Kino

Kein neuer Lockdown, aber...

Während erste Landkreise ihre Corona-Maßnahmen auf Basis der geltenden Verordnungen bereits deutlich verschärft haben, gewinnt die Frage, mit welcher Strategie die Politik in den Herbst geht, an Brisanz. Klarheit soll der 10. August bringen - auf diesen Tag wurde die Ministerpräsidentenkonferenz nun vorverlegt.

28.07.2021 09:21 • von Marc Mensch
Kanzleramtsminister Helge Braun spricht von klaren Sanktionen für Ungeimpfte (Bild: IMAGO/Future Image)

Die Inzidenzen in Deutschland steigen (mit regionalen Abweichungen) weiter, das Überschreiten diverser Grenzwerte der Stufenpläne hat für die ersten Landkreise (und auch die ersten Kinos) bereits konkrete Folgen. "Ungewollte Folgen", ist man mitunter versucht, zu sagen. Denn eigentlich herrscht breite Einigkeit in Bund und Ländern darüber, dass der primär auf die Inzidenzen fokussierte Blick der Situation zumindest bei Beibehaltung aktueller "Grenzwerte" nicht mehr wirklich gerecht wird und dass derzeit noch zwingend vorgeschriebene Restriktionen zumindest gemessen an den geltenden Schwellen vielfach nicht mehr angemessen sind - während Hochrisikobereiche wie Clubs womöglich sogar schärfer reglementiert werden müssen. Trotz dieser prinzipiellen Einigkeit erfolgt aktuell jedoch nur Flickwerk.

Besonders deutlich wird dies am Beispiel Solingen, einem von bereits einem Dutzend Land- und Stadtkreisen, die laut RKI zum Stichtag 27. Juli wieder bei einer Sieben-Tage-Inzidenz von über 35 angekommen waren. Wobei diese Beschreibung Solingen noch schmeichelt - in der Stadt war bereits die 60 überschritten, was sie tatsächlich zum Corona-Hotspot Deutschlands machte. Dort waren die Inzidenzen sogar so schnell gestiegen, dass man den Eintritt in die Corona-Warnstufe 2 noch vor dem Erreichen der Stufe 1 hatte terminieren können. Was Stufe 2 bedeutet?

Unter anderem wieder generelle 3G-Nachweispflicht in Häusern wie dem Lumen Solingen. Und eigentlich wäre die Stadt zum Redaktionsschluss schon in Stufe 3 gewesen, die die Schließung der Innengastronomie vorsieht, hätte NRW nicht kurzfristig eine Verordnung erlassen, in der die Frist für den Übergang von Stufe 2 zu Stufe 3 von drei auf acht Tage verlängert wurde. Eine Änderung, die vorab übrigens nicht kommuniziert wurde. Maximale Verwirrung garantiert.

Immerhin: Auf Druck der Länder wurde die ursprünglich erst für Ende August vorgesehene Ministerpräsidentenkonferenz nun doch auf 10. August vorverlegt. Ein immens wichtiger Termin, gibt er doch die Richtung für den Herbst vor - und diesbezüglich sind Sorgen womöglich nicht ganz unangebracht, auch wenn ein neuerlicher Lockdown unbedingt verhindert werden soll. Denn insbesondere vor dem Hintergrund einer jetzt schon immer klarer zu Tage tretenden Impfmüdigkeit der Deutschen mehren sich die Stimmen jener, die für den Fall weiterhin steigender Inzidenzen weitreichende Sanktionen für Ungeimpfte ins Spiel bringen.

Besonders deutlich wurde Kanzleramtsminister Helge Braun, der im Interview mit einer Boulevardzeitung nicht nur erklärte, Geimpfte würden in Zukunft "definitiv mehr Freiheiten haben" als Ungeimpfte. Vielmehr präzisierte Braun diese Worte für den Fall eines trotz bestehender Testkonzepte hoch bleibenden Infektionsgeschehens dahingehend, dass Ungeimpfte auch bei Vorlage eines negativen Tests potenziell keinen Zugang zu Stadien, Restaurants oder Kinos mehr bekommen sollten. Auch wenn man davon ausgehen muss, dass von solch einer Einschränkung nur diejenigen erfasst würden, die sich tatsächlich impfen lassen können, wären die potenziellen Auswirkungen auf das Besucheraufkommen in den Kinos doch erheblich.

Während Kanzlerkandidat Armin Laschet den Vorstoß übrigens (wenig überraschend) klar ablehnt, kommt Zustimmung von Bayerns Ministerpräsident Markus Söder, der bei einer Pressekonferenz am 27. Juli von der Einräumung von "Exklusiv-Rechten" für Geimpfte (und Genesene) unter anderem mit Blick auf uneingeschränkten Zugang zu Veranstaltungen sprach. An den Inzidenzen als Richtwert will Söder festhalten, allerdings angepasst an die Impfquote. Sein Beispiel: Bei 75 Prozent Geimpften (einer Zahl, von der Deutschland weit entfernt ist) entspräche die "alte 50" einer "neuen 200".

Dass sich tatsächlich eine Mehrheit für den Ausschluss Nichtgeimpfter von Veranstaltungen auch bei Vorlage eines Tests findet, ist aktuell eher zu bezweifeln, auch wenn aus der Opposition nicht nur Kritik kommt - tatsächlich gab Grünen-Chef Robert Habeck dem Kanzleramtsminister Rückendeckung. Ganz und gar nicht unwahrscheinlich ist aber jedenfalls die Abschaffung kostenloser Testmöglichkeiten für Impfunwillige, wie sie bereits diverse Ministerpräsident*innen ins Gespräch gebracht haben - während gleichzeitig über die Ausweitung von Nachweispflichten nachgedacht wird.

Auch dies bliebe definitiv nicht ohne erheblich negativen Effekt auf die Kinobesuche, die ohnehin schon dort leiden, wo ein kostenloser 3G-Nachweis Zugangsvoraussetzung ist. Dies zeigt sich nicht nur allwöchentlich in der Comscore-Betrachtung der einzelnen Bundesländer, sondern ganz aktuell auch im Kino-Musterland Frankreich, wo die Einführung der Pflicht zur Vorlage des digitalen Nachweises mit erheblichen Einbrüchen beim Kinobesuch einherging.

Unter dem Strich steht zu befürchten: Was auch immer am 10. August beschlossen wird - kurzfristig erleichtern wird es die Lage der Kinos vermutlich eher nicht, sollte sich das Infektionsgeschehen bis dahin nicht beruhigt haben.