Produktion

Ulrich Limmer / Gilbert Möhler: "Möglichst gute Filme machen"

Joseph Vilsmaiers traditionsreiche Produktionsfirma Perathon Film füllt sich nach seinem Tod mit neuem Leben. Mit Ulrich Limmer und Gilbert Möhler geben zwei der fünf dafür verantwortlichen, jetzigen Gesellschafter Auskunft über die Fülle an neuen Produktionsvorhaben.

25.06.2021 07:48 • von Jochen Müller
Ulrich Limmer (li.) und Gilbert Möhler, Gesellschafter der neuen Perathon Film (Bild: Perathon Film / Kurt Krieger)

Joseph Vilsmaiers traditionsreiche Produktionsfirma Perathon Film füllt sich nach seinem Tod mit neuem Leben. Mit Ulrich Limmer und Gilbert Möhler geben zwei der fünf dafür verantwortlichen, jetzigen Gesellschafter Auskunft über die Fülle an neuen Produktionsvorhaben.

Wie ist die Perathon Film heute aufgestellt?

Ulrich Limmer: Ralf Zimmermann, Gilbert Möhler und ich sind Gesellschafter und Geschäftsführer, Birgit Rothörl von Schubert International und Josef Brandmaier sind Mitgesellschafter. Die jetzige Perathon Film war die ursprüngliche Firma von Joseph Vilsmaier, mit der er seine Filme produziert hat, und hieß früher Perathon Film und Fernseh GmbH. Ralf Zimmermann hat lange vor Josephs Tod die Firma übernommen. Ich kam 2019 noch zu Josephs Lebzeiten dazu, genauso wie Gilbert Möhler. Daneben hatte Joseph noch die Perathon Medien für Projekte in der Entwicklung. Als Josef sich entschlossen hatte, Der Boandlkramer und die ewige Liebe" doch noch selbst zu produzieren, hat er das mit der Perathon Medien gemacht, die jetzt im Besitz seiner Töchter ist.

Die Perathon Medien verfügte auch über den kompletten Filmkatalog...

Ulrich Limmer: ... den Joseph ein Jahr vor seinem Tod an die Bavaria Media verkauft hat. Wir haben die Film und Fernseh GmbH dann aus verschiedenen Gründen übernommen, auch aus Verbundenheit mit dem Joseph, mit dem wir alle über die Jahre eng zusammen gearbeitet haben.

Was waren Ihre Gründe, in die Firma einzusteigen?

Ulrich Limmer: Nach dem Ende meiner Produktionsfirma Collina Film habe ich angefangen, wieder vermehrt zu schreiben. Ralf Zimmermann und ich haben viele Filme zusammen gemacht. Er schlug mir vor, in die Perathon zu kommen, und ich habe mich aus Verbundenheit zu Ralf und Joseph schnell dazu entschlossen. Josef Brandmaier und Birgit Rothörl waren von Anfang an mit dabei. Dann ergab sich der glückliche Umstand, dass Gilbert Möhler wieder nach München zurückkam, und alles ging sehr flott.

Gilbert Möhler: Ich war zehn Jahre bei der Bavaria als Gesamtherstellungsleiter für die Event- und Kinoproduktionen tätig, zwei Jahre als Geschäftsführer der Bavaria Pictures, zusammen mit Ulf Israel. Danach war ich knapp zwei Jahre bei Netflix in Amsterdam als Director Physical Production zuständig für die europäischen lokalen Serien. Als ich Ende 2019 dort wegging, war meine Intention, wieder produzentisch zu arbeiten, aber nicht mehr in eine große Struktur zurückzugehen. Da war das Angebot perfekt, mit Kollegen zu arbeiten, die ich gut kenne und schätze. Es war sehr schnell klar, dass das genau das ist, was ich machen möchte.

Schwebt jetzt der Geist von Josef Vilsmaier und seine Sicht auf die Welt des Films über Ihren Plänen?

Ulrich Limmer: Sein Satz "Filmzeit ist Lebenszeit" ist für Menschen wie uns ein entscheidender Satz. Man will mit Leuten zu tun haben, mit denen man sich gerne trifft. Der Satz war Josephs Credo und schwebt jetzt über uns: Arbeite mit Leuten, die du magst! Da ist es keine lästige Pflicht, sich - mittlerweile ja hauptsächlich per Video - zu treffen, sondern eine Freude, über Projekte zu reden und sich auszutauschen. Das hat uns Joseph mitgegeben, und natürlich auch die Liebe zur Qualität von Filmen. Er gehörte zu denen, die bis zuletzt um alles gekämpft haben. Unsere Vision ist nicht, möglichst viele Minuten abzudrehen, sondern möglichst gute Filme machen.

