Produktion

Cate Shortland zu "Black Widow": "Ein riesiger Spielzeugladen"

Die australische Arthouse-Regisseurin Cate Shortland hat sich mit "Black Widow" in das Marvel Cinematic Universe gewagt. Sie berichtet über ihre Erfahrungen in der Welt der Blockbuster. "Black Widow" startet am Donnerstag im Kino und auf Disney+.

06.07.2021 14:42 • von Thomas Schultze
Cate Shortland mit ihren Stars am Set von "Black Widow" (Bild: Disney)

Die australische Arthouse-Regisseurin Cate Shortland hat sich mit Black Widow" in das Marvel Cinematic Universe gewagt. Sie berichtet über ihre Erfahrungen in der Welt der Blockbuster. "Black Widow" startet am Donnerstag im Kino und auf Disney+.

Welche Rolle spielten Comics in Ihrem Leben, als Sie großwurden?

CATE SHORTLAND: Comics habe ich nur gelesen, wenn mein Vater Samstagmorgens am Tisch saß und die Wochenendzeitung las. Da habe ich mir den Bogen mit den Comicstrips geschnappt. Ich habe Bücher über Pferde gelesen, Girl-Guides. Und Abenteuer. Abenteuer habe ich geliebt.

Die Bücher über Pferde haben Ihnen vermutlich nicht geholfen bei "Black Widow" - die Abenteuergeschichten vielleicht schon. Aber wenn Ihnen die Welt der Comics fremd war, was war dann Ihr Weg in die Geschichte von Natasha Romanoff?

CATE SHORTLAND: Ganz klar: die Figur selbst. Ich habe mich mit ihr identifiziert, ich habe mich identifiziert mit ihrer Scham, ihrer Angst vor den zerbrechlicheren Teilen ihres Ichs. Vergebung ist ein wichtiges Thema des Films. Das fand ich spannend, dem wollte ich nachgehen.

Aufgetragen auf der denkbar größten Leinwand, die das Kino gerade zu bieten hat.

CATE SHORTLAND: Wunderbar! Ich hatte große Lust auf das Spektakel, Dinge zu erschaffen, die man nur deshalb erschafft, weil man dem Publikum etwas Tolles bieten will. Allzu oft im Leben erhält man zu so etwas nicht die Gelegenheit. Ich habe es als Geschenk betrachtet: etwas Unterhaltsames, Tolles, Schönes zu machen, einfach weil man die Gelegenheit hat.

Was sprach Sie in den bisherigen Filmen an Natasha an?

CATE SHORTLAND: Ich finde, man lernt sie nicht wirklich kennen. Da steckt immer ein bisschen Performance in ihren Auftritten, hinter der sie sich versteckt. Damit meine ich nicht Scarlett Johanssons Darstellung, sondern die Figur selbst. Erst ist sie eine Femme fatale, dann eine Superheldin - sie spielt immer eine Rolle. Mich aber hat interessiert, wer Natasha Romanoff wirklich ist. Wer ist sie, wenn man sie entblättert, wenn man ihr ihre Masken abnimmt? Wer ist sie, wenn man sie im Supermarkt trifft, wenn sie mit den Hunden Gassi geht oder wenn ihre Kaffeemaschine nicht funktioniert? Diesen Blick erlauben die bisherigen Filme nicht, aber genau das ist der Blick, den ich wagen wollte. Ich war neugierig, wen ich entdecken würde.

Sie kommen als Fremdkörper in eine Welt, die von Kevin Feige kontrolliert wird, die niemand besser kennt als er. Wie haben Sie sich behauptet? Wie ist es Ihnen gelungen, dem Film Ihren Stempel aufzudrücken?

CATE SHORTLAND: Kevins Gabe ist es, keine Angst davor zu haben, anderen Leuten die Kontrolle zu übergeben. Das ist es, was ihn ein Genie sein lässt. Er will, dass man einen Blick in sich wirft und mit sich ausmacht, was einen an den Figuren wirklich interessiert. Und dann will er, dass man das auf die Leinwand bringt. Die Filme sind oftmals sehr spezifisch in ihrem Blick auf die Welt, auch wenn sie im Marvel-Universum angesiedelt sind. Ich hatte nie den Eindruck, dass es sich um eine Maschine handelt. Vielmehr fühlte es sich an wie ein riesiger Spielzeugladen. Es war harte Arbeit. Aber mir wurden keine Vorschriften gemacht, niemand hat sich eingemischt. Das Studio machte sich immer nur als Unterstützung bemerkbar. Es war, und ich weiß, dass man das niemals vermuten würde, inspirierend.

