Kino

30 Jahre Filmakademie Baden-Württemberg: "Wir setzen auf Vielfalt und Diskurs"

Mit einer Reihe von Veranstaltungen feiert die Filmakademie Baden-Württemberg diese Woche ihr 30-jähriges Jubiläum. Wir sprachen mit Geschäftsführer Thomas Schadt über die Besonderheit seiner Hochschule.

14.07.2021 10:19 • von Barbara Schuster
Thomas Schadt (Bild: Roland Mönch)

Mit einer Reihe von Veranstaltungen feiert die Filmakademie Baden-Württemberg diese Woche ihr 30-jähriges Jubiläum. Wir sprachen mit Geschäftsführer Thomas Schadt über die Besonderheit seiner Hochschule.

Die Filmakademie Baden-Württemberg zählt zu den Top 3 der besten Filmuniversitäten in Deutschland. Für was steht Ihre Ausbildungsstätte, durch was unterscheidet sie sich von anderen?

Wir stehen definitiv für künstlerische Vielfalt. Wir vertreten die Ansicht, dass im Genre- oder Mainstreamfilm genauso viel Qualität erzeugt werden kann wie im Arthouse- oder Essay-Film. Umgekehrt kann in allen Bereichen auch viel Mist entstehen. Wir machen keine Unterscheidungen per se. Zudem ist es uns wichtig, dass die Klassen mit Blick auf die Charaktere der Studierenden heterogen besetzt sind. Kreative Prozesse haben mit Kollisionen zu tun. Wir setzen auf Vielfalt. Auf Vielfalt und Diskurs, auf die inhaltliche Auseinandersetzung - auch wenn es oft heißt, Film sei sehr mit Technik verbunden. Der Inhalt steht immer im Mittelpunkt, unsere Grundsatzfrage "What's the story" wird den Studierenden wie ein Mantra eingebläut. Uns ist wichtig, dass die Diskursqualität einem dialogischen Prinzip folgt. Dass man auf Augenhöhe kommuniziert. Wir lernen von unseren Studierenden genauso viel wie die Studierenden von uns. Zu anderen Hochschulen unterscheidet uns der noch höhere Praxisanteil. Wir haben keine festangestellten Professor*innen, sondern nur Lehrpersonal aus der Medienbranche. Damit fahren wir sehr gut. An der Filmakademie Baden-Württemberg wird zudem mehr produziert als an anderen Filmhochschulen. Unsere Studierenden werden ihr ganzes Studium entlang praktischer Projekte unterrichtet.

Die Filmakademie Baden-Württemberg, im Vergleich zu anderen Hochschulen noch "jung", hält den internationalen Austausch hoch. Wie wichtig ist es, bereits bei der Ausbildung über den Tellerrand zu gucken?

Mit 30 Jahren ist die Filmakademie zwar kein Dinosaurier, aber erwachsen. Zum 15. Jubiläum habe ich noch gesagt, dass wir in der Pubertät stecken. Das ist definitiv nicht mehr der Fall. Ich selbst habe an der dffb studiert, kenne also die Tradition älterer Schulen. Die Filmakademie steht mittlerweile gestanden da. Das Laufen müssen wir nicht mehr lernen. Die Sache der Internationalisierung ist in unserer strategischen Ausrichtung DER Schwerpunkt. Im Strategiepapier, das wir für unseren Geldgeber, das Land Baden-Württemberg, entwickelten, steht genau dieser Aspekt im Mittelpunkt. Um die Internationalisierung auszubauen, erhalten wir deshalb auch strukturelle Mittel. Unser Ziel ist es, das Projektstudium, also den zweiten Teil des Studiums, in ein oder zwei Jahren durchgängig als bilinguales, deutsch-englisches Curriculum einzurichten. Dadurch wird es uns möglich sein, auch mehr Bewerber*innen aus Ländern zu holen, die nicht deutsch sprechen. Dies zieht wiederum eine Änderung der Hochschulzulassung nach sich, an der gerade gearbeitet wird. Gerade in der Frage der Diversität, die überall großgeschrieben wird, ist die sprachliche Barriere entscheidend. Solange Deutsch alleinige Unterrichtssprache ist, ist Diversität, wie sie gelebt werden will, schwierig. Wenn wir also diese Schranke durchbrechen, können wir die Diversität nicht nur in der Studentenschaft, sondern auch bei den Dozierenden entscheidend verändern. Das geht nicht auf einen Schlag. Aber über einen Prozess von mehreren Jahren ist das durchaus denkbar.

Gibt es weitere Ideen, die Internationalisierung voranzutreiben?

