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Zum Auftakt des 38. Filmfest München: Endlich wieder zusammen

Heute startet das 38. Filmfest München. Exklusiv für Blickpunkt:Film haben sich Festivalleiterin Diana Iljine und der künstlerische Leiter Christoph Gröner in einem Gastbeitrag Gedanken gemacht zu Festivals, die sich in Coronazeiten als Labore von Ästhetik, Rezeption, Vermarktung betätigt haben.

01.07.2021 13:31 • von Thomas Schultze
Feiern wie vor Corona: Christoph Gröner und Diana Iljine haben ein tolles Filmfest München auf die Beine gestellt (Bild: Filmfest München)

Heute startet das . Exklusiv für Blickpunkt:Film haben sich Festivalleiterin Diana Iljine und der künstlerische Leiter Christoph Gröner in einem Gastbeitrag Gedanken gemacht zu Festivals, die sich in Coronazeiten als Labore von Ästhetik, Rezeption, Vermarktung betätigt haben.

Am 23. April 2021. Die Bundesnotbremse greift, und Kultur scheint verunmöglicht. Tief durchatmen, einmal mehr. Sechs Wochen später ist die Welt eine ganz andere, Kultur öffnet, der Hunger der Menschen nach Draußen ist greifbar, und Live-Festivals tragen die Verantwortung, sicher UND so spannend wie möglich stattzufinden. Corona ist weiterhin nicht vorbei, aber Kultur möglich. Mit Abstand und mit Begegnung. Am 1. Juli öffnen die Kinos endlich bundesweit. Und wir starten. Geht mehr Punktlandung? Uff.

Wir leben in spannenden Zeiten, und wir haben zig Festivalumplanungen, ­Größen- und Ortsanpassungen und ständigen, intensiven politischen Austausch hinter uns. Kurzlebige Zeiten sind das, und wir mussten ein extrem flexibles Konzept dafür aufsetzen. Seit März wissen wir, dass wir einen Kern aus Open-Air-Veranstaltungen bilden müssen, und erst seit drei Wochen konnten wir weitere Planungsstufen zünden. ­Kinos konnten wir nun zum Glück mitnehmen und Teile des Programms spiegeln und diese Kulturorte direkt mit ­Ticketeinnahmen unterstützen. Und zuletzt konnten wir "digitales Festival" so umsetzen, wie wir es meinen: Als parallele Premiere "Filmfest München in deinem Kino" mit digitalen Elementen wird Generation beziehungsunfähig in ganz Deutschland zu sehen sein, dank der ­Power von Warner, dank der Unterstützung des FFF Bayern.

Alles an unseren Planungen ist darauf ausgelegt, ein starkes Zeichen für Kultur und für das Kino und gemeinsames Publikumserleben zu setzen. Mit "Kaiserschmarrndrama" zur Eröffnung feiern wir Local Heroes und eine tolle Komödie - der Ursprung des bayerischen Bonds fand schließlich auf dem Filmfest München 2013 statt. Wir feiern damit die gespannte Erwartung darauf, wieder ins Kino zu ­gehen - und wir feiern so groß wie nie. An sechs Orten, drei Mal im Kino, drei Mal im Open Air. Das Publikum ist eingeladen, die Tickets in kürzester Zeit natürlich weg. Kino ist Sehnsuchtsort, das wollen wir verkörpern. Mit allen Spielarten des Kinos. Natürlich ist damit auch gemeint, dass in diesem Jahr im Open Air wirklich Cinephilie gelebt wird, ob in Berlin oder nun bei uns: Die besten Filme für ein breites Publikum haben wir versammelt, insgesamt 70. Die Anstrengungen in diesen Zeiten sind für jedes Festival immens: Rückläufige Etats und andauernde Planungsunsicherheit gehen Hand in Hand (gerade finanzielle Aspekte werden Festivals künftig umtreiben, zumal in Zeiten, da Sponsoring sich endgültig vom Mäzenatentum gelöst hat). In unserem Fall oder dem der Berlinale ist dies mit hohen Entwicklungs- und Umsetzungskosten verbunden: Hygienekonzepte, Herstellung eigener Locations. Reizworte. Wir haben es mit unseren Mitteln dank wohlwollender Partner hingekriegt. Dezentral und live, in der ganzen Stadt, und sogar darüber hinaus. Das Kino am Olympiasee hat sich extra eine LED-Leinwand ­gekauft, der zurzeit wohl spannendste Industriebau der Stadt (das Sugar Mountain) ist als Location dabei, am Pop-Up-Sommerkino sind wir die Eröffnung eines ganzen ­Filmfestivalsommers und die etablierteste Open-Air-Atmosphäre finden die ­Zuschauer im Kino, Mond & Sterne. Und unsere großen Kinopartner sind dabei. Wir sagen einmal mehr: Kino ist ­sicher, und wir hoffen selbst beim Schreiben, dass die Politik schon längst wieder weitere schachbrettartige Gedanken hat, die unseren wichtigsten Partnern eine wirtschaftliche Perspektive geben und das Kino noch weiter öffnen.

Mit einem rundüberholten Kinderfilmfest unter neuer Leitung wollen wir Familien tagsüber Programm bieten. Die Schulen sind noch nicht so weit - und deshalb gehen wir zu ihnen. Tobias Krell produziert einen Kinderworkshop, ­Anfang Juli können Klassen in ganz Bayern damit arbeiten. In aller Krise war das vergangene Jahr eines der Kreativität - für uns (mit unseren Filmfest-München-Pop-Ups und einem digitalen Filmschoolfest Munich), aber auch für die gesamte Festivalszene. Wir wollen in unserem Branchenprogramm neben der Möglichkeit zu One-on-One-Meetings in unserer Beergarden Convention für Akkreditierte auch über die Gegenwart und Zukunft der Branche reflektieren und haben deshalb neben Begegnungen mit Filmemachern auch spannende Branchendiskussionen aufgesetzt, etwa mit einer Nachwuchsstudie des Produzentenverbands e.V. oder einem Panel der AG Filmfestival mit dem Titel "Das Kino nach Corona". Denn auch wenn wir vom Live-Erlebnis, von der ­Unbedingtheit des Austauschs, dem Miteinander-Erleben nicht abweichen wollen - auch im digitalen Festivalbereich gab es jede Menge frische Ideen. Digitale Kanäle mit Inhalten zu bespielen, gehört spätestens jetzt zu einer weiteren Facette, die auch wir für uns erkunden wollen, etwa mit dem kurzweiligen Instagram-Live-Talk-Format "UND DU SO?".

Und darum geht's: wieder zusammen zu finden, Ideen auszutauschen, wieder neugierig aufeinander zu sein - und die Kinozukunft anzugehen.