Festival

CANNES Tag 6.2: Halbzeit

Die halbe Strecke ist bewältigt, mittlerweile läuft das 74. Festival de Cannes wie geschmiert. Und hatte am sechsten Tag mit "Bergman Island" und "Drive My Car" zwei echte Highlights im Wettbewerb.

12.07.2021 12:31 • von Thomas Schultze
Vicky Krieps und Tim Roth als Filmemacher zu Besuch auf "Bergman Island" (Bild: Weltkino)

Hurra, unsere Leichen leben noch. Das ist die Bilanz nach den ersten sechs Tagen in Cannes und 21 gesehenen Filmen. Nach dem anstrengenden Chaos der ersten Tage, als nichts funktionierte und man ähnlich viel Zeit damit verbrachte, Flüche und Stoßgebete Richtung Himmel zu schicken wie im Kino zu sitzen, hat das 74. Festival de Cannes seinen Rhythmus gefunden, hat sich eine Routine ergeben, die dem alten Festival de Cannes ähnelt, wie es vor Corona war, aber doch auch ganz anders ist, mit den fast täglichen Testroutinen und der Maskenpflicht in den Kinos. Man fühlt sich als Teil eines großen Experiments, als läge man mit den anderen Festivalbesuchern in einer Petrischale, weil man ergründen will, ob das überhaupt geht in Zeiten der Pandemie, ein physisch stattfindendes Filmfestival dieser Größenordnung. Wenn es stimmt, was Deadline vermeldet, dann kann man guter Dinge sein: Bei täglich tausenden von Tests, nicht nur von Festivalbesuchern, sondern auch der Touristen, die sich am Strand gut gelaunt ohne Maske gegenseitig einölen, als hätte es Corona nie gegeben, soll es bislang täglich im Schnitt zwei bis drei positive Tests gegeben haben, also eine verschwindend niedrige Menge. Ich habe gerade wieder einen negativen Bescheid erhalten. Aktuell sitze ich im Palais de Festival, das man nur mit einem negativen Test, der nicht älter als 48 Stunden ist, betreten darf, im Pressezentrum, trage wie meine Kollegen Maske, wie in Kürze im Kino auch. Ist das lästig? Schon. Aber es ist auch nicht so schlimm, dass man daran verzweifeln müsste. Zumindest jetzt hat man das Gefühl: Alles könnte gutgehen.

Gut geht das Festival auch, was die Filme anbetrifft. Vielleicht ist das74. Festival de Cannes auf nicht ganz so hohem Niveau wie die Ausgabe von 2019. Aber das war ein Ausnahmejahr wie seit 2013 nicht mehr, mit Meisterwerken im Tagestakt, "Parasite", Once Upon a Time in Hollywood", Porträt einer jungen Frau in Flammen", Leid und Herrlichkeit" und und und. Gewisst ist aber auch, dass es ein besserer Jahrgang ist als 2020, einfach weil man die Filme so erleben kann, wie man sie in einem Festival erleben sollte, vor Ort, auf der großen Leinwand, umgeben von Gleichgesinnten - auch wenn auffällt, wie leer das Festival in diesem Jahr ist. Viele konnten nicht kommen, viele wollten nicht kommen. Aber die, die da sind, freuen sich über das bisschen Zurückeroberung des Lebens. Gibt es bereits Palmenanwärter? Gute Frage. Man kann ja nicht in die Köpfe von Spike Lee und seiner Jury blicken. Vielleicht mochten sie Lingui" ganz besonders, dem ich nicht viel abgewinnen konnte. Vielleicht haben sie Benedetta" gehasst, der mich begeistert hat. Viel Positives hört man von Joachim Triers und dessen "The Worst Person of the World", der einzige Film im Wettbewerb, den ich bisher nicht gesehen habe. Man kann es zwar versuchen, aber es wird einem nicht gelingen, überall zu sein. "Drive My Car" von Ryusuke Hamaguchi (Besprechung siehe unten) war für mich eine Wucht. Ich konnte mich auch in Bergman Island" von Mia Hansen-Løve verlieren (Besprechung ebenfalls unten). Beiden würde ich eine Palme wünschen. Aber mein Gefühl sagt mir: Die besten Filme kommen erst noch. Also dranbleiben.

Einstweilen wieder zurück zum Wettbewerb, drei Filme am Sonntag, direkt hintereinander, neben "Bergman Island" und "Drive My Car" noch der neue Film von Nanni Moretti, "Tre piani", der erste von drei vormaligen Goldene-Palme-Gewinnern im Wettbewerb. Ein Das Zimmer meines Sohnes" ist dieses Drama aus drei Stockwerken eines Wohnhauses in einer wohlhabenden Ecke Roms jedenfalls nicht. Eher bemüht ist dieses Setup, in denen Menschen wirklich dumme Dinge tun, um die Handlung in Bewegung zu setzen, die jeweils zweimal fünf Jahre nach vorne springt, um dann doch zu einer Auflösung zu kommen, die einen mit dem etwas aufgesetzt dramatischen Ton des Films versöhnt. Die anderen beiden Wettbewerbsfilme des Tages waren mit viel lieber.

