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Doris Zander: "Es geht um die richtige Mischung"

Auf dem am morgigen 1. Juli beginnenden Filmfest München ist Doris Zander mit ihrer Fortsetzung des Mega-Erfolgs "Endlich Witwer" (Premiere am 6. Juli) vertreten. Mit Blickpunkt:Film sprach sie aber auch über ihren aktuellen Dreh des ZDF-Zweiteilers "Rausch des Lebens" (AT) in Italien, über das Gender-Thema und Ihre Zukunft bei der Bavaria.

30.06.2021 15:46 • von Frank Heine
Doris Zander arbeitet seit 2013 als freie Produzentin von Berlin aus unter dem Dach der Bavaria Fiction (Bild: Massimo Fabris)

Auf dem am morgigen 1. Juli beginnenden Filmfest München ist Doris Zander mit ihrer Fortsetzung des Mega-Erfolgs Endlich Witwer" (Premiere am 6. Juli) vertreten. Mit Blickpunkt:Film sprach sie aber auch über ihren aktueller Dreh des ZDF-Zweiteilers "Rausch des Lebens" (AT) in Italien, über das Gender-Thema und Ihre Zukunft bei der Bavaria.

Sie drehen aktuell in Italien. Wie ist die Situation vor Ort? Spüren Sie schon die Entspannung der Corona-Situation oder ist der Mehraufwand nach wie vor enorm?

DORIS ZANDER: Wir müssen den gleichen Mehraufwand betreiben wie bei Produktionen in Deutschland, das Hygienekonzept ist das gleiche und bei den Corona-Maßnahmen am Set gibt es keine Unterschiede. Die Anspannung besteht nach wie vor, auch wenn viele Schauspieler*innen bereits geimpft sind. Die Entspannung spürt man außerhalb des Sets in den Cafés. Für mich ist es natürlich jedes Mal eine Erleichterung, wenn ich die Information erhalte, dass wieder alle negativ getestet sind.

Die Lockerungen wirken sich also noch nicht auf das allgemeine Produktionsgeschehen aus. Haben Sie in der Corona-Zeit bislang negative Erfahrungen gemacht?

DORIS ZANDER: Unser Hygienekonzept hat sich in den vergangenen Monaten sehr bewährt. Seit September letzten Jahres habe ich bereits drei Filme gedreht und die Produktion verlief in allen Fällen völlig reibungslos, weil wir uns an alle Vorkehrungen zu 100 Prozent gehalten haben. Natürlich ist der damit verbundene Aufwand enorm, aber auch schon Teil einer Routine. Es hat sich jedem erschlossen, dass wir mit Maske am Set die Schauspieler schützen. Allerdings kommt jetzt im Sommer die Hitze dazu, das macht das Tragen der Maske deutlich anstrengender. Grundsätzlich habe ich auch das Gefühl, dass sich unsere italienischen Kollegen durch unser Konzept geschützt fühlen. Und in ihrem alltäglichen Leben sind die Italiener ohnehin strikter als wir in Deutschland. Sie tragen die Masken auch im Freien, und zwar alle.

War Italien bzw. Venetien als Schauplatz für Ihre Produktion alternativlos oder gab es corona-bedingt auch andere Überlegungen?

DORIS ZANDER: Tatsächlich hatten wir anfangs auch Südtirol als Schauplatz in Erwägung gezogen. Die Entscheidung für Venetien fiel aber auch aufgrund eines neu aufgelegten Fonds und der malerischen Schauplätze, die zu einem weiteren Protagonisten geworden sind. Gedreht haben wir überwiegend in der Kleinstadt Bassano. Hätte sich die Corona-Situation in Italien drastisch verschlechtert, hätten wir unseren Drehort nochmals überdenken müssen.

Die Protagonisten des Films sind aber Deutsche?

DORIS ZANDER: Ja. Wir erzählen die Geschichte einer deutschen Familie, die dort seit mehreren Generationen eine Grappa-Destillerie betreibt. Mit den drei "Grandes Dames" - Leslie Malton, Désirée Nosbusch und Suzanne von Borsody - haben wir die erste Liga an Schauspielerinnen für "Rausch des Lebens" gewinnen können.

Sowohl Regisseurin Sabine Derflinger als auch Autor Sathyan Ramesh sind für Sie neue Mitstreiter. Wie kam es zu dieser Konstellation?

