Kino

Kino-Neustart: Kein allzu großer Rückschritt

Ohne wirklich großen Mainstream-Neustart konnten sich die deutschen Kinozahlen des vergangenen Wochenendes nicht annähernd mit jenen der Vorwoche messen - gerade im Vergleich mit den USA wusste die Stabilität (nicht nur) der Toptitel aber einigermaßen zu überzeugen. Relativ steil nach unten ging es unterdessen in Österreich.

26.07.2021 15:51 • von Marc Mensch
Hielt sich hierzulande deutlich besser als in den USA: "Fast & Furious 9" (Bild: Universal)

Vor rund einer Woche nahm der US-Kinoverband NATO den massiven, fast 70prozentigen Drop von Black Widow" aufs Korn - und vergaß dabei, dass Fast & Furious 9" nach seinem Start in den USA nicht weniger tief gefallen war. Nun, dieses Schicksal teilte der Actionkracher in Deutschland nicht. Hier lag das Minus laut der Filmsource-Auswertung von Comscore (die allerdings die Previews der Vorwoche nicht beinhaltet), bei knapp über 40 Prozent. Und damit zwar nicht unbedingt niedrig, aber doch in einem nicht gänzlich ungewöhnlichen Bereich. Auch wenn der Film in dieser Auswertung übrigens hauchdünn an der Grenze zur Siebenstelligkeit scheiterte, hat er doch tatsächlich bereits über eine Million Besucher in die deutschen Kinos gezogen - in absoluter Corona-Rekordzeit, die dem Film auch den ersten Bogey seit Star Wars: Der Aufstieg Skywalkers" einbrachte.

Tatsächlich war es um die Stabilität vieler anderer Filme auch vor dem Hintergrund der aktuellen Kapazitätsengpässe sogar durchaus erfreulich bestellt, keine anderer Top-20-Titel gab um 40 Prozent oder mehr nach, einige rangierten bei Drops um die 20 Prozent. "Black Widow", der am zweiten Wochenende auch in Deutschland überdurchschnittlich viele Besucher verloren hatte, aber längst nicht so stark in den Sinkflug gegangen war wie in den USA, zeigte sich mit einem 32prozentigen Besucherminus sogar erheblich stabiler als zuvor und kommt bereits auf knapp 515.000 Zuschauer. "Conjuring 3" wiederum, der schon zuvor zu den etwas stabileren Titeln gezählt hatte, verlor nur knapp über 20 Prozent seiner Vorwochenbesucher und steht bereits bei fast 550.000 Zuschauern. Catweazle", der am Sonntag in diversen Benefizvorstellungen lief, gab anteilig sogar noch etwas weniger ab, und steht laut Filmsource-Auswertung bei rund 387.000 Besuchern.

Dennoch fällt beim Blick auf die Charts sofort ins Auge: Nur ein einziger Titel machte sechsstellige Besucherzahlen, kein anderer kam auch nur in die Nähe dieser Marke. Neustarts gab es in dieser Woche zwar einige, aber keiner konnte in die Phalanx der Top 5 vordringen. Für eine Positionierung in deren Nähe reichte es mit durchaus achtbaren Zahlen aber für "Die Olchis" (gut 55.000 Zuschauer) auf Platz 6 und Spirit - Frei und ungezähmt" (knapp 46.000 Besucher) auf Rang 7. Hervorzuheben ist indes vor allem Der Rausch", dem mit knapp 33.000 verkauften Tickets ein Arthouse-Debüt nach Maß gelang. Dass von zehn von Comscore erfassten Neustarts ganze sieben weit unter fünfstelligen Besucherzahlen blieben, ist indes weiterer Beleg für die schon im Vorfeld prognostizierte Kannibalisierung von Titeln, so hatte etwa der Horrorthriller Spell" (knapp 1500 Besucher) nicht den Hauch einer Chance gegen den nach wie vor starken "Conjuring 3", obwohl es ersterer immerhin noch in 124 Locations schaffte.

