Kino

NATO sieht Day&Date-Modell gescheitert

Der US-Kinoverband NATO nimmt den erheblichen Umsatzeinbruch von "Black Widow" in den US-Kinos zum Anlass, um grundsätzlich mit Simultanstarts abzurechnen.

19.07.2021 10:45 • von Marc Mensch
Für den US-Kinoverband NATO sind die Zahlen von "Black Widow" Beleg für das Scheitern der Day&Date-Strategie (Bild: Walt Disney)

Auch wenn Black Widow" in den USA vergangenen Woche das erfolgreichste Debüt in Pandemiezeiten gelang, war die Freude darüber angesichts der eher ungewöhnlichen Entwicklung der Zahlen doch ein wenig getrübt. Denn der Film war schon am ersten Wochenende massiv frontgeladen und hatte nach sehr starken Previews (13,2 Mio. Dollar) und einem sehr starken Freitag (39,5 Mio. Dollar) am Samstag um ganze 41 Prozent nach Umsätzen nachgelassen. Unter dem Strich lag das Boxoffice mit knapp 80,4 Mio. Dollar zwar klar über der von Disney ausgegebenen Prognose von 75 Mio. Dollar, aber lediglich am unteren Rand der Erwartungen von Analysten, die dem Film um die 90 Mio. Dollar (und mehr) zugetraut hätten. Nicht, dass man über das Starteinspiel die Nase hätte rümpfen können: Immerhin lag es noch einmal deutlich über jenem von "Fast & Furious 9" - und stellte einen einsamen Pandemierekord dar, der erst einmal gebrochen werden will.

Mit der Verkündung der Wochenendzahlen ging indes ein Novum einher: Erstmals meldete ein Studio eine konkrete Zahl zu den über eine PVoD-Verwertung generierten Umsätzen, nachdem es sich bislang (etwa im Fall von Trolls World Tour" und erst recht bei den massiv zu hoch gegriffenen Zahlen für "Mulan") lediglich um Schätzungen von Analysten gehandelt hatte, die seitens der Studios nie direkt bestätigt oder dementiert worden waren. 60 Mio. Dollar waren es laut Disney demnach für "Black Widow" am ersten Wochenende - weltweit. Eine Aufschlüsselung für den Heimatmarkt erfolgte nicht, hierzu hieß es nur, der "größere Teil" der Einnahmen sei in den USA erzielt worden.

Die Börse jedenfalls reagierte in der vergangenen Woche mit steigenden Kursen für Disney - und fallenden für die großen Kinoketten. Wie der US-Branchendienst "Deadline" berichte, zog Kelly Day, die als President International Streaming Services bei ViacomCBS für Paramount+ zuständig ist, die Zahlen bei einer Paneldebatte am Rande des Festivals in Cannes zudem als Beweis dafür heran, dass fortgesetzte Auswertungsexperimente große Chancen bergen würden - und man diesbezüglich noch erheblich mehr Entwicklung im Markt sehen würde.

Nun aber ist "Black Widow" am zweiten Wochenende in den US-Kinos um ganze 67 Prozent eingebrochen, während zu den PVoD-Einnahmen keine neuerliche Erklärung erfolgte - was zumindest die Vermutung nahe legt, dass deren Entwicklung ebenfalls eher enttäuschend war.

Für den US-Kinoverband NATO, der sich seit jeher klar gegen Day&Date-Starts positioniert (und der sich in der Vergangenheit auch für recht "kreative" Interpretationen von Studien nicht zu schade war), ist die Entwicklung der Zahlen natürlich Wasser auf die Mühlen. So veröffentlichte man bereits unmittelbar nach Veröffentlichung der jüngsten Wochenendzahlen ein längeres Schreiben, das mit der Day&Date-Strategie hart ins Gericht geht.

Obwohl "Black Widow" die Hürde von 100 Mio. Dollar US-Einspiel schneller nahm, als jeder andere Pandemie-Release, spricht die NATO von einem "verblüffenden" Einbruch am zweiten Wochenende sowie von insgesamt "enttäuschenden Ergebnissen" - und widerspricht der Einschätzung, dass die Veröffentlichungsstrategie von Disney ein Erfolg gewesen sei. Vielmehr unterstreiche die Entwicklung, dass ein exklusiver Kinostart zu Mehreinnahmen über den gesamten Auswertungszyklus hinweg führe.

Dazu stellt die NATO zunächst ein Zahlenspiel an: Auf Basis des Verhältnisses von Starttag zu Startwochenende bei vergleichbaren Marvel-Titeln sowie den Pandemie-Starts von "Fast & Furious 9" oder A Quiet Place 2" hätte "Black Widow" nach Einschätzung des Verbands schon am ersten Wochenende zwischen 92 und 100 Mio. Dollar einspielen müssen. Nehme man das Verhältnis von Previews und Startwochenende als Rechenbasis, käme man sogar auf 97 bis 130 Mio. Dollar.