Die Einführung eines sogenannten Mobilitätsjahrs ist in Planung. Das ist eigentlich etwas ganz Altmodisches: Wir wollen unsere Student*innen im Lauf ihrer Ausbildung in die Fremde schicken, damit sie sich auf das in Planung befindliche deutsch-englische Studium im zweiten Studienabschnitt vorbereiten und bereits erste internationale Erfahrungen machen können. In unserem international ausgerichteten, bilingualen Studium geht es dann auch darum, in Englisch zu schreiben und zu inszenieren. Die Folge daraus werden mehr englischsprachige Filme sein. In der Vergangenheit hatten wir immer mal wieder native speaker in den Fächern Drehbuch und/oder Regie und haben damit stets gute Erfahrungen gemacht. Künftig soll der bilinguale Aspekt eine Grundsäule dieses Hauses werden, das internationale Moment ist kein nettes add on, kein nice to have. Sondern steht programmatisch in Mittelpunkt, im Zentrum der Ausbildung.

Ist der Aspekt der Internationalisierung beim Studium auch wichtig, wenn man auf den Wandel, den die Medienlandschaft durchmacht, blickt?

Wir gucken als Schule sehr genau, wie sich der Markt entwickelt, weil wir ja stets viele Marktvertreter als Dozent*innen in unserem Haus haben. Es herrscht diesbezüglich eine große Offenheit. Wie vertreten die These, dass Absolvent*innen, auch wenn sie sich regional eine Existenz aufbauen wollen, das Filmgeschäft nur bespielen können, wenn sie sich auf dem internationalen Parkett zu bewegen verstehen. Wir wissen, dass die Produktionsformen weniger und weniger rein national oder rein bundesländerbezogen funktionieren. Es geht immer häufiger um internationale Koproduktionen, bzw. um regionale Stoffe, die international kompatibel erzählt werden wollen. Das ist die Formel der Streamingdienste. Anklang findet der Aspekt internationale Koproduktion bereits über unser Atelier Ludwigsburg-Paris, das mittlerweile nicht nur Teilnehmer*innen aus Europa, sondern aus der ganzen Welt begrüßt. Zudem gibt es bei uns schon seit längerer Zeit eine internationale Klasse, die offen ist für Studierende unserer Partnerhochschulen. Wir halten es für unumgänglich, die Veränderungen in der Medienlandschaft zu berücksichtigen, da wir uns verantwortlich dafür fühlen, den Nachwuchs eben für diesen Markt fit zu machen. Auch wenn sich einer der Student*innen später entscheiden sollte, in einem kleineren Feld zu arbeiten. Aber das Kennenlernen der internationalen Umgangsformen in der Filmbranche, sie in ihrem Ansatz zu verstehen, gehört zum Grundsatz.

Blicken wir in die Studiengänge: Gibt es eigentlich immer mal wieder gewisse Trends? Und wie ausgeglichen ist die Studentenschaft hinsichtlich der Geschlechterverteilung?

Szenischer Film und Kamera hat nie ein Bewerberproblem. Das ist an anderen Hochschulen, mit denen wir in regelmäßigem Austausch stehen, genauso. Kamera hat ein Bewerberinnenproblem. Da arbeiten wir daran, da ist auch Bewegung drin. Wir stellen fest, dass aus den immer noch zu wenigen weiblichen Kamera-Studierenden ganz tolle Kamerafrauen werden. Das ist schon eine Tradition - auch in anderen Schulen. Es gibt grundsätzlich Studienrichtungen, wie etwa Dokumentarfilm, bei denen es noch nie einen Frauenmangel gegeben hat. Männerlastig sind immer noch der Studiengang Filmton. Über eine feststehende Verabredung mit den anderen Filmhochschulen arbeiten wir an einer Parität. Aber nicht dogmatisch. Wir müssen Aufnahmeprinzipien berücksichtigen, die gesetzliche Vorgaben beinhalten. Die Qualität der Bewerbung hat Vorrang vor dem Geschlecht. Nur bei gleicher Qualität der Bewerbung können Bewerberinnen bevorzugt werden. Wir bewerben Studiengänge, die zu wenig Frauen oder überhaupt zu wenig Bewerber*innen aufweisen, sogenannte Mangelstudienfächer, die sich unter jungen Menschen, die noch nicht intensiv mit Film zu tun hatten, noch nicht herumgesprochen haben. Im Produktionsbereich haben sich in den vergangenen zehn Jahren deutlich mehr Frauen immatrikuliert, von denen etliche nach Studienabschluss auch tolle Karrieren gemacht haben, wie Steffi Ackermann beispielsweise. In den Geschlechterkategorien Männer-Frauen wir machen schon lange keine Unterscheidungen mehr. Das ist bei anderen Filmhochschulen nicht anders.

