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Goldene Palme für "Titane"

Die Goldene Palme des 74. Festival de Cannes geht sensationell an "Titane" von Julia Ducournau - zum zweiten Mal wurde damit in Cannes die Arbeit einer Regisseurin mit dem Hauptpreis gewürdigt. Dem ging allerdings ein Faux pas von Jurypräsident Spike Lee voraus, der den Gewinner versehentlich gleich zu Beginn der Preisverleihung herausposaunt hatte.

17.07.2021 20:51 • von Thomas Schultze
"Titane" ist der Sensationsgewinner von Cannes (Bild: Festival de Cannes)

Die Goldene Palme des 74. Festival de Cannes geht sensationell an Titane" von Julia Ducournau - peinlicher Weise hatte Jurypräsident Spike Lee den Preis bereits zu Beginn der Verleihungsgala verraten, als er von Moderatorin Doria Tillier gefragt wurde, ob er den "ersten Preis" vorstellen könne - und dann sagte, dass "Titane" gewonnen habe. An dem Film der Französin Ducournau, die zum ersten Mal im Wettbewerb von Cannes vertreten war, nachdem sie ihr Debüt "Raw" vor fünf Jahren in der Sémaine de la Critique vorgestellt hatte, hatten sich bei der Premiere am Dienstag angesichts der unerbittlich erzählten Geschichte die Geister geschieden. Die Jury wusste die extremen Bilder jedoch zu schätzen und sprach dem radikalen und wilden Film den Hauptpreis zu. Es ist eine historische Auszeichnung: Erst zum zweiten Mal in der Geschichte von Cannes gewinnt der Film einer Regisseurin - 1993 war Jane Campion als bis 2021 einzige Filmemacherin für Das Piano" ausgezeichnet worden (damals allerdings ex aequo mit "Lebwohl, meine Konkubine"). Erstmals seit 2013, als Blau ist eine warme Farbe" Gold gewann, war zudem eine französische Produktion siegreich. Der Preis wurde schließlich von Sharon Stone übergeben, nachdem sich Spike Lee auf charmante Weise für seinen Fehltritt entschuldigt hatte.

Der Große Preis der Jury wurde ex aequo verliehen an "A Hero" von Asghar Farhadi und Hytti Nro 6" von Juho Kuosmanen - ein iranischer und ein finnischer Film, wie passend. "A Hero" hatte als heißer Anwärter für die Goldene Palme gegolten. Und "Hytti Nro 6" war ein früher Favorit, nachdem die Jury dem Film bei seiner Premiere begeisterten Applaus gespendet hatte.

Eine kleine Sensation war auch die Auszeichnung von Leos Carax mit dem Regiepreis für das Rockmusical Annette" schrieben, das das Festival de Cannes am 6. Juli eröffnet hatte (und zeitgleich in die französischen Kinos gekommen war). Weil Carax wegen quälender Zahnschmerzen nicht anwesend sein konnten, nahmen Russell und Ron Mael, besser bekannt als die Sparks, die die Idee zu dem Film gehabt hatten, für den 60-Jährigen den Preis entgegen.

Was für ein Jahr für Ryûsuke Hamaguchi: Nachdem der japanische Regisseur gerade erst im März auf der Berlinale für "Wheel of Fortune and Fantasy" den Großen Preis gewinnen konnte, wurde er nun auf dem 74. Festival de Cannes für seine dreistündige Haruki-Murakami-Adaption "Drive My Car" mit dem Drehbuchpreis prämiert.

Als beste Darstellerin wurde die Norwegerin Renate Reinsve ausgezeichnet, die die Hauptrolle in Joachim Triers Abschluss seiner Oslo-Trilogie, The Worst Person in the World", spielt. Sie hatte früh als eine der Favoritinnen gegolten. Ein Überraschungsgewinner ist dagegen Caleb Landry Jones als bester Hauptdarsteller in "Nitram" von Justin Kurzel, der erst am letzten Tag des Festivals im Wettbewerb gescreent wurde: Es ist das Psychogramm eines von Jones intensiv gespielten Massenmörders, der 1996 in Australien 35 Menschen tötete, was damals binnen zwölf Tagen zu einer massiven Verschärfung des Waffenrechts geführt hatte.

Nachdem er mit Synonymes" 2018 den Goldenen Bär der Berlinale gewann, stellte der israelische Filmemacher Nadav Lapid mit Ahed's Knee" erstmals eine seiner Arbeiten im Wettbewerb von Cannes vor - und war auf Anhieb erfolgreich: Er wurde mit Preis der Jury ausgezeichnet - ex aequo mit "Memoria", der ersten englischsprachigen Arbeit von Apichatpong Weerasethakul, der vor elf Jahren für Uncle Boonmee erinnert sich an seine früheren Leben" die Goldene Palme erhalten hatte.

Mit der Camera d'Or für den besten Regie-Erstling/-Zweitling wurde "Murina" von Antoneta Alamat Kusijanovic ausgezeichnet, der in der Quinzaine des Réalisateurs gelaufen war.

Die Ehren-Palme des 74. Festival de Cannes ging an den legendären italienischen Regisseur Marco Bellocchio. Der Preis wurde ihm von seinem Landsmann Paolo Sorrentino überreicht.