Produktion

Pablo Larrain zu "Lisey's Story": "Ein guter Zeuge"

Pablo Larrain zählt zu den führenden Filmemachern unserer Zeit. Mit dem Achtteiler "Lisey's Story" nach dem Roman von Stephen King, aktuell auf Apple TV+, hat er sich erstmals an eine Miniserie gewagt.

21.07.2021 08:09 • von Thomas Schultze
Pablo Larrain hat sich an eine Adaption von Stephen Kings persönlichstem Buch gewagt (Bild: Apple)

Der Chilene Pablo Larrain zählt zu den führenden Filmemachern unserer Zeit. Mit dem Achtteiler Lisey's Story" nach dem Roman von Stephen King, in dem Julianne Moore und Clive Owen die Hauptrollen spielen, aktuell auf Apple TV+, hat er sich erstmals an eine Miniserie gewagt.

Wie passt Ihre filmische Vision mit der Welt von Stephen King zusammen?

PABLO LARRAIN: Das ist doch das Besondere an Stephen King: Jeder kann sich in seiner Welt wiederfinden. Ein Blick auf sein Schaffen offenbart, wie verschieden und abwechslungsreich es ist. Es ist ein schillerndes, höchst komplexes Universum, das er geschaffen hat. In seinen Romanen und den zugehörigen Filmen und Serien hat er im Lauf seiner Karriere eine Vielzahl von Themen und Tonalitäten abgedeckt. Klar, wenn man Stephen King sagt, denkt man erst einmal an Spannung, an Schrecken, an psychologischen Horror, an Fantasy. Aber das ist nur die Spitze des Eisbergs. Da steckt noch viel mehr drin, und vieles davon ist auf entwaffnende Weise persönlich und direkt.

Das hat Sie auch für "Lisey's Story" eingenommen?

PABLO LARRAIN: Ich habe schnell die Drehbücher gelesen und nahm mir im Anschluss den Roman vor. Ich war fasziniert von der komplexen Welt, die sich vor mir ausbreitete. Ich wäre ein Narr gewesen, wenn ich nicht zugegriffen hätte.

Warum hatte man sich Sie ausgesucht? Sie werden zugeben müssen, dass man Ihren Namen nicht sofort mit einer Stephen-King-Adaption in Verbindung bringen würde.

PABLO LARRAIN: Na, es ist nicht so, dass man immer nur Stoffe angeboten bekommt, die im Einklang stehen mit den Filmen, die man bereits gemacht hat. Sie würden staunen, welche Projekte man mir bereits angetragen hat. Da ist Stephen King im Vergleich regelrecht naheliegend. Ich war jedenfalls nicht überrascht. Angesprochen wurde ich von Julianne Moore, deren Film "Gloria Belle" von Sebastian Lelio ich produziert hatte. Wir kannten uns also, und sie konnte sich gut vorstellen, dass mir "Lisey's Story" liegen würde. Die eigentliche Überraschung für mich war, dass sie nur einen Regisseur für die ganze Miniserie haben wollten. Da musste ich tatsächlich erst einmal schlucken: Das sind fast acht Stunden Material!

Wie sind Sie rangegangen? Was es sehr anders als die Arbeit an einem regulären Spielfilm?

PABLO LARRAIN: Anders ist zunächst einmal der Umfang. Es bedeutet automatisch, dass man viel länger drehen muss. Aber man muss auch anders an die Drehbücher und die Geschichte herangehen. Zwar gibt es von der ersten bis zur letzten Folge eine große Handlung, aber sie ist episodisch aufgeteilt. Die Struktur ist ganz anders. Für mich war das besonders interessant: Wie teilt man eine achtstündige Geschichte auf in acht Folgen? Wie geht man da vor? Was bedeutet das für mich als Regisseur? Ich fand das sehr aufregend. Und hat mir auch Angst eingeflößt. Der Aufwand war irre einschüchternd. Aber das ist einer der Segen des modernen Fernsehens. Man hätte natürlich versuchen können, aus "Lisey's Story" einen zweistündigen Film zu machen. Aber man hätte dann auf eine Fülle von interessantem Material verzichten müssen. In der nun vorliegenden Form konnte man der Vorlage viel eher gerecht werden.

Hat es Sie eingeschüchtert, dass das Drehbuch von Stephen King selbst verfasst wurde?

PABLO LARRAIN: Zuerst schon. Aber dann habe ich ihn getroffen. Ich habe einen zuvorkommenden, neugierigen, aufgeschlossenen Mann kennengelernt. Und fühlte mich sofort wohl in meiner Haut. Ich habe mich immer gefreut, wenn er am Set war, weil er so charmant und witzig ist. Es gab keinerlei Auseinandersetzungen mit ihm. Im Gegenteil: Er hat mich unterstützt, hat mir den Rücken gestärkt, war immer auf meiner Seite.

King selbst hat wiederholt zu Protokoll gegeben, wie nah ihm "Lisey's Story" steht

PABLO LARRAIN: Dass es sich um eine so persönliche Geschichte handelt mit direkten Verbindungen zu seiner Biographie, hat mir deutlich mehr Respekt abgenötigt als seine Anwesenheit oder sein Name. Für mich fühlte es sich so an, als wäre ich eingeladen zu einer Geschichte, die ihm sehr wichtig ist. Ich musste also immer konzentriert sein, fokussiert. Es war wichtig, genau zu verstehen, was ihm an den unterschiedlichen Aspekten der Handlung am Herzen liegt. Ich musste einen erzählerischen Ansatz finden, der diese persönliche Bedeutung unterstreicht. Gleichzeitig durfte ich eine gewisse Linie nicht überschreiten, die es zu persönlich für ihn gemacht hätte.