Inwiefern gehen Sie auf neue Berufsfelder ein... bzw. welche Fächer gibt es seit Anbeginn, welche kamen neu hinzu?

Neben Potsdam haben wir das umfangreichste Studienangebot. Bei uns gibt es 14 Studienrichtungen. Zu den traditionellen Fächern, die unstrittig am beliebtesten sind, gehören etwa Bildgestaltung, Montage, Drehbuch und natürlich Regie. Wobei sich beim Drehbuch zuletzt sehr viel verändert hat. Vor zehn Jahren konnte man dieses Studienfach noch unter "szenischer Film" subsummieren. Das trifft es nicht mehr. Die Drehbuchabteilung schreibt gerade ihr Curriculum um. Autor*innen sind heute auch für Werbung, für Dokumentarfilm und - hier bei uns sehr stark - für Animationsprojekte tätig. Das an die Filmakademie angedockte Animationsinstitut ist definitiv ein Treiber im Hinblick auf immer wieder neu zu fassende Denkweisen in der Filmproduktion. Wenn wir über Produktionsformen mit LED-Wänden sprechen, hat es bei uns über das Institut immer gleich eine konkrete Ausformung.

Gibt es auch Studiengänge, die es nur in Ludwigsburg gibt?

Wir sind die erste Filmhochschule, die "interaktive Medien" fest als Studiengang implementiert hat. Da wir von der Struktur her recht beweglich sind, können wir neue Studienrichtungen entsprechend schnell an den Start bringen - auch wenn natürlich erst die Finanzierung stehen muss. Im Animationsinstitut gibt es relativ neu Animation/Effects Producing, im Produktionsstudium haben wir Line Producing aufgenommen. Das war eine lange Diskussion, aber aus der Branche hören wir, dass es diesbezüglich riesigen Bedarf gibt. Für die erste Runde haben wir auf Anhieb eine tolle Klasse zusammenbekommen. Wir gehen mit dem Marktgeschehen mit. Das heißt im Umkehrschluss aber nicht, dass wir andere Studienrichtungen einstellen. Grundsätzlich verändern sich bei uns Studiengänge auch in ihrer Definition. Ein Werbefilmstudium, das wir auch als einzige Hochschule anbieten, ist nicht mehr das, was es vor 15 Jahren war. Es werden keine 30-sekündigen Schenkelklopfer mehr produziert. Heute entstehen für Produkte 15 minütige Kurzfilme, dokumentarische- oder serielle Konzepte.

Inwiefern profitieren Ihre Studierenden von einer flexiblen Struktur?

Innerhalb der Abteilungen sind die Grenzen längst gesprengt. Unsere Studierenden gehen oft spazieren innerhalb verschiedener Studienrichtungen. Wir ermöglichen diese Wechsel, weil wir wissen, dass sich Talente in der Wechselwirkung mit unterschiedlichen Studiengängen erst entwickeln. Sandra Wollner oder Anne Zohra Berrached, die beide Dokumentarfilmregie studierten, legen mittlerweile tolle fiktionale Stoffe vor. Oder Nora Fingscheidt, die szenische Regie studierte, realisierte als Abschlussfilm einen Dokumentarfilm... Es gibt Dokumentarfilm-Regisseur*innen, die sich als hervorragende Kameramänner/Frauen entpuppen - oder umgekehrt. Wer sagt uns denn, dass einer, der sich für szenische Regie bewirbt und dafür ein erstes erkennbares Talent hat, am Ende dort auch sein Talent entfaltet? Die Talentförderung besteht darin zu hinterfragen, ob das erste ersichtliche Talent tatsächlich das weiterführende Talent ist oder ob da nicht ein anderes Talent schlummert... Eine Schule muss individuell auf seine Studierenden zugehen können.

Welchen Vorteil hat der Ausbildungs-Standort Deutschland? Welchen Vorteil haben andere Länder?

