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CANNES Tag 3.2: Ko(s)mische Zufälle

Komisches Cannes, immer wieder ein Erlebnis. Und schöne Filme gibt es auch. "Große Freiheit" von Sebastian Meise mit Franz Rogowski und Georg Friedrich zum Beispiel, im Un Certain Regard - ein Highlight, das den Wettbewerb verdient gehabt hätte.

09.07.2021 11:05 • von Jochen Müller
"Große Freiheit" von Sebastian Meise wurde in Cannes in der Reihe Un Certain Regard gezeigt (Bild: Piffl)

Am schönsten an Cannes, das kann man jetzt sagen, nach drei Tagen auf dem 74. Festival de Cannes, nachdem die Logistik langsam funktionieren zu scheint und man seine Aufmerksamkeit auf andere Dinge richten kann als auf das Bemühen, sich seine Tickets für die kommenden Vorführungen zu sichern oder seinen freigeschalteten QR-Code auch tatsächlich in die französische Anti-Covid-App zu speichern, ohne den man keinen Zutritt zum Festivalgelände erhält, sind die kleinen kosmischen Zufälle. Man muss schmunzeln, wenn einen Tag nach François Ozons Festivalbeitrag Tout s'est bien passé" auf einmal eine Figur in dem afrikanischen Festivalbeitrag Lingui" von Mahamat-Saleh Haroun genau den gleichen Satz spricht: "Tout s'est bien passé" / "Alles ist gutgegangen". Oder wenn in The Velvet Underground" von Todd Haynes davon erzählt wird, dass Lou Reed bereits in seinen frühen Texten von schwulem Verkehr auf dem Männerklo, hartem Sex direkt neben dem Urinal träumte. Dann geht man direkt von diesem Screening in den nächsten Saal, wo "Große Freiheit" von Sebastian Meise im Un Certain Regard auf dem Programm steht, eine österreichisch-deutsche Koproduktion von Freibeuter Film und Rohfilm Productions. Und der Film beginnt tatsächlich mit schwulem Verkehr auf dem Männerklo, hartem Sex direkt neben dem Urinal. Und eine andere, noch kosmischere Brücke gibt es auch noch zwischen diesen beiden Filmen, die ansonsten nichts miteinander zu tun haben: Es sind die beiden bisher besten Filme, die zumindest ich auf dem 74. Festival de Cannes gesehen habe.

Aber nichts überstürzen. Erst einmal der harte Sex auf dem Männerklo, festgehalten von einer versteckten Super-8-Kamera, also körnige, etwas zu helle Bilder, die einfach nur zeigen was passiert: Immer wieder derselbe Mann, Hans Hoffmann, wie wir gleich erfahren werden, der sich anderen Männern nähert, sie masturbiert, Oral- oder Analverkehr mit ihnen hat, so offenkundig, dass man meinen möchte, er wird gern dabei gefilmt, wenn er etwas tut, was 1968 in West-Deutschland noch strafbar war und mit bis zu sechs Jahren Gefängnis geahndet werden konnte, gemäß Paragraph 175 des Strafgesetzbuchs, der so genannte Schwulenparagraph, der im Dritten Reich noch einmal verschärft worden war und im westlichen Nachkriegsdeutschland in dieser Fassung und unverändert 24 weitere Jahre gegolten hatte. Nach Ansicht der Filmaufnahmen vor Gericht ist die Beweislage klar: Hans muss ins Gefängnis, 24 Monate. Wie er seine Haft antritt, jeder Aufforderung Folge leistet, bevor sie überhaupt ausgesprochen werden kann, wie er im Nähraum von einem anderen Häftling, dem bulligen, tätowierten Viktor, mit einem erstaunten Blick des Erkennens registriert wird, legt die Vermutung nahe, dass er nicht zum ersten Mal eingebuchtet wird.

Man liegt richtig mit dieser Annahme: Nachdem Hans einem anderen "175er", wie die Männer, die wegen homosexueller Vergehen einsitzen, von den anderen Sträflingen verächtlich genannt werden, harte Hunde, die teilweise bestialische Verbrechen begangen haben, aber nichts mit den "Perversen" zu tun haben wollen, Hackordnung im Knast, auf dem Hof zur Hilfe eilt, wird er ins Loch gesteckt - Einzelhaft, vollkommen nackt und in absoluter Dunkelheit. Als das Licht wieder angeht und Hans abgeholt wird, schreiben wir das Jahr 1945. Jetzt sitzt Hoffmann zum ersten Mal ein, ist direkt vom Konzentrationslager, aus dem er gerettet wurde, ins Gefängnis gewandert, durfte kein einziges Mal über Los gehen, und sitzt nun die letzten vier Monate einer 14-monatigen Strafe ab. Hier begegnet er erstmals Viktor Bix, von dem wir zwar nicht wissen, was er gemacht hat, der sich aber keinen Illusionen hingibt, so schnell wieder in Freiheit entlassen zu werden. Sie sind Zellengenossen, und Viktor macht keinen Hehl aus seinem Abscheu für Hans und dessen Neigungen. Erst als er die Zahlen-Tätowierung auf seinem Arm sieht, wird er milder. KZ, das hat keiner verdient. Und er bietet Hans an, ihm eine größere Tätowierung über die alte zu stechen. Als sie dabei geschnappt werden, wandern beide ins Loch. Als Hans diesmal herauskommt, ist es 1957: Er ist mit seiner großen Liebe geschnappt und wieder eingebuchtet worden. Obwohl zwölf Jahre vergangen sind, hat sich für ihn als homosexueller Mann nichts geändert. Und auch 1968 ist für ihn die Welt noch, wie sie 1945 gewesen war: geächtet, gebrandmarkt, ausgestoßen. Und immer noch ist er, der gespielt wird von Franz Rogowski in seiner bislang besten Darstellung, ein Geheimnis, ein Enigma, ein Fragezeichen, weil man sich nicht erklären kann, warum ihn das Schicksal nicht gebrochen, warum er immer noch Kraft besitzt und Optimismus hinter seinen wachen, immer aufmerksam beobachtenden Augen.