Mia Hansen-Løve dreht intensiv persönliche Filme, das zieht sich wie ein roter Faden durch ihr Schaffen. In Der Vater meiner Kinder" verarbeitete die Französin mit dem dänischen Namen die Erfahrung des Selbstmords ihres Produzenten Humbert Balsam, in Eden - Lost in Music" fand sie Bilder für die Vergangenheit ihres Bruders Sven als House-DJ in Paris, in Alles was kommt" waren ihre Eltern Quelle der Inspiration. Mit "Bergman Island" hat sie nun, fünf Jahre später, einen Film gemacht über die Dinge, die ihr wichtig sind, mit sich selbst und ihrem ehemaligen Lebensgefährten, dem 26 Jahre älteren Filmemacher Olivier Assayas, mit dem sie eine zwölfjährige Tochter hat, als Ausgangspunkt. Die Tradition des Kinos, die Suche nach Inspiration, das Erzählen von Geschichten, das Drehen von Filmen. Und schließlich im letzten Bild das Ein und Alles, was alles andere in den Schatten stellt. Wie immer bei Hansen-Løve scheinen die Bilder zu atmen, man kann das Leben förmlich schmecken, nichts ist forciert oder unnötig dramatisch aufgebauscht, alles ist aufregend, fühlt sich frisch und unverbraucht an - und ist doch trickreicher gestaltet und ausformuliert als in ihren Arbeiten davor.

Vicky Krieps und Tim Roth (beide ganz toll, Krieps überragend, Roth cool und souverän und sehr witzig) spielen ein Filmemacherehepaar, das nach Fårö eingeladen ist, auf die buchstäbliche Bergman-Insel, wo der legendäre Ingmar Bergman über Jahrzehnte lebte und arbeitete und, beginnend mit Wie in einem Spiegel", einige seiner wichtigsten Filme drehte. Heute ist dort die Bergman-Gesellschaft ansässig, findet die Bergman Week statt, in deren Rahmen Tim Roth' Figur eine Masterclass abhalten soll. Ihre Tochter haben sie in Deutschland bei der Großmutter abgeliefert, und die beiden wollen die Zeit in einem von Bergmans Häusern nutzen, um an ihren neuen Projekten und Drehbüchern zu feilen. En passant lernen Bergman-Unkundige einiges über den legendären Filmemacher, man sieht sein Wohnhaus und seinen Screeningraum, wo es eine Vorführung von Schreie und Flüstern" gibt. Die beiden Filmemacher lieben Bergman, wenngleich aus unterschiedlichen Gründen, wie sie auch auf völlig unterschiedliche Weise an ihren Filmen arbeiten. Er ist methodisch und nüchtern und gibt nichts von seinem neuen Drehbuch preis. Sie ist unsicher und kämpft mit ihren Ideen, sucht Rat und Halt bei ihm.

Bei einem Spaziergang erzählt sie von ihrem neuen Stoff, der "The White Robe" heißen soll, und mit einem Schnitt sieht man schon den Film, in dem Mia Wasikowska und Anders Danielsen Lie ehemalige Geliebte spielen, die sich Jahre nach Ende einer Affäre bei der Hochzeit einer gemeinsamen Freundin auf Fårö wiedersehen. Es ist nicht der letzte radikale Szenenwechsel in dieser spielerischen Erzählung, die quasi mit einem Kameraschwenk gleich wieder eine neue Perspektive eröffnet: Jetzt sieht man die Filmemacherin bereits bei den Dreharbeiten ihres Films in Bergmans Haus. Die Erzählebenen beginnen zu überlappen. Wo Realität endet und Fiktion beginnt, ist von Anfang völlig unklar, weil die beiden Filmemacher in "Bergman Island" zwar Hansen-Løve und Assayas sein können, aber natürlich nicht müssen. Bergman bleibt in diesem klugen, sehr weiblichen Vexierspiel nicht der einzige Verweis auf Schweden: Zu dem Abba-Stück "The Winner Takes It All" wird auf der Hochzeit getanzt, ein Song, der entstand, als die Ehen der vier Musiker bereits ein Trümmerhaufen waren - und vielleicht ein Wink mit einem dünnen Zaunpfahl, wie fragil die Beziehung der beiden Hauptfiguren wirklich ist. Die frisch verheiratete Gemahlin stimmt "Summer Wine" von Lee Hazelwood an, der große amerikanische Troubadour und Musikproduzent, der lange im selbstgewählten Exil in Schweden lebte. Gerade die zahllosen Anspielungen sind es, die "Bergman Island" zu einem so großen Vergnügen machen: Immer, wenn man glaubt, Hansen-Løve erzähle auf Augenhöhe, ist sie tatsächlich schon wieder einen Schritt weiter. Und man kann es nicht erwarten, ihr zu folgen, wo immer sie uns auch hinnimmt.