Als ich mit Kenneth Branagh über Thor" sprechen durfte, erzählte er mir, dass er sie für verrückt hielt, ausgerechnet ihn zu fragen, eine Comicverfilmung zu machen - dabei wollte man ihn genau wegen seiner Erfahrung im Umgang mit Shakespeare.

CATE SHORTLAND: Genau das dachte ich mir auch: Spinnen die? Wie kommen die nur auf mich? Aber dann ließ ich mich überreden, mich mit Scarlett zu treffen. Da wurde mein Interesse geweckt. Ich traf keinen Superstar. Ich traf eine Schauspielerin, die sich über ihre Figur unterhalten wollte. Als ich für mich die Entscheidung traf, den Film zu drehen, stand für mich fest, dass ich 150 Prozent geben wollte. Ich tat also, was, wie ich vermute, viele Frauen tun - und Männer vielleicht auch, wer weiß? Ich wusste, dass man mich an den Action- und Kampfsequenzen messen würde. Und ich wollte besser sein, als man es mir zutrauen würde. Ich habe viel Arbeit reingesteckt, habe umfassend recherchiert. Ich machte kleine Kurzfilme mit Kämpfen aus anderen Filmen, die mir gefallen, und schnitt sie für mich zu eigenen Sequenzen zusammen: asiatische Actionfilme, Scorsese-Filme, tolle Fights. Ich wollte beim ersten Treffen mit den Kampfchoreographen und Regisseuren des zweiten Drehteams genau formulieren können, was mir vorschwebt und was ich fand, dass unser Film unbedingt brauchen würde.

Alle Abteilungen haben also Ihnen zugearbeitet?

CATE SHORTLAND: Bei einem solchen Film hält man Händchen mit dem Studio. Man geht den Weg gemeinsam. Anders geht es nicht. Aber wir haben miteinander bis zum Schluss gefeilt und waren dabei bemüht, den Film zärtlicher zu machen, noch zerbrechlicher, er sollte vom Herzen kommen. Das hat mich sehr beeindruckt. Wir waren uns einig, dass die Emotion am wichtigsten sei, sonst würde auch das ganze Spektakel nicht richtig zünden.

Wer einen Marvel-Film macht, macht mehr als nur einen Marvel-Film. Man wird Teil eines Vermächtnisses, das vielen Menschen sehr viel bedeutet. War Ihnen das bei der Arbeit bewusst? Kann man mit einer solchen Verantwortung überhaupt frei arbeiten?

CATE SHORTLAND: Bewusst wurde mir das, als Scarlett von den "Fans" sprach. Da schwang kein Zynismus mit, sie machte sich nicht lustig, sie empfindet das nicht als Belastung. Im Gegenteil: Sie ist voller Liebe für die Fans. Kevin Feige ist genauso. Ich konnte das nicht einordnen. Richtig verstanden habe ich es erst beim Dreh in Georgia, als Leute von den ansässigen Fanclubs mit "Black Widow"-Torten vorbeibrachten. Oder Kids schauten vorbei und hatten sich als die Figuren verkleidet. Es hat eine fetischistische Qualität, aber es geht auch darum, dass die Menschen etwas Konkretes, Klares haben wollen. Es soll nicht ambivalent sein. Ich finde das merkwürdig, weil Black Widow die ambivalenteste Figur der Avengers ist. Und doch herrscht eine unausgesprochene Übereinkunft zwischen Black Widow und den Fans: Sie ist immer auf der Seite der Underdogs. Die Menschen wissen das. In diesen Filmen wollen sie eine Welt sehen, wie sie sie sich wünschen würden, dass sie wirklich ist. Wäre es nicht toll, wenn da jemand wäre, der sich immer um einen sorgt und der nicht Donald Trump ist?

Üben die Fans nicht auch einen Riesendruck aus? Jede noch so kleine Information über einen neuen Film wird endlos in den sozialen Medien debattiert.

CATE SHORTLAND: Null Druck. Das hat man wohlweislich alles von mir ferngehalten. Ich habe davon nichts mitbekommen. Ich konnte in absoluter Ruhe den Film machen.

Marvel-Filme sind Filme für ein Familienpublikum, in erster Linie für Kids. Und doch sprechen Sie in "Black Widow" durchaus erwachsene Themen an. Wie vereinen sich diese beiden Aspekte, wie findet man die richtige Balance?

