Produktion

Helena Hufnagel: "Das Single-Sein ist ein Lifestyle geworden"

Helena Hufnagel hat mit "Generation Beziehungsunfähig" einen Sachbuch-Bestseller verfilmt. Über zeitgeistige Phänomene und den Wunsch nach einer familienfreundlicheren Branche spricht die Nachwuchsfilmemacherin hier. Der Film startet am 29. Juli im Verleih von Warner Bros.

16.07.2021 09:47 • von Barbara Schuster
Helena Hufnagel (Bild: Cocofilms)

Helena Hufnagel hat mit Generation Beziehungsunfähig" einen Sachbuch-Bestseller verfilmt. Über zeitgeistige Phänomene und den Wunsch nach einer familienfreundlicheren Branche spricht die Nachwuchsfilmemacherin hier. Der mit Frederick Lau und Luise Heyer in den Hauptrollen besetzte Film startet am 29. Juli im Verleih von Warner Bros.

Themen wie Lebensabschnittskrisen, Zukunftsängste, Glücklichsein, Erwachsenwerden, das innere Zerrissensein schwangen auch in Ihrem Langfilmdebüt "Einmal bitte alles" mit. In "Generation Beziehungsunfähig" tauchen sie ebenfalls auf. Müssen für Sie Geschichten nah an der eigenen Generation sein?

Ich erzähle sehr gerne Geschichten, die am Puls der Zeit spielen. Ich mag es, zeitgeistige Phänomene zu beobachten. Mir fällt es leicht, mich in dieser Welt zu bewegen, da ich nicht lange nach Storys oder Szenen suchen muss. Sie kommen ganz schnell von allein. Das ist ein großes Geschenk. Aber natürlich bin ich auch an anderen Stoffen interessiert. Einer meiner Lieblingsfilme ist beispielsweise Big Fish" von Tim Burton. Ich liebe es, wenn Geschichten eine magische Komponente haben. Deswegen fände ich es großartig, auch einmal so eine fantasievolle Geschichte auf die Leinwand zu bringen. Aber mit Blick auf das dafür notwendige Budget bleibt das vorerst eine Utopie.

Kannten Sie das in Blog-Form gehaltene Bestseller-Sachbuch von Michael Nast? Und wie sind sie mit Hilly Martinek bei der Adaption vorgegangen? Das war sicher nicht einfach...

Der Bestseller hat vor sechs Jahren einen Nerv getroffen. Aber es ist ein Sachbuch, dem eine Geschichte fehlt, die es für einen Film braucht. Meine wundervolle Ko-Autorin Hilly Martinek und ich haben uns also den Titel und das Thema genommen und eine eigene Geschichte kreiert. Da hat es gut gepasst, dass ich schon immer gerne einen Liebesfilm für diese Generation erzählen wollte. In ­einer Zeit, in der die eigene Freiheit, Individualität und Unverbindlichkeit so eine große Rolle spielen, war das eine echte Herausforderung. Ich fand es reizvoll, dass Titel und Story dann auch so schön aufeinanderprallen. Im Gegensatz zu dem Sachbuch, das vor allem den Hype um Dating-Apps wie Tinder aufgreift, haben Hilly und ich die Hauptfiguren bewusst ans Ende ihrer Tinder-Karriere gesetzt. Ich finde es spannend, Figuren im Umbruch zwischen Lebensphasen zu erzählen.

Das heißt, Ihre Figuren sind eigentlich gar nicht "beziehungsunfähig"?

Ich finde den Begriff irreführend. "Beziehungsunfähig" wird oftmals als Ausrede benutzt, um das eigene Dating-Verhalten zu rechtfertigen, sich nicht festlegen zu müssen, keine falschen Erwartungen zu erzeugen. Damit ist aber keine echte Bindungsangst gemeint. Unser Film könnte also auch "Generation Beziehungsunwillig" heißen. Wer ein Date sucht, der hat es supereinfach. Wer allerdings eine Beziehung will, der hat es irgendwie total schwer. Jeder redet zwar über Beziehungen, aber angeblich wollen die wenigsten eine haben. Single-Sein ist ein Lifestyle geworden.

Hatten Sie beim Schreiben bereits Frederick Lau und Luise Heyer im Kopf?

