-Partner wird das leichter.

Welche Rolle spielt in dieser Gemengelage noch das lineare Abschneiden für RTL Zwei? Wie gehen Sie hier weiter vor?

TOM ZWIESSLER: Wir werden im Herbst die zweite Staffel bei uns im Free TV ausstrahlen. Auf einem neuen Sendeplatz im Umfeld von "Love Island", unserem Programm mit der größten Reichweite beim jüngeren Publikum. Wir erreichen da bis zu 27 Prozent Marktanteil. Die dritte Staffel läuft dann gleich im Anschluss bei TVNow. Die lineare Ausstrahlung hat für die Kapitalisierung natürlich noch eine ganz große Bedeutung. Da verdienen wir nach wie vor das meiste Geld. Aber die Bedeutung von TVNow und von digitalen Reichweiten überhaupt wächst. Mit unserer Funneling-Strategie holen wir unsere Zielgruppen bei allen relevanten Plattformen ab und versuchen sie dorthin zu leiten, wo es für uns wirtschaftlich und strategisch am interessantesten ist.

Welchen Stellenwert hat die Serie, die ja sogar den Blauen Panther gewann, für den Sender?

TOM ZWIESSLER: "Wir sind jetzt" ist für uns ein Juwel. Wir haben es mit keinem anderen Fiction-Programm auf Festivals geschafft. Wir waren mit den ersten beiden Staffeln bei Achtung Berlin, hatten jetzt mit der dritten Staffel beim Filmfest München Premiere. Und wir haben, wie Sie schon sagten, den Bayerischen Fernsehpreis gewonnen. Es bleibt für uns ein besonderes Programm, auch wenn es in der Zielgruppe 14-49 kein Quotenhit war. Aber es war erfolgreich bei den 14- bis 29-Jährigen, da waren wir über dem Senderschnitt.

Wirkt sich "Wir sind jetzt" in irgendeiner Form auf die Pläne von RTL Zwei im Bereich eigenproduzierte Fiction aus?

TOM ZWIESSLER: Wir positionieren uns nicht als Fiction-Sender. Wir sind in Deutschland der Reality-Sender Nummer 1. Wir leben von Marken wie "Love Island", aktuell "Kampf der Realitystars", von unseren Promi-Dokusoaps und unseren journalistischen Dokumentationen von "Spiegel TV" bis "Hartz und herzlich". Klassische Fiction findet bei uns am Wochenende statt, vor allem in Form von US-Filmen, da haben wir das Label "Filmzeit" geschaffen. Freitags sind wir action-lastiger und richten uns vor allem an ein männliches Publikum, sonntags sind wir mit Modern Classics, Romantic Comedies und Komödien in der Zielgruppen-Ansprache breiter. Die Hauptbestandteile unserer Fiction-Strategie sind unsere Daily Soaps in der Access und US-Ware. Die findet dann auch schon mal als Eventprogrammierung statt, wie Ende August die Actionserie Six". Man muss realistisch sein, wir schaffen es nicht in größerem Umfang deutsche Fiktion in der Primetime zu etablieren. Insofern haben wir uns entschlossen, uns auf Sicht auf "Wir sind jetzt" zu konzentrieren, weil wir es lieben. Ich bin froh, dass wir jetzt schon in Staffel drei sind, das betrachte ich als Luxus.

Also erwarten Ihre Zuschauer*innen überhaupt keine deutschen Fiction-Angebote und "Wir sind Jetzt" bleibt ein einsamer Leuchtturm?

TOM ZWIESSLER: Das Bild mit dem Leuchtturm trifft es gut, aber der muss nicht einsam bleiben. Wir sind grundsätzlich immer offen für brillante Ideen von Kreativteams und für neue Partner. Das ist für uns überlebenswichtig, weil wir als RTL Zwei innovativ sein wollen. Deshalb waren wir auch Anfang 2019 der erste TV-Sender, der in die New-Media-Förderung des Medienboards Berlin-Brandenburg eingezahlt hat. Wir experimentieren in der Fiction weiter und entwickeln gerade mit den YouTube-Stars Jonas Ems und Jonas Wuttke ein neues Projekt, "Echt Fame", eine Produktion von Odeon Entertainment. Darin geht es um das Leben von Influencern, es ist Fiction in einer Zwischenwelt zwischen YouTube und klassischem TV. Ich würde auch gerne noch etwas zu unseren erfolgreichen Vorabendserien sagen.

Gerne.

TOM ZWIESSLER: "Berlin - Tag und Nacht" und "Köln 50667" waren vor zehn Jahren eine Genre-Revolution. Das waren die ersten Daily Soaps, die ohne Dialog-Drehbücher mit einem Improvisationsansatz gedreht wurden. Anhand dieser Serien konnten wir beobachten, wie sich der Zuschauermarkt in den letzten zehn Jahren verändert hat und die jungen Zuschauer immer stärker ins Digitale gewandert sind. Sie haben uns gezeigt, dass wir neue, medienübergreifende Erzählformen finden müssen. Im vergangenen Juni hatte "BTN" über 53 Millionen Video Views auf allen Digital-Plattformen, also TVNow, RTLZWEI.de, die Format-App, Facebook, Instagram, Snapchat, TikTok und YouTube. Bei "Köln 50667" waren es fast 66 Millionen. Das ist ja eine gigantische Relevanz im Multichannel-Universum der beiden Soaps und es zeigt, dass es immer wichtig ist, zu experimentieren, Neues zu versuchen - so wie jetzt wieder mit "Wir sind Jetzt".

Wie geht es mit "Wir sind jetzt" weiter?

CHRISTIAN KLANDT: Es gibt wundervolle Ideen für weitere Folgen. Doch trotz aller Phantasie bin ich als Regisseur auch Realist. Wir warten jetzt ab, wie sich die zweite Staffel in der Free-TV-Premiere und die dritte bei TVNow schlagen. Aber wir haben große Lust, diese Geschichten weiter zu erzählen und mit unseren Protagonist*innen älter zu werden, ohne den Fokus auf die 16- bis 24-Jährigen als Hauptzielgruppe zu verlieren.

TOM ZWIESSLER: Dem ist nichts hinzuzufügen.

Welche weiteren Projekte stehen für Sie an?

CHRISTIAN KLANDT: Ich habe zwei Kinofilme in Vorbereitung, die beide aus meiner Feder kommen. Ein Thema bewegt mich sehr: Da geht es um illegalen Organhandel mit Kindern und Babys in Osteuropa. Das ist eine berührende Geschichte nach einer wahren Begebenheit, die aus meinem Kopf raus muss. Das zweite Kinoprojekt realisiere ich mit Christian Popp: Eine Gastronomie-Dramödie, auf die ich mich sehr freue. Außerdem habe ich zwei Romane zur Verfilmung angeboten bekommen. Und durch "Wir sind jetzt" habe ich so viel Lust auf serielles Erzählen bekommen, dass ich eine biografische Geschichte aus Nachkriegsdeutschland als Serie erzählen möchte. Mein Ansatz ist, so zu erzählen, wie ich es vorher noch nicht gesehen habe und dabei Geschichten auszuwählen, die unbedingt erzählt werden müssen. Wenn es kein anderer macht, dann mache eben ich es. Auf diese Weise entstehen meine Projekte.

Das Interview führte Frank Heine