Kino

Kino-Neustart: Siebenstellig!

Erstmals seit dem Frühjahr 2020 kann Comscore für ein deutsches Kinowochenende wieder mehr als eine Mio. Besucher vermelden - nicht zuletzt zwei starken Debütanten sei Dank. Während erneut vier Filme sechsstellige Besucherzahlen schafften, zeigt sich leider immer deutlicher, dass die Auflagen mancher Bundesländern die Erholung behindern. Unter anderem stehen Berlin, Hamburg und Hessen vergleichsweise schwach da.

12.07.2021 14:14 • von Marc Mensch
Auch wenn "Black Widow" der dominierende Film des Wochenendes war - "Die Croods: Alles auf Anfang" legte ebenfalls einen starken Start hin (Bild: Universal)

Erfolgsmeldungen werden dieser Tage natürlich mit besonderem Nachdruck verbreitet - und so überraschte es nicht, dass Walt Disney bereits am Sonntagnachmittag mit vorläufigen deutschen Zahlen zu "Black Widow" aufwartete - Zahlen, die sich extrem nahe an den 206.400 Besuchern bewegten, die Comscore letztlich für das Wochenende zählte. Tatsächlich könnten es am Ende sogar noch ein paar Tausend mehr sein - denn was schon zwischen den beiden ersten Lockdowns für die Montagsauswertungen von Comscore galt, hat weiter Bestand: Die Zahlen werden im Wochenverlauf wegen diverser Nachmeldungen teils noch deutlich nach oben korrigiert. So hatte Comscore für das erste Juli-Wochenende ursprünglich 894 spielende Kinos (inkl. Open-Air/Autokinos) gemeldet, diese Zahl wurde für den aktuellen Vorwochenvergleich auf 947 angehoben. Damit stiegen natürlich auch die Besucherzahlen für den Auftakt des dritten Quartals noch einmal deutlich: Aus ohnehin guten 819.719 wurden 845.193.

Eine Zahl, die am vergangenen Wochenende erwartungsgemäß übertroffen wurde, schließlich hatte eine ganze Reihe weiterer Kinos zum 8. Juli den Spielbetrieb wieder aufgenommen. Aktuell zählt Comscore 932 reguläre wiedereröffnete Kinos, was 74 Prozent der Spielstätten entspricht - und es ist davon auszugehen, dass auch dieser Wert noch nach oben angepasst wird.

Ein Meilenstein lässt sich aber bereits jetzt feiern, denn mit insgesamt 1.004.813 verkauften Tickets konnten erstmals seit dem Frühjahr 2020 wieder siebenstellige Besucherzahlen für ein Wochenende im deutschen Kinomarkt vermeldet werden - ein Anstieg um 18,9 Prozent gegenüber dem (korrigierten!) Vorwochenwert. Beim Umsatz ging es sogar um 21,6 Prozent nach oben, auf 8.660.994 Euro.

Womit wir bei den Erfolgen wären, unter denen "Black Widow" natürlich besonders hervorsticht. Der stärkste Film des Wochenendes sorgte nach Besuchern (206.400) für das drittbeste Pandemiedebüt nach Tenet" und After Truth"; nach Umsatz am Startwochenende (2.051.253 Euro) konnte "Black Widow" letzteres Sequel sogar knapp überholen. Wo der Marvel-Hit indes an beiden Filmen glasklar vorbeizog, ist beim Kopienschnitt, der mit rund 776 einfach famos ausfiel. Was unter anderen Umständen möglich gewesen wäre? Man kann nur spekulieren. Klar ist aber, dass derart viele Kinos auf den Superheldinnen-Kracher verzichtet haben, dass er nur in 266 Locations zum Einsatz kam.

Zum Vergleich: Der am breitesten gespielte Film der Top 20, "Peter Hase 2", brachte es auf 593 Locations. Vor allem wegen der Day&Date-Verfügbarkeit auf Disney+ wird man natürlich mit ganz besonderem Interesse beobachten, wie sich die Zahlen von "Black Widow" über die Tage hinweg entwickeln, in den USA war er am ersten Wochenende extrem frontgeladen. Disney selbst trägt übrigens seinen Teil zu den rauchenden Analystenköpfen bei - erstmals hat das Studio Umsatzzahlen für einen PVoD-Start auf Disney+ kommuniziert: Rund 60 Mio. Dollar seien es weltweit zum Start gewesen - Einnahmen, die nicht geteilt werden müssen.

Zu den weiteren Highlights des Wochenendes zählen natürlich "Conjuring 3", der gegenüber der (hier bereits nach oben korrigierten) Vorwoche nur minimal abbaute und nach Umsatz sogar noch knapp vor dem zweitbesten Debütanten auf Platz 2 der Hitliste landete. Nicht, dass Universal mit dem Start von "Die Croods: Alles auf Anfang" unzufrieden sein müsste - die 144.567 Besucher, mit denen er loslegte, hätten vergangene Woche noch locker für die Spitze gereicht.