Ich wollte beide genau so besetzen und in diesen Rollen inszenieren. Es fand nicht mal ein gemeinsames Casting statt, ich habe meinem Bauchgefühl vertraut. Ich bin super dankbar, dass Produzenten und Verleih mir hier so viel Vertrauen entgegen gebracht haben. Frederick Lau stand recht früh für die Rolle fest. Luise Heyer kannte ich schon von meinem Debütfilm "Einmal bitte alles". Ich finde, sie sind das perfekte "odd couple". Ich bin ein riesengroßer Fan von beiden und hoffe sehr, dass ich noch einmal mit ihnen drehen darf.

Ihr Langfilmdebüt produzierten Sie selbst mit Ihrer Cocofilms. "Generation Beziehungsunfähig" geht auf das Konto von Pantaleon. Wie würden Sie ihr Selbstverständnis als Filmemacherin beschreiben?

Tatsächlich bin ich bei einem Filmprojekt am liebsten von Anfang bis Ende dabei, von der ersten Ideenentwicklung bis zur Auswertung. Es war diesmal eine spannende Erfahrung, als Drehbuchautorin und Regisseurin zu arbeiten und nicht in allen Bereichen die letzte Verantwortung inne zu haben. Uns hat Corona im Dreh ja kalt erwischt. Die Produzenten haben da super reagiert, dafür habe ich jede Menge Respekt.

Zu einer Zeit, als es noch keinen Ausfallfonds gab...

Genau. Zum Drehstart im Februar 2020 in Köln dachten wir noch, dass ein Dreh parallel zu Karneval unsere größte Herausforderung wird. Tja, dann kam Corona. Während die ersten Meldungen kamen, war eine deutliche Anspannung im Team zu spüren: Darf man sich jetzt noch umarmen? Dann der erste Lockdown. Drei Monate Drehpause. Als es sich abgezeichnet hat, dass es weitergehen könnte, hat die Pantaleon in kurzer Zeit ein umfangreiches Sicherheits- und Hygienekonzept entwickelt und ist mutig vorangeschritten. Bereits im Juni haben wir dann unter strengen Hygiene-­Maßnahmen und Einschränkungen den Dreh abgeschlossen.

Dass Sie gerade zu Corona-Zeiten, wo Distanz angesagt war, eine Beziehungs- und Datinggeschichte inszeniert haben, birgt eine gewisse Ironie...

Dabei wurde das Drehbuch ja vor der Pandemie geschrieben und auch der Dreh begann bereits im Februar 2020. In den drei Monaten Drehpause mussten wir das bereits angedrehte Drehbuch auf Corona-Bedingungen hin kürzen und inhaltlich anpassen. Das war eine heftige Erfahrung. Ein absoluter Albtraum, da man immer Schiss hat, das "Falsche" zu streichen - bei einem bereits von allen Seiten abgenommenen Buch. Wegen der Corona-Mehrkosten mussten wir jedoch einfach kürzen. Beispielsweise hatten wir eine Hochzeit-Szene mit 60 Komparsen für das Filmfinale geplant und konnten dann, aufgrund der Auflagen, nur noch mit 20 Komparsen drehen. Und so ging es mit jeder noch ausstehenden Szene weiter. Leider mussten wir viele bereits angedrehte Figuren streichen. Susanne Wuest hatte ursprünglich eine Doppelrolle als Polizistinnen-Schwestern/Zwillinge im Buch. Auch die anderen Nebenfiguren waren im Drehbuch alle viel größer angelegt. Trotz allem herrschte eine unglaubliche Dankbarkeit am Set, dass wir weiterdrehen durften. Wir hatten einen Hasen, Geisterkostüme und Konfetti-Partys am Start. Obwohl dieses Virus wirklich alles gegeben hat, um uns die Stimmung zu vermiesen, hat es das nicht geschafft. Dafür bin ich dem gesamten Team unendlich dankbar.

Mit Cocofilms sind Sie seit 2012 Im Geschäft, wurden bereits mit dem hochdotierten VGF-Nachwuchspreis geehrt. Welchen Blick werfen Sie als aufstrebendes Talent auf die deutsche Filmbranche?