Der Ausbildungsstandort Deutschland hat zuvorderst den Vorteil, dass das Studium umsonst ist, bzw. im Vergleich zu anderen Ländern nur einen geringen Bruchteil kostet. Die Zweitstudiengebühren in Baden-Württemberg liegen bei 600 Euro pro Semester. In den USA oder anderswo zahlt man für ein Studienjahr locker 40.000 Dollar. Die Filmausbildung in Deutschland ist in der Summe gesehen mit die beste, die man bekommen kann. Das hat mit der Verfügbarkeit technischer Ressourcen zu tun, das hat mit der hohen Qualität der Filmtradition zu tun, mit den Lehrkräften, der Vielfalt der Filmhochschulen. Welches andere Land hat denn sieben große Filmausbildungsstätten? Das ist der Grund, weshalb viele Student*innen aus dem Ausland nach Deutschland kommen wollen. Andererseits wäre mir es für den heutigen Standard zu eng in Deutschland. Die Studierenden sollen über den Tellerrand gucken! Der Vorteil anderer Länder ist der kulturelle Einfluss oder auch die Erfahrung, was es heißt, mit weniger Möglichkeiten zu arbeiten! Das kann überhaupt DIE zentrale Lehre sein, wenn man so verwöhnt ist wie unsere Studierenden in Deutschland...In dem Nichtvorhandensein von Möglichkeiten liegen auch kreative Chancen! Ich wünsche jedem, ins Ausland zu gehen. Auch wenn dort die Filmschule eine Strohhütte ist und nur Bolex-Federzugkameras bietet, überspitzt formuliert, können gute Filme entstehen. Man kehrt mit einem ganz anderen Blick auf unsere Situation hier zurück.

Wer sind eigentlich Ihre wichtigsten Partner?

Die Filmakademie Baden-Württemberg ist eine Tochtergesellschaft des Landes Baden-Württemberg. Der alleinige Gesellschafter ist das Finanzministerium. Wir werden nahezu zu 100 Prozent vom Land finanziert. Das ist ein sehr glücklicher Zustand, ein Segen. Denn je mehr Gesellschafter eine Ausbildungsstätte hat, desto schwieriger gestaltet sich die Finanzierung. Weitere Partner gibt es trotzdem: Das Atelier Ludwigsburg-Paris wird vom Bund und Media mitfinanziert; wir haben Partnerschulen wie La Fémis in Paris oder NFTS in London, mit denen wir sehr intensive Kooperationen unterhalten. In der Wirtschaft gibt es Partnerschaften mit Porsche, die seit über 15 Jahren den Porsche Award finanzieren, oder dem Europapark Rust, der eine eigene Filmproduktionsfirma gegründet hat und sich im medialen Bereich stark engagiert. Natürlich sind wir wirtschaftlich auch mit Sendern verbunden, wahrscheinlich intensiver als die anderen Hochschulen. Neben dem ZDF/Das kleine Fernsehspiel ist der SWR ein starker Partner, der mehr für den Nachwuchs macht als die anderen ARD-Sender. Bei den Streamern befinden wir uns in einer Annäherungsphase, aber es ist spürbar, dass sich hier etwas bewegt im Blick auf die Zusammenarbeit mit dem Nachwuchs und den Filmhochschulen. Zuletzt existiert unsere Drittmittelabteilung, über die kommerzielle Anfragen von außen zu marktüblichen Produktionsregularien an Absolvent*innen vermittelt werden.

Das Schlagwort Nachwuchsmangel fällt in der Filmbranche immer wieder. Welche Sicht haben Sie auf dieses Thema?

Die einen sagen, es herrscht Nachwuchsmangel, die anderen werfen uns vor, zu viele Student*innen auszubilden. Solange wir nicht zu viele zu gute Geschichte haben, die wir im Kino oder im Fernsehen sehen wollen, solange bilden wir auch nicht zu viele junge Menschen aus. Da es die zu vielen guten Geschichten nicht gibt, sondern zu wenig, glaube ich daran, dass es gut ist, dass wir all diese jungen Leute ausbilden. Klar stellt sich die Frage, wer sich nach seinem Studium wie und wo etabliert. Eine erfolgreiche Serienregisseurin kann für mich genauso viel Qualität in den Markt bringen wie eine Arthouseregisseurin, die nur alle zehn Jahre einen Film macht. Das eine schließt das andere nicht aus.

Seit 2018 gibt es die Initiative zur Gender-Gerechtigkeit, die von allen deutschen Filmunis ausgeht. Wie wichtig ist es, Themen wie dieses beim Nachwuchs anzudocken?

Die Studierenden haben ein hohes Bewusstsein für dieses Thema. Neben Gendergerechtigkeit gehören auch Felder wie Diversität, Diskriminierung, Klimaschutz oder Nachhaltigkeit dazu. Sie stehen bei uns genauso im Zentrum wie die Internationalisierung und werden in möglichst sachlichen Diskursen von verschiedenen Aspekten und Blickwinkeln durchleuchtet.

 Barbara Schuster