Festival

KOMMENTAR: So may we start!

In dieser Strecke erwarten Sie sich - zu Recht - scharfe Analysen, kluge Anmerkungen zum Branchengeschehen und vielleicht die eine oder andere bissige Betrachtung, wie es sich für ein ordentliches Editorial gehört. Und Ehrenwort, das hatte ich auch vor.

08.07.2021 08:03 • von Jochen Müller
Thomas Schultze, Chefredakteur (Bild: Blickpunkt:Film)

In dieser Strecke erwarten Sie sich - zu Recht - scharfe Analysen, kluge Anmerkungen zum Branchengeschehen und vielleicht die eine oder andere bissige Betrachtung, wie es sich für ein ordentliches Editorial gehört. Und Ehrenwort, das hatte ich auch vor, erste Eindrücke quasi live aus Cannes, dem ersten großen Festival seit Venedig im vergangenen September, das wieder als großes physisches Event stattfindet, ein Gradmesser sein will für den Zustand des Kinos, nicht nur was die Qualität der Filme angeht, sondern auch was seine allgemeinen Lebensdaten anbetrifft: Wie gesund ist der Patient wirklich, dem in den letzten 17 Monaten wirklich jedes Feuilleton zumindest eine lebensbedrohliche Lungenentzündung mit fast gewissem Exitus prophezeit hatte? Schön war's mit dir, Kino, mehr als 100 Jahre lang, aber jetzt ist die Zeit gekommen, Abschied zu nehmen. Einzig der Patient spielt nicht mit, wie einst bei "Die Ritter der Kokosnuss", als die Toten eingesammelt werden, der Alte aber noch quicklebendig war und sich beschwerte über das Schicksal, das man ihm angedeihen lassen wollte. So wie man bei Monty Python drastisch Hand anlegte, um doch noch das Ableben herbeizuführen, schreiben sich die Redakteure im Home-Office um den Verstand und den eigenen Job. Lange konnte sich das Kino ja auch nicht wehren, um die selbstgefälligen Endzeitpropheten Lügen zu strafen. Jetzt sind die Kinos wieder offen. Und die Menschen kommen. Rekordzahlen in Frankreich, starke Ergebnisse in den USA. Und auch in Deutschland wurden am ersten Wochenende der Wiedereröffnung trotz Maskenpflicht und all der anderen Unannehmlichkeiten, mit denen man den Menschen den Spaß am Kino zu verderben versucht, die besten Zahlen seit vor der Pandemie geschrieben.

Und jetzt auch noch Cannes, als Edelmotor für die Kinomaschine. Nach dem ersten Tag lässt sich noch nicht recht -sagen, ob der Jumpstart gelingen wird. Zu sehr sind die aus aller Herren Länder auf teilweise abenteuerliche Weise angereisten Journalisten damit beschäftigt, die Hindernisse aus dem Weg zu räumen, die ihnen das Festival vor die Füße geworfen hat. Das Buchungssystem ist anfällig und anstrengend; die Zielsetzung, mit verpflichtender Voranmeldung lange Schlangen vor den Sälen zu vermeiden, edel, aber fragwürdig: Bei einem Screening der Quinzaine heute morgen waren die Schlangen länger denn je, standen die Menschen eng auf eng. Alle zwei Tage muss man sich testen lassen, aber auch dann gilt es erst einen Windmühlenkampf gegen die moderne Technik zu bewältigen, bevor man wirklich Einlass erhält ins heilige Refugium des -Palais de Festival. Aber wenn es dann so weit ist, man Spike Lee und Jodie Foster und Pedro Almodóvar live sieht, wenn das Licht ausgeht und der Film anfängt, dann ist der Ärger vergessen. Dann ist Kino und nur Kino. Wie heißt es zu Beginn in Annette"? So may we start!

Thomas Schultze, Chefredakteur