Kino

REVIEW KINO: "Old"

M. Night Shyamalan lässt seine Protagonisten in "Old" rasend schnell altern. Ob die Umsetzung so gelungen ist wie die Prämisse, erfahren Sie in unserer Besprechung.

26.07.2021 14:54 • von Marc Mensch
Wenn ein Jahr innerhalb von 30 Minuten vergeht, kann das unangenehme Konsequenzen haben... (Bild: Universal)

Seine Karriere ist beinahe so wendungsreich wie seine großen Hits, sein Schaffen immer wieder für eine Überraschung gut und seine Spezialität sind: plot twists. Was M Night Shyamalan in den auf The Sixth Sense" folgenden Hits weiter kultivierte, erwies sich jedoch beileibe nicht nur als Segen. Denn in Erwartung wie Rezeption wurden seine Filme zunehmend auf den großen Impact, die Wendung, den Knaller, die Enthüllung, die erstaunliche Auflösung reduziert. Wie Shyamalan mit eher mediokrem Feedback umging, war wiederum ebenso einzigartig wie Gegenstand etlicher Verrisse, schrieb er sich doch kurzerhand selbst die Rolle des geschmähten Genies auf den Leib. Zwar begab sich Shyamalan in der Folge durchaus auf das Terrain eher banal erzählten, dafür aber umso höher budgetierten Popcornkinos, stieß damit allerdings auf derart geteiltes Echo, dass man beinahe einen Karriereknick vermuten durfte, aus dem ihn zu befreien dann eben doch wieder dem plot twist oblag - in einem Projekt, für dessen Finanzierung Shyamalan buchstäblich sein Haus verpfändet haben soll.

Drei Filme später treibt Old" das Prinzip des Überraschungsmoments nun förmlich auf die Spitze. Denn wenngleich die Prämisse im eigentlichen Film fast ebenso schnell zum Tragen kommt wie im Trailer, ist sie im Verlauf der 108 Minuten doch für immer wieder neue Ideen gut. Dreh- und Angelpunkt des Thrillers ist ein paradiesischer Strand, der ein tödliches Geheimnis birgt: Wer an ihm verweilt, altert rasend schnell. Und wer erst einmal angekommen ist, hat kaum eine andere Wahl, als zu verweilen...

Sehr viel mehr sollte man zu den vielen kleinen und größeren Wendungen, denen Shyamalan seine Darsteller*innen (mit Gael Garcia Bernal, Vicky Krieps und Rufus Sewell als deren prominentesten Vertreter*innen) unterwirft, auch nicht verraten, liegt das Vergnügen an dem Film doch nicht zuletzt in den immer neuen Variationen dessen begraben, was ein rapider Alterungsprozess in unterschiedlichsten Situationen auszulösen imstande ist.

Die Kameraarbeit von Mike Gioulakis vermittelt das Grauen dabei in den allermeisten Fällen nur subtil. Sie verdeckt, deutet an, lässt mehr ahnen als sehen - was den Moment, in dem sie dann doch draufhält, nur umso mehr unterstreicht. Gleichzeitig gelingt es ihr, dem eigentlich doch eher begrenzten Schauplatz Leben einzuhauchen, ihn selbst zum Protagonisten zu machen und damit die beklemmende Atmosphäre nur zu unterstreichen. Generell ist es die visuelle Umsetzung, die an "Old" hervorsticht - und die mit ihren klaren Bildern und ungewöhnlichen Perspektiven einen deutlichen Hinweis auf die Wurzeln des Konzepts gibt: Old" basiert auf einer gefeierten Graphic Novel, "Sandburg" von Frederik Peeters and Pierre Oscar Lévy.

Wo die Vorlage mit vergleichsweise wenig Text auskommt, liegt hier indes die größte Schwäche von Shyamalans "Old", der dem sprichwörtlichen "Erklärbären" ein wenig zu viel Freiraum in teils arg konstruiert wirkenden Dialogen lässt, die ihre liebe Mühe haben, den Protagonisten Mehrdimensionalität zu verleihen. Geschuldet ist dies indes vor allem der maximal gestrafften Exposition, die sich letztlich als zweischneidiges Schwert erweist. Unter dem Strich lässt sich jedoch sagen: "Old" entspricht seiner eigenen Prämisse, indem er die Zeit auch vor der Leinwand verfliegen lässt - bis hin zu einem finalen plot twist, der des Regisseurs wahrlich würdig ist. Auch deshalb, weil er das Potenzial hat, kontrovers diskutiert zu werden.