Ein noch verzwickteres Spiel spielt "Drive My Car", was bei einer Adaption einer der enigmatischen Vorlagen von Haruki Murakami aber auch nicht anders zu erwarten ist. Auffällig ist vielmehr, wie gut es mittlerweile asiatischen Filmemachern gelingt, einen filmischen Zugang zu den fantasievoll verstrickten Erzählwelten des japanischen Erfolgsautors zu finden. Lee Chang-Dong war es vor drei Jahren mit dem großartigen Burning" gelungen, der mit seinem zweieinhalbstündigen erotischen Krimispiel einen großen Aufschlag hatte in Cannes. Nun wagt sich der Japaner Ryusuke Hamaguchi, der gerade erst im März mit "Wheel of Fortune and Fantasy" in Berlin den Großen Preis der Jury gewinnen konnte, bei seiner zweiten Einladung in den Wettbewerb von Cannes mit "Drive My Car" - nach "Norwegian Wood" (auf deutsch: Naokos Lächeln") wieder ein Murakami mit Beatles-Bezug - ebenfalls an eine Kurzgeschichte des Meisters und breitet sie auf drei Stunden aus. Das guckt man nicht einfach weg, profitiert anders als "Wheel of Fortune and Fantasy" aber davon, dass der Film hier in Cannes auf der großen Leinwand gezeigt wird und man sich ganz anders auf dieses eng gesponnene Verwirrspiel, das allen erzählerischen Regeln bockig trotzt, einlassen kann.

In einer ausführlichen Exposition lernt der Zuschauer einen gefeierten japanischen Theaterregisseur kennen, der ganz besondere Produktionen auf die Bretter bringt: Er lässt Klassiker von verschiedensprachigen Schauspielern spielen, begleitet von mehrsprachigen Untertiteln, die über der Bühne auf eine Leinwand projiziert werden. Die Frau des Regisseurs ist eine erfolgreiche Fernsehautorin. Nach dem Liebesspiel erzählt sie ihm eine ausufernde Geschichte über eine junge Frau, die unbemerkt immer wieder in der Wohnung eines Mannes einsteigt und dabei kleine Mementos hinterlässt. Das ist Murakami in Reinkultur: ineinander verwobene Erzählstränge, Doppelgängermotive, merkwürdige Krankheiten, die womöglich den Blick auf die Dinge modifizieren. Man warte förmlich auf eine Katze und unergründliche Erdlöcher, die in allen frühen Romanen Murakamis eine Rolle spielen. Aber immerhin wird später von einem Erdrutsch erzählt, der ein Haus unter sich begräbt. Als der Regisseur eines Tages später als verabredet nach Hause kommt, liegt seine Frau leblos am Boden, ein Gehirnschlag aus heiterem Himmel. Ende der Exposition.

Nach 45 Minuten zeigt Hamaguchi die Credits. Muss man erst einmal bringen. Und geht dann zur eigentlichen Geschichte wieder, die zwei Jahre nach dem bislang Gezeigten angesiedelt ist und sich dreht wie ein gut geschmiertes Rad des Zufalls und der Fantasie. Der Regisseur soll in Hiroshima Tschechows Onkel Wanja" inszenieren, mit japanischen, chinesischen und koreanischen Schauspielern und einer gehörlosen Laiendarstellerin, die in Gebärdensprache spricht. Sein Hauptdarsteller ist ein junger, zu Affekthandlungen neigender Filmstar, der eine Affäre mit der Frau des Regisseurs hatte, was den aber nicht weiter tangiert. Ausführlich folgt man dem Probenprozess. Dazwischen wird Whisky getrunken und geraucht. Immer wieder braust das rote Auto durchs Bild und die endlosen Straßen entlang. Und jeder erhält die Gelegenheit, die Handlung noch weiter zu verkomplizieren, indem er seine Geschichte erzählt. Der Film liebt den Rhythmus von Sprache, ist vernarrt ins Fabulieren und findet darin einen Rhythmus, dem man sich nicht entziehen kann, eine eigene innere, zwingende Logik. Es kommt zu einem Mord und eine Reise quer durch Japan. Zu behaupten, man könne den Überblick bewahren, wäre übertrieben. Jeder einzelne Erzählstrang bedingt den anderen, fügt sich schließlich zu einem großen Ganzen, kommt dem Kern der Sache auf die Spur. Wenn am Ende die gehörlose Schauspielerin in vollkommener Stille den Monolog Sonjas deklamiert, ist es so leise, dass man ihre Handzeichen zu hören glaubt. Es ist ein Moment reiner Katharsis, ein ganz pures Glücksgefühl, das einen durchströmt. "Wir werden ausruhen", sagt sie. Das Verwirrspiel ist zu Ende. In der letzten Szene sieht man die Chauffeurin als Besitzerin des roten Saab, sie trägt beim Einkaufen eine Gesichtsmaske. Der Film ist im Hier und Jetzt angekommen. Was vom Gezeigten als wahr erkennt, muss jeder mit sich selbst ausmachen. Großer Film.

Aus Cannes berichtet Thomas Schultze.