Zu ehrerbietig darf man als Filmemacher aber auch nicht sein. Wie haben Sie sich die Serie zu Eigen gemacht?

PABLO LARRAIN: Am Anfang haben mir die Fantasy-Elemente Sorge gemacht. Da musste ich richtig mit mir kämpfen. Ich musste mir selbst erst einmal klarmachen, dass die Figuren, insbesondere Lisey, an einem gewissen Punkt absolut akzeptieren, dass die Fantasiewelten der Geschichte wahrhaftig sind. Stephen hat mir schließlich geholfen, indem er mir sagte, ich solle die Fantasy nicht als Fantasy betrachten, sondern als Realität. Als ich das verinnerlicht hatte, wusste ich, was ich zu machen hatte. Die Düsternis der Geschichte empfand ich nicht als problematisch. Das liegt mir. Und mich interessierte folgender Gedanke: Wenn wir über einen bekannten Schauspieler oder Musik sprechen, werfen wir eigentlich nie einen Blick auf den Menschen an seiner Seite, auch wenn dieser Mensch oftmals von essenzieller Bedeutung für den Künstler ist, den wir verehren. Sehen Sie sich Stephen King selbst an: Ohne seine Frau Tabitha wäre er nie der Schriftsteller geworden, der weltweit gefeiert wird. "Lisey's Story" befasst sich explizit mit dem Geheimnis der Beziehung eines berühmten Schriftstellers zu seiner Frau.

Es geht aber auch um das Thema Hinterlassenschaft. Machen Sie sich Gedanken darüber, wie die Nachwelt Ihre Filme auffassen wird? Beeinflusst das Ihre Entscheidung, was Sie als Nächstes drehen wollen?

PABLO LARRAIN: Überhaupt nicht. Ich stehe mit beiden Beinen fest in der Gegenwart und konzentriere mich einzig auf das, was ich gerade mache. Jedes neue Projekt, an dem man arbeitet, macht einen zu einem anderen Filmemacher. Wichtig ist es, ehrlich zu sein. Mit dem eigenen Prozess, mit dem eigenen Blick. Hinterlassenschaft darf keine Rolle spielen. Da würde man ja verrückt werden. Was passiert, wenn man eine schlechte Entscheidung trifft und deshalb einen Film in den Sand setzt. Das darf nicht passieren. Ich will als Filmemacher frei sein, meine Arbeit genießen und Bilder und Filme entdecken können, während ich arbeite.

Stephen King ist schonungslos ehrlich in seinen Romanen und gestattet einen unmittelbaren Einblick in seine Gefühls- und Erlebniswelt. Sind Sie als Filmemacher in Ihren Arbeiten ebenso offen?

PABLO LARRAIN: Vielleicht. Aber man muss auch verstehen: Stephen King feiert in diesem Jahr seinen 74. Geburtstag. Er befindet sich an einem Punkt in seiner Karriere, an dem man beginnt zurückzublicken. Er will sein Haus bestellen, alles in Ordnung bringen. Er hat seinem Alter gemäß einen anderen Blick auf sich als Mensch und als Künstler, auf sein Schaffen und sein Werk. Und wer wäre ich, wenn ich mich mit Stephen King vergleichen würde? Er hat in seinem Leben mehr als 60 Romane geschrieben. Er hat mit seinem Schaffen Logik unserer Kultur der letzten 50 Jahre mitgeformt und verändert. Ich habe vielleicht mit ein bisschen Glück ein Prozent von dem erschaffen, was er erreicht hat.

Sehen Sie eine Verwandtschaft zwischen Lisey und den weiblichen Hauptfiguren, die Sie davor gezeigt haben, in Jackie: Die First Lady" und Ema"?

PABLO LARRAIN: Kann schon sein. Es fällt mir schwer, da eine präzise Antwort zu geben, spezifisch zu sein. Aber vielleicht lässt sich sagen, dass es sich in allen Fällen um Frauen handelt, die um die Erkenntnis ringen, wer sie wirklich sind, und wie man sich richtig verhält in einer Welt, die sich rasend schnell verändert. In allen meinen Filmen geht es um Identität.

Was prädestiniert Sie dafür, diese Frauengeschichten zu erzählen?

PABLO LARRAIN: Als männlicher Filmemacher kann ich nicht mehr machen, als mich darum zu bemühen, ein guter Zeuge zu sein und ein Zeugnis abzulegen, was Frauen in ihrer jeweiligen Welt zu bewältigen haben. Ich bin sehr froh, dass sich der gesamte Planet neu zu organisieren scheint und damit einen neuen Respekt für die verschiedenen Geschlechter und sexuellen Orientierungen ermöglicht. Ich hoffe, ich kann mit meinen Filmen meinen Teil dazu beitragen, indem ich freien Geistern eine Form verleihe.

Wird auch Lady Diana in Spencer" ein solcher freier Geist sein?

PABLO LARRAIN: Ich will noch nichts über den Film sagen, freue mich aber, ihn auf den Herbstfestivals der Welt präsentieren zu können.

Das Gespräch führte Thomas Schultze.