Ich würde mich freuen, wenn die deutsche Filmbranche generell familienfreundlicher werden würde. Bei meinen bisherigen Produktionen habe ich tolle Erfahrungen diesbezüglich gemacht und finde es wichtig, dass sich dieser Trend weiter entwickelt. Das Fördersystem verlangt ja oftmals vielen Teammitgliedern ab, dass sie nicht an ihrem Wohnort drehen. Als konkretes Beispiel könnte ich mir vorstellen, dass ein Fördertopf kreiert wird, in dem man - ähnlich wie bei einer dramaturgischen Beratung - Gelder für die Kinderbetreuung beantragen kann. Diese können dann im Falle einer Budgetkürzung auch nicht wieder gestrichen werden, sondern sind zweckgebunden.

Ihr Debüt als Regisseurin gaben Sie mit einem Dokumentarfilm, Sie verfilmten bereits Stephen King und kamen zu "Tatort"-Ehren: Wie wichtig ist Ihnen das vielseitige Schaffen, das Sich-Bewegen in verschiedenen Genres, Formaten?

Ich suche immer nach neuen erzählerischen Herausforderungen. Ich nähere mich Stoffen oft über ein Gefühl, eine Stimmung. Da ist es erstmal egal, welches Genre es ist. Dennoch brenne ich für den Spielfilm. Ich habe neulich eine Analyse über das Nutzungsverhalten der Streamingdienste gelesen, dass Zuschauer zwischen zwei Serien angeblich oft erstmal einen Spielfilm schauen. Ich bin gerne dieser Spielfilm. Bei Serien interessieren mich abgeschlossene Miniserien, da ich das Gefühl habe, meine Figuren nicht in ein offenes Ende rennen zu lassen, dass ich im worst case nie auserzählen darf.

Über die Repräsentation von Frauen vor der Kamera gab es schon viele Studien, die keine erfreulichen Ergebnisse lieferten. Der Mangel an "starken Frauenfiguren" wird oft beklagt.

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass jeder unter dem Label "starke Frauenfigur" etwas anderes versteht. Ich persönlich mag es einfach, dass meine Frauenfiguren eine eigene Agenda verfolgen. Sie sind nicht dafür da, dass es der Männerfigur besser geht. Beispielsweise in Generation Beziehungsunfähig ist es nicht so, dass Luise Heyers Ghost Frederick Laus Tim seinen Weg zeigt oder ihn darauf bringt, was er eigentlich will. Sie hat ihren eigenen Kopf. Das finde ich spannend.

Können Sie generell die Stoffe umsetzen, die Ihnen vorschweben?

Jein. Mit meiner Freundin und Ko-Autorin Madeleine Fricke saß ich zum Beispiel vor zwei Jahren an einer romantischen Komödie, in der eine Abtreibung im Mittelpunkt stand. Damit eckten wir extrem an, da sich alle gewünscht haben, dass die Protagonistin am Ende doch das Kind bekommt, weil abtreiben ab 30 scheinbar immer noch ein No-Go ist. Wie kann das in einem Land wie Deutschland sein? Ich fand es sehr befremdlich, dass sich in einer Welt, in der die Gesetzeslagen immer schärfer werden, niemand auf ein solches Thema einlassen wollte. Eben gerade nicht als Drama erzählt, sondern auf eine Art und Weise, wie ich es wahrnehme und im Freundeskreis miterlebe. Vielleicht sollten wir es jetzt noch einmal versuchen? Wir haben den Stoff noch nicht aufgegeben.

Unbedingt! An was arbeiten Sie darüber hinaus?

Ich arbeite gerade zusammen mit Lena Schömann von der Constantin Film an meinem ersten internationalen Spielfilm mit Titel "Silber". Ein spannender Mystery-Film für die Young-Adult-Zielgruppe. Die Hauptfiguren stellen fest, dass sie sich in ihren luziden Träumen besuchen können. Ich freue mich extrem darauf, diese Traumwelten zu inszenieren. Und um den Kreis zur ersten Frage zu schließen: ich schreibe an einer Liebeserklärung an die Frauenfreundschaft. Einer zeitgeistigen Komödie. Es geht um zwei Freundinnen, die an den Ort zurückfahren, an dem sie zum letzten Mal in ihrem Leben glücklich waren, um dort zu rebooten. Solch einen Sehnsuchtsort kennt doch jeder.

Barbara Schuster