Kino

Rainer Knebel: "An der digitalen Kino-Zukunft arbeiten"

Rainer Knebel spricht als Geschäftsführer der Pantaflix Technologies über das verstärkte Engagement, Streaming-Angebote für andere Unternehmen einzurichten. Ein neuer Partner ist dabei das Abaton-Kino aus Hamburg.

25.06.2021 09:22 • von Michael Müller
Rainer Knebel ist CTO der Pantaflix AG und Geschäftsführer der Tochtergesellschaft Pantaflix Technologies (Bild: Pantaflix)

Rainer Knebel spricht als Geschäftsführer der Pantaflix Technologies über das verstärkte Engagement, Streaming-Angebote für andere Unternehmen einzurichten. Ein neuer Partner ist dabei das Abaton-Kino aus Hamburg.

Wenn man die Aktivitäten der Pantaflix Technologies in den vergangenen Monaten aufmerksam verfolgt, ist das digitale Streaming-Angebot für andere Unternehmen wie die Süddeutsche Zeitung oder Weltbild zu einem wichtigen Standbein geworden. Sehen Sie das auch so?

RAINER KNEBEL: Es war immer ein wichtiger Teil der Strategie, eine große Reichweite mit starken Medienpartnern aufzubauen und unseren Kunden vom Content über die Technologie, Operations und Support alle Services zur Verfügung zu stellen. Zahlreiche Unternehmen aus verschiedenen Branchen, ob beispielsweise Publisher, Retailer oder auch Kinos, müssen ihr Geschäftsmodell verbreitern und digitalisieren. Hierzu brauchen sie eine zuverlässige Technologie-Plattform und Premium-Bewegtbildinhalte. Die Kundennachfrage ist sehr stark an Video und Film orientiert. Zwischenzeitlich war das etwas aus dem Fokus gerückt. Aber das System ist von Anfang an so konzipiert gewesen, dass es sowohl Content- als auch Konsumentenseite beim B-to-B und B-to-C-Bereich vereint.

Und wie ist es dabei um die eigene Streaming-Plattform Pantaflix bestellt?

RAINER KNEBEL: Das ist ein ganz wichtiges Outlet für uns und unseren Content. Wenn wir aber unsere Technologie und unseren Content auch im Rahmen unseres B2B2C-Ansatzes ebenso weiteren Distributionspartnern wie dem Buchhandelsunternehmen Weltbild, der Süddeutschen Zeitung mit der SZ Cinemathek oder Kinos zur Verfügung stellen können, ist uns das genauso lieb, denn es erhöht die Reichweite für unsere Lizenzgeber. Insgesamt hat sich die Dynamik in der Konstellation aller Parteien verändert. Die Süddeutsche Zeitung zum Beispiel ist für die Lizenzgeber ein wichtiges Vehikel. Mit der Reichweite, die die Zeitung mit der SZ Cinemathek hat, wird Pantaflix als Streamingplattform nochmal interessanter für die Lizenzgeber. Für die SZ-Cinemathek wählt die Redaktion der SZ die ihrer Meinung nach passenden Filme für ihr Publikum aus und bringt sie dank Pantaflix-Technologie auf den heimischen Bildschirm der Nutzer*innen. Da wollen viele Lizenzgeber mit dabei sein.

Aber auf dem Streaming-Markt mit der eigenen Plattform bei der wachsenden nationalen wie internationalen Konkurrenz einen Unique Selling Point zu haben, bleibt eine Herausforderung, oder?

RAINER KNEBEL: Für gewisse Kundengruppen nicht so sehr, für andere Kundengruppen aber absolut. Wenn man wie wir auf der eigenen Plattform zumindest keinen exklusiven Content hat, wird es natürlich herausfordernder. Da stehen wir im harten Wettbewerb um die Konsumenten. Hier haben wir wie beschrieben frühzeitig reagiert und suchen nach passenden Partnerschaften, die diese Reichweite bereits mitbringen.

Ein neuer Partner von Ihnen ist das traditionsreiche Abaton-Kino in Hamburg, für das sie ein integriertes Streaming-Angebot auf dessen Webseite umsetzen. Glauben Sie denn, dass die Kinos in der Zukunft nur mit einer Form von Hybridmodell überleben können?

