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REVIEW KINO/STREAMING: "Black Widow"

Am 8. Juli ist es endlich soweit: Mit "Black Widow" startet wieder ein Marvel-Film. Lesen Sie hier unsere Besprechung.

29.06.2021 18:00 • von Barbara Schuster
"Black Widow" (Bild: Walt Disney)

Ziemlich am Anfang von Black Widow" sieht Natasha Romanov fern, einen James-Bond-Film, Moonraker". Was bemerkenswert ist. Weil das Marvel Cinematic Universe damit ganz eng heranrückt an die wahre Welt, in der wir leben, mit unseren Sorgen, Wünschen und James-Bond-Filmen. Weil der Ausschnitt auch ein früher Wink mit dem Scheunentor ist, ein Osterei von sozusagen intergalaktischen Ausmaßen, aber auch ein Moment des wissenden Augenzwinkerns: "Moonraker", der seinerzeit vierte Einsatz von Roger Moore als 007 von 1979, gilt als einer der überkandidelteren Einträge ins Bond-Serienbuch, ein liebevoll aufgeblähter, satter und gänzlich implausibler Ausflug des Superagenten ins Weltall. Wie, und das räumt Marvel-Studios-Chefarchitekt Kevin Feige hier via Regisseurin Cate Shortland ein, die Filme aus dem MCU das ja auch irgendwie sind, in denen die Rettung des Planeten Minimalanforderung ist und am Ende einer verschlungenen Handlung stets ein halbstündiger Showdown steht, in dem eine Millionenmetropole den Erdboden gleichgemacht werden muss. Selbstironisch darf im MCU also nicht nur Robert Downey Jr aka Tony Stark aka Iron Man sein. Das steht "Black Widow" gut, dem längst überfälligen Standalone-Film mit der einzigen weiblichen Figur aus der ersten Reihe der Avengers, die - und das ist mehr als zwei Jahre nach dem Kinostart von Avengers: Endgame" nun wirklich kein Spoiler mehr - im Kampf gegen Thanos ihr Leben lassen musste. Dass die von Scarlett Johansson stets mit vollem körperlichen Einsatz gespielte Figur nun dennoch der Star ihres eigenen Films werden konnte, ist keiner inhaltlichen Verrenkung geschuldet, keinem Abtauchen in irgendein Multiverse oder anderes Wurmloch. Es ist einfach ein zeitlich in die Nähe von The First Avenger: Civil War" gerücktes One-Off-Abenteuer, das nun, mehr als ein Jahr nach dem ursprünglich angestrebten Starttermin, zwar nicht mehr die erste Begegnung mit einem der Avengers nach Abschluss der dritten Phase des MCU mit "Endgame" ist, weil zwischenzeitlich auf Disney+ gleich drei Marvel-Serien (WandaVision", The Falcon and the Winter Soldier" und aktuell Loki") eingeschoben wurden. Aber es hat doch gleich eine andere Qualität, wenn man eintauchen darf in die Schauwerte, die man sich im Jahr 13 nach Iron Man" von Filmen aus der Marvel-Erfolgsschmiede erwartet. Um eine Familienangelegenheit geht es hier, um eine Prämisse, die bei The Americans", Red Sparrow" und "Wer ist Hanna?" entlehnt scheint, aber doch mit dem Selbstbewusstsein und patentierten Mix aus Action, Humor und Emotion daherkommt, dass "Black Widow" immer nur sich selbst (und dem Universum der Avengers) verpflichtet ist. American Pie" spielt im Radio, Inbegriff popmusikalischer Amerikaseligkeit, als der in die USA eingeschleuste Supersoldat Alexei Shostakoff mit seiner Fake-Gattin Melina und den beiden Fake-Töchtern Natasha und Yelena Hals über Kopf seinen Posten verlassen und wieder nach Russland zurückkehren muss, zu seinem allmächtigen Auftraggeber und Drahtzieher Dreykov, der auch der Mann hinter dem Widow-Programm ist - elternlose Mädchen, die zu Killermaschinen ausgebildet werden. Die in alle Winde zerstreute Familie muss wieder aktiviert werden, um Übervater Dreykov, gespielt von Ray Winstone, in seiner versteckten Festung schließlich die Stirn bieten zu können. Das ist nicht einfach und genau deshalb so unterhaltsam. Die einstigen Schwestern sind einander spinnefeind und Florence Pugh als Yelena ihrer Mitstreiterin Scarlett Johansson jederzeit ebenbürtig; David Harbour hat Spaß als aus dem Leim gegangene russische Antwort auf Captain America, den man in einer der aufregendsten Sequenzen erst einmal aus einem Gulag befreien muss, und Rachel Weisz dominiert ohnehin jede Szene als vermeintliche Schweinehirtin mit undurchsichtiger Agenda. Dass die Action immer passt, ist der eingespielten Second Unit zu verdanken. Dass in die Unterhaltung ganz intrinsisch ernste Themen verwoben werden können, Kindheitstraumata und Fragen nach Determinismus und freiem Willen, liegt in der Hand der Australierin Cate Shortland, dank Filmen wie Somersault" oder Lore" eher dem engagierten unabhängigen Kino zuzuordnen: Wie sie dieses Schlachtschiff steuert und man doch immer auf die Zwischentöne und leisen Momente achtet, ist aller Ehren wert. Es hat sich gelohnt, auf "Black Widow" zu warten.

Thomas Schultze