DORIS ZANDER: Die Verbindung zu Sathyan besteht schon länger. Mit ihm habe ich einiges in der Pipeline. "Rausch des Lebens" ist nun aber das erste Projekt, das umgesetzt wird. Ich ging mit einer Idee, die noch etwas anders gestrickt war, auf ihn zu. Von ihm kam dann der Vorschlag mit dem Setting in einer Grappa-Produktionsstätte, so hat er quasi den Grundstein für den "Rausch des Lebens" gelegt. Er hat "Rausch des Lebens" wie einen Roman geschrieben, und es kann gut sein, dass er aus seinem Drehbuch auch noch einen Roman macht. Wir haben sehr lange, insbesondere auch mit ZDF-Redakteurin Katharina Görtz, an dem Stoff gearbeitet, bis wir die richtige Mischung aus Drama und Humor hatten. Als großem Fan der Vorstadtweiber" ist mir Sabine Derflinger als Regisseurin aufgefallen. Beim ersten Treffen mit der Redakteurin und mir hatte sie eine klare Vision zu dem Werk, so dass wir beschlossen haben, "Rausch des Lebens" gemeinsam zu machen. Sie hat Humor und ihr ist nichts Menschliches fremd.

Das Format Zweiteiler war von Anfang an klar?

DORIS ZANDER: Ich habe sogar mal über einen Dreiteiler nachgedacht, aber heutzutage die Leute für dreimal 90 Minuten vor den Fernseher zu bekommen, ist vielleicht zu viel des Guten. Ich habe aber auch gemerkt, wenn man sozusagen den "Juice" aus der Geschichte, aus den Figuren holt, ist ein Zweiteiler genau das richtige Format. Inzwischen denke ich aber, dass man es auch als Serie hätte erzählen können. Ich habe schon wieder Ideen für den nächsten Zweiteiler im Kopf. Wir sind mitten in der Diskussion.

Bringen Sie einem Außenstehenden "Rausch des Lebens" doch mal in zwei, drei Sätzen nahe.

DORIS ZANDER: Wir weichen vom gängigen Muster "ein Mann zwischen zwei Frauen" oder umgekehrt ab. Bei uns sind es drei Frauen um die 60, die eng mit einem Mann zu tun haben - seine Zwillingsschwester, seine jetzige Frau, mit der er zwei Kinder hat, und seine Exfrau, mit der er keine Kinder hat, die mit ihm aber noch geschäftlich verbunden und jetzt mit seinem besten Freund verheiratet ist. Der von Sven-Eric Bechtolf gespielte Mann ist ein charmanter Grandseigneur, der jeder Frau das Gefühl gibt, etwas Besonderes zu sein. Diese Konstellation birgt natürlich allerhand Potential. Besonders spannend finde ich, dass wir hier Frauenfiguren erzählen, die obwohl sie einer Generation entstammen, die andere Werte vermittelt bekommen hat, noch einmal neu durchstarten. Die jungen Protagonisten müssen sich wiederum mit ihren Eltern massiv auseinandersetzen. Es gibt genügend Sprengstoff.

Wie ist der weitere Fahrplan für den Film?

DORIS ZANDER: Wir drehen noch bis 7. Juli, haben noch zwei große Produktionsumzüge in Richtung Vittorio und Venedig vor uns. Die Ausstrahlung könnte im Frühjahr 2022 erfolgen, wenn wir damit nicht noch auf Festivals eingeladen werden. Das muss man abwarten.

Apropos Festival: Auf dem Filmfest-München sind Sie mit dem Sequel Endlich Witwer - Forever Young" vertreten. Wie groß ist die Herausforderung, an einen solch enormen Erfolg, wie es "Endlich Witwer" war, anzuknüpfen?

DORIS ZANDER: Mit Martin Rauhaus als Autor, Pia Strietmann als Regisseurin und Florian Emmerich als Kameramann konnte ich bei "Endlich Witwer" mit der Crème de la Crème zusammenarbeiten. Und dass den Film knapp 7,5 Mio. Zuschauer*innen auf dem von Krimis dominierten ZDF-Montagssendeplatz gesehen haben, war eine großartige Bestätigung. Uns war aber klar, dass eine Fortsetzung eine Herausforderung wird, da wir Weiser ein ganz neues Abenteuer erleben lassen wollten. "Uns" heißt hier Redakteur Pit Rampelt und vor allem natürlich Joachim Król, der die Figur des Weisers sehr liebt und sie in den Genen hat. Er spielt diesen "grumpy old man" sehr reduziert, ohne theatralische Gesten. Drehbuch, Regie, Kamera sind jetzt mit Anca Miruna Lazarescu und Jan-Marcello Kahl neu besetzt, Martina Eisenreich blieb als Komponistin an Bord. Wir lassen Weiser nun mit dem Wohnmobil in seine Vergangenheit zu seinen Freunden von früher reisen. Mit dieser Konfrontation ist uns, glaube ich, wieder ein köstliches Werk gelungen. Er tritt eine neue innere Reise an, aber wer den ersten Film kennt, wird auch das eine oder andere daraus wieder erkennen.