Was haben Sie sich konkret bei der Perathon Film vorgenommen?

Ulrich Limmer: Wir haben ein Projekt, das kommt tatsächlich noch aus der Zeit von Joseph Vilsmaier und heißt "Schattenbraut". Das ist eine bayerische Geschichte, die Josef eigentlich hätte inszenieren sollen und die für ihn eine Rückkehr zu Herbstmilch" gewesen wäre, mit einem Drehbuch von Angelika Schwarzhuber. Ralf Zimmermann hat das Projekt Tandoori zu dritt" mitgebracht. Es wurde von Ralf Huettner zusammen mit Axel Bauer geschrieben und spielt in Indien, eine sehr schöne Geschichte mit Uwe Ochsenknecht und Heiner Lauterbach in den Hauptrollen. Man muss sehen, wann wir das in der heutigen Zeit machen können. Aus alter Verbundenheit mit Paul Maar haben wir seine Erinnerungen an seine Kindheit, "Wie alles kam", gekauft, und ich sitze gerade mit ihm wie schon bei "Das Sams", Herr Bello" und "Lippels Traum" am Drehbuch. Dann sind da noch die Briefe in die chinesische Vergangenheit" nach einem Roman von Herbert Rosendorfer. Hier arbeite ich mit Christian Limmer am Drehbuch, und es liegt eine sehr schöne Fassung vor. Und dann haben wir ein neues Buch über das Leben von Leni Riefenstahl von Nina Gladitz, die kürzlich gestorben ist, gekauft.

Ein weiterer Versuch, ein Projekt über die Riefenstahl zu machen?

Ulrich Limmer: Daraus wollen wir eine Serie machen, weil die Person Riefenstahl so komplex ist, dass sie tatsächlich auch eine Serie trägt. Nina Gladitz hat viele neue Dokumente vorgelegt, die klar belegen, was die Riefenstahl für eine war. Ich habe mit der Kollegin Pauline Roenneberg eine sehr ausführliche Serienbibel verfasst. Abgesehen von den historischen Hintergründen ist Leni" auch deswegen eine hochinteressante und hochbrisante Geschichte , weil es um das zeitlose Phänomen der Lüge geht. Fake news, wie man heute sagen würde. Zusätzlich beschäftigen uns zwei Koproduktionen. Die eine heißt 540 Grad", und erzählt die Geschichte einer jungen Turnerin im Leistungssport der DDR in den 80er Jahren, die wir zusammen mit Lars Büchel realisieren, die andere, "Die späte Montagsgruppe", soll unter der Regie von Justus von Dohnanyi entstehen, Drehbuchautor ist Sebastian Stern.

Wie haben Sie die Arbeit aufgeteilt? Arbeitet jeder an jedem Projekt, oder verfolgt jedes Projekt jeweils einer von Ihnen?

Ulrich Limmer: Das entscheiden wir je nach Lage. Das Tolle ist, dass wir ja keine Newcomer sind. Wir haben alle einen gewissen Track Record, so dass man die anstehenden Aufgaben gut aufteilen kann. Natürlich gibt es Projekte, die stärker mit einer Person verbunden sind, die sie auch weiter führen wird.

Gilbert Möhler: Das Schöne ist tatsächlich, dass wir uns gut ergänzen und uns je nach Auslastung auch entsprechend aufteilen können. Uli ist stärker im Kreativen und im Schreibprozess involviert, während Ralf und ich uns eher um alle Produktionsbelange kümmern. Darum habe ich mich primär auch schon bei Die Rettung der uns bekannten Welt", unserer Koproduktion mit Til Schweiger und Barefoot Films, gekümmert, die Warner nach aktuellem Stand am 11. November ins Kino bringt. Hoffen wir sehr, dass das auch klappt.

Ihre Produktion Weißbier im Blut" läuft schon als einer der ersten Neustarts nach der Pandemie in den Kinos, soweit diese schon offen sind...

Ulrich Limmer: Die Ironie der Geschichte will es, dass wir damit auf Platz eins der Kinocharts standen, allerdings bei wenigen neu gestarteten Filmen. Das ist schon sehr lustig, weil der Film sehr bayerisch und eher ein Spartenfilm ist, und die Tobis ihn sinnvoll herausbringen konnte, weil die Kinos in Bayern zuerst wieder aufmachen durften. Wir waren übrigens die Ersten, die bei "Weißbier im Blut" den Dreh eines Films letztes Jahr abbrechen mussten, wir waren die Ersten, die weitergedreht haben, und wir sind die Ersten, die jetzt ins Kino kamen. Wir kümmern uns sehr um ihn und machen eine Kinotour. Uns liegt das Kino sehr, sehr, sehr am Herzen, und wir freuen uns, in der Tobis einen Partner zu haben, der das genauso sieht.

