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KOMMENTAR: Die Lehren aus Cannes

Wenn einer eine Reise tut... 39 Filme und neun Spucktests später lässt sich zumindest aus meiner bescheidenen Warte sagen: Das 74. Festival de Cannes war ein voller Erfolg.

22.07.2021 07:44 • von Jochen Müller
Thomas Schultze, Chefredakteur (Bild: Blickpunkt:Film)

Wenn einer eine Reise tut... 39 Filme und neun Spucktests später lässt sich zumindest aus meiner bescheidenen Warte sagen: Das 74. Festival de Cannes war ein voller Erfolg. Und hätte gar nicht furioser und passender enden können, als mit dem jetzt schon legendären Faux pas von Spike Lee, den Gewinner der Goldenen Palme gleich zu Beginn der Preisvergabe zu verraten.

Wir werden nie erfahren, ob es einfach nur ein Fehler war oder eine beabsichtigte Sabotage: Allzu enthusiastisch schien Lee jedenfalls nicht zu sein, dass die Goldene Palme an Titane" ging. Als Grund für die Auszeichnung anzugeben, man habe noch nie gesehen, wie eine Frau Sex mit einem Auto habe, scheint nicht gerade der Begeisterung letzter Schluss. Auf einmal wirkt Robert De Niros Begründung, der Film habe die richtige Größe, Bedeutung, Absicht, wie immer man es nennen möge, warum seine Jury sich 2011 für Tree of Life" entschied, verblüff end eloquent und schlüssig. Und doch passte das Chaos wie auch die Goldene Palme für "Titane" wie die Faust aufs Auge, weil das Festival selbst nicht minder chaotisch gewesen war.

Vor allem aber ist es verblüffend, wie schnell man das 74. Festival de Cannes und alle seine Randerscheinungen als selbstverständlich, als völlig normal empfand: Selbst die Tatsache, dass ich in elf Tagen 80 Stunden mit Maske Filme angesehen habe und mindestens weitere 50 Stunden mit Maske - vor den Filmstart wartend, in Schlangen, im Palais, im Taxi, Flughafen, Flugzeug und der S-Bahn - verbrachte, also etwa die Hälfte der gesamten Reise, erscheint einem als geringes Opfer, das man bereitwillig auf sich nahm, um endlich einmal wieder aus der heimischen Monotonie ausbrechen zu können. Und Film so zu erleben, wie es nur auf einem großen Festival geboten wird. Ein besonders intensiv diskutiertes Thema waren die Streamer in diesem Jahrgang jedenfalls nicht.

Es wurde viel über Corona gesprochen, vielleicht auch über unerhörte Bilder wie aus Marienstatuen geschnitzte Dildos (Benedetta") oder Frauen, die nach dem Sex mit einem Auto Maschinenöl tropfen ("Titane"), über viel nackte Haut und Sex in den Filmen von Cannes und schließlich eben über mögliche Palmenkandidaten. Aber eigentlich ging es immer ums Kino, um das einzigartige Erleben von Filmen mit einem Publikum, die mit nichts zu vergleichende Stimmung in einem dunklen Saal, die einen Filme viel intensiver wahrnehmen lässt.

Thierry Frémaux ist also genau das gelungen, was er sich für das Festival de Cannes als Ziel gesetzt hatte: eine Feier des Kinos. Die übrigens zu keinem Zeitpunkt enthusiastischer war als an den beiden Abenden, an denen beim Cinéma de la Plage für kostenlosen Eintritt Fast & Furious 9" gezeigt wurde. Auch das war Cannes. Und es war gut so.

Thomas Schultze, Chefredakteur