RAINER KNEBEL: Ich bin mehr als 20 Jahre im Geschäft und habe viele Digitalisierungsschritte der Film-Industrie mitbekommen. Ob das der Schritt von analoger Filmproduktion auf digitale Produktion, die Digitalisierung der Postproduktion oder nun die Digitalisierung des Kinos selbst war - beispielsweise mit der 3D-Technologie. Der nächste Schritt der Kinos ist unausweichlich, weil er dem Nutzerverhalten Rechnung trägt. Ich glaube aber auch, dass das Kino immer Kino im Sinne einer Präsenzveranstaltung bleiben muss. Es hat aber Vorteile für das Kino, wenn es seinen Kund*innen vor und auch nach dem Besuch weitere Services anbieten kann. Die Services eines Kinos sind neben den physischen Eigenschaften des Gebäudes und der Leinwand auch die Kuration, Redaktion und Kommunikation des Angebots für die Kunden. Durch das Modell, wie wir es jetzt gemeinsam mit dem Abaton in Form eines Embed-Players anbieten, geht das nahtlos. Deswegen machen wir noch lange kein Kino zu einer reinen Streaming-Plattform. Das wäre auch absolut das Falsche. Wir versuchen, innerhalb des digitalen Auftritts des Abaton noch mehr Services für Kunden zu bieten. Für das Kino ist es ein minimaler organisatorischer Aufwand, dies mit unserer Technik umzusetzen. Also, ja, das Kino wird überleben, aber es wird sich auch an die Bedürfnisse der Zuschauer*innen anpassen müssen. Gleichzeitig muss das Kino ebenso auf die Bedürfnisse der Verleiher reagieren. Ein Kino, das sich mit einem eingebetteten digitalen Kanal und Leinwand breit aufstellt, bietet einen unschlagbaren Mehrwert - für Zuschauer*innen und Verleiher.

Wie meinen Sie das genau?

RAINER KNEBEL: Momentan beträgt die Dauer des Zeitfensters für Kino-Auswertungen sechs Monate. Studios und Verleiher versuchen allerdings diese Spanne zu verkürzen. Deutschland ist in dieser Hinsicht noch etwas Besonderes. Aber im internationalen Bereich werden die Verwertungsfenster im Kino schrumpfen. Kinos wie das Abaton, die zusätzlich zum Kinosaal über eine digitale Leinwand verfügen, können dem Verleiher auch noch eine exklusive Ausstrahlung der Produktion nach der Kinoauswertung anbieten. Denkbar ist es, dass die Kinoauswertung nicht mehr sechs Monate andauert, sondern vier bis fünf Wochen und danach exklusiv für weitere Wochen auf der virtuellen Leinwand des Kinos fortgesetzt wird. Premium-VoD (PVoD) ist dann ein wichtiger Umsatz-Baustein für ein Kino und trägt den Forderungen der Verleiher Rechnung, dass die Filme auch digital stattfinden können.

Mit was für einem Streaming-Angebot startet das Abaton?

RAINER KNEBEL: Im Moment greift das Abaton auf unsere Filmlizenzen zurück. Es gibt mit den Rechteinhabern ein Einverständnis, dass die Inhalte auch über die Seite des Abaton als Stream ausgespielt werden können. Das ist also eine Pantaflix-Komplettlösung: Content, Abspielen, Bezahlung, die Auswertung für die Lizenzgeber oder die GEMA. Im PVoD-Bereich wird das dann sicherlich anders sein. Da werden die Verleiher die Content-Deals vermutlich direkt mit den Kinos machen, so wie sie schon heute bei den Filmen vorgehen, die im Kino auf der physischen Leinwand gezeigt werden. Dann ist es sinnvoll, vielleicht sogar überlebenswichtig, das als Kino selbst zu machen. Der Lizenzgeber lädt hierzu die Filme auf Pantaflix Pro hoch. In diesem Fall wären wir in der Rolle des technischen Dienstleisters und erhalten eine Umsatzbeteiligung. Den Großteil der Einnahmen teilen sich Kino und Lizenzgeber.

Zum Start des Abaton-Angebots wird das Publikum dann also auf der Webseite ältere Filme zum Streamen finden, die thematisch zu den Neustarts passen?

RAINER KNEBEL: So ist das mit dem Abaton und Geschäftsführer Felix Grassmann angedacht, aber die inhaltliche Hoheit hat natürlich er selbst. Wir tauschen uns im Moment auch mit bekannten Verleihern aus. Sie wollen ihre Filme natürlich in den Kinos zeigen, aber eben auch über eine PVoD-Lösung zusätzlich exklusiv monetarisieren, bevor sie dann Monate später ins Home Entertainment gehen. Das Schöne für die Kinos und die Verleiher ist, dass es ein On-Demand-Service ist, den wir aus einer Hand betreiben können. Es gibt keine Eintrittshürde, weder finanziell noch technologisch. Sie sehen, wir arbeiten verstärkt an der realen Umsetzung der digitalen Kino-Zukunft.

Das Interview führte Michael Müller