Dann waren Autoren- und Regie-Wechsel eine bewusst getroffene Entscheidung? Das ist schon außergewöhnlich bei so einem Erfolg.

DORIS ZANDER: Terminliche Gründe waren hier ausschlaggebend. Aber ich habe vor, aus der Not eine Tugend zu machen und beim dritten Teil - wenn wir einen machen dürfen -, wieder alles neu anzugehen. Wobei, wenn Pia Strietmann ihn machen wollte, würde ich nicht nein sagen.

Auffällig war die zeitliche Nähe der gewaltigen Erfolge von "Endlich Witwer" und "Mein Feund, das Ekel" mit Dieter Hallervorden. Kann man von einer Renaissance des "grumpy old man" sprechen?

DORIS ZANDER: Das glaube ich nicht. Die zeitliche Nähe dieser beiden Filme war Zufall und sie sind auch inhaltlich sehr unterschiedlich. Den "grumpy old man" gibt es auch im deutschen Fernsehen schon lange, und wird es noch lange geben. Mir fällt sofort meine ZDF-Produktion Ein starker Abgang" von 2008 mit Bruno Ganz und Monica Bleibtreu ein. Ich sehe in diesen Figuren auch eine Würdigung unserer größten Schauspieler.

Sabine Derflinger, Anca Miruna Lazarescu, Petra K. Wagner, Pia Strietmann - Sie haben zuletzt vorwiegend mit Regisseurinnen zusammen gearbeitet. Ist auch das Zufall oder bewusstes Handeln für mehr Gendergerechtigkeit?

DORIS ZANDER: Mein Eindruck ist schon, dass früher, wenn man Regievorschläge machte, die Auswahl noch kleiner war, weil die Frauen viel weniger gefördert wurden. Hier hat sich in der Branche viel getan. Was sicher stimmt ist, dass ich inzwischen noch stärker darauf achte, wen es in der jungen Generation alles gibt. Das finde ich spannend. Bei "Rausch des Lebens" ging es mir aber in erster Linie darum, für die Regie jemanden mit Lebensweisheit zu finden - und da war Sabine die genau richtige Person. Bei einem Film aus der Degeto-Reihe "Die Drei von der Müllabfuhr" habe ich auch einmal alle Head of Departments mit Frauen besetzt; das war ein großes Vergnügen, aber letztendlich geht es um die richtige Mischung in einem Team. Ein entscheidender Punkt ist natürlich, dass unabhängig vom Geschlecht alle gleich bezahlt werden.

Bei Bavaria Fiction ist zurzeit personell einiges los. Wie steht es um Ihre Zukunft, liegt die weiterhin bei der Bavaria?

DORIS ZANDER: Ich arbeite jetzt schon seit acht Jahren mit der Bavaria Fiction zusammen und bin freundschaftlich Jan Kaiser, Sascha Ommert und Sandra Vogelbacher verbunden. Marcus Ammon kenne ich auch schon sehr lange, seine Verpflichtung empfinde ich als richtigen Coup. Bei der Bavaria bewegt sich einiges, sie ist längst aus dem Dornröschenschlaf erwacht. Bei der Bavaria ist Vieles möglich und ich kann unter ihrem Berliner Dach wunderbar arbeiten. Warum also sollte ich aus diesem schönen Zuhause ausziehen?

Was sind Ihre nächsten Pläne?

DORIS ZANDER: Ich drehe dieses Jahr noch zwei weitere Folgen von "Die Drei von der Müllabfuhr". Dann freue ich mich sehr auf ein feines Fernsehspiel mit Iris Berben, dabei handelt es sich um die Verfilmung eines Bestseller-Romans. Für 2022 stehen Verlängerungen meiner Reihenformate an. Außerdem plane ich eine internationale Serie, für die ich mit Partnern aus Vancouver im Gespräch bin.

Das Interview führte Frank Heine