CATE SHORTLAND: Black Widow ist nicht Wonder Woman. Sie ist ein Mädchen, das verkauft wurde. Ihr Körper wurde manipuliert von den Männern, die ihr Schicksal in den Händen hielten. Sie ist ein Opfer, aber auch eine Täterin. Es war wichtig, dieser Figur, wie sie in den Comics charakterisiert wurde, gerecht zu werden. Der Film sollte Schatten und Licht haben. Auf keinen Fall wollte ich ein Klagelied anstimmen, etwas Schwülstiges machen über weibliche Mutilation. Ich wollte, dass man mit uns lacht, einen Film, der wie eine Welle der Freude ist, in der sich eben auch bittere Wahrheiten entdecken lassen. Der Spaß kommt zuerst. Ich will dem Publikum nicht mit dem Hammer auf den Schädel dreschen. Man soll sich mitten in der Party befinden, wo am meisten los ist. Nur so kann ein Film auch Themen verhandeln, die nicht unbedingt lustig sind, und zum Zuschauer durchdringen, ohne ihn belastend und mühselig wirken zu lassen. Ich wollte keinen Film über Leiden machen. "Black Widow" ist ein Film über Freude und Überleben.

Sie sind eine erfahrene Arthouse-Regisseurin und haben nun einen Marvel-Film gedreht. Ist das Kino von heute noch das Kino, in das Sie sich als Jugendliche verliebt haben?

CATE SHORTLAND: Ich bin in Australien mit Arthouse-Kino groß geworden. Meine Schwester stand auf Punk und nahm mich mit zu Vorführungen von Andy-Warhol- oder Fassbinder-Filmen, als ich zwölf oder dreizehn Jahre alt war. In diesem Alter habe ich die großen Filmemacher entdeckt, Godard, Scorsese... Marvel-Filme sind völlig anders. Es ist, als würde man mit einem tollen DJ und einem großartigen Musikproduzenten einen irrwitzigen Mash-Up erstellen, eine Mischung, in der alle möglichen Elemente sich überschneiden. Das ist der Grund, warum bei Marvel-Filmen nichts schwieriger ist als das Drehbuch. Denn in den Drehbüchern werden diese verrückten Mash-Ups festgelegt, da gehen die irrsten Dinge vor sich. Mag sein, dass das auf einen Außenseiter wirken mag wie ein chinesisches Buffet beim Takeaway. Aber für einen Marvel-Fan, der die Regeln des Spiels kennt, sind das die besten Filme, die er sich vorstellen kann. Der will keinen Taxi Driver" oder was von Fassbinder sehen. Ich bin da anders gestrickt: Mir gefällt beides. Das geht bestimmt vielen Leuten nicht anders.

Das Kino hat sich aber in den letzten Jahren auch durch die massiven Erfolge der Marvel-Filme massiv verändert.

CATE SHORTLAND: Erfolgreiche Filme sind sicherlich nicht das Problem. Ich betrachte eher die Kultur der Multiplexe mit den immer kürzeren Auswertungszeiten für Filme als problematisch - und für das Arthouse-Kino regelrecht als Bedrohung. Plattformen wie Netflix sind ein anderer wichtiger Faktor für die seismischen Veränderungen, die wir aktuell erleben. Natürlich muss man es begrüßen, dass man nun per Knopfdruck Filme aus aller Herren Länder nach Hause gestreamt bekommt. Das ist fantastisch. Gleichzeitig wird der Druck auf engagierte geführte Häuser für das weltweite Kino dadurch größer: Sie genießen kein Monopol mehr.

Was bedeutet das für Sie?

CATE SHORTLAND: Ich zerbreche mir sehr den Kopf darüber, was die aktuellen Entwicklungen mittel- oder langfristig bedeuten, auch für mich als Filmemacherin, deren Herz am Arthousekino hängt. Was verkümmert, ist eine der entscheidenden Errungenschaften des Kinobesuchs: ein Gefühl für Gemeinde, für Gemeinschaft. Die Geschwindigkeit des kulturellen Wandels ist atemberaubend. Ich habe eine 13-jährige Tochter, und ich verfolge unmittelbar mit, wie sie Inhalte konsumiert, was sie sich wie ansieht, wie sie Wissen anhäuft - und wie leicht man süchtig werden kann nach Konsum auf dem Smartphone.

Vielleicht müssen sich Menschen unserer Generation lösen von der romantischen Vorstellung, dass die nachfolgende Generation ebenso für das Kino sozialisiert werden will, wie es bei uns der Fall war.

CATE SHORTLAND: Wir sollten milder sein mit unseren Kindern. Für Jugendliche ist es nie einfach. Aber wenn man sich ansieht, welch tolle Möglichkeiten sie haben, an Musik und Filme heranzukommen... Das hätten wir uns niemals erträumen können. Sie gehen ganz anders mit Inhalten um, wie man sie ansieht, wie man sie produziert... Ich finde das irre aufregend. Ich bin gespannt, mit was sie uns alles überraschen werden.

Thomas Schultze