Unter dem Strich gaben die Besucherzahlen in Deutschland gegenüber dem vorigen Wochenende mit seinem bisherigen Pandemie-Rekord um 22,7 Prozent, die Umsätze um 24,2 Prozent nach. Mit einstweilen gezählten 965.733 Besuchern und knapp 8,4 Mio. Euro Umsatz fiel man auch unter das Niveau des zweiten Wochenendes nach der bundesweiten Wiedereröffnung - obwohl mittlerweile noch ein ganzer Schwung an spielenden Kinos hinzugekommen ist. Laut Comscore betrug der Öffnungsgrad (gemessen an Spielstätten) zuletzt 78 Prozent, tatsächlich liegt er aber wegen einer ganzen Reihe von Nachmeldungen noch ein Stück höher.

Immerhin zeigt sich das gegenüber der Situation nach dem ersten Lockdown massiv stabilere Geschäft nicht zuletzt auch daran, dass der Rückstand auf 2020 binnen weniger Wochen von weit über 90 auf mittlerweile "nur" noch knapp über 77 Prozent geschrumpft ist. Damit ist angesichts der miserablen Zahlen des Pandemie-Vorjahres zwar noch nicht allzu viel gewonnen, allerdings ist es doch deutlicher Ausdruck dessen, dass die Richtung stimmt.

Der Abstand zum Meilenstein eines an den fünf Jahren vor der Pandemie gemessenen "mittleren Wochenendes" fiel (natürlich) wieder größer aus: Zwar übersprang der Gesamtmarkt die untere Benchmark des schlechtesten Wochenendes um 127 Prozent nach Besuchern und sogar 132 Prozent nach Umsatz, zur entscheidenderen Hürde fehlten aber 39 bzw. 40 Prozent.

Spannend könnte die Entwicklung unterdessen werden, wenn die 3G-Nachweispflichten ausgeweitet und Tests nicht mehr kostenlos zur Verfügung gestellt werden, wie sich dies immer deutlicher abzeichnet. Beunruhigen könnte hierbei nicht zuletzt der Blick auf Berlin und Hamburg, die - mit entsprechender Nachweispflicht - weiterhin sehr, sehr deutlich unter den anderen Bundesländern rangieren, wenn es um das Überspringen der unteren Benchmark geht. Allerdings wird eine entscheidende Rolle spielen, für welche Unternehmungen der Nachweis sonst noch vonnöten ist, eine sehr breit angelegte Pflicht würde den einzelnen Branchen potenziell weniger schaden.

Unterdessen erlebte Österreich einen veritablen Einbruch gegenüber dem Vorwochenende. Gezählt wurden zuletzt noch knapp 90.000 Besucher und gut 940.000 Euro Boxoffice, rund 55 Prozent weniger als am Startwochenende von "Fast & Furious 9". Zwar konnte man auch bei den Nachbarn deutlich mehr Besucher (plus 71 Prozent) begrüßen und Umsatz (plus 100 Prozent) einfahren, als am schlechtesten Wochenende vor Corona - doch der Rückschlag fiel hier ein ganzes Stück härter aus, nachdem man vergangene Woche doch sogar Zahlen hatte feiern können, die ein gutes Stück über dem Durchschnitt der Vorjahre lagen. In Österreich ist der Markt übrigens tatsächlich komplett offen, laut Comscore flossen 96 Prozent der Spielstätten in die Statistik ein.

Die Niederlande blieben wiederum zwar deutlich näher am "mittleren Ergebnis" als Deutschland und Österreich, allerdings ist dies vor allem der erheblich größeren Stabilität des Marktes geschuldet, der vor der Pandemie nur geringere Abweichungen nach oben und unten kannte. Mit gut 306.000 Besuchern und etwas mehr als 3,1 Mio. Euro Boxoffice übersprang man die unterste Hürde dort nur um 116 bzw. 153 Prozent - dennoch fehlten nur 25 bzw. elf Prozent zur nächsten. Unter dem Strich lässt sich - insbesondere angesichts der Tatsache, dass es sich wieder um ein Hochinzidenzgebiet handelt - von einer erfreulich stabilen Erholung des dortigen Kinomarktes sprechen.