Kino

Franziska Stünkel: "Film macht das Unsichtbare sichtbar"

Für ihr Polit-Drama "Nahschuss" wurde Franziska Stünkel beim Filmfest München zweifach geehrt: Mit dem Förderpreis Neues Deutsches Kino für das beste Drehbuch und dem One Future Award. Der Film startet am 12. August über Alamode. Die ­Regisseurin über Onetakes und die Konzentration beim Dreh.

15.07.2021 12:30 • von Barbara Schuster
Franziska Stünkel (Bild: Filmfest München / Volker Rebhan)

Für ihr Polit-Drama Nahschuss" wurde Franziska Stünkel beim Filmfest München zweifach geehrt: Mit dem Förderpreis Neues Deutsches Kino für das beste Drehbuch und dem One Future Award. Der Film startet am 12. August über Alamode. Die ­Regisseurin über Onetakes und die Konzentration beim Dreh.

Glückwunsch zum Förderpreis Drehbuch beim Filmfest München! Sie haben lange dafür gearbeitet ...

Ja, an dem Stoff habe ich über sieben Jahre lang gearbeitet. 2009 habe ich mit Vineta" mein Spielfilmdebüt im Kino gegeben. Danach habe ich als Regisseurin eine 15-stündige Mammut-Dokumentation fürs Fernsehen realisiert, und dann sehr lange am Drehbuch für "Nahschuss" gearbeitet. Es gab lange Recherchewege, eine Grundvoraussetzung für Kino, um Komplexität und Mehrdimensionalität zu erzählen. Um nicht nur dem Thema, sondern auch der Geschichte des Menschen, der dahinter steht, gerecht zu werden. Ausgangspunkt war ein Zeitungsartikel, in dem ich las, dass es die Todesstrafe in der ehemaligen DDR gab. Davon hatte ich noch nie gehört, und ich nahm an, dass es vielen Menschen ähnlich ging. Es ist ein historischer Fakt, der für mein Gefühl noch nicht im kollektiven Bewusstsein angekommen ist. Deshalb fand ich es wichtig, dass es erzählt wird.

Finden Sie das heute auch noch wichtig?

Extrem wichtig sogar! Ich glaube nicht, dass eine Auseinandersetzung mit historischen Ereignissen direkt im Anschluss an das Geschehene stattfinden muss - auch gar nicht kann. Es braucht Abstand und Zeit, bis bestimmte Emotionen und Haltungen verarbeitet sind, die den Blick verstellen könnten. Wir haben vieles noch nicht verarbeitet von der jüngeren deutsch-deutschen Geschichte. Bei "Nahschuss" geht es nicht um Schuldzuweisung, sondern darum, zur Sichtbarkeit eines historischen Fakts beizutragen, ein Puzzleteil mehr zur Aufarbeitung der Geschichte zu liefern. Darüber hinaus ist das Thema nicht nur historisch zu betrachten - es gibt noch immer über 50 Staaten, die die Todesstrafe im Strafgesetz haben. Das Thema ist global leider nicht am Ende.

Sie verfolgen auch als Fotografin ein globales Thema...

Ich habe Bildende Kunst in der Film- und Fotoklasse studiert, weil ich seit meiner Jugend eine Leidenschaft für beides habe. Damals war es noch ungewöhnlich, sich in beiden künstlerischen Disziplinen zuhause zu fühlen. Das hat sich mittlerweile zum Glück geändert. "Coexist" ist meine Fotoserie, für die ich in den letzten zehn Jahren weltweit fotografiert habe. Auch während des Drehbuchschreibens war ich damit befasst. Ich war in vielen Ländern in Asien, Afrika, Amerika und Europa unterwegs, in unterschiedlichen politischen Systemen und gesellschaftlichen Formen. Die Verfolgung Andersdenkender und Oppositioneller findet in totalitären Systemen der Gegenwart statt und wird wohl leider auch in Zukunft ein Thema bleiben. "Nahschuss" erzählt ein Stück DDR-Geschichte, aber auch ein universelles Thema, das mir sehr am Herzen liegt.

Leider muss man sagen, dass sich die Situation in vielen Ländern sogar verschlechtert, auch für Journalisten ...

Ja, das ist leider ein Fakt.

Welche Geschichte erzählen Sie in Ihrem zweiten Spielfilm? Sind die Einflüsse, die Sie von Ihrer Arbeit als Fotografin bringen, ins Drehbuch eingegangen?

