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Käßbohrer/Murmann: "Wir können jetzt die Abfahrt genießen"

Philipp Käßbohrer und Matthias Murmann haben mit ihrer btf und der Netflix-Serie "How to Sell Drugs Online (Fast)" ein international erfolgreiches Format etabliert. Wie sie damit weiter planen und warum es dazu jetzt die passende Doku gibt, erzählen sie im Interview.

27.07.2021 07:46 • von Michael Müller
Philipp Käßbohrer (l.) und Matthias Murmann (Bild: Josef Strauch)

Philipp Käßbohrer und Matthias Murmann haben mit ihrer btf und der Netflix-Serie "How to Sell Drugs Online (Fast)" ein international erfolgreiches Format etabliert. Die dritte Staffel startet am heutigen 27. Juli. Wie sie damit weiter planen und warum es dazu jetzt mit "Shiny_Flakes: The Teenage Drug Lord" am 3. August die passende Doku gibt, erzählen sie im Interview.

Wie schwierig ist es, wenn man ein Erfolgsformat wie "How to Sell Drugs Online (Fast)" bei Netflix etabliert hat, die Energie bei den weiteren Staffeln genauso hoch zu halten wie am Anfang?

PHILIPP KÄSSBOHRER: Publikumserwartung zu erfüllen, ist ja ein Ding der Unmöglichkeit. Außerdem will das Publikum ja sowieso viel lieber etwas Unerwartetes sehen. Das Schöne an HTSDOF, wie wir es liebevoll abkürzen, sind neben den Figuren ja auch die vielen Erzählebenen, die das Format bietet. Da gibt es die Comedy-Ebene, das Crime-Format, die Liebesgeschichte und die bunte, digitale Welt der Generation Z, und überall kann man sich ein bisschen austoben. In der zweiten Staffel war uns zum Beispiel wichtig, die Comedy ein bisschen hochzufahren und die Nebenfiguren besser kennenzulernen. In der dritten Staffel hatten wir somit ein aufgeladenes Ensemble, das wir aufeinander prallen lassen konnten. Klar, verfolgen wir mit großer Freude die Reaktionen unseres internationalen Publikums in den sozialen Medien. Aber inhaltlich machen wir uns da keinen Druck, und lassen auch keine Datenanalyse über die Serie laufen, oder so. So arbeiten wir nicht.

MATTHIAS MURMANN: Die Motivation hochzuhalten, war eigentlich kein Problem, weil wir die Figuren inzwischen sehr gut kennengelernt haben. Dann macht es umso mehr Spaß einfach auszuprobieren, wie weit man mit den Figuren gehen kann, in welche Extremsituationen wir sie führen können, aus denen sie nur schwer wieder herauskommen. Das haben wir hoffentlich mit der dritten Staffel auch ganz gut hinbekommen.

Die zweite Staffel hatte schon einen fast soapigen Aspekt, wie das Figurennetz ausgebaut wurde. Ist die dritte Staffel jetzt auch wieder als stärkere Hinwendung zu den Genremomenten gedacht?

PHILIPP KÄSSBOHRER: In der ersten Staffel einer Serie verbringt man naturgemäß viel Zeit damit, die Hauptfiguren zu etablieren. So kamen auch ein paar Figuren erzählerisch zu kurz, deren Backstorys und Abgründe wir aber eigentlich total mochten. Als Zuschauer genieße ich es immer, wenn sich solche Figuren in der nächsten Staffel dann entblättern. Vermutlich meinen Sie dieses Gefühl, dass alle Figuren in Staffel zwei mehr familiären Kontext und Dreidimensionalität bekommen. Und jetzt, da die Gondel auf dem Berg ist, können wir in Staffel drei die Abfahrt genießen.

Wie viel Staffel-Potenzial sehen Sie noch im Stoff? Gibt es eine Art Masterplan für die Handlung?

PHILIPP KÄSSBOHRER: Die Serie folgt ja gar keiner Handlung, sondern den Figuren. Das ist wie beim Roadrunner und dem Kojoten. Wir wissen ganz genau, was die Figuren wollen und was deren Fähigkeiten und Schwächen sind. Das kann man eigentlich endlos variieren. Unsere Hauptfigur Moritz strebt zum Beispiel nach Anerkennung und verwechselt dabei die Suche nach echter Liebe mit der Liebe, die er aus dem Internet bekommt. Der Motor der Figur treibt sich selbst an. Höher, schneller, weiter. Ein Perpetuum mobile, das mit Ende dieser Staffel erstmal in eine Kiste kommt. Aber wenn man es eines Tages da wieder rausholen würde, wäre ich mir sicher, dass es noch funktioniert.

Mit Ihrer btf haben Sie parallel zur dritten Staffel auch der realen Inspirationsquelle, dem Online-Drogenhändler Maximilian Schmidt, den Netflix-Dokumentarfilm "Shiny_Flakes" gewidmet. Vergleicht man Realität und Fiktion, stellt man erhebliche Freiheiten fest.