Gibt es bei der Menge an Projekten auch einen Apparat, der diese Projekte verfolgt? Oder sind Sie der Apparat, Herr Möhler?

Gilbert Möhler: Wir sitzen natürlich jetzt alle viel im Home Office. Unser Büro neben der Bavaria ist aber nicht ganz verwaist, wir haben dort schon Unterstützung. Und natürlich gibt es dann die entsprechenden Produktionsteams. Je nachdem wann wir mit welchem Projekt in die Produktion gehen, werden wir uns das entsprechende Personal dazu holen.

Wie ist die Situation einer unabhängigen Firma nach der Pandemie? Gibt es genügend Partner, mit denen oder für die Sie Ihre Projekte umsetzen können?

Ulrich Limmer: Es gibt aus den verschiedensten Bereichen unserer einzelnen Historien gewachsene Partnerschaften. Bei "Weißbier im Blut" arbeiten wir hervorragend mit der Tobis zusammen und hoffen sehr, dass wir das auch fortsetzen können. Gilbert hat eine Vergangenheit mit Netflix, die sicherlich bei einer direkteren Kommunikation helfen kann. Ich habe in der Vergangenheit gut mit Constantin, Studiocanal und Universum zusammen gearbeitet. Josef Brandmaier hat über seine Erfahrung mit Finanzierungen einen guten Zugang zu internationalen Coproduzenten, auch wenn das jetzt Dinge betrifft, die leider noch nicht spruchreif sind. Bei der Perathon kommen Leute zusammen, die eine lange Geschichte haben. Wie es jetzt nach der Pandemie sein wird, wissen wir alle nicht. Wir bauen den Laden gerade auf, mit tollen Rechten, wie ich finde. Über zwei können wir leider nicht reden, weil noch nicht alles unterschrieben ist. Aufgrund unserer Historie haben wir einen guten Zugang zu Autoren und Verlagen. Das ist sicherlich ein Wettbewerbsvorteil. Unser enger und gewachsener Kontakt zu Teams, Darstellern und Kreativen wird hier sehr hilfreich sein. Wir versuchen hier, unsere Historien und Erfahrungen zu bündeln.

Wie viele Projekte darf man von der neuen Perathon Film im Jahr erwarten?

Gilbert Möhler: Zwei Projekte wäre eine gute Zielmarke, und wir gehen davon aus, dass wir auf jeden Fall nächstes Jahr mit dem nächsten Projekt in Dreh gehen können. Noch ist nicht klar, wer das Rennen machen wird. "Schattenbraut" ist relativ weit, "Tandoori zu dritt" ist auch sehr auf den Punkt entwickelt, aber dazu müssen wir nach Indien reisen können und bei "Briefe in die chinesische Vergangenheit" beginnen wir das Packaging.

Inwieweit entwickeln Sie Projekte unabhängig davon, ob sich daraus ein Kinofilm, ein TV-Movie oder eine Serie für einen Streamer ergibt?

Gilbert Möhler: Wir sind überzeugt von der Qualität unserer Produkte, und die werden überwiegend in Richtung Kino entwickelt. Aber wir wissen auch, dass sich alles gerade verändert. Natürlich wissen wir nicht, wie sich das Kino weiter entwickeln wird, und ein, zwei unserer Projekte sehen wir klar auch für Streaming. Die Produktionsgegebenheiten selbst nähern sich immer mehr an. Wenn man heute einen Kinofilm macht, gibt es technisch keinen Unterschied mehr zu einem qualitativ hochwertigen Fernseh- oder Streamingprodukt. Inzwischen handelt es sich um die gleiche Technik, am Ende gibt es Unterschiede nur noch beim Ausliefermaterial, aber Aufwände und Teamstrukturen sind auf einem sehr ähnlichen Niveau. Wohin die Reise am Ende des Tages geht, lässt sich auch in der Entwicklungsphase noch steuern.

Ulrich Limmer: Ein Projekt wie "Leni" ist eindeutig als Serie geplant. Die Figur der Leni Riefenstahl ist für einen Kinofilm viel zu komplex. Daran mögen frühere Versuche gescheitert sein, darunter auch ein Projekt mit Jodie Foster. Die Leni ist eine Figur, die nicht viel Sympathie verdient, aber das ist in der heutigen Streamingwelt möglich. Man kann eine abgründige Figur erzählen, weil man sie in der Breite der Erzählung anders ausleuchten kann.

