Produktion

Benjamin Martins zu "Schattenstunde": "Ein Kraftakt"

Benjamin Martins wurde für sein Langfilmdebüt "Schattenstunde" mit dem First Steps Award ausgezeichnet. Heute feiert das Drama um Jochen Klepper, der sich mit Frau und Tochter durch Selbstmord dem Zugriff der Nazis entzog, beim Filmfest München Premiere. Wir sprachen mit dem Regisseur, Drehbuchautor und Produzent.

07.07.2021 07:20 • von Heike Angermaier
Benjamin Martins (Bild: Herbsthund Filme)

Benjamin Martins wurde für sein Langfilmdebüt Schattenstunde" mit dem First Steps Award ausgezeichnet. Heute feiert das Drama um Jochen Klepper, der sich mit Frau und Tochter durch Selbstmord dem Zugriff der Nazis entzog, beim Filmfest München Premiere.

Wie haben Sie ihr Debüt auf die Beine gestellt - ohne Unterstützung einer Filmhochschule, eines Förderers oder Senders?

BENJAMIN MARTINS: Das war ein ganz schöner Kraftakt! Ich bin eigentlich ausgebildeter Schauspieler, erst später zur Regie gekommen und habe gezwungenermaßen auch selbst die Produktion übernommen. Ich bin eineinhalb Jahre quasi von Tür zu Tür, bis ins kleinste Kiosk gegangen, um das Mindestbudget zusammen zu bekommen. Unterstützt haben uns Geschäfte, auch verschiedenste Organisationen, Institutionen und Stiftungen, denen es vor allem um das Thema ging. So werden wir mit dem Film später auch in Schulen im Rhein-Main-Gebiet gehen, um mit Jugendlichen ins Gespräch zu kommen.

Wie sind Sie zu dem Thema gekommen?

BENJAMIN MARTINS: Ich habe zum ersten Mal von Jochen Klepper in einem Nebensatz des Pfarrers im Gottesdienst gehört. Obwohl ich mich mit der nationalsozialistischen Vergangenheit bereits beschäftigt habe, war mir nicht bewusst, wie viele jüdische Menschen und Angehörige sich das Leben genommen haben, 1942 sollen es allein in Berlin 20 bis 30 Familien täglich gewesen sein. Daraufhin habe ich Kleppers Tagebücher gelesen, die er über zehn Jahre geschrieben hat.

Sie haben seine Texte auch direkt für die Dialoge genutzt?

BENJAMIN MARTINS: Ja, mir war wichtig, so viel wie möglich seiner Worte in den Dialogen zu erhalten bzw. seine Art zu schreiben in die gesprochene Sprache zu übertragen. Da mir von seiner Frau und Tochter keine schriftlichen Überlieferungen zur Verfügung standen, habe ich seine Texte auch auf sie übertragen. Es ist etwas ganz Besonderes, die Menschen in einem historischen Film »wirklich« zu Wort kommen zu lassen.

Sie haben eine sehr künstlerische Herangehensweise gewählt, mit dem ungewöhnlichem Format, VFX, physischen Effekte und Marionetten. Warum?

BENJAMIN MARTINS: In unserem Alltag sehen wir nur das, was wir vor Augen haben. In meinen Filmen, die reale Geschichten erzählen, die unsere Gesellschaft spiegeln, will ich das zeigen, das man nicht mit den Augen sehen kann. Im Fall von Schattenstunde waren es die Gedanken und Gefühle von Jochen Klepper. Für sie suchte ich mir jeweils das passende Mittel, um sie zu bebildern. Bei der Wahl der Mittel wollte ich mich nicht begrenzen. Das quadratische Format habe ich gewählt, um die Enge, die immer weiter eingeschränkten Möglichkeiten der Familie zu symbolisieren. Symbole, wie das Quadrat, der Vogel oder die Figur des Schattens, der Jochen Kleppers inneren Konflikt darstellt, tauchen immer wieder auf. Auch in den Tagebüchern sieht man die zwei Gesichter von Jochen Klepper, den sehr gläubigen Menschen, der noch Hoffnung hat, und den anderen, der von Zweifeln und Ängsten beherrscht wird.

Wo haben Sie gedreht?

