Produktion

Michael Kreihsl: "In den Konflikt hineingehen"

Heute startet in den österreichischen Kinos die Komödie "Risiken & Nebenwirkungen". Mit ihr hat Regisseur Michael Kreihsl nach "Die Wunderübung" wieder ein Theaterstück fürs Kino inszeniert. Über den Reiz und die Herausforderung dabei spricht er hier.

09.07.2021 07:17 • von Barbara Schuster
Michael Kreihsl ist im Kino, Fernsehen und Theater zuhause (Bild: Stefan Haring)

Heute startet in den österreichischen Kinos die Komödie Risiken & Nebenwirkungen". Mit ihr hat Regisseur Michael Kreihsl nach Die Wunderübung" wieder ein Theaterstück fürs Kino inszeniert. Über den Reiz und die Herausforderung dabei spricht er hier.

Worauf muss man achten, wenn man Theater ins Kino übersetzt?

Film hat eine andere Wirklichkeit als Theater. Wenn man im Theater einen König auf die Bühne stellt - denken Sie an Shakespeare -, und ihm eine Pappendeckel-Krone aufsetzt, nimmt das Publikum der Figur das Königsein für die nächsten drei Stunden ab. Beim Film ist es anders. Die Authentizität wird immer wieder auf die Probe gestellt. In gewisser Weise bin ich in meiner Filmarbeit ein Simultanübersetzer des Natürlichen. Bei "Die Niere", auf dem "Risiken & Nebenwirkungen" basiert, habe ich den Figuren eine zusätzliche Dimension, einen größeren Raum geben. Das kann Film. Film kann auch sprechen, wenn niemand auf der Leinwand spricht. Bilder sprechen, das ist ein alter Hut; ein Blick sagt oft mehr als 1000 Worte. Das habe ich bei der Übersetzung beachtet. In meinem Film kommen mehr Figuren vor als im Theaterstück, wo zwei Paare an einer einzigen Location spielen, und ich habe alle meine Figuren mit einer Backstory ausgestattet, ihren Beziehungen mehr Tiefe gegeben, denn ich finde es spannend, im Film dieses Oszillieren zwischen Gut und Böse zu zeigen. Ich presse meine Figuren nicht in ein Schwarz-Weiß-Muster, alle haben beides in sich. Ich muss alle meine Figuren gern haben können, alle müssen die gleichen Chancen haben, damit wir ihnen näherkommen und uns in ihnen wieder finden. Ich bin überzeugt, dass darin einer der Gründe liegt, warum Menschen ins Kino gehen.

Wie sind Sie auf dieses Stück aufmerksam geworden?

Nachdem ich in Wien am Theater in der Josefstadt einige Stücke von Daniel Glattauer zur Uraufführung gebracht hatte, wurde mir vom Theater Stefan Vögels Stück "Die Niere" zugetragen. Ich kannte den Autor und wusste, dass er eine gute Hand hat, dass er eine spannende Story entwickeln kann. Die Grundfrage, die in "Die Niere" steckt, fand ich auf Anhieb spannend. Das Projekt ruhte jedoch eine Weile, weil erst eine Uraufführung eines Glattauer-Stücks dazwischenkam. Die Thematik, diese männliche Ego-Figur, der ewige Checker, der für alles eine Lösung findet, aber bei den eigenen Emotionen nichts dazugelernt hat, hat mich aber nicht in Ruhe gelassen. Das Zusammenspiel mit seiner Frau, die vermeintlich die zweite Geige spielt, aber eigentlich die stärkere Person in der Beziehung ist, machte es noch reizvoller.

Obwohl Sie das Figurenarsenal leicht vergrößert haben, liegt der Fokus nach wie vor auf zwei Ehepaaren. Worin liegt der Reiz, sich im Film auf wenige Figuren zu konzentrieren?

Der Reiz - und gleichzeitig die Herausforderung - ist, dass man mit den wenigen Figuren, die man hat, auskommen muss. Man muss in den Konflikt hineingehen. Bildlich gesprochen: Ich habe nur einen Boxring, in dem ich die inneren Kämpfe, die die Figuren austragen, erzählen kann. Es geht nicht, einfach nur Nebenhandlungen einzuflechten. Ich muss mit den vier Personen am Hauptthema bleiben. Es ist eine Limitierung, die eine Konzentration schafft. Ich habe den Schauspielern immer gesagt, dass die Szenen für die Menschen, die im Kino sitzen, lustig sein können. Für euch sind sie es aber nicht. Das ist für mich das Wesen der Komödie: die Probleme der handelnden Personen sind für diese immer existenziell.

Haben Sie die nötigen Instrumente in der österreichischen Filmindustrie, um die Stoffe umzusetzen, die Ihnen gefallen?