Mit Sicherheit. "Nachschuss" erzählt, angelehnt an die wahre Lebensgeschichte des Dr. Werner Teske, von einem Wissenschaftler in der DDR, der wegen eines vergleichsweise geringen Vergehens zum Tode verurteilt und dessen Urteil 1981 vollstreckt wurde. Er ist der letzte von insgesamt 166 Verurteilten, die hingerichtet wurden. Dabei beginnt seine Geschichte hoffnungsvoll ... Ich erzähle von einem Menschen, der in einem rigiden politischen System lebt und darin handelt, in diesem System Entscheidungen treffen muss. Es ist auch eine Fallstudie. Die Frage ist doch, sind wir frei in den Entscheidungen, die wir treffen? Wir sind geprägt durch ein politisches System, Kindheit, Erziehung, Gesellschaft. Nahschuss zeigt universelle Themen auf, die über das System DDR hinausweisen, die auf uns als Menschen verweisen. Es scheint mir wichtig, sich zu befragen, warum treffe ich bestimmte Entscheidungen, wodurch bin ich geprägt. Die Welt steht vor großen Herausforderungen - Corona ist nur eine davon.

Wie verlief die Entwicklung des Stoffs und die Finanzierung?

Ich habe zunächst ein Treatment geschrieben und dafür als Autorin von der Nordmedia Filmförderung Drehbuchförderung erhalten. Dann bin ich auf C-Films Deutschland in Hamburg und Daniel Blum vom ZDF zugegangen. Im Verlauf kamen als Koproduzenten Franks Filmproduktion aus Berlin und Arte hinzu. Die Network Movie mit der Produzentin Bettina Wente habt "Nahschuss" produziert. Es war ein langer Weg der Filmfinanzierung. Filmfinanzierung ist in Deutschland hochkomplex und braucht einen langen Atem. Wir haben in drei Bundesländern gedreht, Berlin, Hamburg und NRW.

Sie haben an vielen Originalschauplätzen gedreht.

Originalschauplätze sind mir extrem wichtig. Ich glaube an die Ausdruckskraft dieser Orte. In Berlin haben wir in der ehemaligen Untersuchungshaftanstalt Hohenschönhausen gefilmt, ebenso im ehemaligen Ministerium für Staatssicherheit in der Normannenstraße, die noch erhalten sind. Da habe ich mich schon während des Schreibens oft tagelang aufgehalten, das Gefühl floss ins Drehbuch ein. So ist auch meine Art zu fotografieren, ich bin als Leica-Streetart-Fotografin im öffentlichen Raum unterwegs, ich beobachte, werde selbst fast unsichtbar. Man spürt die Räume, und wenn man sich Zeit lässt, dann kommt die Seele. Film ist etwas Feinstoffliches, macht das Unsichtbare sichtbar.

Bei Ihrer Art zu arbeiten, kämpfen da Autorin, Fotografin, Regisseurin manchmal um die Dominanz?

Das fließt zusammen. In meinem Drehbuch gibt es beispielsweise keine Establishing-Shots. Es wird immer zwingend an der Figur entlang erzählt, es geht um den Menschen, wie er denkt, fühlt, handelt, im System - das ist beinahe dokumentarisch. Der Zuschauer geht ein Stück des Lebensweges von Franz mit, sein letztes Jahr, hört ihn sogar atmen.

Hatten Sie, als Sie geschrieben haben, schon dieses sehr geschlossene visuelle Konzept im Kopf?

Wir hatten nur 24 Drehtage für fast zwei Stunden Film. Mein Kameramann Nikolai von Graevenitz arbeitet wie ich. Wir gehen in die Ruhe, bleiben in der Konzentration. Es gab keine Trennlinie zwischen Team und Cast. Wir haben nicht geprobt, dafür war keine Zeit, das erschafft eine besondere Intensität. Natürlich kann man mit höherem Etat anders arbeiten. Aber Leben und Filmemachen besteht auch darin, mit dem umzugehen, was da ist. Wie in der Fotografie passiert nicht alles im Wort, sondern davor und danach, ist das nonverbale Erzählen oft wichtiger. Ich versuche, ruhig, mit langen Takes draufzubleiben. Es gibt auch nicht viele Schnitte, nur 700, die Hälfte eines normalen Spielfilms. Die Konzentration in langen Einstellungen ist eine andere und man hat so die Möglichkeit das zu entdecken, was nicht gesagt wird.

Darauf müssen sich die Schauspieler aber auch einlassen.

