Kino

Kino-Neustart: Back to life!

Mit den besten Gesamtergebnissen seit dem ersten Lockdown hat sich der Großteil der deutschen Kinos zurückgemeldet - wobei der Ländervergleich zumindest nahelegt, dass sich eine Testpflicht durchaus als Hindernis erwies. Während unterdessen auch in Österreich die Kurve weiter nach oben zeigt, geht in den Niederlanden schlicht: die Post ab.

05.07.2021 15:59 • von Marc Mensch
Schlacht der Giganten: "Godzilla vs. Kong" war der Gewinner des Wochenendes (Bild: Warner Bros.)

Eine (völlig verdient) ausgeschiedene deutsche Nationalmannschaft und durchwachsenes Wetter nach einer längeren Hitzewelle: Die Rahmenbedingungen an dem zum bundesweiten Wiedereröffnungstermin deklarierten Wochenende vom 1. Juli waren - abgesehen vom vielfach beklagten Regelchaos - überaus gut. Insofern könnte es durchaus überraschen, dass die Kino-Rückkehr nicht noch etwas breiter ausfiel. 210 wiedereröffnete Kinos (oder 15 Prozent des Marktes) hatte Comscore bereits Ende Juni gezählt, zum Beginn des dritten Quartals kamen nun 645 auf insgesamt 855 (oder 68 Prozent des Marktes regulärer Kinos) hinzu. Damit würde immerhin knapp ein Drittel des Marktes weiter abwarten, was selbst vor dem Hintergrund der Auflagen überraschend viel wäre. Schließlich existieren ja durchaus Programme, die einen wenigstens kostendeckenden Betrieb selbst bei starken Kapazitätsbeschränkungen gewährleisten sollen. Anzunehmen ist allerdings, dass die Zahlen - dies zumindest lehrte die Zeit zwischen den beiden ersten Lockdowns - dank zu erwartender Nachmeldungen noch nach oben korrigiert werden. Was sich auch noch einmal unmittelbar positiv auf die Umsatz- und Besucherzahlen im Gesamtmarkt auswirken würde.

Wo aber steht dieser nach dem zweiten Restart in Pandemiezeiten? Nun, in eine teils achtmonatige (!) Pause hatten sich die deutschen Kinos Ende Oktober 2020 laut damaliger Erhebung von Comscore mit rund 720.000 Besuchern und dem besten Wochenende seit dem ersten Lockdown verabschiedet. Nun stehen 819.789 Besucher und 6.892.021 Euro Umsatz zu Buche. Das sind nicht nur Zahlen, die um jeweils über 1300 Prozent über jenen des Vorwochenendes liegen, sondern vor allem die besten Ergebnisse, seit im Frühjahr 2020 erstmals das Licht in den deutschen Kinos ausging.

Messlatte für eine Rückkehr zur Normalität sind allerdings selbstverständlich nicht die Zahlen, die bislang während der Pandemie geschrieben wurden - sondern jene, die die deutschen Kinos erzielen konnten, bevor man sich allzu viel unter "social distancing" vorstellen konnte und wollte. Die gute Nachricht: Zumindest eine nicht ganz unwesentliche Benchmark ist übersprungen. So lagen die Besucherzahlen jener Kinos, die den Spielbetrieb wieder aufgenommen haben, im Schnitt um satte 121 Prozent über jenen ihres schlechtesten Wochenendes der fünf Jahre vor Corona, jenem vom 19. April 2018. Auch die Umsätze schwangen sich um 115 Prozent über diese Mindesthürde, der Effekt mancher Preisaktionen fiel somit relativ überschaubar aus.

Leider klafft zwischen dem "schlechtesten" und einem "mittleren" Vergleichswochenende eine erhebliche Lücke von fast einer Mio. Zuschauern - weswegen den offenen Kinos zu jener Benchmark, deren Erreichen man mit Fug und Recht als Durchbruch wird bezeichnen können, noch 41 Prozent nach Besuchern und 45 Prozent nach Umsatz fehlten. Wozu man natürlich anmerken muss, dass angesichts der Auflagen nie zu erwarten stand, dass diese Hürde gleich zum Start genommen werden könnte - ganz gleich wie stark das Filmangebot auch sein mag.

Apropos Auflagen: Hundertprozentig klar ist das Bild nicht, was die Unterschiede zwischen Ländern mit und ohne Testpflicht (bzw. Nachweis von Impfung oder Genesung) anbelangt. Allerdings stechen schon auf den ersten Blick zwei Stadtstaaten hervor, bei denen die Resultate pro eröffnetem Kino derart weit unter dem Bundesdurchschnitt lagen, dass sich die dortige Testpflicht als zumindest mitbestimmender Faktor geradezu aufdrängt - zumal in diesen Fällen durchaus denkbar ist, dass sich Besucher in nennenswerter Zahl in angrenzende Bundesländer ohne eine solche Auflage bewegten.

So hätten laut Comscore ausgerechnet die Filmtheater in Hamburg, dem Bundesland mit der (mit Abstand) höchsten Dichte an wiedereröffneten Häusern (87 Prozent der Spielstätten, 92 Prozent der Leinwände), am vergangenen Wochenende die Besucherzahlen des schwächsten Vergleichswochenendes gerade einmal um 28 Prozent übertroffen. Kein per se schlechtes Ergebnis, aber doch eines, das ahnen lässt, dass ein Sonderfaktor das Bild verzerrt. Durchaus wahrscheinlich, von Comscore aber nicht ausdrücklich bestätigt, ist, dass die im Rahmen der Restart-Aktion der MOIN Filmförderung und der Länder kostenlos angebotenen Tickets wie klassische Freikarten behandelt wurden - und damit nicht in der Comscore-Zählung auftauchen.

