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CANNES Tag 11: Deckel drauf!

Letzter Tag mit neuen Filmen in Cannes, aber auch die nur noch tröpfchenweise. Morgen Abend wird die Jury um Spike Lee ihre Palmen vergeben. Dass die neuen Arbeiten von Joachim Lafosse und Justin Kurzel dabei sein werden, die beiden letzten Filme im Wettbewerb, darf freundlich angezweifelt werden.

17.07.2021 00:01 • von Thomas Schultze
Amoklauf mit Ansage: Caleb Landy Jones in "Nitram" (Bild: Festival de Cannes)

Es ist fast geschafft, der letzte Tagebucheintrag aus Cannes in diesem Jahr. 40 Filme später (persönlicher neuer Rekord). Man gönnt sich ja sonst nichts. Was auch bedeutet: 80 Stunden im Kino mit Maske. Dazu bestimmt weitere 30 Stunden im Festival-Palais, wo ebenfalls Maskenpflicht herrscht, plus Anreise und Abreise in öffentlichen Verkehrsmitteln, Taxis, Flughafen und Flugzeug, also mindestens auch noch einmal zehn Stunden mit Maske. Also fast die Hälfte dieses Abenteuers wurde mit Maske verbracht. Das ist nicht immer der ganz große Spaß, aber es ist machbar. Und war die Mühen wert, absolut wert. Weil doch immer die Freude und Aufregung und Begeisterung überwog. Wer wird gewinnen? Fragt man sich mittlerweile ständig. Schwierige Frage. Beziehungsweise ganz simple Frage, nur schwer zu beantworten. Wenn es nach mir ginge, was es natürlich nicht tut, zum Glück, dann wären auf jeden Fall Les Olympiades, Paris 13e", "Drive My Car" und The French Dispatch" Themen. Red Rocket" hat einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Aber vielleicht geht auch was für Benedetta" und Titane", nicht nur, weil ich Krawallkino immer schon mochte, sondern weil ich sie einfach für starke Filme halte. Am Ende wird wohl The Worst Person in the World" von Joachim Trier gewinnen, aus dem einfachen Grund, dass es der einzige Film des Wettbewerbs ist, den ich nicht gesehen habe, und am Ende die Filme gewinnen, die man verpasst hat. Er soll aber auch, wie man mir mehrfach versicherte, ein ganz toller Film sein. Wir werden sehen, für welche Titel und Künstler das Herz der Jury schlägt. Samstag Abend ist es so weit. Bis dahin: Machen wir den Deckel drauf. Und schauen davor noch ganz kurz auf die beiden Wettbewerbstitel des Tages.

Es gibt Filme, da kann man nicht vergessen, dass man gerade eine Maske trägt, während man sie ansieht. Das ist eigentlich kein ganz gutes Zeichen. Ich habe hier in Cannes auch lange Filme gesehen, bei denen mir gar nicht bewusst war, dass ich die Maske trage. "The Restless", der neue Film des Belgiers Joachim Lafosse, der erstmals im Wettbewerb vertreten ist, ist eine taffe Angelegenheit, das Porträt eines bipolaren Künstlers, der sich und seine Familie in seinen manischen Phasen an die Grenzen führt. Dass man sich als Zuschauer im Kino seiner Maske so bewusst wird, liegt auch daran, dass dieses Drama keine Sekunde so tut, als wäre es nicht während der Pandemie entstanden - der einzige Film im Wettbewerb abgesehen von einer ganz kurzen Szene in "Drive My Car", der explizit auf die neue Realität Bezug nimmt, in der wir seit März 2020 leben: Wenn sie sich nicht gerade Zuhause befinden oder unter sich auf Ausflügen oder am Wasser, tragen die Menschen in "The Restless" Masken, reden auch darüber: In einer Szene rast der von "Les Miserables"-Star Damien Bonnard gespielte Maler Damien in einen Laden und wird darauf hingewiesen, dass er nicht bedient wird, solange er keine Maske trägt.

Das trägt zu der unmittelbaren Wahrhaftigkeit des Films bei. Überhaupt geht es Lafosse nicht um einen Film über eine definierte Krankheit, um eine Fallstudie. Erst nach etwa 105 Minuten, also fünf Minuten vor Ende des Films, fällt erstmals der Ausdruck Bipolarität. Davor ist man einfach nur unmittelbar mit dabei, wie ein Mensch am Rad dreht, nicht mehr zur Ruhe kommt, immer noch hektischer wird, alles gleichzeitig tun will - unterstützt von einem tollen Sounddesign, in dem die immer aufgeregtere Atmung der Hauptfigur oft gezielt ganz nach vorn geschraubt wird: So fühlt es sich an, wenn man seinen Verstand verliert. Und vor allem jedes und jeden mit sich in den Abgrund reißt, die Ehefrau, den Sohn: Am Ende sind gezwungenermaßen alle "Die Rastlosen". Keiner kommt hier unbeschadet raus.

Was auch zutrifft auf den neuen Film des australischen Regisseurs Justin Kurzel, der nach seinem "Macbeth" zurückgekehrt ist an die Croisette mit "Nitram", ein Film, an dem sich wohl die Geister scheiden werden - das Psychogramm eines babygesichtigen, teigigen Psychopathen mit dem IQ eines Kleinkinds, der Empathie eines Steins und null Impulskontrolle, der Countdown zu einem der schlimmsten Massenmorde in der Geschichte Australiens, als Martin Bryant in Hobart in Tasmanien 35 Menschen tötete und 19 weitere schwer verletzte. Ein bisschen ist es, als würde man der Figur des geistig minderbemittelten Andy aus den "Lou & Andy"-Sketchen in Little Britain" zusehen, wenn er anstelle von Joaquin Phoenix die Rolle des Joker ausfüllen würde. Aber natürlich lässt sich auch eine direkte Ahnenlinie zu Kurzels Vorgänger, der intensiven Peter-Carey-Verfilmung "The True History of the Kelly Gang" ziehen, ein Vermächtnis unsinniger Gewalt, auf der sich die weiße Gesellschaft des fünften Kontinents begründet. %Caleb Landry Jones% spielt die Titelfigur wie Michael Myers, bevor er loszieht, um Jagd auf Laurie Strode zu machen: gleichgültig und aufmerksamkeitsbedürftig. Zu Beginn des Films sieht man Nitram als kleinen Jungen, wie er in einem Krankenhaus, das sich auf Verbrennungen spezialisiert hat, befragt wird, wie er sich mit Feuerwerkskörpern verbrennen konnte. Auf die Frage, ob er etwas gelernt hätte und es noch einmal machen würde, antwortet er kurz und knapp: Ja. Das ist der Film, so knapp wie möglich zusammengefasst. Kurzel hat ihn mit einem Maximum an opernhafter, großer Geste als Feuerwerk bizarrer Ereignisse inszeniert, sich dabei aber doch fast sklavisch an den realen Ablauf der Ereignisse gehalten. Er kann indes nicht verbergen, dass sich hinter den effektvollen Bildern und den guten Darstellerleistungen - neben Jones überzeugen auch Judy Davis als Nitrams Mutter und Kurzels Ehefrau Essie Davis als reiche Eremitin, die den jungen Mann unter ihre Fittiche nimmt - ein Taxi Driver" verbirgt, der im Leerlauf Gas gibt: Was man sieht, ist was man kriegt. Fragt sich, ob das wirklich genug ist.

Aus Cannes berichtet Thomas Schultze.