Ja, und ich habe in Lars Eidinger einen fantastischen Partner gefunden. Er hat drei Jahre vor Drehbeginn zugesagt und ist dem Projekt treu geblieben. Es war großartig, mit ihm zu arbeiten, ebenso mit Luise Heyer und Devid Striesow, der selbst eine eigene DDR-Biografie hat.

Wie haben Sie Ihre Darsteller gefunden?

Ich mag nicht klassisch casten. Zum Glück sind die Produzenten diesen Weg mitgegangen. Ich habe die Schauspieler getroffen, um mit ihnen gemeinsam intensiv über das Buch und die Rolle zu sprechen, über Inhalte. Dabei findet man sich.

Gab es Raum für Improvisation? Sie formulieren sehr genau, vieles passiert aber auch nonverbal, da muss man das Geschriebene wieder loslassen.

Die Dialoge des Drehbuchs sind geblieben. Aber was nonverbal passiert, entsteht auch am Set. Teile des Films haben wir mit nur einem Take gedreht. Wie die erste Szene im Barkas, dem Gefangenentransport. Er steht noch im Original in der Untersuchungshaftanstalt Hohenschönhausen. Gefangene wurden darin in eine winzige Zelle mit aufgedrehter Heizung ohne Fenster gesperrt und teils stundenlang umhergefahren, ohne zu wissen, wohin. Hitze und Enge erzeugten klaustrophobische Zustände, schürten die Angst des Ausgeliefertseins. Lars saß alleine darin, alles um ihn herum totenstill. Als wir spürten, er ist soweit, haben wir die Szene als Onetake gedreht. Im Schneideraum muss man dann natürlich aushalten, dass es keine Alternativen gibt. Ich kenne das jedoch aus der Fotografie, da drücke ich einmal ab - ich manipuliere nicht.

Emotionale Authentizität müssen Sie nicht künstlich herstellen, die ist bei Ihnen selbstverständlich. Hatten Sie je Bedenken, als Frau aus dem Westen dieses Ost-Thema anzupacken?

Ja, natürlich hatte ich Respekt. Ich habe versucht durch gründliche Recherche und direkten Kontakt zu Menschen, die in der DDR gelebt haben, diesem mir selbst fremden biographischen Terrain gerecht werden. Mein Vater ist Geschichtslehrer, und ich bin mit dem Bewusstsein großgeworden, dass das Erfassen der Vergangenheit wichtig ist für das Erleben der Gegenwart und Erfahren der Zukunft. Wir waren früher öfter in der DDR, hatten Freunde dort. Und mein Schwager, der in der DDR aufgewachsen und von dort geflüchtet ist, hat mir vieles geschildert.

Die Kameraarbeit ist sehr direkt, immer an der Hauptfigur. Wie haben Sie gedreht?

Ausschließlich mit bewegter Kamera,­ einem Gimbal, der quasi mit dem Protagonisten verschmilzt und teils zu seiner POV wird. Ich arbeite gerne im Fluss, möchte die Konzentration nicht durchbrechen, der Rhythmus kommt beim Dreh. "Nahschuss" verschließt sich auch immer mehr dem Licht, geht wie durch einen Tunnel in sich selbst, ins Schwarz hinein, findet keine Orientierung mehr. Das beige-braune Farbkonzept verschärft die klaustrophobische schwer greifbare Situation, man will durchatmen, findet aber mit der Hauptfigur keinen Weg mehr hinaus.

Verschärft wird dieser Eindruck noch durch den Verzicht auf einen Score.

Erst am Ende, im Abspann, gibt es ein eigens komponiertes Stück von Karim Sebastian Elias - erst in dem Moment, als Franz gestorben und der Film zu Ende ist wird Musik eingesetzt. Es gibt vorher auch kein Sounddesign, sondern nur natürliche Töne. Subtil und unterbewusst empfindet man dadurch den Raum wie Franz. Ein Score hätte diese durchgängige Ebene zunichte gemacht. Auch wollte ich die Zuschauer nicht zu sehr an die Hand nehmen, ihnen keine Emotionen überstülpen.

Der Film ist nicht eindeutig Drama, Thriller oder Liebesfilm.

Mir ging es immer darum, möglichst nah und wahrhaftig an den Menschen dran zu sein. Selber eine Position zu finden zu diesem Thema, das ein weitgehend unbekanntes, aber wichtiges Stück deutsche Geschichte ist - und mehr.

Marga Boehle