BENJAMIN MARTINS: Wir haben eine unterirdische, unbenutzte Turnhalle gemietet und dort das Set aufgebaut. Es war Wahnsinn, einen Ort zu finden, in dem keine Geräusche von außen eindringen können. Ein Studio konnten wir uns ja nicht leisten. So habe ich den Sommer 2019 zwei Stockwerke unter der Erde verbracht. Gedreht haben wir allerdings auch im wunderschönen Kurhaus in Wiesbaden. Das Büro von Adolf Eichmann haben wir im historischen Stadtarchiv von Speyer gefunden. Es musste auch quadratisch sein als Spiegel zur Wohnung der Kleppers.

Sie sollen nur elf Tage gedreht haben.

BENJAMIN MARTINS: Naja, unser erster Drehtag hat 20 Stunden gedauert und einmal haben wir 36 Stunden durchgedreht mit ein paar Essenspausen... Das hat nur funktioniert, weil das ganze Team und das Ensemble hinter dem Projekt stand, jeder überzeugt war, dass diese Geschichte erzählt werden muss. Es war ein echtes Gemeinschaftsprojekt, bei dem auch allen von Anfang an klar war, dass wir kaum Geld haben würden. Team und Ensemble bestand größtenteils aus Bekannten. Mit Jochen Kaiser und Beate Krist, die Herr und Frau Klepper spielen, stand ich zum Beispiel schon gemeinsam auf der Bühne. Wir hatten auch sehr erfahrene Leute in der Crew wie unserer Oberbeleuchter Jörg Heinzmann oder Meike Deutscher, die für VFX zuständig war.

Wie lange dauerte die Fertigstellung? Wurde sie von der Pandemie verzögert?

BENJAMIN MARTINS: Der Film war ziemlich genau zu Beginn der Pandemie fertig. Wenn ich ein Projekt starte, dann ziehe ich es durch - zur Not ohne zu schlafen. Da wir frühzeitig wussten, dass wir unseren Film in München zeigen dürfen und die Pandemie eine Zwangspause bedeutete, haben wir die Zeit genutzt, nach zu synchronisieren und dem Film den letzten Schliff gegeben.

Beim Filmfest München feiert "Schattenstunde" Premiere und ist gleich in mehreren Kategorien für den Förderpreis Neues Deutsches Kino nominiert.

BENJAMIN MARTINS: Es ist schön und spannend, gleich in vier Kategorien nominiert zu sein und zusammen mit Filmen in einer Reihe laufen zu dürfen, in denen zum Beispiel eine Corinna Harfouch die Hauptrolle spielt. Ich bin dankbar, dass Christoph Gröner uns eingeladen hat. Besonders freue ich mich auf die Reaktionen des Publikums bei der Uraufführung und die Gespräche danach.

Haben Sie alle auf Rückstellung gearbeitet?

BENJAMIN MARTINS: Ja, eigentlich schon, bestenfalls gab es einen symbolischen Betrag. Ich selbst habe alles Geld, das ich hatte, in den Film investiert. Unter solchen Bedingungen will ich aber keinen Film mehr realisieren. Es geht einfach nicht, dass Mitwirkende nicht bezahlt werden. Ziel ist, dass mein nächster Film zusammen mit einer guten Produktion entsteht, ich selbst nicht als Produzent auftrete, mich aber über die Gelder, die mit Schattenstunde generiert werden, mit meiner Herbsthund Filme beteiligen kann. Dank der Aufmerksamkeit, die Schattenstunde durch die Auszeichnung mit dem First Steps Award und der Premiere beim Filmfest München bekommt, sollte das auch funktionieren.

Worum geht es in ihrem neuen Film?

BENJAMIN MARTINS: Das Drehbuch ist fast fertig, es ist ein zeitgenössischer Stoff um Menschen, denen Ungerechtigkeit in unserer Gesellschaft widerfährt und wie sie damit umgehen. Ich liebe den neuen Film jetzt schon und habe ihn genau vor Augen.

Werden Sie wieder mit dieser Vielfalt an Stilmitteln arbeiten oder mehr Richtung Mainstream gehen?

BENJAMIN MARTINS: Das ist meine Handschrift, wenn ich das selbst über mich sagen darf. Das Drehbuch ist voll von abstrusen, teilweise überzeichneten Momenten, um klar auf die Dinge hinzuweisen, die nicht richtig laufen in unserem Alltag. Der neue Film wird eher ein Rundumschlag werden im Gegensatz zu Schattenstunde, der sich auf ein Thema konzentriert. Als Filmemacher will ich mich weiter entwickeln, d.h. Möglichkeiten und Arbeitsbedingungen sollen sich verbessern, aber meiner Art, Filme zu machen, bleibe ich treu.

Das Interview führte Heike Angermaier