Gleichzeitig wehrt sich die NATO auch dagegen, die 60 Mio. Dollar PVoD-Umsatz dem US-Einspiel gegenüber zu stellen - wobei man an dieser Stelle einschränken darf, dass sich diese Kritik im Grunde nur an Publikumsmedien richten kann, Fachmedien hatten auch in den USA an dieser Stelle durchaus differenziert. Eine wichtige Klarstellung geht damit allerdings auch einher: So muss Disney die PVoD-Einnahmen zwar nicht mit den Kinos teilen (die in den USA - vorbehaltlich vertraulicher Einzelvereinbarungen - übrigens noch eine deutlich höhere Leihmiete für Disney-Titel bezahlen, als dies hierzulande der Fall ist), allerdings gehen die Umsätze nicht zu 100 Prozent an das Studio, müssen doch die Services und Plattformen, über die Disney+ an die Endverbraucher kommt, bezahlt werden. Die NATO schätzt derartige Abschläge je nach Dienst auf bis zu 15 Prozent.

Vor allem aber verweist der Verband darauf, dass mit der PVoD-Strategie keine "neuen Umsätze" generiert worden seien, sondern man sie schlicht auf Kosten einer abgestuften PVoD-Verwertung generiert habe. Was nicht ganz falsch, aber auch nicht ganz korrekt ist - denn die NATO stellt die Rechnung ohne Berücksichtigung der Abo-Struktur von Disney+ an. Hochkarätige Releases dienen dort auch der Kundengewinnung bzw. -bindung, ganz so leicht lässt sich der monetäre Effekt also nicht beziffern.

Ebenfalls nicht beziffern lässt sich der Effekt, den die Piraterie potenziell auf die Ergebnisse von "Black Widow" hatte. Dass sowohl das Kinoeinspiel wie auch die PVoD-Umsätze darunter litten, darf jedoch selbst dann vorausgesetzt werden, wenn man das potenzielle Teilen von Zugängen (das streng genommen ebenfalls unter diesem Aspekt betrachtet werden müsste) einmal ausklammert. Denn nach Angaben der Seite torrentfreak.com sei "Black Widow" in seiner Startwoche der am häufigsten illegal verbreitete Titel gewesen; hochqualitative Raubkopien seien "binnen Minuten" nach dem Debüt auf Disney+ auf zahlreichen Portalen verfügbar gewesen. Damit reihe sich der Marvel-Kracher bei sämtlichen anderen Filmen ein, die Day&Date auf den Leinwänden sowie online verfügbar gemacht wurden - während man laut der NATO bei traditionellen Starts wie "Fast & Furious 9" oder "A Quiet Place 2" entsprechende Beobachtungen nicht gemacht habe.

Was der US-Kinoverband allerdings ausblendet: Auch das US-Boxoffice von "Fast & Furious 9" war am zweiten Wochenende um 67 Prozent abgerutscht. Nun gibt es dafür zwar eine zumindest teilweise Erklärung, denn das zweite Wochenende umfasste den amerikanischen Unabhängigkeitstag, der eher im Zeichen von Familienfeiern als der großen Kinosause steht - allerdings fiel dieser Film am dritten Wochenende um weitere 50 Prozent. Auch sonst boten die vergangenen Wochen diverse Drops vom ersten auf das zweite Wochenende im Bereich um die 60 Prozent, auch wenn "Black Widow" klar heraussticht.

Denn die Wahrheit ist leider auch: Der US-Kinomarkt ist alles andere als über den Berg, die Entwicklung dort hängt jener in Märkten wie China (oder Frankreich!) deutlich hinterher - und die neuerliche Verschärfung von Corona-Maßnahmen in Kalifornien dürfte die Erholung zumindest nicht beschleunigen.

Die NATO jedenfalls legt sich fest: Aus ihrer Sicht seien die vielen mit einem Simultanrelease verbundenen Fragen nunmehr "umgehend beantwortet" worden: Durch eine nach ihren Worten "atypische und enttäuschende" Performance von "Black Widow". "Die wichtigste Antwort ist, dass ein Simultanstart ein Artefakt der Pandemie ist, der ebenso der Geschichte anheim fallen sollte, wie die Pandemie selbst", so der Verband.

Momentan stellt sich die Situation so dar, dass Disney noch "Jungle Cruise" Day&Date auf Disney+ als Premium-Download zur Verfügung stellen wird, die anderen Neustarts des Jahres aber mit einem exklusiven Kinofenster auf die Leinwände kommen, auch in Deutschland. Allerdings betont CEO Bob Chapek laufend, dass hinsichtlich der Auswertungsstrategie nichts in Stein gemeißelt sei, man vielmehr auch künftig titelabhängig entscheiden wolle. Nicht umsonst verlor die NATO keine Zeit dabei, den hohen Rückgang von "Black Widow" zu kommentieren.

Abschließend noch der Blick nach Deutschland: Vorläufigen Zahlen zufolge brachte es der Marvel-Film auf rund 110.000 Zuschauer am zweiten Wochenende, der Drop wäre mit rund 46 Prozent also erheblich weniger stark ausgefallen als in den USA. "Black Widow", der nur in vergleichsweise wenigen deutschen Kinos eingesetzt worden war, hatte zum Start den besten Kopienschnitt seit dem Frühjahr 2020 erzielt, dieser Rekord ging nun an "Fast & Furious 9", der es mit einem ungleich breiteren Einsatz auf 520.000 Besucher zum Start brachte. Absoluter Pandemie-Rekord, versteht sich.