Eines ist schließlich anders 1968. Diesmal muss Viktor nicht Hans helfen, Hans muss Viktor helfen, der nach mehr als 20 Jahren Knastaufenthalt drogenabhängig geworden ist, Heroin, und kurz vor seiner dritten Anhörung steht, vielleicht endlich doch noch entlassen werden. Man merkt es kaum, aber jetzt wechselt der Film seinen Fokus. Erzählte er bisher von Hans und dessen Schicksal in einem Land, das ihn nicht anerkennt, wie er ist, wird nun Viktor die zentrale Figur. Georg Friedrich ist wunderbar als dieser Bulle von Mann, der sich in sein Schicksal gefügt hat, aber gerade in seiner Extremsituation lernt, was Deutschland auch mehr als zwei Jahrzehnte nach den Nazis noch nicht gelungen ist: Er springt über seinen riesigen Schatten, er akzeptiert Hans. Doch damit ist "Große Freiheit", so heißt ein Schwulenclub, den Hans nach seiner letzten Entlassung im letzten Akt des Films besucht, noch nicht zu Ende. Was begonnen hat als unerbittlicher Knastfilm, als Geschichte des Überlebens in einer feindseligen Umwelt, in der man Kompromisse machen muss, will man nicht untergehen, offenbart sich als Jahrzehnte überspannendes Epos einer Sehnsucht, kein Stück weniger atemberaubend als ein Der englische Patient" oder Jenseits von Afrika" oder wie sie sonst heißen mögen, die großen Liebesgeschichten der Filmgeschichte. Dem Österreicher Sebastian Meise ist mit seinem zweiten Spielfilm nach "Stillleben" vor zehn Jahren ein kleines Wunder gelungen, ein Männerfilm über eine exklusive Männerwelt, der so zärtlich und zerbrechlich ist, so genau beobachtet und virtuos erzählt, dass man nicht glauben kann, dass er nur in einer Nebenreihe der Sélection officielle gelandet ist. Die ganz große Leinwand im Salle Lumière wäre gerade groß genug gewesen.

Wenn man dann später im Wettbewerb sitzt und sich den eingangs erwähnten "Lingui" des renommierten Mahamat-Saleh Haroun ansieht, der 2010 für seinen "Un homme qui cri - Ein Mann der weint" den Preis der Jury gewinnen konnte, erscheint einem die Auswahl doppelt ungerecht. Sicher, der Film packt ein wichtiges Thema an und ist vielleicht auch ein wichtiger Schritt hin zu mehr Gleichberechtigung im sehr männerlastigen schwarzafrikanischen Kino. Aber gut gemeint ist nicht automatisch gut gemacht. Nach einem sehr vielversprechenden Auftakt, in dem man die Heldin des Films, die alleinerziehende muslimische Mutter Amina, dabei beobachtet, wie sie mit großem Geschick und Kraftaufwand im Schweiße ihres Angesichts Metalldrähte aus alten Autoreifen schneidet, aus denen sie kleine Drahtöfen flechtet, erweist sich "Lingui" als doch etwas ungelenk und eindimensional, wenn er von Aminas Odyssee erzählt, die gegen alle Widerstände der herrschenden Männerwelt eine Abtreibung für ihre schwangere 15-jährige Tochter in die Wege leiten will, damit sie wieder in die Schule gehen kann und ihr das Schicksal ihrer Mutter erspart bleibt. Es ist eine Geschichte über weibliche Solidarität und familiären Zusammenhalt, aber bleibt doch in vielerlei Hinsicht nur eine Skizze, viel zu behauptet, als dass man echte Menschen in den Figuren entdecken könnte, die oft nur das zu machen scheinen, was ihnen das Drehbuch vorschreibt. Mich hat das nicht überzeugt - anders als beispielsweise im vergangenen Jahr der Berlinale-Hit Niemals selten manchmal immer", der das gleiche Thema viel differenzierter aufgreift.

Aber wer will sich beschweren? Das Festival läuft, findet langsam einen etwas ungelenken Groove, aber immerhin... Wer hätte sich das vor ein paar Wochen überhaupt vorstellen mögen? Als Belohnung für einen langen Tag habe ich mein Ticket für die 22-Uhr-Pressevorführung von "Verdens verste menneske" von Joachim Trier kurzentschlossen gecancelt, um stattdessen am Strand die große Tony-Gatlif-Extravaganza zu erleben: Es gab Gatlifs neuen Film zu sehen, "Tom Medina", ein erfrischend und sympathischer "Camargue-Western" über einen jungen Tunichtgut, der während seiner Bewährung auf einer einsamen Farm endlich ein guter Mensch werden will, aber aufgrund der äußeren Umstände zum Scheitern verdammt ist. Aber noch vor dem Screening wurde auf dem Cinema de la Plage ein thematisch passendes Konzert veranstaltet, auf dem 13 Weltklassemusiker ein wild zusammengewürfeltes Programm mit Rock, Flamenco und Gypsy-Music gaben. Cannes, du kannst so bleiben. Auch wenn ich Triers Film nun vermutlich verpassen werde: Meine Anfrage für ein Ticket für die verbleibende Vorführung um 9 Uhr blieb unbeantwortet. Man kann nicht immer gewinnen.

Aus Cannes berichtet Thomas Schultze