Ein Kinofilm ist immer eine Herausforderung, oft ein langer Weg, fast eine Expedition. In Österreich sind wir bei großen Filmen oft auf Koproduktion angewiesen. Beim Stoff kommt es immer aufs Thema und auf den Cast an, ob eine Koproduktion für alle Seiten attraktiv ist. Ich persönlich erzähle lieber über Themen, die vor der Haustür liegen, als Eskapismus zu betreiben. Man kann doch das, was man kennt, am besten erzählen. Die persönliche Handschrift sollte auch bei Koproduktionen gewahrt bleiben. Mit dem deutschen Markt haben wir nicht nur auf der Schauspielerebene einen erfolgreichen Austausch. Das ist spannend, die Mischung macht's.

Gleichwohl hat der österreichische Film eine Strahlkraft, die nicht selten auch bei den großen Festivals Anklang findet...

Wir haben wahrscheinlich nicht so einen Marktdruck. Vielleicht ist es vergleichbar mit einem Feinkostgeschäft und einem Supermarkt. Ein Feinkostgeschäft muss sich keine Großkonzernstrategien überlegen, sondern kann seine Waren als "homemade" anbieten. Vielleicht sind wir auf eine gewisse Art auch eigensinnig. Das hat möglicherweise mit der Förderung zu tun. In Deutschland ist es doch so, dass die TV-Redaktionen bei Kinoprojekten von Anfang an sehr stark vorkommen - was eine wichtige Säule für Projekte ist. Aber es kann damit auch eine Begehrlichkeit des Fernsehens verbunden sein, mit ästhetischen Vorstellungen des Fernsehens ins Kino zu wollen. Wir wissen alle: Kino ist Kino. Michael Haneke hat mit seinem langsam getakteten Film "Liebe" den Oscar gewonnen. Auch die Streamingdienste beweisen, dass es oft ohne schnelle Reize, Schnitte und Effekte geht, auf die das Fernsehen stellenweise nach wie vor setzt, um möglichst viele Leute vor den Bildschirmen zu halten. Es kommen Serien in langsamer Erzählweise und langsamen Rhythmus heraus, wo die Zuschauer Zeit haben zu »sehen«. Das ist hochinteressant, dass ein Publikum beginnt genauer hinzuschauen.

Was schätzen Sie als Regisseur am ­Theater, am Fernsehen, am Kino?

Schwer zu sagen. Es ist ähnlich einer Urlaubsbekanntschaft... Arbeitet man in dem einen Bereich, sehnt man sich nach dem anderen. Den Prozess am Theater schätze ich, weil man sechs, sieben Wochen am Stück Proben darf, Figuren entwickeln kann. Im Kino mag ich, dass der spontane Moment zählt und der eingefangen werden kann, für immer. Im Kino ist der dramaturgische Bogen oft ein anderer, als im Fernsehen. Denken Sie an Robert Altman, an seinen Film Short Cuts": Man schaut 30 Minuten zu und hat keine Ahnung, zu welcher Geschichte die einzelnen Personen gehören. Das ist ein wunderbarer Film, der sich langsam und spannend entwickelt. Ich muss mir immer genau überlegen, wie man was in welchem Medium inszeniert. Die verschiedenen Arbeitsfelder kann ich nicht gegeneinander aufrechnen. In jedem geht es um Genauigkeit und präzises Arbeiten.

Ihr Weg kreuzte sich mit vielen ver­schiedenen österreichischen Produzenten. "Risiken & Nebenwirkungen" wurde von Epo-Film produziert, mit denen Sie bereits oft im TV zusammengearbeitet haben. Was fällt Ihnen in der Produktionslandschaft auf?

Es gibt bei uns absolut kreative und verlässliche Produzenten. Alle Produzenten, für die ich tätig war, haben sich sehr für ihre Projekte eingesetzt, haben alle gekämpft, um sie zu realisieren. Das ist wunderbar. Für mich sind Respekt und Vertrauen die wichtigsten Aspekte. Das zeichnet auch meine langjährige Zusammenarbeit mit Dieter Pochlatko und seinem Sohn Jakob von der Epo aus. Mein Rücken wird mir immer freigehalten. Dass man wirtschaftlich bleibt, steht außer Frage. Aber ich habe die Chance, frei im Sinne von konzentriert zu arbeiten. Dieses Vertrauensverhältnis bewirkt eine gute Arbeit, legt sich auf die gesamte Arbeit und erzeugt ein gutes Ergebnis. Ich halte es mit meinen Schauspielern ebenso. Ich schenke ihnen Vertrauen, dann wird die Arbeit auch gut.

An was arbeiten Sie aktuell?

Ich schreibe an einem neuen Drehbuch, das noch nicht wirklich spruchreif ist.

Es wird eine Familiengeschichte, die in Rückblenden bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs geht und sich auch damit befasst, inwieweit uns die Geschehnisse des Krieges direkt und indirekt auch heute noch beschäftigen. Gerade Österreich und Deutschland haben hier ein extremes Erbe angetreten - auf beiden Ebenen, auf Ebene der Täter und der Opfer. Es soll allerdings eine schwarzhumorige Komödie werden, ich möchte nicht mit dem erhobenen Zeigefinger kommen. Das steht mir nicht zu. Es gibt auch Pläne wieder in Deutschland zu drehen, wo ich gerne arbeite, weil die Themen, die dort aufgegriffen und geschrieben werden, mich sehr interessieren.

Barbara Schuster