Haben sich durch die Streamer die Möglichkeiten auch für profilierte, mittelgroße Firmen, wie Sie eine aufbauen, erweitert?

Ulrich Limmer: Ich glaube schon, dass sich die Chancen vergrößert haben. Es sind neue Player am Markt, die glücklicherweise extrem auf die Qualität achten. Das kommt Leuten wie uns eher zu Gute. Bringt die Qualität des Projekts Abonnenten, das ist die große Frage. Und die Frage nach der Qualität ist sehr viel schöner als die Frage: Ist es billig? Und in aller Bescheidenheit glaube ich, dass es auch ein Kriterium sein wird, welche Qualität die Beteiligten bisher abgeliefert haben.

Gilbert Möhler: Bei der großen Nachfrage nach qualitativ hochwertigen Projekten muss man aber auch sehen, wohin bei den verschiedenen Streamingdiensten die Reise noch geht. Vielleicht werden sie sich irgendwann auf weniger Vorhaben konzentrieren. Momentan sind alle sehr aktiv und suchen auf dem Markt, und diese Nachfrage ist für uns ein Vorteil.

Herr Limmer, Sie haben zuletzt Drehbücher für andere Produktionsfirmen geschrieben. Hat die Perathon Film mit deren Umsetzung auch etwas zu tun? In diesen Zusammenhang übrigens: Gratulation zum Bayerischen Filmpreis für den "Boandlkramer".

Ulrich Limmer: Vielen Dank. Die Zusammenarbeit mit Michael Bully Herbig und Marcus H war eine wunderbare Erfahrung. Es war eine wunderbare Zeit. Zu Ihrer Frage: Ich habe einige Sachen außerhalb der Perathon gemacht, das Drehbuch zu Späte Liebe" nach dem Buch von Günter Franzen für Studiocanal und Pantaleon und Ein ganzes Leben" für epo Film und die Bavaria, nach dem gleichnamigen Bestseller von Robert Seethaler. Das waren wunderbare Angebote, deren Umsetzung große Freude bereitet hat. Das ganze Leben" wird von Hans Steinbichler verfilmt, und ist in Deutschland und in Österreich schon gefördert worden. Wenn mir wieder jemand so ein schönes Angebot macht, muss ich sehen, ob ich widerstehen oder die Perathon als Coproduzent integriert werden kann. Natürlich stehen die Projekte der Perathon an erster Stelle.

Wie schätzen Sie generell die Situation ein? Profitieren Sie von einem Produktionsboom in Deutschland oder droht nach der Pandemie eine Kinokrise?

Gilbert Möhler: Ich bin sehr zuversichtlich, dass wir in der aktuellen Marktlage jetzt schnell produzieren können und dann auch in einen Rhythmus kommen. Die Dinge werden sich positiv entwickeln. Momentan ist das größte Problem, die Leute zu bekommen. Wenn man heute mit den gut beschäftigten Namen redet, dann wird es sogar für 2022 schon eng. Viele sind schon ausgebucht. Wir müssen jetzt die richtige Balance finden, wie wir uns zeitlich positionieren, wann wir unser Fenster sehen und uns zutrauen, bis dahin entsprechend die Finanzierung zu schließen.

Ulrich Limmer: Wir sind alle in einem Alter, in dem wir schon einige Kinokrisen erlebt und überlebt haben. In unserer Generation haben wir gelernt, dass es nur den Blick nach vorne gibt: Das Kino wird weiter existieren. Es hat bisher alle Anfechtungen überstanden und wird auch diese überstehen. Natürlich werden die Diskussionen um die Auswertungsfenster und was damit zusammenhängt, verschärft geführt werden, aber ich glaube, dass gerade nach der Pandemie der Drang der Zuschauer, wieder auszugehen, ungebrochen sein wird. So wie jetzt alle Restaurants und Biergärten voll sind, weil die Leute sich so wahnsinnig freuen, wieder rausgehen zu können, wird das Gleiche im Kino passieren. Das ist meine Hoffnung und meine Überzeugung.

Das Gespräch führte Ulrich Höcherl

Prof. Ulrich Limmer ist seit 30 Jahren erfolgreicher und vielfach preisgekrönter Produzent und Drehbuchautor in Personalunion, Professor an der HFF München und gf. Gesellschafter der Perathon Film.

Gilbert Möhlerwar zehn Jahre Gesamtherstellungsleiter bei der Bavaria Film, GF Bavaria Pictures, zuletzt Director Physical Production bei Netflix in Amsterdam und ist jetzt gf. Gesellschafter der Perathon Film.