Dass dies alleine Hamburg aber auf ein derart klar unterdurchschnittliches Ergebnis gedrückt haben könnte, erscheint vor dem Hintergrund der Tatsache unwahrscheinlich, dass Schleswig-Holstein, wo dieselbe Aktion lief, aber kein 3G-Nachweis erforderlich ist, mit 121 Prozent über der Mindestbenchmark absolut im Bundesschnitt liegt.

Wo das mögliche Argument der Freitickets ohnehin nicht greift, ist Berlin, wo die untere Benchmark "nur" um 45 Prozent übersprungen wurde - auch in der Hauptstadt bedarf es vor einem Kinobesuch (soweit mehr als 20 Personen erwartet werden) noch eines 3G-Nachweises. Ganz anders sieht es im benachbarten Brandenburg aus, wo diese Pflicht nur noch in Orten mit einer Inzidenz von 20 aufwärts - also lediglich theoretisch - greift. Tatsächlich zählt Brandenburg mit einem Durchschnittsergebnis der geöffneten Kinos, das um satte 245 Prozent über deren schlechtestem Vergleichswochenende lag, zur Spitze. Höher fiel die Prozentzahl nur noch in Mecklenburg-Vorpommer mit 286 Prozent Plus aus, wo - sie ahnen es - auch keine Testpflicht besteht. Unterdurchschnittliche Prozentwerte hatten wiederum auch die "Testgebiete" Hessen und Baden-Württemberg aufzuweisen, Bayern brachte es aber auch ohne Test "nur" auf 113 Prozent über der unteren Benchmark.

Die mit Abstand geringste Öffnungsdichte weist übrigens Baden-Württemberg auf, hier waren am vergangenen Wochenende nur 55 Prozent der Kinos und 60 Prozent der Leinwände am Start. Ob die extrem schwer zu durchschauende (und mittlerweile vierstufige!) Landesverordnung mit ein Grund ist? Bessern wird sich die Situation noch in dieser Woche jedenfalls durch die für 8. Juli terminierte Wiedereröffnung der Traumpaläste.

Der Blick auf die Filmhitliste des Wochenendes zeigt natürlich, dass die Neustarts klar das Feld übernommen haben. Acht der zehn Topfilme waren Debütanten, auf Platz 6 und mit weiteren knapp 39.000 Zuschauern hielt sich Nomadland" aber ausgesprochen gut; auf Platz 10 wiederum sammelte "Demon Slayer - The Movie" weitere 15.000 Besucher, für beide Filme waren es natürlich die bislang stärksten Wochenenden. Ganze vier Filme konnten sechsstellige Besucherzahlen einfahren, die Nase vorne hatte Godzilla vs Kong" mit gut 134.000 Besuchern, "Peter Hase 2" mit knapp 129.000 Besuchern und Conjuring 3: Im Bann des Teufels" mit knapp 122.000 Zuschauern, der dank höherer Umsätze aber auf Platz 2 im offiziellen Ranking landete. Mit "Godzilla vs. Kong" und "Conjuring 3" stellte Warner zwei Filme, die jeweils mehr als eine Mio. Euro einspielten. Catweazle" debütierte mit gut 103.000 Zuschauern auf Platz 4. A Quiet Place 2" beschließt mit rund 55.000 Zuschauern die Top 5, wobei das Sequel seinen Vorstart bereits am 24. Juni erlebte, im Cinecitta sogar seit 17. Juni zu sehen war. Die vor 1. Juli (unter anderem bei UCI) generierten Zahlen sind als Previews nicht Teil der vorliegenden Auswertung.

Noch ein Blick zu den Nachbarn: In Österreich, wo zum 1. Juli die Kapazitätsgrenzen gefallen sind (was Kinos natürlich nicht umzusetzen gezwungen sind), fiel der Sprung zwar nicht ganz so deutlich aus, wie in Deutschland, immerhin wurde aber auch dort die untere Benchmark nach Besuchern um 84, nach Umsätzen sogar um 94 Prozent übersprungen. Unter dem Strich konnten die 113 wiedereröffneten Kinos (93 Prozent des Marktes) knapp 97.000 Besucher begrüßen; zu einem mittleren Wochenende fehlten indes noch 46 Prozent.

In den Niederlanden schließlich mögen erst 84 Prozent der Kinos wieder spielen - aber dort geht im wahrsten Sinne des Wortes die Post ab. Denn die 196 offenen Kinos schafften am vergangenen Wochenende mit gut 355.000 Besuchern und knapp 3,75 Mio. Euro Boxoffice Ergebnisse, die um 151 Prozent nach Besuchern über dem schlechtesten Vergleichsergebnis des Gesamt(!)marktes lagen - und sogar um 205 Prozent nach Umsatz. Selbst das "mittlere Wochenende" als entscheidende Benchmark ist praktisch erreicht: Nach Besuchern fehlten zwar noch 13 Prozent (wie gesagt: Im Vergleich zu einem zu 100 Prozent geöffneten Markt), bei den Umsätzen lag man aber um sieben Prozent darüber.

Ganz so weit sind wir in Deutschland noch nicht, hier fehlten dem Gesamtmarkt zu einem mittleren Ergebnis noch 48 Prozent an Besuchern und 51 Prozent an Boxoffice. Ein erfolgreicher erster Schritt auf dem Weg dorthin ist aber sicherlich getan. Kino is back!