MATTHIAS MURMANN: Die Geschichte von Maximilian Schmidt war die erste Inspirationsquelle für eine Serie über einen Darknet-Drogendealer aus dem Kinderzimmer. Wir haben uns aber von Anfang an darauf fokussiert, auf Basis der Prämisse eine eigenständige Geschichte zu erzählen. Im Zuge der Entwicklung entstand dann die Verbindung zu Maximilian Schmidt. Da es schon immer eine große Faszination für seine Lebensgeschichte und die Welt der Online-Kriminalität gab, war der Wunsch groß, irgendwann einen Dokumentarfilm darüber zu machen. Es war aber auch klar: Wir müssen das inhaltlich von unserer Serie trennen, mit einem eigenen Doku-Team, das den Film autark herstellt.

PHILIPP KÄSSBOHRER: Und obwohl die beiden Geschichten so unterschiedlich sind, waren wir ein bisschen überrascht, wie sehr sich die Psychologie der echten und der ausgedachten Figur ähneln. Beide tragen einen Konflikt in sich, den sie mit einer ganzen Generation teilen. Die Frage: Wer bin ich in der echten Welt, und kann ich in der virtuellen Welt vielleicht jemand ganz anderes sein?

MATTHIAS MURMANN: Es gibt diverse Parallelen, wo wir richtig perplex sind. Das Ende der Serie und der Doku beispielsweise. Die Serie war schon längst im Kasten, als an diesem Teil der Doku noch gedreht wurde.

Hatten Sie denn gewisse moralische Gewissensbisse oder die Angst vor Glorifizierung bei den Konzept von "Shiny_Flakes", weil der Straftäter nicht nur einen Großteil seiner eigenen Geschichte erzählt, sondern auch vor der Kamera eigene Handlungen nachspielt?

MATTHIAS MURMANN: Diese Grenze hatten wir natürlich durchgehend im Blick. Eva Müller, die Autorin und Regisseurin des Films, hat sich dem Protagonisten und dem Thema mit äußerster journalistischer Sorgfalt und Neutralität angenommen. Klar, ist die erste Reaktion auf ihn: Was für ein verrückter Typ. Mutig, was er gemacht hat. Aber im Verlauf der Doku kommen natürlich auch die Gegenstimmen zu Wort. Die Strafverfolgungsbehörden, der Gerichtspsychologie. Da wird die Geschichte ambivalenter. Am Ende denkt man eben nicht: Wow, toller Typ, das mache ich jetzt auch mal. Man merkt, dass er tief gefallen ist und empfindet eher Mitleid als Bewunderung.

Wollen Sie den Bereich Dokumentarfilm bei der btf noch weiter ausbauen?

PHILIPP KÄSSBOHRER: Wir sind grundsätzlich mehr an Erzählungen interessiert und denken nicht so sehr in Genres. Wir mache ja auch Computerspiele oder Fernsehshows. Kurze Antwort auf Ihre Frage: Ja. Wir machen sehr gerne noch viel mehr Dokus, wenn die Inhalte passen.

Wie zufrieden sind Sie mit der Entwicklung der btf in den vergangenen Jahren?

PHILIPP KÄSSBOHRER: Auf einer Skala von eins bis zehn, würd' ich sagen elf. Wir freuen uns vor allem darauf, diese Entwicklung hoffentlich bald mit unseren grandiosen Mitarbeiter:Innen feiern zu können. Das kommt gerade etwas zu kurz.

MATTHIAS MURMANN: Es ist auf jeden Fall ein total verrückter Weg gewesen. Das hätten wir niemals erwartet. Wir haben eine ganze Palette toller Sachen vor uns, die wir zusammen mit großartigen Talenten machen dürfen. Besser gehts doch nicht.

Eines dieser Talente ist der Filmemacher Jan Bonny, der im B:F-Interview mal meinte, dass es schon perfekt passen müsse, wenn er mal eine Serie macht. Wie haben Sie ihn als Regisseur für die Netflix-Serie "Cable Cash" gewonnen?

PHILIPP KÄSSBOHRER: Ich glaube es hat einfach perfekt gepasst. Inhaltlich, aber eben auch menschlich. Wir arbeiten wirklich gerne mit guten Menschen zusammen, mit denen wir uns verstehen und eine Vision teilen. Das ist eigentlich das Wichtigste. Dass die kreative Verabredung stimmt und man gemeinsam in die gleiche Richtung will. Wir teilen einen radikalen Erzähl-Willen und die Lust am Spiel. Das ist gerade bei "Cable Cash" sehr wichtig. Außerdem waren wir an derselben Hochschule - KHM besties forever.

An was für weiteren Projekten arbeitet die btf aktuell?

MATTHIAS MURMANN: Mit der Produktion von "Cable Cash" werden wir noch das ganze Jahr beschäftigt sein. Im Herbst freuen wir uns total darauf, eine unterhaltsame Wissenschaftsshow mit Mai Thi Nguyen-Kim für ZDFneo zu machen. Mit ZDFneo machen wir gerade auch zusammen die Sitcom "Start the fck up", die ebenfalls im Herbst herauskommt und eine Gemeinschaftsproduktion mit Network Movie ist. Und mit Netflix - das kann man jetzt schon soweit sagen - werden wir noch ein paar mehr Welten im Serienbereich erschaffen. Wir arbeiten dort mit wirklich tollen Menschen zusammen und genießen ein großes Vertrauen.

Das Interview führte Michael Müller