Kino

Globaler Kinomarkt auf kontinuierlichem Erholungskurs

Erstmals seit der Wiedereröffnung der chinesischen Kinos im Sommer 2020 zog das US-Boxoffice im Juni wieder an den Zahlen eines Marktes vorbei, der laut der Analysten von Gower Street bis zum Start des dritten Quartals Gesamtergebnisse auf Prä-Pandemie-Niveau geliefert hatte. Unterdessen sank das monatliche globale Defizit gegenüber dem Drei-Jahres-Durchschnitt vor der Pandemie weiter - wenngleich zuletzt nur leicht.

08.07.2021 13:21 • von Marc Mensch
"A Quiet Place 2" steht weltweit bei rund 265 Mio. Dollar Boxoffice (Bild: Paramount)

Vor allem A Quiet Place 2" und Fast & Furious 9" ist es zu verdanken, dass das US-Boxoffice zum Ende des zweiten Quartals erstmals seit Juli vergangenen Jahres, als die Kinos in China wieder öffnen konnten, an deren Ticketumsätzen vorbeizog. Dies geht aus einem aktuellen Report der Analysten von Gower Street (via "Screen Dollars") hervor, die das US-Boxoffice für Juni auf 0,4 Mrd. Dollar schätzen. Kehrseite der Medaille ist natürlich: China erlebte einen vergleichsweise schwachen Juni, Gower Street schätzt die Ticketumsätze auf umgerechnet nur 0,3 Mrd. Dollar - dies entspräche lediglich der Hälfte des Durchschnitts der Jahre 2017 bis 2019 und läge um etwa 0,5 Mrd. Dollar unter den Ergebnissen aus dem Mai, als die chinesischen Kinos den Drei-Jahres-Durchschnitt sogar um 25 Prozent hatten übertreffen können.

Der Grund für die Juni-Flaute liegt auf der Hand: ein Mangel an hochkarätigen Neustarts. So war etwa "Fast & Furious 9" im Reich der Mitte bereits am 21 Mai gestartet und machte in diesem Monat den Löwenanteil seiner Umsätze. Denn nach einem hervorragenden Debüt brach der Film dort um massive 85 Prozent ein, auch in den Folgewochen blieben die wöchentlichen Drops deutlich über 50 Prozent. Eine Entwicklung, die man durchaus als direkte Folge einer Kontroverse über eine Aussage von Star John Cena sehen könnte, der auf einer Promo-Tour Taiwan als "Land" bezeichnet hatte - aus Sicht vieler Chinesen ein Affront eines Ausmaßes, das aus westlicher Sicht nur schwer nachzuvollziehen ist.

Der leicht schwächelnde chinesische Markt zog natürlich auch das weltweite Boxoffice etwas nach unten, so bilanziert Gower Street für Juni weltweite Ticketumsätze in Höhe von rund 1,3 Mrd. Dollar gegenüber den 1,4 Mrd. aus dem Mai. Die Analysten sehen in diesem Rückgang aber keinen Grund zur Sorge, höhere Mai-Ergebnisse entsprächen demnach vielmehr dem Status Quo der Jahre vor der Pandemie. Zudem heben die Analysten hervor, dass nicht zuletzt im Zuge des Starts von "Fast & Furious 9" zahlreiche Märkte (darunter der Großteil der US-Bundesstaaten) erstmals eine wichtige Benchmark erreicht bzw. übersprungen hatten: Jene eines Ergebnisses einer Spielwoche auf dem Niveau der schwächsten Spielwoche der Jahre 2018/2019.

An dieser Stelle sei darauf hingewiesen, dass Gower Street diese Benchmark als Stufe 3 der Markterholung definiert, die beiden vorangehenden Stufen orientieren sich an der Zahl der wiedereröffneten Kinos. Comscore operiert mit ähnlichen Benchmarks, den deutschen Markt beobachtet man aktuell anhand des schlechtesten Wochenendes der fünf Jahre vor der Pandemie bzw. eines mittleren Ergebnisses für denselben Zeitraum, siehe dazu auch unsere ausführliche Analyse zum Auftakt des dritten Quartals. Das "mittlere Ergebnis" ist bei Gower Street als Stufe 4 definiert, ein Meilenstein, den Märkte wie Neuseeland und Kolumbien im Zuge des Debüts von "Fast & Furious 9" erreichten. Für das kommende Wochenende erwarten Experten einstweilen das bislang stärkste US-Debüt des Jahres, Black Widow" wird sämtlichen Prognosen nach spielend die Führung übernehmen.

Unterdessen lassen sich die weltweiten Juni-Ergebnisse auch unter jenem Aspekt positiv betrachten, dass der Abstand zu den Referenzzahlen aus den letzten drei Prä-Pandemie-Jahren weiter geschrumpft ist, wenngleich sich der Trend deutlich abgeflacht hat. So lag das weltweite Boxoffice in den Monaten März und April laut Gower Street noch um 2,4 Mrd. Dollar hinter dem Schnitt, im Mai waren es dann "nur" noch 1,8 Mrd. Dollar, im Juni 1,7 Mrd. Dollar.

Damit einher geht die gestrige Meldung von Comscore, wonach mittlerweile nahezu 90 Prozent der weltweiten Kinostandorte wieder geöffnet sind - wobei die Entwicklung nicht einheitlich ist. Neuerliche Corona-Wellen führten bereits wieder zu Kinoschließungen in Südafrika und Australien, dem nordamerikanischen Markt fehlen nach wie vor noch wichtige Teile Kanadas.

Weiterhin steuert Großbritannien auf eine Aufhebung sämtlicher Beschränkungen zum 19. Juli zu - wobei die rasant steigenden Infektionszahlen (zuletzt wurde eine Sieben-Tage-Inzidenz von rund 280 gemeldet) eine Verschiebung dieses Schrittes nach wie vor denkbar machen, eine endgültige Entscheidung soll erst am 12. Juli fallen. Immerhin zeigt sich die Wirkung von Impfungen darin, dass die Zahl schwerer bzw. tödlicher Erkrankungen zwar auch steigt, allerdings nicht annähernd im selben Ausmaß wie die Infektionen - denen die Fußball-EM mit Sicherheit noch einen ordentlichen Schub verpassen wird. Ein massiver Infektionsschub ist aktuell auch in Spanien, insbesondere in Katalonien zu verzeichnen, doch auch hier nehmen die schweren Verläufe nur vergleichsweise leicht zu.

Abschließend noch ein weiteres Wort zu China: Hier lässt sich mittlerweile von einer nahezu vollständigen Rückkehr zur Normalität sprechen, bis Ende Juni waren dort im laufenden Jahr rund 4,2 Mrd. Dollar eingespielt - gerade einmal rund 0,3 Mrd. weniger als im Schnitt der Jahre 2017 bis 2019. Weltweit klafft indes noch eine aktuelle Boxoffice-Lücke von rund 60 Prozent, wobei der US-Markt mit einem Rückstand von gut 80 Prozent auf das Niveau der Vorjahre noch überdurchschnittlich viel aufzuholen hat - umso mehr gilt dies natürlich für Deutschland, wo der Großteil der Kinos erst jetzt wieder an den Start gegangen ist. Immerhin lässt sich sagen: Der Trend passt.