Gänzlich ohne Schattenseite sind die Ergebnisse des Wochenendes aber nicht: So schafften es von ganzen 14 Neustarts nur vier in eine Top 20, deren Besucherzahlen schon ab Position 13 vierstellig wurden: Und täglich grüßt die Liebe" kam mit 7869 Besuchern auf Platz 15, The Little Things" mit 5015 Besuchern auf Rang 19. Die potenzielle Kannibalisierung von Titeln, die im Vorfeld vorhergesagt wurde, zeigt sich schon jetzt. Erfreulich überschaubar fielen unterdessen die Rückgänge mancher Toptitel aus - wobei man natürlich im Hinterkopf haben muss, dass sich etliche Filme zusätzliche Locations sichern konnten. Dennoch spielen die Kapazitätsbeschränkungen natürlich eine erhebliche Rolle bei Filmen, die ein Kino zwar vielleicht nicht verlassen müssen, aber in einen kleineren Saal wandern. Cinecitta-Betreiber Wolfram Weber etwa spricht bereits ganz offen über die Herausforderung, die die enge Taktung von Godzilla vs Kong", "Black Widow" und Fast & Furious 9" selbst für ein so großes Haus bedeutet. Tatsächlich geht es ja auch dort, wo aktuell Einsatzkonditionen beklagt werden, oftmals weniger um den Leihmietensatz, als vielmehr die Auflagen zu Dauer und Frequenz der Einsätze...

Den mit Abstand niedrigsten Besucherrückgang in der Top Ten jedenfalls verzeichnete "Conjuring 3" mit 10,4 Prozent, am deutlichsten gaben 100% Wolf" (-46,2 Prozent) und A Quiet Place 2" (-45,8 Prozent) gegenüber der Vorwoche nach.

Wo aber steht der Markt nach dem zweiten Wochenende flächendeckenden Spielbetriebs? Selbstverständlich wurde die untere Benchmark (das schlechteste Durchschnittswochenende der fünf Jahre vor Corona) nicht nur erneut, sondern noch ein ganzes Stück deutlicher übersprungen. Die Ergebnisse der wiedereröffneten Kinos lagen nach Besuchern um 158 Prozent, nach Umsatz um 157 Prozent über dieser (niedrigen) Hürde. Zu einem "mittleren" Ergebnis fehlten ihnen nur noch 32 bzw. 34 Prozent, vergangenen Woche waren es noch 42 bzw. 45 Prozent gewesen. Noch deutlicher fiel dank der Zunahme "aktiver" Spielstätten natürlich die Veränderung im Gesamtmarkt aus: Fehlten hier zuletzt noch 49 Prozent an Besuchern und 51 Prozent an Boxoffice, um die zweite wichtige Benchmark zu erreichen, waren es am vergangenen Wochenende nur noch 37 bzw. 38 Prozent. Kein Pappenstiel, angesichts der Umstände aber ein vergleichsweise überschaubarer Wert.

Allerdings zeigt sich erneut: Wo der 3G-Nachweis gefordert wird, fallen die Sprünge über die untere Benchmark tendenziell (viel) niedriger aus, als dort, wo dies nicht der Fall ist - insbesondere dann, wenn "testfreie" Alternativen quasi vor der Haustür bereitstehen. So stehen Hamburg (50 Prozent über der unteren Benchmark) und Berlin (43 Prozent darüber) erneut sehr, sehr weit am Ende der Fahnenstange, auch wenn der Sprung, den Hamburg gegenüber der Vorwoche (nur 28 Prozent über den schlechtesten Besucherzahlen der spielenden Häuser) hinlegte, als Beleg dafür gesehen werden kann, dass hier tatsächlich Freikarten aus einer Sonderaktion zum Vorstellungsauftakt nicht mitgezählt worden waren. Wenig eindrucksvoll auch die Zahlen aus Hessen: hier wurde die untere Hürde um 102 Prozent übersprungen. Spitzenreiter ist erneut Mecklenburg-Vorpommern mit 308 Prozent über der Marke, unmittelbar danach folgt Thüringen mit 305 Prozent. Die rote Laterne für die anteilig wenigsten geöffneten Spielstätten geht nun an Niedersachsen mit 64 Prozent, in Baden-Württemberg stieg der Anteil nicht zuletzt dank des Starts in den Traumpalästen deutlich. Am weitesten fortgeschritten bleibt die Wiedereröffnung (ausgerechnet) in Hamburg, wo 91 Prozent aller Häuser Vorstellungen anbieten.

Wie immer noch kurz der Blick nach Österreich und in die Niederlande: Auch Österreich kommt weiter in Fahrt. Zwar wurde das schwächste Wochenende im Gesamtmarkt zuletzt nur um 105 Prozent nach Besuchern und 133 Prozent nach Umsatz übertroffen, dank des engeren Benchmark-Korridors fehlten zum mittleren Wochenende dennoch nur 40 Prozent nach Tickets und 33 Prozent nach Boxoffice, gezählt wurden bei 95prozentiger Öffnung des Marktes knapp 108.000 Besucher. Als minimale Enttäuschung könnte man das Bild aus dem Vorzeigemarkt Niederlande sehen. Zwar gab es dort erneut Ergebnisse, die zumindest nach Umsatz absolut auf dem Durchschnittsniveau der fünf Jahre vor Corona lagen (bzw. um sechs Prozent darüber, während nach Besuchern 15 Prozent fehlten), aber gegenüber der Vorwoche waren die Besucher- und Umsatzzahlen leicht zurückgegangen, so dass man zwar von weiterhin guten Ergebnissen, aber keinem weiteren Fortschritt sprechen kann. Womöglich ist der mit den geltenden Restriktionen aber auch schwer zu erzielen...